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Der Kaisersohn, der sich als Europäer präsentierte#

Otto Habsburg-Lothringen im Alter von 98 Jahren gestorben#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 5. Juli 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Georg Friesenbichler


Otto Habsburg im Jahr 1972 vor dem Porträt seiner Urgroßtante Elisabeth von Österreich
Otto Habsburg im Jahr 1972 vor dem Porträt seiner Urgroßtante Elisabeth von Österreich, in der "Villa Austria" im bayrischen Pöcking, wo Otto nun starb.
Foto: © epa

Wien. Seine letzte Ruhestätte wird die Kapuziner-Gruft in der Wiener Innenstadt sein. Das wäre in den 1960er-Jahren noch unvorstellbar gewesen - denn da war Otto Habsburg, dem ältesten Sohn des letzten Kaisers von Österreich, den Habsburger-Gesetzen von 1919 entsprechend noch die Einreise nach Österreich verboten. Erst unter der ÖVP-Alleinregierung 1966 bekam er aus Wien einen auch für Österreich gültigen Reisepass, sein erstes Betreten österreichischen Bodens am 31. November 1966 löste Proteste und den Streik von 250.000 Arbeitnehmern aus.

Was SPÖ, FPÖ und KPÖ so lange zu dem Widerstand gegen Habsburg ermunterte, war nicht nur die Erinnerung an den "Völkerkerker" der Monarchie und ihr blutiges Ende im Ersten Weltkrieg, sondern vor allem auch mögliche Restitutionsforderungen des Monarchensprosses. Denn Otto Habsburg hatte zwar 1961 eine Verzichtserklärung unterschrieben, in der er allen Herrschaftsansprüchen entsagte und sich als "getreuer Staatsbürger der Republik" bekannte. In einer Begleitnote behielt er sich aber die "jedem österreichischen Staatsbürger zustehenden Rechte und Pflichten" vor - dies wurde von seinen Gegnern als Wille zu politischer Tätigkeit interpretiert - sowie "Ansprüche wegen der durch das NS-Gesetz erfolgten Vermögensentziehung". Daher wurde die Verzichtserklärung zunächst einmal von den SPÖ-Ministern nicht als ausreichend angesehen.

Erst unter der SPÖ-Alleinregierung trat Entspannung zwischen den Kontrahenten ein. Im Mai 1972 kam es gar zu einem "historischen Handschlag" zwischen Otto Habsburg-Lothringen und Bundeskanzler Bruno Kreisky. Anlass dafür war das 50-Jahr-Jubiläum der Paneuropa-Union, deren Vizepräsident Habsburg seit 1957 war. 1973 wurde er als Nachfolger des verstorbenen Gründers Richard Coudenhove-Kalergi Präsident der Bewegung, die sich seit 1922 für ein vereintes Europa unter christlichen Vorzeichen einsetzt.

Wegweisendes Picknick#

Dies war auch die Basis für die "europäische Gesinnung" Habsburgs, die in den Nachrufen gewürdigt wird. Von 1979 bis 1999 war Habsburg, der 1978 auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatte, als CSU-Vertreter Mitglied des Europaparlamentes. Als solches initiierte er das "Paneuropäische Picknick" am 19. August 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze mit, das 661 in Ungarn urlaubende DDR-Bürger zur Flucht in den Westen nützten. Dies war Auslöser einer Welle von Ereignissen, die letztlich zum Fall der Berliner Mauer führten.

Otto Habsburg in der Kapuzinergruft
Otto Habsburg 2003 in der frisch renovierten Kapuzinergruft, wo nun auch er und seine 2010 verstorbene Frau ihre letzte Ruhe finden werden.
Foto: © APA/Schlager

Viele der Aktivitäten Habsburgs hatten allerdings auch mit eigenen politischen Ambitionen zu tun. So forderte er am 17. Februar, kurz vor dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, den Ständestaat-Bundeskanzler Kurt Schuschnigg brieflich zur Bildung einer Allparteienregierung auf - und bot an, als Kanzler deren Führung zu übernehmen. Schuschnigg, der 1935 die Landesverweisung der Habsburger aufgehoben hatte, lehnte ab. Otto Habsburg rief in dem Schreiben Schuschnigg zur einer "Befriedung nach links" auf. Die Arbeiter hätten "bewiesen, dass sie Patrioten sind". Der Gesinnung des Austrofaschismus stand Habsburg dennoch nicht fern, wie ein Interview für eine französische Zeitung 1936 belegt: "Ich werde gezwungen sein, in meinem zukünftigen Staat die Sozialistische Partei zu verbieten, weil sie auf dem Boden des Klassenkampfes steht."

"Unternehmen Otto"#

Adolf Hitler nahm die Überlegungen der Austrofaschisten, Otto als Oberhaupt einer neu zu konstituierenden Monarchie wieder auf den Thron zu setzen, indessen durchaus ernst. Den Einmarschplänen nach Österreich wurde der Code-Name "Unternehmen Otto" verpasst und der Namensgeber kurz nach dem erfolgten Anschluss steckbrieflich wegen Hochverrats gesucht. Habsburgs Familie floh daher über Luxemburg, Frankreich und Portugal in die USA. Von dort aus versuchte Otto eine österreichische Exilregierung aufzubauen und suchte Kontakt zu Präsident Franklin D. Roosevelt. Die US-Außenpolitik maß dem Österreicher aber keine allzu große Bedeutung bei. Mehr Anklang fand er beim britischen Premier Winston Churchill, der sich eine Art Donauföderation als Gegengewicht zur Sowjetunion vorstellte. Die scheiterte aber an der Ablehnung durch Josef Stalin auf der Konferenz von Teheran Ende 1943.

Otto Habsburg Stammtafel
Otto Habsburg Stammtafel.
Foto: © APA

Nach dem Ende des Weltkrieges deklarierte Otto Habsburg rasch, auf welcher Seite des Kalten Krieges er zu Hause war, noch ehe dieser wirklich begonnen hatte. In einem Brief an den neuen US-Präsidenten Harry S. Truman, mit Habsburgerkrone im Briefkopf und unterschrieben mit "Otto of Austria" , warnte er schon am 2. Juli 1945 vor der Anerkennung der provisorischen Staatsregierung unter Leitung von Karl Renner, die er als "kommunistisch beherrschtes Regime" bezeichnete - eine heikle Angelegenheit in einer Zeit, als die Möglichkeit einer Zweiteilung Österreichs in einen West- und Ostteil noch nicht aus den Planungen verschwunden war. Aber auch mit diesem Vorstoß hatte Habsburg keinen Erfolg.

Hoch kontroversiell#

Der Antikommunismus beherrschte auch sein weiteres politisches Leben. Auf seine Initiative hin stand 1979 im Europäischen Parlament ein leerer Stuhl, um auf die Völker hinter dem Eisernen Vorhang aufmerksam zu machen. Und Richtung Osteuropa lenkte Habsburg auch viele seiner Initiativen, mit dem erwähnten Europa-Picknick als Höhepunkt. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks plädierte er für eine rasche EU-Erweiterung.

Sein erzkonservativer Standpunkt sorgte immer wieder für Kontroversen. So sprach selbst die Volkspartei von einem unpassenden Vergleich, als Vater Otto seinen Sohn Karl Habsburg, damals EU-Parlamentarier der ÖVP, mit einem Verweis auf die Judenverfolgung verteidigte. Gegen Karl waren im Zusammenhang mit Veruntreuungen bei World Vision Österreich Vorwürfe der Querfinanzierung aufgetaucht. Otto Habsburg wörtlich: "Karl wird angegriffen, weil er den gewissen gelben Stern trägt, den Namen Habsburg."

2002 ortete Otto Habsburg in einem Interview mit der rechtsnationalen Zeitschrift "Junge Freiheit" anlässlich des bevorstehenden Irak-Krieges eine Zweiteilung der US-Regierung, zwischen dem Pentagon, das "heute eine jüdische Institution" sei, und dem von "Schwarzen besetzten" Außenministerium. Die "Angelsachsen, also die weißen Amerikaner", spielten hingegen "kaum eine Rolle". In der Diskussion um eine europäische Verfassung beharrte er auf einem Gottesbezug.

Im März 2008 erregte er bei einem Gedenkakt der ÖVP zum Anschluss Aufsehen, als er die historisch überholte Rolle Österreichs als erstes Opfer Hitlers betonte. Und 2009 unterschrieb er eine Erklärung "Für Freiheit und Selbstbestimmung - gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände". Dabei waren die Proteste der Verbände gegen die Meinung, dass Homosexualität eine heilbare Krankheit sei, als Einschüchterungsversuche dargestellt worden.

Zu diesem Zeitpunkt war Otto Habsburg schon nicht mehr das Familienoberhaupt der Familie Habsburg-Lothringen. 2007 übernahm sein Sohn Karl diese Rolle. Kurz vor seinem Tod konnte er noch erleben, dass die für Habsburger gültige Einschränkung, nicht für Bundespräsidentschaftswahlen kandidieren zu dürfen, durch den Nationalrat beseitigt

Wiener Zeitung, Dienstag, 5. Juli 2011


Da die Kommunisten Habsburg seine gesamten ehemaligen tranleithanischen Besitzungen wegnahmen, war es naheliegender Weise schon aus praktischen Gründen Antikommunist. Für den Ausfall während der kommunistischen Ära werden Adel und Kirche nun durch großzügige Brachezahlungen der EU entschädigt.

-- Glaubauf Karl, Donnerstag, 14. Juli 2011, 17:47