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Der letzte Kaiser ist tot#

Karlheinz Böhm ist im Alter von 86 Jahren gestorben.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 31. Mai/1. Juni 2014)

Von

Matthias Greuling


2 x Karlheinz Böhm:1956 und 2008
2 x Karlheinz Böhm: In "Kitty und die große Welt" (1956), gedreht zwischen den "Sissi"-Filmen, und bei der Verleihung des Hundertwasserpreises 2008.
© Friedrich-Interfoto / Michael Lucan – CC

Ganze Generationen sind mit diesem Mann aufgewachsen. Niemand, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, konnte sich ihm entziehen, egal, ob gewollt oder nicht: Karlheinz Böhm war eine dieser Ikonen aus der Kindheit, die man nicht mehr vergisst: Sein Kaiser Franz Joseph in den drei "Sissi"-Filmen hallt jedes Jahr aufs Neue durch das vorweihnachtliche Fernsehprogramm, sodass man meinen könnte, der "Franzl" regiere Österreich noch immer.

Es ist diese Rolle, die Karlheinz Böhm niemals wirklich loswerden konnte, und da ging es ihm genau wie seiner Filmpartnerin Romy Schneider. Doch im Unterschied zu Böhm machte diese eine zweite Filmkarriere in Frankreich, bei der etliche erstklassige, mitunter sogar kinematografisch richtungsweisende Filme entstanden. Böhms Filme hingegen blieben lange Zeit eher bedeutungslos. In den Köpfen der Menschen blieb er der letzte Kaiser.

Humanitäre Karriere#

Irgendwann begann Böhm, diesen Ruhm allerdings geschickt für sein Herzensprojekt einzusetzen, ihn sozusagen umzulenken: Den Schauspielerberuf gab er vollständig auf, um sich nur mehr seiner Stiftung "Menschen für Menschen" zu widmen. Bei einem Kuraufenthalt in Kenia Mitte der 70er Jahre wurden ihm die schrecklichen Missstände in Afrika bewusst, und mit einer Wette in einer "Wetten, dass..?"-Sendung im Mai 1981 begann seine Hilfstätigkeit: Dort wettete Böhm, dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer eine Mark für die Hungernden in Afrika spenden würde. Er gewann die Wette, dennoch kamen 1,2 Millionen D-Mark zusammen. Mit dem Geld reiste Böhm im Oktober 1981 erstmals nach Äthiopien und gründete "Menschen für Menschen".

Das Leben des Schauspielers und Wohltäters begann mit guten Voraussetzungen: Böhm, geboren am 16. März 1928 in Darmstadt, war das einzige Kind der Sopranistin Thea Linhard und des Dirigenten Karl Böhm. Er wuchs in Darmstadt, Hamburg und Dresden auf, nach dem Krieg zog Böhm 1948 mit den Eltern nach Graz, in die Heimatstadt des Vaters, wo er auch maturierte. Das musische Talent der Eltern hatte er nicht, was seinen Berufswunsch Pianist vereitelte. "Für den Sohn vom Böhm ist es ein bisschen dürftig", hieß es nach einem Vorspielen.

Ein Studium der Anglistik und Germanistik brach er ab, um bei Werner Krauss Schauspielunterricht zu nehmen. Engagements an der Burg und im Theater an der Josefstadt folgten.

Ein großer dramatischer Darsteller ist Karlheinz Böhm nie geworden, aber er verkörperte den smarten, gut aussehenden jungen Mann, der im Unterschied zu den wilden Rabauken der 50er Jahre noch Manieren an den Tag legen konnte und den Damen auch die Tür aufhielt. Ein Schwiegersohn par excellence! Und so wurde er gerne für harmlose Kinostücke besetzt, die Titel hatten wie "Das haut einen Seemann doch nicht um", "Man müsste nochmal zwanzig sein", "Das Dreimäderlhaus" (alle 1958) oder "Kitty und die große Welt" (1956). Böhm selbst bezeichnete diese Filme als "leichte Kost".

Die "Sissi"-Filme krönten seine junge Karriere mit einem ungeahnten Popularitätsschub: Mitte der 50er Jahre gierte das von Krieg und Wiederaufbau komatös-desillusionierte Publikum nach zuckerlbunter Glückseligkeit auf der Leinwand, und Kaiser Karlheinz gab ihm, zusammen mit Kaiserin Romy, das Gefühl, Teil einer guten alten Zeit zu sein (die es freilich nur im Drehbuch von Ernst Marischka gab, niemals aber in Wirklichkeit). Die "Sissi"-Filme sind nicht nur dramaturgische Meisterwerke, sondern auch von einer ungemeinen Strahlkraft, für die man eher das Wort Verblendung benutzen müsste.

1960 brach Böhm aus dem Heile-Welt-Trott aus, als er in "Peeping Tom" ("Augen der Angst") einen Serienkiller spielte - was bei Publikum und Kritik durchfiel, ja sogar für einen Skandal sorgte. Erst Jahrzehnte später fand der Film die verdiente Anerkennung.

In den 60er Jahren drehte Böhm fünf eher mäßig erfolgreiche Filme in den USA, wo er einen Vertrag bei MGM erhielt. Nach seiner enttäuschten Rückkehr kam es zu den vielleicht interessantesten Arbeiten seiner Karriere: Das wunderbare Fernsehspiel "Traumnovelle" von Wolfgang Glück nach Arthur Schnitzler, später von Stanley Kubrick als "Eyes Wide Shut" verfilmt, war mit Böhm und Erika Pluhar besetzt und erstaunte mit dem Umstand, dass der ORF damals viel Nacktheit und Freizügigkeit gestattete - dagegen nimmt sich heutiges Programm durchwegs züchtig aus.

In der Folge drehte Böhm 1974 und 1975 insgesamt vier Filme mit Rainer Werner Fassbinder: Vor allem in dem Psychothriller "Martha" glänzte er, aber auch "Faustrecht der Freiheit", "Fontane Effi Briest" und "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel" hinterließen Eindruck. Allein: Zu diesem Zeitpunkt hatte Böhm die Lust an seinem Beruf längst verloren. Es war nicht zuletzt Fassbinder mit seinem grundsätzlich gesellschaftskritischen Blick auf die Welt, der in Böhm den Entschluss reifen ließ, sein Leben den Menschen in Not zu widmen, anstatt von Filmparty zu Filmparty zu tingeln.

Skulptur am "Karl Square"#

Seine humanitäre Arbeit brachte Böhm viele Auszeichnungen, darunter 2002 das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. 2003 wurde er zum Ehrenbürger Äthiopiens ernannt. "Abo" Karl, Vater Karl, nannten ihn die Äthiopier. Am "Karl Square" in Addis Abeba zeigt ihn eine Skulptur, die Böhm mit offenen Armen darstellt.

2011 hat Böhm seiner vierten Ehefrau Almaz, eine 36 Jahre jüngere Agrarexpertin, die er 1991 heiratete, den Vorsitz bei "Menschen für Menschen" übertragen und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. 2013 geriet seine NGO in die Schlagzeilen, als man ihr vorwarf, mit Spendengeldern verschwenderisch umzugehen. Das Image von Böhms Lebenswerk ist seither angeschlagen.

Karlheinz Böhm, der unter Alzheimer litt, ist am Donnerstag in seinem Haus in der Nähe von Salzburg gestorben. Der letzte Kaiser ist tot. Seine allweihnachtliche Auferstehung ist allerdings gewiss.

Wiener Zeitung, Sa./So., 31. Mai/1. Juni 2014