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Der Herr der Casinos ist tot#

Leo Wallner verband Glücksspiel und Sport in einer Person. Dabei blieb der Manager nicht ohne Kratzer.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 29./30. Juli 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Jan Michael Marchart


Leo Wallner, einst Chef der Casinos Austria, war als begnadeter Netzwerker bekannt.© apa/Hochmuth
Leo Wallner, einst Chef der Casinos Austria, war als begnadeter Netzwerker bekannt.
© apa/Hochmuth

Wien. Der ehemalige Chef der Casinos Austria, Leo Wallner, ist am Mittwoch im Alter von 79 Jahren in Wien gestorben. Wallner stand von 1968 bis 2007 an der Spitze des Glücksspielkonzerns. Noch vor wenigen Tagen verkaufte er seine letzten Casinos-Anteile, während der Erzrivale Novomatic bei den Casinos einsteigt. Bekanntheit erlangte Wallner auch durch seine Arbeit im Sport als Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) und als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Einst wollte der am 4. November 1935 geborene Wallner gerne Priester werden. Letztlich sollte es ihn aber in die Gefilde von Politik und Wirtschaft ziehen. Nach dem Studium an der Wiener Hochschule für Welthandel, das er 1961 mit dem Doktorat abschloss, werkte Wallner am Institut für angewandte Sozial- und Wirtschaftsforschung. Von 1964 bis 1967 beriet er den damaligen Kanzler Josef Klaus (ÖVP) in Wirtschaftsfragen. Klaus gab Wallner später die Casinos in dessen noch 31 Jahre jungen Hände, mit der Intention, dass Wallner diesen auf seriöse Beine stellt. Heute sind die Casinos einer der größten Steuerzahler des Landes.

Die angekratzte Eminenz#

Im Februar 1968 wurde Wallner schließlich Generaldirektor der Casinos Austria, im März 1977 Verwaltungsratspräsident der Casinos Austria International. Neun Jahre später, 1986, saß er dann auch auf dem Chefsessel der Österreichischen Lotterien. Unter seiner Führung etablierte sich etwa Lotto "6 aus 45". Mäßig aber verlief die internationale Expansion der Casinos. Griechenland, Argentinien, Palästina und Australien erreichten nie die erhofften Gewinne und wurden geschlossen beziehungsweise verkauft.

Erst nach knapp vier Jahrzehnten zog sich Wallner als Herr der Casinos zurück und übergab 2007 mit seiner Pensionierung die Geschicke an seinen Wunschkandidaten Karl Stoss. Der rund 21 Jahre jüngere Vorarlberger und Hobbybergsteiger folgte Wallner kurz davor auch an die Spitze der Lotterien sowie im 2009 als Chef des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC). Wallner hatte dort seit 1990 die Präsidentschaft inne. Von dort hatte er sich nach dem Bekanntwerden fragwürdiger Geldflüsse im Zusammenhang mit der Bewerbung Salzburgs für die Olympischen Winterspiele 2006 vorzeitig zurückgezogen. Das Verfahren der Staatsanwaltschaft wurde eingestellt. Wallner bleibt der längst dienende ÖOC-Präsident. 1998 war er auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), aus dem er 2014 altersbedingt ausschied. Im Dezember des Vorjahres wurde zum IOC-Ehrenmitglied gewählt und mit dem Olympischen Orden ausgezeichnet. Nicht zuletzt wurden Casinos und Lotterien unter Wallner in den vier Jahrzehnten zudem große Sport-Sponsoren. Nicht ganz nachvollziehbar blieb in einer ÖOC-Ära der Besuch des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, der von Kritikern als "letzter Diktator Europas" bezeichnet wird. Wallner schloss damals nicht aus, dass die Casinos möglicherweise in Weißrussland Fuß fassen könnten. Abgewickelt wurde der etwa 200.000-Euro-Trip über das ÖOC. Bezahlt hat "ein Geschäftsmann, der große Geschäfte gemacht hat im Osten", sagte Wallner einst zum "Kurier".

Erzrivale als größter Aktionär#

Die letzte Ungereimtheit Wallners war die Verstrickung in einen Fall von illegaler Parteienfinanzierung gegen den einstigen BZÖ-Obmann Peter Westenthaler. 2006 gab es eine Zahlung von 300.000 Euro der Lotterien an das Bündnis.

Westenthaler konnte nichts nachgewiesen werden und wurde freigesprochen. Von der Untreue Wallners sei aber auszugehen, hielt der Senatsvorsitzende fest. Aber Wallner war zum damaligen Zeitpunkt aufgrund seiner Krankheit nicht mehr vernehmungsfähig. Seine Verantwortung werde nicht mehr zu klären sein, erklärte der Vorsitzende im Frühjahr dieses Jahres. Wallner verteidigte stets das Glücksspielmonopol der Casinos. Zuletzt als es Finanzminister Karl-Heinz Grasser auf Anstoß des Erzrivalen Novomatic und der Telekom Austria bereits 2006 brechen wollte. Die Gesellschaft aon.Wettdienstleistungs GmbH hätte eine zweite Lizenz für elektronische Lotterien erhalten sollen. Grassers Kabinettschef Matthias Winkler soll bereits in den Startlöchern für den Chefposten der Gesellschaft gestanden haben, was dieser aber dementiert hatte. Auf Nachdruck Wallners machten die Regierungsparteien ÖVP und BZÖ einen Rückzieher. Mittlerweile ist das Monopol gefallen. Weitere Anbieter blieben wegen Rechtsstreitigkeiten bisher aus.

Dieser Tage strebt der Erzfeind die Übernahme des größten Aktienteils der Casinos an. Nach dem Kauf der 28,2 Prozent der Bablik-Stiftung und Leipnik-Lundenburger und der 11,4 Prozent der Uniqua-Versicherung, hält die Novomatic 39,6 Prozent. Der Glücksspielkonzern hat damit die Republik Österreich, die über die Beteiligungsholding Öbib 33,24 Prozent hält, übertrumpft. Der Erwerb der Anteile muss noch gesellschaftsrechtlich und kartellrechtlich genehmigt werden.

Wallner verkaufte Mini-Anteil#

Wallner selbst hat vor wenigen Tagen noch seinen Mini-Anteil an den Casinos (0,41 Prozent) dem Investor Peter Goldscheider angeboten, der, gemeinsam mit zwei tschechischen Milliardären, auch auf die Übernahme der Casinos gespitzt hatte.

Wallner hatte neben seiner Tätigkeit weitere Aufsichtsratsfunktionen inne. Etwa für die Wiener Volksoper, den Tiergarten Schönbrunn, die Bawag sowie bis 2011 bei den Casinos und den Lotterien. Wallner wurde mehrfach ausgezeichnet: 1992 erhielt er das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik und war seit 2006 Ehrensenator der Wirtschaftsuniversität Wien.

In seiner Freizeit widmete sich der als energisch bekannte Wallner gerne dem Lesen, dem Theater und dem Sport. Ins Casino ging er privat nicht. Wallner war 21 Jahre lang mit der Kammersängerin Elisabeth Wallner-Kales liiert, die 2005 an Krebs verstarb. Der Ehe entstammt ein Sohn. Insgesamt hinterlässt Wallner drei Kinder. Sein Nachfolger Stoss würdigte Wallner als "Visionär und Vorreiter" - "Ganz Österreich verliert mit Leo Wallner eine beeindruckende und prägende Persönlichkeit." IOC-Präsident Thomas Bach sagte: "Leo Wallner war ein wirklicher Gentleman und ein Sportliebhaber."

Wiener Zeitung, Sa./So., 29./30. Juli 2015