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Der Nobelpreisträger mit den Wiener Wurzeln#

Martin Karplus#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 13. Mai 2015)

Von

Martin Tauss


Martin Karplus
Martin Karplus (85) wird vielfach geehrt.
Foto: © APA/Neubauer

Dass es sich um eine späte, sehr späte Anerkennung handelt, ist allen Beteiligten bewusst. Für Bundespräsident Heinz Fischer ist das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst schlicht ein „Zeichen der Dankbarkeit“ für Martin Karplus, den Chemie-Nobelpreisträger mit den Wiener Wurzeln. Und für Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ist „das Kommen und die Annahme der Auszeichnung“ durch den Geehrten „keine Selbstverständlichkeit“. Am 8. Mai wurde dem 85-jährigen Chemiker in den Räumlichkeiten der Akademie die Auszeichnung verliehen: Es war zugleich der 70. Jahrestag für das Ende des Zweiten Weltkriegs, wie Heinz Fischer anlässlich des Festakts betonte. Als Sohn einer jüdischen Familie hatte Karplus 1938 mit seiner Mutter und seinem Bruder die Flucht vor den Nazis angetreten. Wenige Monate später konnte auch der Vater ausreisen; die Familie emigrierte in die USA. Dort studierte der Enkel berühmter Wiener Ärzte zunächst an der Harvard-Universität, an die er 1966 als Professor zurückkehrte. Seit rund 20 Jahren hat der frankophile Forscher auch eine Professur an der Université Louis Pasteur in Straßburg inne. Der Chemie-Nobelpreis wurde ihm mit seinen US-Kollegen Michael Levitt und Arieh Warshel für die Entwicklung von Computer-Modellen zugesprochen, mit denen chemische Prozesse vorhersagbar sind. Heute forscht der Reisebegeisterte auch über mögliche Anwendungen dieser Modelle für die Medizin. Dass die Würdigung von Seiten des offiziellen Österreich erst nach dem „Big Bang“ des Nobelpreises einzusetzen begann, hat Karplus zunächst kritisch kommentiert. Er habe das Gefühl, dass Österreich die Auszeichnung auszunutzen versuche, merkte er 2013 an. Auch heute sagt er: „Ich habe nie etwas von Österreich gehört, bevor ich Rockstar wurde.“ Dass es inzwischen eine Annäherung gab, ist nicht zu übersehen. „Es ist etwas spät, aber vielleicht ist es für die Versöhnung gut“, begründete Karplus nun die Annahme der Ehrung – die nicht singulär bleiben wird: Auch die Ehrenmitgliedschaft der Akademie der Wissenschaften, das Ehrendoktorat der Uni Wien und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien werden ihm dieser Tage verliehen. Und im Großen Festsaal der Uni Wien wird nun eine Ausstellung mit Bildern des leidenschaftlichen Fotografen eröffnet. Seine Geschichte ist letztlich exemplarisch für den schmerzlichen geistigen Aderlass von 1938 bis 1945 – ein Verlust, der heute noch nachwirkt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 13. Mai 2015