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Mundl-Schöpfer Ernst Hinterberger ist tot#

Einer, der sich treu blieb#


Von der Wiener Zeitung (14. Mai 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Ernst Hinterberger
Ernst Hinterberger (1931 - 2012)
© APA/SchneiderErnst

Der Autor von "Kaisermühlen-Blues" und "Ein echter Wiener geht nicht unter" starb im Alter von 80 Jahren. Kaum einem Autor verdankt der ORF so viele TV-Legenden wie Ernst Hinterberger.#

2008, als alles schon gesagt und alles geschrieben und abgedreht war und Ernst Hinterberger nach eigenem Bekunden eigentlich nichts mehr von der Welt wissen wollte, sagte er einem jungen Autor am Ende eines langen Interviews im "Datum" sein Credo für junge Drehbuch-Autoren. "Er soll nicht über irgendwas schreiben, sondern über das Milieu, das er kennt. Er soll keine Botschaften verkünden. Und: Man muss sich die Menschen anschauen."

Die Menschen anschauen, genau das hat der 1931 in Wien-Margareten geborene Schriftsetzer-Sohn getan. Und er hatte es nicht weit: In seinem Gemeindebau in Margareten, in dem er seit den fünfziger Jahren auf 44 Quadratmetern lebte, hatte er jene Figuren, denen er ein televisionäres Leben einhauchte und ihnen damit zugleich ein Denkmal setzte, vor der Haustür. Wegziehen kam für den Autor nicht in Frage, auch wenn er es sich längst hätte leisten können: "Ich bin in dem Grätzel aufgewachsen, das ist mein Zuhause. Döbling, Währing, Hietzing: Das ist Ausland. Wien ist für mich der fünfte Bezirk", offenbarte er einst dem "Falter".

Mit kaum einem Namen ist die österreichische Fernsehgeschichte so verbunden wie mit Ernst Hinterberger. Aus seinem Roman "Salz der Erde" entstand Mitte der siebziger Jahre unter der Regie von Reinhard Schwabenitzky der "Echte Wiener" Edmund Sackbauer. Zuerst vom ORF im späten Abend versteckt, wurde der "Mundl" ein voller Erfolg und durfte in den Hauptabend. Die Serie wurde zum Kult, ihre stehenden Phrasen wie "Mei Bier is net deppert!" gingen in den Sprachgebrauch ein.

Es war wohl das schillernde Dreigestirn zwischen Schwabenitzkys eigenwilliger Regie, dem genialen Spiel von Karl Merkatz und dem Autor, der den Menschen zusah, Ernst Hinterberger. 24 Folgen waren dem Wiener beschieden. Aber Hinterberger blieb trotz dieses Durchbruchs auf dem Boden, nicht nur geistig – auch tatsächlich. Bis in die neunziger Jahre blieb er seinem Beruf als Expediteur in einer Wiener Firma treu. Sein Wunsch, zur Polizei zu gehen und Kriminalbeamter zu werden, scheiterte als junger Mann an einer plötzlich auftretenden Sehschwäche.

Ein schwerer Schlag für den Arbeitersohn, der sich gezwungen sah, in einer Fabrik als Hilfsarbeiter zu arbeiten. Die schwere Arbeit war für Hinterberger auch publizistisch immer Thema, etwa mit seinen Kolumnen in einer Gewerkschaftszeitschrift.

Sein Hang zur Kriminologie sollte erst viel später dann, ab dem Jahr 2000, als er für den ORF zehn Folgen des "Trautmann" schrieb, wieder eine Rolle spielen. Der Kult-Kieberer entstand als Weiterentwicklung aus dem "Kaisermühlen Blues", in dem Hinterberger für den ORF zuvor höchst erfolgreich das Leben in Kaisermühlen nachspielen ließ: mit kleinbürgerlichen Ränkespielen, dem aufkommenden Ausländerhass und Rivalitäten. Ab 1992 liefen 65 Episoden über den Schirm, unter Anteilnahme der kabarettistischen Szene, die sich in der Sendung versammelte.

"Nichts mehr zu sagen"#

1999 beendete Hinterberger den Blues – weil es "nichts mehr zu sagen gibt", wie er damals meinte. Gleich im Anschluss widmete er sich dem Verfassen seiner Erinnerungen "Ein Abschied. Lebenserinnerungen", die 2002 erschienen. Wenig Monate zuvor war Hinterbergers erste Frau Gerti gestorben. 2004 fand er dann mit seiner zweiten Frau Karla verheiratet ein neues, privates Glück.

Weniger bekannt ist Hinterbergers Schaffen als Krimiautor. Mehr als 20 Bücher schrieb der Sozialdemokrat seit den sechziger Jahren. Das letzte davon – "Blutreigen" (Echomedia) – erschien 2011. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (1996) sowie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (2003) und 2010 den Axel-Corti-Preis für sein Lebenswerk.

Schon Mitte der fünfziger Jahre hatte Hinterberger seinen Weg in den Buddhismus gefunden, den er stets praktizierte. Buddhisten glauben, dass der Tod religiös gesehen immer auch ein Neubeginn ist. In diesem Glauben starb Hinterberger Montagfrüh im Alter von 80 Jahren in Lainz.

Wiener Zeitung, 14. Mai 2012