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Norbert Leser: Er war Austromarxist und guter Katholik#

Am letzten Tag des alten Jahres starb der Sozialphilosoph und liebende SPÖ-Kritiker Norbert Leser (1933–2014).#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Die Presse (Donnerstag, 1. Jänner 2015)

Von

Hans W. Scheidl


Mit seinen „Presse“-Gastkommentaren und den Bestsellern „Salz der Gesellschaft“, „Elegie auf Rot“ und zuletzt „Der Sturz des Adlers“ hat er die wenigen ideologisch interessierten Sozialdemokraten gehörig verstört. Am 31. Dezember 2014 ist Norbert Leser in Eisenstadt verstorben. Er wurde 81 Jahre alt.

Der unbequeme Vordenker litt zeitlebens am ideologischen Desinteresse der SP-Führungen, das – so behauptete er – seit der Ära Vranitzky stetig zunahm. Und er musste mit Bitterkeit registrieren, dass ihm die Pragmatiker in der Politik nie jene Rolle zubilligten, für die er sich geboren fühlte: als Parteihistoriker, als Gralshüter – und als aktiver Kulturpolitiker. Die Tagespolitik blieb ihm verwehrt. Es war sicher besser so.

In Hertha Firnberg bewunderte der Junggeselle seine berufliche Ersatzmutter. Sie richtete dem promovierten Juristen, Sozial- und Staatsphilosophen 1971 in Salzburg einen Lehrstuhl für Politikwissenschaften ein. Einer seiner Eleven hieß Anton Pelinka.

Ab 1978 lehrte Leser bis zu seiner Emeritierung 2001 an der Universität Wien. Danach leitete er ein Boltzmann-Institut für Gesellschaftsphilosophie.

In vielen Gesprächen erwies sich Leser als bester Kenner des fehlgeschlagenen austromarxistischen Experiments der Zwischenkriegszeit. Ohne Nostalgie: Die strategischen Schwächen der Parteispitze um Otto Bauer 1934–1938 sezierte er gründlich wie kein Zweiter.

Ebenso faszinierend war die tiefe, fast altmodische Gläubigkeit des Katholiken – all seinen Zweifeln zum Trotz. Auch hier bezeichnete er sich immer wieder als Grenzgänger. Mit Stolz trug er daher ein Ehrenband der kath. Landsmannschaft Maximiliana. „Weil man mir lieber dieses Band ins Grab nachwerfen soll als die drei Pfeile“, sagte er mir im Interview zum Achtziger. So sah er auch Staatsphilosophie und die Staatsrechtslehre als „verkappte theologische Probleme“ an.

Leser wohnte in Döbling, aber er legte wenig Wert auf seinen sozialen Status. Sein Zorn galt den „Nadelstreifsozialisten“ der Partei, von der er sich immer weiter entfernte. Und noch einen aktiven Politiker hat er zutiefst verachtet, weil dieser an der Großen Koalition eisern festhält: Heinz Fischer. Dass so einem die SPÖ keine Karriere geboten hat, darf wohl nicht verwundern.

Norbert Leser hat sie alle gekannt – die wirklich interessanten Österreicher, nicht das heutige Mittelmaß: August Maria Knoll, René Marcic, Otto Mauer, Alfred Missong, Ernst Karl Winter, Josef Luitpold Stern, die Journalisten Oscar und Marianne Pollak . . .

Wer aber glaubt, der Mann sei ein spröder Gelehrter gewesen, der irrt. Nicht nur seine Vorlesungen waren gewürzt mit feiner Ironie, seine besondere Liebe galt dem klassischen Wienerlied. Und zwar nicht passiv genossen, sondern selbst singend – davon zeugen Tonträger, aufgenommen beim Schmid Hansl.

Adieu, Du kluger, eitler, lieber Freund! Dem derzeitigen SPÖ-Establishment wirst Du nicht abgehen, aber den vielen historisch Interessierten in diesem Land fehlst Du jetzt schon bitter. (hws)

Die Presse, Donnerstag, 1. Jänner 2015