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Das Humorkaliber#

Otto Schenk wird 85. Annäherung an eine Wiener Bühneninstanz.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 21./22. März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Paterno


Otto Schenk
Otto Schenk steht bald wieder auf der Bühne, um "am eigenen Alter zu forschen."
© apa/Herbert Neubauer

Schenk by Schenk: "1. Ich weiß nicht, was ich will. 2. Was ich sage, ist meistens unrichtig. 3. Auf mich ist kein Verlass." Otto Schenk hat viele launige Bücher geschrieben. Treibt er darin Scherze? Ist es ihm Ernst, wenn er sich auf diese Weise in einem davon beschreibt? Und wer vermag das zu beurteilen? Klar scheint, dass es sich dabei um original Schenk handelt. Auf Schenk ist kein Verlass. Der Schauspieler und Regisseur setzt viel daran, seine vielfältigen Begabungen in der Öffentlichkeit herunterzuspielen - und sich die Aura eines liebenswerten Grantlers zu verpassen, dem keine menschliche Schwäche fremd ist. Wie Müdigkeit und Faulheit. Es gibt wenige Schauspieler, die den Zustand vollkommener Gelöstheit so gut zu verkörpern verstehen wie Otto Schenk. Die Anekdote ist verbürgt, wonach Schenk beim Anblick einer Häuserruine darum gebeten hat, man möge ihn sofort wegführen, weil er sonst an "Gesichtslähmung" sterbe.

Seit fast sieben Jahrzehnten arbeitet er mit Eifer und Disziplin: Als Schauspieler war Schenk auf sämtlichen großen deutschsprachigen Bühnen in mehr als 130 Rollen zu sehen; Hunderte Male spielte er Kassenschlager. Wie "Die Sternstunden des Josef Bieber" oder "Othello darf nicht platzen". Schenk schrieb Fernsehgeschichte mit "Der Untermieter" und "Familie Leitner". Als "Vorleser der Nation" füllt er Konzertsäle. Seine Regiearbeiten an Wiener Staatsoper und der New Yorker Met sind legendär. Schenk ist unermüdlich. Kommenden Donnerstag, den 26. März, feiert er in den Wiener Kammerspielen seine nächste Premiere: In Bob Larbeys unverwüstlicher Altenheimkomödie "Schon wieder Sonntag" wird er in der Regie von Helmuth Lohner und mit Bühnenpartner Harald Serafin zu sehen sein. Harald Serafin über seinen "Lebensmenschen" Otto Schenk: "Mit seiner Suggestivkraft und seinem Wissen, um diesen Beruf als Künstler zu bestehen, ist er ein Meister. Die Vielseitigkeit seines Talents kann man nur bewundern. Er war ein großer Personenführer über Domingo, Netrebko bis zu mir."

Ein Stück als Geschenk#

Das Trio kennt sich seit Jahren, vor allem mit Helmuth Lohner verbindet Schenk viel, unzählige Male standen die beiden zusammen auf der Bühne. Lohner sagt dazu: "Ich habe nie darüber nachgedacht. Es war ein Leben lang selbstverständlich. Ich glaube wir beide haben uns nicht die Frage gestellt: ‚Wieso verstehen wir uns so gut?‘. Es war eben so." Der Erfolg in den Kammerspielen scheint vorprogrammiert. Für Otto Schenk ist das Stück, so der Theatermann in einem Interview, ein "Geburtstagsgeschenk". Am 12. Juni wird der vielfach ausgezeichnete Kammerschauspieler 85. Otto Schenk ist so etwas wie ein Wahrzeichen der Wiener Theaterlandschaft. Ein Symbol. Eine urwienerische Figur. Nochmals, Schenk by Schenk: "Man verliert mit der Zeit jede Übersicht über das eigene Können und ist immer mehr allein, weil man die Kompetenz der Beurteiler bezweifelt. Hat der Kritiker recht, hat mein Freund recht, hat mein Partner recht, hat der Regisseur recht, oder habe am Ende gar ich recht? Das ist das Problem des Alters."

Schenk erlebte seine Kindheit unter dem Naziregime. Die Familie ist väterlicherseits jüdischer Abstammung, viele Verwandte werden Opfer des NS-Terrors. Dank der Mutter, die als Italienerin einen "Ariernachweis" erbringen kann, überlebt ein Teil der Verwandtschaft unter drückenden Repressalien. Otto, katholisch erzogen, wird das Jüdische seiner Herkunft später regelrecht erforschen, ein lebenslanges Studium, dem er, wie er in seinen Memoiren schreibt, viel verdanke: "Der jüdische Humor, der große Überlebensversuch der jüdischen Schicksalsgemeinde, wurde mein Kinderspielzeug, das Spielzeug meiner Jugend, und ist bis heute eine Säule und Wurzel all meiner Erfolgversuche gewesen."

Pointen des jüdischen Humors#

Jüdischer Witz ist so bitter wie scharf, nie l’art pour l’art. Otto, seit früher Jugend ein Vielleser und Opernstehplatzgeher, schult seinen Scharfsinn mit dem jüdischen Humor abgeschauten Pointen. Nicht die schlechteste Ausbildung für einen, der später ein überragender Komiker werden sollte. Über die nur vermeintlich leichte Kunst der Komödie schreibt Schenk: "Die Komödie besteht aus hypochondrischen Überschätzungen, aus Aufregungen über Missverständnisse, aus Kleinigkeiten und Unarten, aus Ausrutschern, aus Verwechslungen, die bis zu hysterischen Ausbrüchen führen könnten, alles mit echtem Empfinden dargestellt." Hier spricht ein Experte.

Die Suche nach "echtem Empfinden", die dem Alltag entlehnte Bühnensprache, fernab jedes Pathos, die detailgenau wirksamen Gesten: Schenks schauspielerisches Grundrepertoire. Theaterspielen, schreibt Schenk, sei einerseits viel schwerer, als man es sich vorstelle, und andererseits viel leichter. Man müsse nur den Satz, den man zu sprechen habe, glauben machen. In der Zeit des Nachkriegstheaters, das hoheitsvolle Gebärden und eine gekünstelte Sprache zelebrierte, gehörte Schenk zu den Avantgardisten.

Ans Theater kam Schenk auf Umwegen. Nach dem Reinhardtseminar, das er gegen den Willen seines Vaters besuchte - der Notar wünschte sich für den Sohn ein Jurastudium -, folgten erste Rollen im Volkstheater und angewandtes Komödientraining an der Seite von Ernst Waldbrunn und Karl Farkas. Schenks künstlerischer Durchbruch erfolgte 1952, im Theater am Parkring, mit dem Stück "Quadratur des Kreises". Für Otto Schenk war es kein weiter Weg von der Kellerbühne in der Wiener Innenstadt an das Theater in der Josefstadt, das bis heute seine künstlerische Heimat ist. Schenk ist ein Könner der kleinen wie großen Form, auch ein großer Komödiant auf kleiner Bühne.

In den 1950er und 1960er Jahren existierte ein Wundermittel, das Schauspielern innerhalb kurzer Zeit zu enormer Popularität verhelfen konnte. Das damals noch junge Medium des Fernsehens verlangte nach neuen Sendungen, Stars, Storys. Eine Chance, die viele Akteure nutzten: Heinz Conrads, Alfred Böhm, Fritz Muliar, Ossy Kolmann, Otto Schenk. Dessen Sketch-Serie "Der Untermieter" mit Alfred Böhm avancierte bald zum, wie das damals hieß, "Straßenfeger". Als Regisseur verantwortete Schenk die Stegreifserie "Familie Leitner". Seit 1957 ist Schenk auch nur im Doppel denkbar. Damals heiratete er seine Schauspielkollegin Renée Michaelis, im Jahr darauf wurde Sohn Konstantin geboren. Miki, wie der Akteur seine Frau nennt, ist Schenks Kunstagentin und Privatlebensmanagerin.

Keine Marionette sein#

Von 1988 bis 1997 leitete Schenk das Theater in der Josefstadt. Zu der Zeit war die Wiener Theaterlandschaft fast schon in Distrikte eingeteilt: Neben Wüterich Claus Peymann am Burgtheater, Feministin Emmy Werner am Volkstheater, fiel Otto Schenk fast zwangsläufig der konservativ-reaktionäre Part zu. Er pflegte damals einen "Rheumalind-Spielplan", von der Kritik geschmäht, vom Publikum geliebt. Aufführungen von und mit Otto Schenk haben es an sich, in der Regel ausverkauft zu sein. Mit dem sogenannten Regietheater, das Schenks geliebte Klassiker neu und anders auf die Bühne brachte, konnte er nie viel anfangen. Er sei nicht fähig und auch nicht gewillt, die "Marionette eines Regisseurs" zu sein.

Cooper, Schenks Bühnenfigur in "Schon wieder Sonntag", ringt in der Seniorenwohnheimkomödie mit den Wirrnissen des Alters. "Ich sehe das sowohl als eine Therapie an als auch als eine Forschung am eigenen Alter und seinen Schwächen und Schwierigkeiten", sagte Schenk jüngst. "Man ist ein Käfer, der am Rücken liegt - und strampelt." Möge auf Schenk noch viele Jahre lang kein Verlass sein.

Wiener Zeitung, Sa./So., 21./22. März 2015