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Leiser Verfall am Wasserfall#

Die Innenstadt des einstigen Nobel-Kurorts Bad Gastein ist vom Verfall bedroht. Alte Hotels stehen leer, manche Geschäfte müssen schließen. Dennoch kann man es sich dort noch immer gut gehen lassen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 28./29. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Mechthild Podzeit-Lütjen


Kurort Bad Gastein
Der Kurort und seine einzigartige Naturkulisse.
Foto: © Podzeit-Lütjen

Im Salon des Badehospizes, Stiftung Kurtherme, mit den cremefarbenen Ledergarnituren, wird Klavier geübt. Noemi hat Rheuma. Sie ist erst vierzehn. Sie studiert ein neues Stück ein und spielt "Für Elise" fließend.

Dorfgastein. Hofgastein. Bad Gastein. Weiter im Nassfeldtal gibt es auch noch Sportgastein. Kommt man an in Bad Gastein, gibt es für Reisende und Gepäck keinen Lift. Es gibt eine steile Treppe hinunter weg vom Bahnsteig und eine noch steilere Treppe hinauf in das Bahnhofsgebäude, von wo man gleich auf der Straße ins Tal fahren kann. Hier am Fuße des Graukogels. Es gibt einen Fußgängerlift zwischen Ortskern und Bahnhof, wobei es immer noch ein Stück weit ist, dann zum Bahnhof.

Hier am Fuße des Graukogels spielt sich alles auf mehreren Ebenen ab. Da gibt es Prachtbauten und solche, wie das Hotel Mirabell, das zum Verkauf steht. Hier, das bezeugt eine Tafel, habe Fürst Bismarck in den Jahren 1877 bis 1886 fünfmal in diesem Hause gewohnt.

Auf dem Platz, wo eine Tafel über den Schriftsteller Grillparzer hängt, der zwischen 1818 und 1931 hier viermal zur Kur weilte, auf diesem Platz also, wo das Badeschloss als Abbruchbude steht und nur die Ausmaße des Gebäudes ehemalige Glanzzeiten erahnen lassen, wo beim ehemaligen Juwelier Hübner die Wiener Adresse Kärntnerstraße auf dem Firmenschild prangt, muss der Verfall schon lange an der Substanz nagen, denn Hübner gibt es auf der Kärntnerstraße seit längeren Jahren nicht mehr. Der Herr Hübner sei gestorben, heißt es in einem florierenden Haute Couture- Geschäft vis-à-vis, das auch Aigner vertritt.

Morbides Ortsbild#

Weiter nach dem Wasserfall über die Brücke findet man hinter metallenen Bauzäunen Geschäfte, über denen das Firmenschild Optiker, Naturladen oder Apotheke hängt. Der Putz bröckelt, die Scheiben sind blind.

Den Ortskern Gasteins, so hört man, habe ein Wiener gekauft und viel Geld dafür auf den Tisch gelegt. Man habe verabsäumt, entsprechende Klauseln in den Vertrag zu nehmen, wie Instandhaltung etc. Nun seien die Auflagen mittlerweile auch derart hoch, dass bei dem Zustand der ehemaligen Prachtbauten enorme Summen zur Renovierung notwendig seien. Die feuchte Luft tue das Ihrige zum Fortschreiten des morbiden Ortsbildes dazu.

In Zeiten wie diesen sind die Menschen nicht mehr bereit, so abzusteigen, wie es in diesem Ort einmal Usance war. Seit zehn Jahren verlagert sich der Schwerpunkt des Ortes zunehmend vom historischen Kern hinauf zum Bahnhofsareal. Dieses ist durch die ebene Lage, die Lage an der Bundesstraße und die unmittelbare Nähe von Bergbahnstation und Felsentherme für Touristen attraktiver und bequemer zu erreichen. Das träfe insbesondere auf die Wintersaison zu.

Wahrzeichen von Bad Gastein ist der Gasteiner Wasserfall mitten im Ort, der schon Motiv vieler Maler und Dichter war. Die Fallhöhe der Gasteiner Ache in drei Stufen (Kaskaden) beträgt insgesamt 200 Meter. Die durch die Zerstäubung negativ ionisierte Luft ist ein wichtiges Kurmittel.

Der Höhenunterschied des Ortes zwischen Quellpark und Bahnhof beträgt ca. 80 Höhenmeter. Es ist möglich, durch die Benützung des Parkhausliftes (11 Stockwerke) weitgehend aufstiegsfrei vom Ortskern zum Bahnhofsgelände zu gelangen.

Einen Bahnanschluss erhielt Bad Gastein Anfang des 20. Jahrhunderts. 1905 wurde der Streckenabschnitt Schwarzach-St. Veit - Bad Gastein, im Juli 1909 in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph die Fortsetzung von Bad Gastein bis Spittal an der Drau eröffnet, womit die Tauernbahn fertiggestellt war.

Bad Gastein ist ein Kurbad und Wintersportort mit 4362 Einwohnern (2012) im Gasteiner Tal, Land Salzburg in Österreich. Die Gemeinde gehört zu den Nationalparkgemeinden des Nationalparks Hohe Tauern. Neben den Kuranwendungen bietet das Tal Gelegenheit zu Erholung und Sport während des ganzen Jahres.

Schon im Mittelalter verbreitete sich die Kunde von der Heilkraft der Gasteiner Thermen. Trotz der damalig primitiven Bademöglichkeiten und Unterkünfte nahmen Fürsten und hohe Herren geistlichen Standes weite und beschwerliche Reisen zu den Thermalquellen auf sich. Lange bevor die wissenschaftliche Erforschung der Kurmittel begann, haben sich durch vielfältige Erfahrungen die Hauptindikationen für die Gasteiner Kur herausgebildet.

Wie durch die Analyse erwiesen, ist es der Wirkstoff Radon, der, bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, asthmatischen Erkrankungen und in der Wirbelsäulentherapie durch Bäder oder Inhalation eingesetzt, Heilung und Linderung verspricht. Durch die Wärmewirkung in Thermalbädern oder durch den Heilstollen werden nicht nur Gelenke und Gewebe mit Sauerstoff versorgt, sondern mit Radon angereichert, das auf Zellen und Organe stimulierend wirkt.

Das Thermalwasser wurde in offenen Holzrinnen von den Quellen zu den Gasthäusern geleitet, später in hölzernen Brunnenrohren. In das benachbarte Bad Hofgastein wurde das Heilwasser mittels Fässern und Pferdegespannen gebracht, bevor 1830 eine Thermalwasserleitung gebaut wurde, auf deren Vertrag der Anspruch bis heute resultiert.

Am Anfang waren die Badeanlagen Gemeinschaftsbäder, in denen sich die Badegäste mit Frühstück und Brettspielen die Zeit vertrieben. Für die erfolgreichen Badekuren des Mittelalters waren lange Badezeiten und auch die allgemein übliche lange Kurdauer von sechs Wochen erforderlich.

Im Ortsteil Böckstein liegen die Zentren des Goldbergbaues in den Hohen Tauern. Wichtigster Goldlieferant war zu allen Zeiten der Radhausberg. Im Jahr 1557 wurden aus Gastein und Rauris 830 kg Gold und das Dreifache an Silber in den salzburgischen Silberhandel eingeliefert. Der Bergbau auf Edelmetalle wurde 1616 verstaatlicht. Nach der Stilllegung durch den Staat übernahmen mehrere Privatinvestoren den Bergbau, erzielten jedoch mäßige Erfolge. Dies führte Ende März 1938 zur Entstehung des heutigen Heilstollens.

Nachkriegszustände#

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde in Bad Gastein aus requirierten Hotels ein Lager für jüdische sogenannte Displaced Persons (DPs) eingerichtet, von denen die meisten aus dem DP-Lager Ebensee nach Bad Gastein verlegt worden waren. Das Lager, in dem zeitweise bis zu 1300 Personen lebten, wurde im März 1946 aufgelöst.

Bad Gastein konnte sich als mondäner Kurort gehobener Gesellschaftsschichten nicht mehr behaupten. Als Kompensation wurde ab 1946 der Wintersport-Tourismus errichtet. Des Weiteren siedelten sich durch die anerkannte Heilwirkung des radonhältigen Thermalwassers vermehrt Rehabilitationskliniken der Krankenkassen und Wellness-Hotels an. Spekulanten, die trotz Zusagen auf Renovierung ihre Immobilien brachliegen lassen, beschleunigen den Verfall des Ortskerns. Die Wiener Immobiliengruppe um den Finanzier Franz Duval ist der bereits erwähnte Eigentümer von fünf historischen Gebäuden, die einen wesentlichen Teil des Zentrums ausmachen (Haus Austria, Kongresshaus, Hotel Straubinger, Badeschloss, k. u. k. Postamt).

Das Hotel Straubinger liegt direkt am Gasteiner Wasserfall. Einst war es das größte Hotel im Kurort und verfügte zusammen mit seiner Dependance, dem Hotel Austria, über ca. 200 Zimmer. Das Hauptgebäude wurde von 1840 bis 1842 anstelle der 1509 errichteten Taverne am Mittereck erbaut und befand sich bis 1980 im Besitz der Familie Straubinger. Hier wurde 1865 die Gasteiner Konvention unterzeichnet, und Eckart Witzigmann absolvierte von 1957 bis 1960 im Straubinger seine Kochlehre. Heute steht das Haus leer und wartet auf einen neuen Investor.

Das Badeschloss, am Wasserfall gegenüber dem Hotel Straubinger gelegen, wurde von 1791 bis 1794 im Auftrag des Salzburger Fürsterzbischofs Josef Franz de Paula Hieronymus von Colloredo-Waldsee-Mels erbaut. Hier wohnte der deutsche Kaiser Wilhelm I. erstmals 1863 und dann bis 1887 jedes Jahr - außer 1866 -, wenn er sich in Bad Gastein zur Kur aufhielt. Seit einigen Jahren steht es leer und wartet ebenfalls auf einen neuen Investor.

Das Haus Austria im Zentrum beherbergte das Gemeindeamt, einen öffentlichen Lesesaal, das Gasteiner Museum sowie Geschäftslokale. Das Gebäude wurde im Auftrag der Familie Straubinger erbaut und im Jahre 1898 als "Hotel Austria" eröffnet. Bis zum Verkauf im Jahre 1939 war es dem Stammhaus angeschlossen. Im Jahr 2008 übersiedelte das Gemeindeamt, seither steht auch dieses Gebäude leer.

Das vom Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer geplante Kongresshaus ist ein imposanter Betonbau aus den 1970er Jahren im Ortszentrum, der anstelle der alten Wandelbahn errichtet wurde. Gerhard Garstenauer erhielt für dieses Bauwerk 1975 den erstmals verliehenen Architekturpreis des Landes Salzburg. Der Betrieb für Kongresse und Veranstaltungen wurde mit Jänner 2007 eingestellt, und die Mietverträge einiger Geschäftslokale, wie Optiker, Drogerie/Apotheke, Trafik, Naturladen, wurden gekündigt.

Wo einst die nobelsten Juweliere und Couturiers ihre Dependancen für gehobene Sommerfrischler betrieben, bleibt niemand mehr stehen. Im Zentrum von Bad Gastein eilen Kurgäste in Trainingsanzügen mit ihren Nordic-Walking-Stöcken am Haus Austria vorbei - der mächtige Bau aus der Belle Époque ist mit Bauzäunen abgesperrt.

Heilerfolge#

Noemi übt jetzt kein Klavier mehr. Es ist vollkommen still im Salon des Badehospiz. Bei geöffnetem Fenster hört man den Morgengesang der Vögel und Hufe der Pferde, die eine Kutsche in den Ortskern ziehen. Noemi hat heute Therapie im Radon-Heilstollen. "Im Moorbad", sagt sie, "bin ich die Nuss einer Praline".

Die Bauzäune vor den morbiden Prachtruinen werden gerade mit goldener Farbe angestrichen. Ein Kunstprojekt, heißt es. Die Renovierung steht in den Sternen.

Gastein, das auf einer Höhe von 1000 Metern liegt, wo es die warmen Radonthermalquellen gibt und wo die Luft durch die Wasserfälle im Ort ionisiert. Diese Kombination gibt es hier einzigartig und lässt Menschen an Körper und Seele genesen.

Das Badehospiz hat einen langen geschichtlichen Hintergrund und bietet heute im modernen Ambiente die ganze Palette der Anwendungen an. Es ist kein Badeschloss - man konzentriert sich hier auf das Wesentliche. Vorträge werden zusätzlich gehalten - Pflichtprogramm in Ernährung oder Kreislauf. Im August wurden 46 Zimmer mit Sichtbalkons im Zubau "Strochner" eröffnet.

Mechthild Podzeit-Lütjen lebt als gebürtige Bremerin in Wien und im Seewinkel. Neben Herausgaben "dass ich dich finde", Alois Kaufmann (Kind sein am Spiegelgrund) Autorin einer Vielzahl von Büchern und Hörbüchern.

--> www.podzeit-luetjen.at

Wiener Zeitung, Sa./So., 28./29. September 2013