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Von der Landkarte verschwunden#

Die Landflucht ist unaufhaltsam#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 3./4. August 2013)

Von

Petra Tempfer


Räume müssen neu gedacht werden.#

Schienen ins Nichts
Schienen ins Nichts: Sobald die Infrastruktur eines Dorfes ausdünnt, will keiner mehr hinziehen. Eine Abwärtsspirale, die zu Auflösung und Zusammenlegung von Gemeinden führt.
© Waldhäusl

Wien. Dass die heile Welt auf dem Land mit ihren saftigen grünen Wiesen, pausbackigen Lausbuben und drahtigen Bergbauern nur Klischee ist, ist wohl den meisten bewusst. Schaut man aber genauer hin und sieht Greißler, deren Rollläden seit Jahren geschlossen sind, verwahrloste Bahnhöfe und ausgestorbene Straßen, bekommt dieses Klischee ein makabres Gesicht. Fakt ist: Jede vierte Gemeinde in Österreich hat keinen Nahversorger mehr. 1750 Postfilialen wurden in den vergangenen 70 Jahren zugesperrt - in derselben Zeit wurden rund 2600 Gemeinden aufgelöst, zusammengelegt oder abgesiedelt.

Die Landflucht ist unaufhaltsam. Zwei Drittel der Gemeinden leiden unter Abwanderung, der gleiche Anteil der Bevölkerung lebt bereits in Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern. Auf dem Land bleiben vor allem die Alten zurück. "Es ist eine Abwärtsspirale", sagt dazu Trendforscher Andreas Reiter zur "Wiener Zeitung". "Sobald Geschäfte, Jobs und Infrastruktur weg sind, will keiner mehr in diese Region.

Frauen gehen zuerst#

Die Ersten, die es aus den Dörfern in die Städte zieht, sind hoch qualifizierte Frauen. "Aus einem reinen Selbsterhaltungstrieb heraus, um sich volkswirtschaftlich potentere Männer zu suchen", sagt Reiter pragmatisch. Frauen aber seien der Kitt, der ein Dorf zusammenhält, weil sie sich - sobald sie Kinder haben - stärker für diese einsetzen und aktiver sind. Das Ende scheint absehbar. Eine Abwärtsspirale ins Nichts, gespickt mit Geisterdörfern und verödeten Landstrichen? "Nicht unbedingt, denn gleichzeitig zur Landflucht ist eine Bewegung aus den großen Städten hinaus ins ländliche Umland zu bemerken", sagt Reiter. Doch diese gegenläufigen Bewegungen führen nicht zu einer Art Ausgleich. "Städter wollen zwar mit dem Rückzug ins Umland ihre Sehnsucht nach dem Land stillen, gleichzeitig aber auf nichts verzichten und den ,Luxus‘ des Stadtlebens wie Internet, Handy und eine gut funktionierende Infrastruktur nicht missen."

Eine U-Bahn durch Tirol?#

Ein Anspruch, der nach neuen Strukturen des Zusammenlebens schreit. "Räume müssen neu gedacht werden", sagt Reiter und führt als Beispiel eine raumplanerische Vision für das Inntal zwischen Kufstein und Innsbruck in Tirol an, das mit Abwanderung kämpft: Architekten haben dafür ein Modell erarbeitet, in dem eine U-Bahn die Talfurche durchquert, von der Seilbahnen in die einzelnen Täler führen.

Was wie der surreale Versuch einer Verlegung der Stadt aufs Land wirkt, ist laut Reiter der einzig gangbare Weg für die Zukunft. Stadt und Land werden sich zunehmend verzahnen. Ländler verstädtern, gleichzeitig tauchen Bienenstöcke auf begrünten Dachterrassen und Balkonen der Stadt auf, und "urban gardening" wird zum neuen Trend erklärt.

Das typische Landleben ist dennoch dem Untergang geweiht. Es sei blanke Gewissheit, sagen Demografen, dass Regionen wie Unterkärnten (Hermagor), die Obersteiermark (Leoben, Mur- und Mürztal), das Waldviertel und das Südburgenland (Güssing) zu Wüstengebieten werden, während vor allem Wien, Graz und Linz wachsen. Der schicksalhafte Werdegang der ausgezehrten Gemeinden scheint unausweichlich: Auf den ersten Rettungsanker Kooperation folgt Fusion - bis hin zu Absiedelung und Rückbau. "Der Mensch geht, der Wolf kommt", so Reiter.

Bevölkerungsentwicklung
Bevölkerungsentwicklung
© Wiener Zeitung

"Die Grundfrage ist, welche Dichte nötig ist, damit sich der Erhalt der Infrastruktur - auch der sozialen - finanziell rentiert", ergänzt Michael Steiner, Regionalökonom an der Universität Graz. Sobald eine Gemeinde unter diese kritische Größe fällt, sollte sie Kooperationen eingehen.

Überhitzte Ballungsräume#

Ganz so will es Helmut Mödlhammer, Präsident des Gemeindebundes, allerdings nicht akzeptieren: "Die Flucht in die Städte und an den Stadtrand wird zu Überhitzung in den Ballungszentren führen - und dazu, dass diese Masse an Menschen hier nicht mehr verkraftbar ist." Verkehrsstaus, ein Mangel an Schulen, Krankenhäusern und Kinderbetreuungsplätzen sei die Folge. Die Infrastruktur würde auch in diesem Fall zusammenbrechen.

Das Geld, das man für deren Sanierung in die Hand nehmen muss, wäre in aktuelle Hilfsprojekte für sterbende Gemeinden besser investiert, findet Mödlhammer. Denn: "Wenn man zwei kranke Gemeinden zusammenlegt, werden sie auch nicht gesund." Vielmehr müsse ein Verkehrskonzept erstellt, eine Breitbandoffensive gestartet und die Wohnbauförderung für Bauprojekte auf dem Land verstärkt werden. Ein Masterplan für die sterbenden Regionen sei jedenfalls längst überfällig.

Vor allem aber darf Land nicht mit Landwirtschaft gleichgesetzt werden: Förderungen durch die Politik müssten laut Mödlhammer gleichermaßen in Betriebsansiedelungen fließen. Zuletzt hatte Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich verkündet, dass vier Milliarden Euro für 2014 bis 2020 in den ländlichen Raum fließen werden - um vor allem Bergbauern und Landwirte zu fördern, wie es hieß.

Trend kann sich drehen#

In Wahrheit geht es aber um viel mehr: um Lebensqualität, so Mödlammer: "Ein buntes Mosaik, das das Leben lebenswert macht." Denn mit dem Wachsen der Ballungsräume steige auch der Bedarf an Erholung und entschleunigten Regionen.

Dass sich der Trend der Landflucht auch drehen kann, wurde bereits in anderen Industriestaaten deutlich, etwa in Frankreich, der Schweiz und Deutschland, das durch die Folgen des Fall des Eisernen Vorhangs 1989 einen Sonderfall darstellt. In Ostdeutschland etwa war es Usus, Gemeinden mithilfe eines Baggers von der Landkarte verschwinden zu lassen. Seit 1989 sind 1,5 Millionen Menschen in den Westen Deutschlands gewandert.

Doch die Lage hat sich beruhigt, geradezu zwingend hat eine Gegenbewegung eingesetzt. "Heute sind hier mittelgroße Städte die Gewinner", resümiert Regionalökonom Steiner. Es sind Städte, die ihren Bewohnern den Rückzug in Stille und Natur ermöglichen - allerdings nicht zu dem hohen Preis der völligen Abgeschiedenheit und Isolation, sondern stets mit der Option, jederzeit mit dem Rest der Welt verbunden zu sein.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 3./4. August 2013