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"Wünschelrute der Naivität"#

Vor hundert Jahren, am 11. April 1912, wurde in Wien die Schauspielerin Gusti Wolf geboren, die mehr als sieben Jahrzehnte lang ein Liebling des Film-, Fernseh- und Theaterpublikums gewesen ist.#


Von der Wiener Zeitung (7. April 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Maria Gornikiewicz


Gusti Wolf
Wien, 1990er Jahre: Gusti Wolf bereitet sich in der Volksopern-Garderobe auf einen ihrer vielen Auftritte als Mrs. Higgins in der äußerst erfolgreichen Inszenierung von "My fair Lady" vor.
© Maria Gornikiewicz

Gusti Wolf, die unvergessliche Kammerschauspielerin, ist am 5. Mai 2007 im Alter von 95 Jahren sanft entschlafen und wahrscheinlich "in den Himmel hinein gerollt". Diese Vermutung stammt von ihrem Kollegen, Freund und Ratgeber Michael Heltau, der einmal meinte: "Über die Gusti kann man nicht streiten. Alles an ihr ist rund. Ihre Augen sind rund. Sie hat auch sicher eine kugelrunde Seele, und sie wird einmal in den Himmel hineinrollen."

"Der Michl" war auf der Volksopernbühne jahrelang Gustis Sohn, als sie in "My fair Lady" die Mrs. Higgins spielte. Leider nur auf der Bühne, wie sie bedauerte. Ich habe die zierliche Dame (1,53 m) dort in ihrer Garderobe fotografiert, nachdem ich sie davor in ihrem Sommerdomizil zwischen Laab im Walde und Wolfsgraben besuchen durfte.

Sie war eine humorvolle, charmante Plauderin, unkompliziert, bescheiden - man hat gerne über sie, ihre Arbeit und ihr Leben geschrieben, zu runden Geburtstagen, Jubiläen, Ehrungen. Da waren so viele Anlässe, und den Kulturabteilungen sind die Orden ausgegangen, weil die Gusti schon alle hatte. 2003 hat sie den "Nestroy" für ihr Lebenswerk bekommen.

Aber dieses Leben war kein Märchen (auch wenn es so klingt), eher ein Stück realistischer Zeit- und Theatergeschichte des vorigen Jahrhunderts.

Ein "Wunschmäderl"#

Gusti Wolf wurde am 11. April 1912 als "Wunschmäderl" in eine Favoritner Arbeiterfamilie hineingeboren. Als sie dreizehn Monate war, starb die Mutter. Bis zum siebenten Lebensjahr lebte sie zusammen mit einem Onkel bei der Großmutter, welche von ihr und ihren beiden Brüdern heiß geliebt worden ist. Zu fünft in Zimmer und Küche. Der Vater war im Krieg. Später sorgte eine "engelsgleiche Stiefmutter" für sie.

Gusti besuchte die Volks- und die Bürgerschule. Zu Hause wurde Dialekt gesprochen. Das Mädchen hätte gerne Englisch gelernt, was der Vater nicht erlaubte. ("Mir san einfache Leut!") Auch andere Flausen hat er ihr ausgetrieben: "Du wirst einen Mann heiraten, am besten einen Fixangestellten, einen Eisenbahner oder einen Schaffner bei der Straßenbahn".

In der Schule ist Gusti die beste "im Aufsagen" und "Zeichnen" gewesen. "Ich werd’ Malerin", hat sie sich gedacht, "das kost’ net viel". Sie hat auch mit einem Werdegang als Modistin oder Innenarchitektin spekuliert. Von der Schauspielerei wagte sie vorläufig nur zu träumen.

Durch Babysitten verdiente sie ein wenig Geld. In einer steirischen Pension wurden die Wegweiser neu gestellt. Dort machte nämlich der Maler Felix A. Harta mit seiner Familie Urlaub. Dessen Tochter Eva und Gusti wurden die besten Freundinnen. Nach dem Ende der Ferien zog die Gusti zu den Hartas, die fortan als Pflegeeltern fungierten und das Mädchen förderten. Dafür ist sie bis an ihr Lebensende dankbar gewesen.

Nun verkehrte Gusti auch in Künstlerkreisen und lernte die Theater von innen kennen. Harta malte mehrere Porträts von Gusti, eines hängt seit ihrem 85. Geburtstag in der Ehrengalerie des Burgtheaters.

Auf einer Zugfahrt lernte sie einen Eleven vom Volkstheater kennen, und es taten sich Möglichkeiten auf, ihren Traumberuf zu erlernen. Nun stand es für sie fest: Ich werde Schauspielerin!

Gusti war ein Naturtalent. Nach nur drei Stunden Unterricht bei Karl Forest holte sie sich ihre Bühnenreife in der böhmischen Provinz, in Krumau und Trübau. Bereits 1931 stand das Mädchen auf der Bühne.

1937 meldete sich der Film, nachdem sie schon 1934 eine "Filmprüfung" gemacht hatte. Sie erhielt den zweiten Preis unter zweitausend Bewerbern.

Die Juroren waren Burgschauspieler. So kam es zu Gustis erster Rolle an der Burg: Sie spielte den Prinzen von York in Shakespeares "Richard III" neben Werner Krauß in der Titelrolle. Das Stück wurde fast zwei Jahre lang gespielt.

Doch Gusti Wolf ging zunächst noch nicht fix ans Burgtheater, sondern nach Mährisch-Ostrau zum Film, an die neu eröffneten Kammerspiele in Wien, zum literarischen Kabarett "Der liebe Augustin", ans Volkstheater in München und an die Münchner Kammerspiele, wo sie ihre erste große Liebe, den Schauspieler Horst Caspar, auf der Bühne kennen lernte.

"Ich habe nie was dazu und nie was dagegen getan, wenn es um eine Rolle ging", sagte sie und schrieb es auch in ihren Memoiren. Die Gusti ist mit allem im Leben einverstanden gewesen. Zu ihrer schriftlichen Lebensbeichte musste sie allerdings erst überredet werden. ("Mein Gott, wen wird’s denn schon interessieren.") Schließlich hat sie doch im Laufe von eineinhalb Jahren ihre Memoiren zu Papier gebracht. Und zwar mit zwei Fingern auf einer Schreibmaschine namens Erika.

Als sie anfing, hat sie ein Glaserl Sekt getrunken, und dann lief’s, erzählte sie offenherzig. Darüber ist sie froh gewesen, wenn auch angestrengt. Immerhin war sie damals schon 88 und ist sich beim Schreiben über ihr Leben klar geworden: "So viele Zufälle, die positiv waren, so viele Menschen, die mich mochten!"

Einfach und ehrlich#

Ihre Fans - und davon gab es und gibt es noch immer sehr viele - haben sich über das Buch "Gusti Wolf erzählt aus ihrem Leben", erschienen im Böhlau-Verlag, sehr gefreut. Sie hat geschrieben, wie sie war und wie sie plauderte - arglos, einfach und ehrlich. Gusti machte aus ihrer Naivität kein Hehl und hat bis ins hohe Alter nichts von ihrer Koketterie eingebüßt. Der "Michl" Heltau hat es "die Wünschelrute der Naivität" genannt.

Ihrem Beruf war sie grenzenlos hingegeben. Einmal ist sie Ophelia gewesen, und als Miss Marple hat sie einen Ausflug ins Boulevard-Theater gemacht. Ihr Filmdebüt war "Die Austern-Lilli", im zweiten Film, "Die unentschuldigte Stunde", spielte sie an der Seite von Gusti Huber.

Und Gusti Wolf spielte und spielte: mit Paul Hörbiger, Hans Moser, Elfriede Ott, O.W. Fischer, Anni Rosar, Oskar Werner, Curd Jürgens, Ewald Balser, Albin Skoda, Käthe Dorsch, Hans Holt, Walter Reyer, Annemarie Düringer, Alma Seidler, Judith Holzmeister - die Liste der großen Film- und Bühnenpartner ist lang. Ebenso die ihrer Regisseure: Von Gustaf Gründgens über Giorgio Strehler bis Leander Haußmann spannt sich der Bogen. Auch mit Franz Wittenbrink und Kurt Palm hat sie gearbeitet.

Josef Meinrad, mit dem sie fünfzig Jahre Arbeits- und Lebensfreundschaft verband, widmete sie in ihrem Buch ein eigenes Kapitel. Auch ihre "Filmografie" ist nahezu endlos, nicht zu vergessen die Fernsehfilme- und Serien. Wer denkt nicht gerne an "Rosa und Rosalind" oder an die rührige Mutter vom "Kottan"!?

In Berlin war sie von 1939 bis zur kriegsbedingten Schließung der Theater 1944 an allen Häusern präsent. Politik und die ganze Hitlerei haben sie nicht gekümmert, aber nach sieben Filmrollen war sie für kurze Zeit in Berlin "verboten".

Sie tourte durch Holland, gastierte in Warschau und verbrachte das Kriegsende in Wien, nachdem sie in Berlin ausgebombt war. Aber auch ihre Wohnung im Wiener Herrenhof, die sie beziehen konnte, ging in Trümmer. Eine andere Bleibe ist ausgebrannt. Später hat sie sich bei den Stockerauer Festspielen eine lebensbedrohliche Lungenentzündung geholt und ist einmal in ihrem Garten so schwer gestürzt, dass sie sich massive Gesichtsverletzungen zugezogen hat.

Trotzdem findet man den Satz "Das war für mich ein Glück" fast in jedem Kapitel ihres Buches. Gemeint hat Gusti Wolf damit, dass die Vorsehung ihr die richtigen Ärzte geschickt hat, dass sie prominent war und vom Publikum geliebt worden ist, dass sie immer ein Daheim hatte. Für sie ist alles wie ein Wunder, wie ein Märchen gewesen - das gilt natürlich auch für den Vertrag mit dem Burgtheater, beginnend am 1. September 1946, als noch im Ronacher gespielt worden ist. Direktor Raoul Aslan richtete damals folgende Worte an sie : "Sie müssen wissen, dass Sie mit diesem Vertrag in einen Orden eintreten." Bis zu ihrem Tod hat Gusti Wolf neun Burgchefs erlebt - und sie war seit 1987 Ehrenmitglied des Hauses.

Am 29. November 1949 klopfte der wichtigste Mensch in ihrem Leben mit drei zerquetschten roten Rosen an die Tür ihrer Garderobe im Akademietheater. Es war der Bühnenbildner Teo Otto, mit dem sie 13 Jahre ihres Lebens verbringen sollte. Er hat die Gusti in vielen Rollen kongenial gezeichnet. Otto ist 1968 mit 34 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. Gusti Wolf verwaltete sorgsam seinen Nachlass und richtete davon mehrere Ausstellungen ein.

Von Puck zu Maude#

Ihr erster Auftritt bei den Salzburger Festspielen war ein Misserfolg, doch es folgten viele erfolgreiche. Den Puck im "Sommernachtstraum" hat sie sieben Jahre lang verkörpert. Ihr Kostüm befindet sich im Theatermuseum.

Im Bezirksmuseum "Innere Stadt" steht Gustis Schminkspiegel, ein Geschenk, auf dem sich viele Kollegen zu ihrem 70er verewigt haben.

Mit 40 spielte Gusti Wolf noch Kinderrollen, was ihr sehr entsprach. Von da war es noch eine lange Zeit bis zu ihrem späten Erfolg in "Harold und Maude".

Die Wunschrolle der Maude hat ihr Claus Peymann dann zum 85. Geburtstag, zum 65-jähriges Bühnenjubiläum und zu ihrer 50-jährigen Zugehörigkeit zum Burgtheater geschenkt. Und zwar ganz feierlich nach einer Festveranstaltung von Nestroys "Einen Jux will er sich machen". Im Kostüm des Fräulein Blumenblatt saß die Gusti auf einen Thron und nahm gerührt die Ovationen des Hauses entgegen. Die Laudatio hielt natürlich Michael Heltau.

Eine ihrer letzten Rollen ist die Luftballonverkäufern in "Pompes Funèbres" gewesen. Mit einem Luftballon ist sie nicht in ein fernes Märchenland, sondern in den Schnürboden geflogen. Heute liegt die "Frau Professor Gusti", Darstellerin von rund 300 Rollen, in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof. Ihr Credo: Wenn man fleißig ist und wirklich etwas will, kann man es bekommen, auch wenn man "nix" ist.

Maria Gornikiewicz, geboren 1943, lebt und arbeitet als Journalistin und Fotografin in Wien.

Wiener Zeitung, 7. April 2012