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Augenreise in die Satire#

Zehn Jahre Karikaturmuseum Krems: Streifzüge durch 400 Jahre#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 24. März 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Studium der Mimik
Studium der Mimik: "Les Grimaces" von Louis-Léopold Boillys (Paris, 1823).
Foto: Sammlung Werner Nekes, 2011

Das Karikaturmuseum auf der Kunstmeile Krems ist ein Erfolgsmodell – wie das Wilhelm-Busch-Museum in Deutschland spricht es viele Publikumsschichten an. Erfreulich ist auch die Entscheidung, zum runden Jubiläum einen absoluten Kenner und eine besondere Sammlung für "Ich traue meinen Augen nicht. Streifzüge durch 400 Jahre Karikatur und Bildsatire" auszuwählen.

Werner Hofmann, Gründungsdirektor des Museums des 20. Jahrhunderts in Wien, schrieb seine Dissertation über die Karikatur von Leonardo bis Picasso schon 1956. Damals erkannte noch niemand die vitale Subkultur dieser Randkunst als eigentliche Triebfeder der Moderne.

25.000 Sammelstücke#

Die Sammlung des Filmemachers und Medienprofessors Werner Nekes aus Mühlheim an der Ruhr ist nicht nur von der Anzahl der Objekte (25.000), sondern auch in ihrer Qualität eine Sensation. Als Mitkurator nimmt er mit Hofmann die Zentralperspektive als oft absurd anmutendes akademisches Konstrukt unter die Lupe und sie suchen auch im Fall der menschlichen Physiognomienlehre nach den vielen Abweichungen in der Kunst. Wer besitzt schon ein Blatt mit seltsamen Kopfvermessungen von Albrecht Dürer und einen Folianten von Leonardos Schüler Cesare Cesariano von 1521, der die ideale männliche Figur im Maßquadrat des Kosmos nach dem Meister zeigt? Oder Bücher von Samuel Hoogstraeten und Athanasius Kircher, die zu Tieren mutierenden Köpfe des Giovanni Battista della Porta. Alles Werke vor der Etablierung der Karikatur im 18. Jahrhundert. Aus dieser Zeit sind neben den wichtigsten Kupferstichen von William Hogarth natürlich Honoré Daumier und Wilhelm Busch vorhanden – grundsätzlich das Wesentliche, was es zu Deformation von Schönheit und Unterlaufen der akademischen Hochkunst gibt.

Wunderbare Spielereien#

Dabei sind wunderbare Spielereien wie Vexierlandkarten, Wendeköpfe in endlosen Varianten, Reliefbilder und bizarre Figuren, Bilder, die sich drehen, wenden und klappen lassen, die in Schrägansicht erst ihre Darstellung enthüllen oder im Guckkasten und der Laterna magica Bewegung vor dem Film zeigen. Parallel zur ersten Kunstakademie um 1600 treten als spontanes Gegenkonzept groteske Dinge durch "Verlernen" und Verzerren auf. In Bologna sind es Blätter Annibale Carraccis und Bartolomeo Passarottis, in Deutschland erfinden Nachfolger von Giuseppe Arcimboldo, Lucas Kilian und den Brüdern Jamnitzer Doppelbödiges. Mit entzerrenden Zylinder- oder Pyramidenspiegeln können die zum Mitmachen animierten Besucher diesen Kuriosa staunend näher rücken.

Die Aufklärung trieb Leonardos Aussage von den "transmutierenden Formen" besonders voran; offenbar bewirkten gerade Fortschrittsglaube im Industriezeitalter und revolutionäre Stimmung eine Verbreitung der Karikatur. Hogarth und Grandville erfanden "andere Welten" und viele Zuschauer lachen über die Schauspiele der Torheit, die sich bei Daumier und James Gillray eröffnen und auch über die scheinbar exakten Wissenschaften eines Johann Caspar Lavater. Zu Recht, denn der Physiognomiker schloss vom Inneren des Menschen auf sein Äußeres.

Rundbilder, die laufen#

Stroboskopische Scheiben mit einem Medusenhaupt in der Mitte, bringen vor dem Film Rundbilder zum Laufen. Jalousie- und Bienenkorbbilder lassen lange vor den Minimalisten Flachware zum Objekt werden.

Erst der Kunsthistoriker Julius von Schlosser erkannte in Wien kurz nach 1900, dass die Randerscheinungen der Hochkunst anarchistisches Abweichen aufweisen, was die Künstler der Moderne zum Aufbruch in befreiende Fantasie anregte. Trostlose Orte wie Wirtshaus, Tollhaus, Zuchthaus oder Kloake, die uns Hogarth vorführt, sind plötzlich von Interesse nach dem klassischen Arkadien.

Die Karikatur hat, wie hier zu sehen, die Moderne in Gang gebracht, weshalb Hofmann seine Essays im Katalog auch Schlosser widmet. Die Besucher werden von Werken Maria Lassnigs, Jürgen Klaukes und Daniel

Wiener Zeitung, Donnerstag, 24. März 2011