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"...gerädert, gequält, gehängt, zur Schau gestellt..."#

Erstmaliger anthropologischer Befund eines Geräderten in Österreich#


von

Silvia Renhart

Aus: Hg.: Gerfried Kaser und Ingo Mirsch. Das Landgericht Offenburg - Reifenstein und Bemerkungen zu den archäologischen Ausgrabungen beim "Hochgericht im Birkachwald" 2012-2014. Graz und Hanfelden 2015.


Die Erforschung von Richtstätten samt archäologischer Ausgrabung ist Europaweit109 noch immer relativ selten und in Österreich bislang völliges Neuland. Dies ändert sich gerade, denn seit 2012 wird aufgrund der Initiative des Vereins „Archäologie Pölstaf (G. Käser, l. Mirsch) erstmals in Österreich am Forschungsprojekt „Die Richtstätte Unterzeiring/Birkachwald, Steiermark1 gearbeitet.[110] Bemerkenswert ist die Zusammenarbeit von Forscherinnen verschiedenster Institutionen und Disziplinen wie Geschichte, Archäologie und Anthropologie - unterstützt von zahlreichen lokalen Geschichtsinteressierten. Ziel ist die Aufarbeitung der Geschichte der Richtstätte sowie letztendlich die Identifizierung der aufgefundenen menschlichen Überreste samt Rekonstruktion persönlicher Schicksale.

Berührende Aktualität kommt der Entdeckung und Erforschung der Richtstätte gerade zu diesem Zeitpunkt zu, an dem das Thema „Hinrichtungen" jeden Tag über die Medien zu uns gelangt. Verdeutlicht dieses Thema doch in Zeiten von IS (Islamischer Staat), Boko Haram, AI Kaida, „Freitagsköpfungen/-auspeitschungen" in Saudi Arabien, Guantanamo usw. wie grausam, einseitig, verhetzend und ungerecht falsch verstandene Glaubens- und Rechtssysteme sind und wie fragil letztendlich die menschliche Gesellschaft. Hetze, Unwissenheit und Ähnliches leiteten und leiten Menschen irre, machten und machen sie manipulierbar und zur johlenden Menge, die voll wollüstigem Schauder zusahen und zusehen. So werden heute noch in 58 Ländern Todesurteile gefällt wie z.B. in Saudi Arabien, China, Iran, Irak, USA, Japan. Weltweit werden jährlich mehr als 10.000 Exekutionen durchgeführt. Amnesty International geht dabei von einer enormen Dunkelziffer aus - vor allem in China. Von den bestätigten Hinrichtungen finden zwei Drittel im Iran, Irak und in Saudi Arabien aufgrund von Vergehen wie Ehebruch, Prostitution, Homosexualität, Alkohol-und Drogenhandel, Abkehr vom islamischen Glauben und Hexerei statt. In Amerikas Todeszellen warten rund 3.300 Menschen auf ihre Hinrichtung, welche auf dem

„Elektrischen Stuhl" oder mittels Giftspritzen stattfindet. In Saudi Arabien finden Hinrichtungen als öffentliche Enthauptungen statt. 2013 wurden 79 Menschen enthauptet.[111]

Mit den Mitteln der historischen (physischen) Anthropologie kann die Grausamkeit, die einem Menschen wiederfuhr, exemplarisch anhand eines einzelnen Skelettes aufgedeckt, beschrieben und zur Bewusstseinsschärfung dargestellt werden.

Unzählige Menschen wurden seit dem Mittelalter in Europa aufgrund abstrusester Beschuldigungen hingerichtet. Dabei war man bei der Wahl der Mittel nicht gerade zimperlich. Zu den häufigsten Hinrichtungsarten gehörten das Erhängen und das Rädern. Beides galt als besonders ehrlos, während die Enthauptung eher als ehrvolle Exekution galt.[112]

Zufallsentdeckungen, wie im Jahr 2014 der Fund eines erstmals vollständigen Geräderten in Groß Pankow in Brandenburg (D) verursachen enormes Medienecho.[113] Dieses sowie das große Interesse der Fachwelt waren und sind auch dem Forschungsteam rund um die Funde der Richtstätte im Birkachwald bei Unterzeiring gewiss. Handelt es sich hier ja um den erstmaligen Fund eines Geräderten in Österreich!

Bei den stark abgemürbten/verwitterten Knochenresten mit der Bezeichnung „Birkachwald - Objekt 17" handelt es sich um das beinahe vollständige Skelett eines zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr zu Tode gekommenen Mannes.

Er war zu Lebzeiten mit 170,8 cm groß gewachsen und von sehr robuster und kräftiger Erscheinung.

Der Zahnstatus mit einem mittelmäßigen Abkauungsgrad entspricht dem eruierten Alter. Im Oberkiefer sind beide dritten Mahlzähne nicht angelegt, während sie im Unterkiefer vorhanden sind. Der Abbau der Alveolen ist mittelstark, der Zahnsteinbesatz mittel bis stark und am ersten und zweiten rechten Schneidezahn des Ober- und Unterkiefers sind halbmondförmige Einkerbungen zu erkennen. Die Entstehung dieser ist wohl auf den Gebrauch der Zähne als „Dritte Hand" zum Festhalten bei der Bearbeitung von Gegenständen zurückzuführen.

Am harten Gaumen, am Schädeldach (Cribra cranii) und im Augenhöhlendach (Cribra orbitalia, Stufe 1) sind Porosierungen unterschiedlicher Größe und Dichte festzustellen, die auf eine Mangelerkrankung vor allem in der Wachstumsphase, die in der damaligen Bevölkerung häufig vorkam, zurückzuführen ist.

Die rechte Maxilla ist nur mehr bruchstückhaft vorhanden. Doch ist anzunehmen, dass die vorliegende Fraktur als perimortal (wohl im Zuge der Folterung) entstanden bewertet werden kann. Ein Teil der Maxilla konnte ebenso wie der auf Höhe des rechten Eckzahnes gebrochene Unterkiefer wieder zusammengefügt werden.

Alle Abschnitte der Wirbelsäule sind von Spondylosis deformans, meist der Stufe 2 (Randlippenbildung an den Wirbelkörperrändern bis zu 3 mm) betroffen sowie von Spondylarthritis (Abnutzung der Zwischenwirbelgelenke) und Nucleus pulposus Hernien (Einbrüche an den Wirbelkörperdeckplatten). Der Zustand der Wirbelsäule lässt so insgesamt erkennen, dass der Mann Zeit seines Lebens hart gearbeitet hat, was auch die kräftigen Muskelansätze an den Langknochen bestätigen.

Am Auffälligsten ist, dass alle Langknochen gebrochen sind. (Vgl. folgende Abbildungen.)

Obj. 17-Femora Frakturen distales Drittel
Obj. 17-Femora Frakturen distales Drittel.
Foto S. Renhart

Obj. 17-Humeri Frakturen Schaftmitte
Obj. 17-Humeri Frakturen Schaftmitte
Foto S. Renhart
Obj. 17-Radii Frakturen Schaftmitte
Obj. 17-Radii Frakturen Schaftmitte
Foto S. Renhart
Obj. 17-Ulnae Frakturen Schaftmitte
Obj. 17-Ulnae Frakturen Schaftmitte
Foto S. Renhart
Obj. 17-Tibiae und Fibulae mit Frakturen bzw. Verbiegung
Obj. 17-Tibiae und Fibulae mit Frakturen bzw. Verbiegung
Foto S. Renhart

Die rechte Maxilla ist nur mehr bruchstückhaft vorhanden. Doch ist anzunehmen, dass die vorliegende Fraktur als perimortal (wohl im Zuge der Folterung) entstanden bewertet werden kann. Ein Teil der Maxilla konnte ebenso wie der auf Höhe des rechten Eckzahnes gebrochene Unterkiefer wieder zusammengefügt werden.

Alle Abschnitte der Wirbelsäule sind von Spondylosis deformans, meist der Stufe 2 (Randlippenbildung an den Wirbelkörperrändern bis zu 3 mm) betroffen sowie von Spondylarthritis (Abnutzung der Zwischenwirbelgelenke) und Nucleus pulposus Hernien (Einbrüche an den Wirbelkörperdeckplatten). Der Zustand der Wirbelsäule lässt so insgesamt erkennen, dass der Mann Zeit seines Lebens hart gearbeitet hat, was auch die kräftigen Muskelansätze an den Langknochen bestätigen.

Am Auffälligsten ist, dass alle Langknochen gebrochen sind. (Vgl. folgende Abbildungen.)

Obj. 17- Tibia Frakturdetail
Obj. 17- Tibia Frakturdetail.
Foto S. Renhart

Dabei handelt es sich nicht um nach dem Tod entstandene - sog. postmortale - Schäden. Diese schweren Verletzungen wurden dem um das ca. 30. Lebensjahr verstorbenen Mann kurz vor seinem Tod im Zuge einer Folterung zugefügt. So sind die Langknochen jeweils knapp unter bzw. über der Schaftmitte durchschlagen. Zugleich muss aber auch eine Verdrehung der Knochen stattgefunden haben, da sog. Spiralbrüche festzustellen sind. Diese Torsionstraumen lassen auf eine Fixierung schließen, die bei gleichzeitiger Verdrehung und Dehnung der Gliedmaßen diese charakteristischen Bruchspuren verursachte. Insgesamt weisen die Bruchenden in Form und Ausprägung (relativ exakte Brüche mit mittelmäßiger Splitterung) auf einen schweren Gegenstand hin, der mit großer Wucht von oben herab geführt wurde.

All diese Verletzungsspuren weisen auf das „Rädern" hin. Dabei ließ ein Scharfrichter das Rad (oder auch eine Eisenstange) auf die Knochen - im gnädigsten Falle bei den Unterschenkeln beginnend - fallen. Pro Knochen kam es bei gleichzeitiger Torsion nur zu einem Schlag. Der Delinquent konnte dabei laut historischen Berichten und Darstellungen gefesselt am Boden liegen oder auf ein Rad gebunden sein. Der Unglückliche konnte nur hoffen, dass ihn die starken Schmerzen bald besinnungslos machten. Spätestens das Durchtrennen der Oberschenkelknochen rief einen großen Blutverlust hervor, der zu einem hypovolämischen Schock mit nachfolgendem Kreislaufversagen führen konnte.

Seinen Tod fand der 30 Jährige wohl erst am Strang. Dies beweisen die Defekte und Brüche an den Halswirbeln. (Vgl. Abb.)

Obj. 17 - Halswirbel samt Fraktur am 5. Wirbel
Obj. 17 - Halswirbel samt Fraktur am 5. Wirbel.
Foto S. Renhart

Laut historischen Berichten war dies jedoch noch immer nicht genug und der geschundene/zerschlagene Leib wurde auf das Rad geflochten bzw. daran festgebunden. Darauf verblieb er längere Zeit zur Abschreckung, bis ihm Tierfraß, Wind und Wetter so zusetzten, dass nicht mehr viel von ihm übrig blieb und sich seine Teile von selbst lösten und herabfielen. Manche fanden Erbarmen, so dass der Körper vor dem Zerfall abgenommen und in einer Grube unter dem Galgen entsorgt wurde. Diese Verweigerung einer regulären Beisetzung galt als zusätzliche Strafe, da so nach dem christlichen Glauben die Auferstehung verhindert wurde.

Der Gesamtzustand der Knochen beim vorliegenden Skelett weist auf längeres Liegen im Freien hin, wobei die Knochenoberfläche „abgemürbf'/verwittert erscheint, so dass an den Rippen und an den großen Gelenken die spongiöse Struktur freigelegt ist. Spuren von Tierfraß sind keine festzustellen.

Die Lage des Skelettes bei der Auffindung veranlasst zur Annahme, dass der Leichnam an den Schultern unterfasst am Rücken liegend mit Schwung in die Grube geschliffen wurde.

Diese Lage der körperlichen Reste dieses Mannes, die so verlocht wurden, drückt heute noch das hohe Maß an Gleichgültigkeit - ja Missachtung - aus, die ihm einst entgegen gebracht wurde.

Bei diesem Skelett handelt es sich um das erste, das im Rahmen der laufenden anthropologischen Untersuchungen präsentiert wird, um exemplarisch die häufiger als bisher gedachte Anwendung des Räderns darzustellen.

Bevor es zu einer Gesamtpublikation aller Ergebnisse kommt, wird noch versucht, anhand der Gerichtsakten Identifizierungen vorzunehmen, um so den Bestraften ihre Identität wiedergeben zu können.

Zusammenfassung#

Im Rahmen des ersten Richtstätten - Forschungsprojektes in Österreich (Richtstätte Unterzeiring/Birkachwald, Steiermark) werden die ausgegrabenen menschlichen Überreste anthropologisch untersucht, u.a. auch um Art der Folter und die Todesursache feststellen zu können. In der nachfolgenden Gesamtpublikation wird anhand der Gerichtsakten versucht, Identifizierungen vorzunehmen. Als Vorbericht werden die anthropologischen Untersuchungsergebnisse, die am Skelett eines rund 30 jährigen Mannes gewonnen werden konnten, präsentiert. So konnte festgestellt werden, dass er mit dem Strang gerichtet und schließlich gerädert wurde. Es handelt sich dabei um den erstmaligen Befund des Räderns in Österreich.

Literatur#

  • J. Auler (Hrsg.) 2012: Richtstättenarchäologie 3. Dormagen 2012.
  • G. Käser, l. Mirsch, S. Renhart 2014: Die Richtstätte im Birkachwald. Der Beginn der steirischen Richtstättenarchäologie. Ein Vorbericht über die Ergebnisse der archäologischen Ausgrabung. Schloss Hanfelden/Unterzeiring 2014.
  • Amnesty International 2013: Amnesty International Report, Zahlen und Fakten 2013.
  • B. Jungklaus, E. Kirsch 2014: Aufs Rad geflochten. Erstmals vollständiges Skelett eines Geräderten. AiD 2, 2014, 5.
  • D. Ferembach, l. Schwidetzky & M. Stloukal 1979: Empfehlungen für die Alters- und Geschlechtsdiagnose am Skelett. In: Homo, 30, 2, 1979, 1-32.
  • G. Hansen 1953/54: Die Altersbestimmung am proximalen Numerus- und Femurende im Rahmen der Identifizierung menschlicher Skelettreste. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität Berlin, math.-naturwiss. Reihe 3, 1953/54, 1ff.
  • O. H. Mengen 1971: Cribra orbitalia: Pathogenesis and Probable Etiology. Homo, 22, 1971, 57-76. R.
  • Knussmann (Hrsg.) 1988: Handbuch der vergleichenden Biologie des Menschen (Stuttgart) 1988.
  • J. Nemeskeri, L. Harasanyi & G. Acsadi 1960: Methoden zur Diagnose des Lebensalters von Skelettfunden. In: Anthropologischer Anzeiger 24, 1960, 70-95.
  • G. Olivier, C. Aaron, G. Fully & G. Tissier 1978: New Estimations of Stature and Cranial Capacity in Modern Man. J. Human. In: Evolution 7, 1978, 513ff.
  • L. Schott 1968: Spuren Schmorl'scher Knorpelknötchen an Wirbelkörpern aus archäologisch geborgenem Skelettmaterial. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie. 57, 3,1968, 266-271.
  • M. Stloukal, L. Vynhanek & F. W. Rösing 1970: Spondylosehäufigkeit bei mittelalterlichen Populationen. In: Homo 21, 1970,46-53.

Fußnoten#

[109] Auler 2012.

[110] Kaser et al. 2014.

[111]Amnesty International 2013.

[112] Auler 2012.

[113] Jungklausetal. 2014.