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Menschen im Heiligen Winkel#

Der Bozener Talkessel zwischen der Späten Bronzezeit und der Romanisierung (13. – 1. Jh. V. Chr.)#


Von

Silvia Renhart

Aus: Der Heilige Winkel. Schriften des Südtiroler Archäologiemuseums. Hg.: Umberto Tecchiati. Bozen-Wien 2002.


Im Zentrum aller wissenschaftlichen Bestrebungen und Forschungen steht immer wieder der Mensch mit seinen kulturellen Äußerungen. Aus meist Jahrtausende alten Hinterlassenschaften versuchen Wissenschaftler auf der ganzen Welt das Geheimnis unserer Vorfahren und ihrer Kulturen zu lüften. So auch in Südtirol, wo ebenfalls versucht wird, zu neuem Wissen über unsere Ahnen zu gelangen und es zugleich allen Interessierten zugänglich zu machen. Um jedoch ein umfassendes Bild längst vergangener Zeiten geben zu können, bedarf es einer interdisziplinären Forschung; ein Teilgebiet ist die Prähistorische (Historische) Anthropologie.

Prähistorische Anthropologie#

Die Prähistorische Anthropologie beschäftigt sich mit den Überresten der menschlichen Körper, die bei archäologischen Ausgrabungen in Form von Körperbestattungen oder Brandbestattungen geborgen werden. Als Körperbestattung bezeichnet man die knöchernen, unverbrannten Relikte (Skelett) eines Menschen und als Brandbestattung die Reste (- Leichenbrand), die nach der Verbrennung eines Leichnams übrig bleiben.

Die Verbrennung von Leichen ist eine im mitteleuropäischen Raum über Jahrtausende nachweisbare gebräuchliche Bestattungsform. Im Unterschied zu den Körperbestattungen wurden die Toten hierbei mit all ihren Beigaben (Schmuck, Waffen, Speisegaben usw.) nicht ins Grab, sondern auf einen Scheiterhaufen gelegt und verbrannt. Erst der Leichenbrand wurde - mehr oder weniger sorgfältig - aufgesammelt, eventuell zerkleinert und in ein Gefäß, die so genannte Urne, gegeben und bestattet oder direkt ins Grab gestreut (Brandschüttung). Es kam auch vor, das s die Verstorbenen direkt über der Grabgrube verbrannt wurden, sodass der Leichenbrand und die Scheiterhaufenreste direkt in die Grabgrube fielen. Meistens wurden die Scheiterhaufen immer an der gleichen Stelle in der Nähe des Gräberfeldes errichtet.

Größe, Härte, Farbe und Gewicht des Leichenbrandes geben Auskunft über die Technik der Leichenverbrennung. Wie bei den Körperbestattungen können anhand der Brandreste - eine relativ gute Erhaltung vorausgesetzt - Sterbealter, Geschlecht, Körperhöhe und pathologische Veränderungen bestimmt werden. Aus diesen Individualdaten können, wenn das betreffende Gräberfeld vollständig ergraben bzw. beinahe komplett erfasst ist, Erkenntnisse gewonnen werden, die eine Charakteristik der hier bestatteten Bevölkerung zulässt. Außerdem können Ähnlichkeitsbeziehungen mit benachbarten Populationen untersucht werden.

Für den »Heiligen Winkel« liegt leider kein vollständig ergrabenes Gräberfeld vor, und nur die Funde von Moritzing lassen Rückschlüsse zu. Da jedoch einige Leichenbrände verschollen sind, muss eine Gesamtcharakteristik der Bevölkerung der frühen La-Tene-Zeit unterbleiben. Die Individualdaten gewähren allerdings einen interessanten Einblick. Neben den 17 Gräbern aus Moritzing wurden zwei Körperbestattungen, die aus einer Schlucht in der Nähe des Schwefelbades stammen, eine Körperbestattung vom Fundort Schloss Greifenstein, menschliche Leichenbrandreste vom früh-eisenzeitlichen Brandopferplatz Noafer Bühel und ein bronzezeitlicher Leichenbrand aus einem Urnengrab von Sigmundskron anthropologisch untersucht.

Das Urnengrab von Sigmundskron#

Die Reste aus dem 1973 von Walter Aichberger geborgenen Urnengrab gehören zu den ältesten Leichenbränden auf Südtiroler Gebiet - nach Barbian (Spätneolithikum} und Feldthurns (späte Kupferzeit). Sie datieren wahrscheinlich in die beginnende bzw. Mittlere Bronzezeit. In der Urne befanden sich 367 g milchig bis hellgrau gefärbter Leichenbrand. Verbrennungsstufe (III) und Verbrennungsgrad (c: vollkommen) lassen darauf schließen, dass während der Leichenverbrennung eine relativ konstante Temperatur von rund 550 °C gehalten werden konnte. Die durchschnittliche Fragmentierung beträgt 22 mm. Das Muskelmarkenrelief und die Stärke der Knochen lassen auf einen eher kräftigen Mann schließen, der im Alter zwischen 35 und 45 Jahren verstarb. Kleine Porosierungen an den Schädelknochen weisen auf Cribra cranii hin.

Urnengrab von Sigmundskron
1 Erhalten 2 Gewicht (g) 3 Farbe 4 Vb.-Stufe 5 Vb.-Grad 6 D.-Frag. (mm) 7 Frag.-Stufe 8 Rob. 9 MM 10 Bezahnung 11 Indiv. 12 Alter 13 Geschlecht 14 Pathologie

Der Brandopferplatz am Noafer Bühel#

Die Auffindung von menschlichen Knochenresten bei Brandopferplätzen ist eher selten. Bisher wurden im Südtiroler Raum nur am Rungger Egg und am Noafer Bühel menschliche Leichenbrandreste gefunden. Die archäologischen Befunde datieren die Knochen vom Noafer Bühel in die Frühe Eisenzeit (ca. 800-400 v. Chr., siehe dazu in diesem Band Beitrag von M. Mahlknecht). Insgesamt konnten aus den sechs archäologischen Fundbereichen 237 g menschliche Leichenbrandreste heraus gefiltert werden. Allerdings variiert das Gewicht pro Individuum leicht; der leichteste Leichenbrand wiegt 9 g und der schwerste 82 g. Anthropologisch bestimmt werden konnten die Reste von wahrscheinlich vier Männern und einer Frau, die ungefähr zwischen dem 19. und 40. Lebensjahr starben. Robustizität und Muskelmarkenrelief weisen daraufhin, dass die Frau sehr zart und die Männer mittel bis robust gebaut waren. Die Leichenverbrennung wurde recht gut beherrscht. Der Zustand der milchig bis hellgrau bis weißen Brandknochen, die vollkommen bis kreideartig verbrannt sind, ist ein Indiz dafür, dass die Verbrennung bei Temperaturen zwischen 550 und 700°C erfolgte. Die Fragmentierung der menschlichen Reste ist sehr gering, was - ebenso wie die erhaltenen Knochenpartien - vermuten lässt, dass größere Reste nach der jeweiligen Verbrennung eingesammelt und an einem anderen Ort bestattet wurden.

Natürlich muss die anthropologische Analyse bei Brandopferplätzen, wo Unmengen von Tier- und Menschenknochen lagern und bei Ausgrabungen nur Ausschnitte erforscht und geborgen werden, mit Vorbehalt betrachtet werden. Deshalb besteht das Hauptergebnis hier nicht in der Analyse des Leichenbrands von einer Frau und vier Männern, sondern im Nachweis einer bestimmten Menge von Menschenknochen, die belegen, dass Brandopferplätze häufig nicht nur der Opferung von Tieren und von diversen Gegenständen dienten, sondern auch als Verbrennungsort für die Toten (vielleicht auch nur für wenige hoch stehende Persönlichkeiten). An diesen »magischen Orten« war man den Göttern nahe, wollte sie durch Gaben milde stimmen und ihnen vielleicht gerade dort die »Seelen der Verstorbenen« anvertrauen.

Aber auch die Vermutung von Paul Gleirscher, dass neben Getreide - »zunächst in Krügen, später auch in Schalen, die ab dem 5. Jh. v. Chr. vielfach Votivinschriften tragen - [...] vornehmlich junge Haustiere, zu besonderen Anlässen sogar Menschen jeglichen Alters und beiderlei Geschlechts« geopfert wurden, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Brandopferplatz am Noafer Bühel
1 Schnitt 2 Schicht 3 Fnr. 4 Erhalten 5 Gewicht (g) 6 Farbe 7 Vb.-Stufe 8 Vb.-Grad 9 D.-Frag.(mm) 10 Frag-Stufe, 11 Rob. 12 MM 13 Bezahnung 14 Indiv. 15 Alter 16 Geschlecht 17 Bemerkung

Das Brandgräberfeld von Moritzing#

Insgesamt wurden die Reste von 17 Gräbern aus der frühen La-Tene-Zeit anthroplogisch analysiert. Zwei Gräber enthielten nur verbrannte Tierknochen (Grab 12 und 22); in weiteren drei Gräbern (Grab 3, 4 und 10) befanden sich nur wenige unbestimmbare menschliche Leichenbrandfragmente. Aus den übrigen zwölf Gräbern konnten 14 Individuen heraus gefiltert werden. Bei Grab 21 (19-40-jähriger Mann und 0-6-jähriges Kind) und 30 (19-4O-jährige Frau und 0-6-jähriges Kind) handelt es sich um Doppelbestattungsgräber.

Anthropologisch bestimmt werden konnten vier Männer, sechs Frauen und vier Subadulte. Alle Frauen und ein Mann starben im Alter zwischen 19 und 40, zwei Männer zwischen 31 und 40 und ein weiterer zwischen 51 und 60. Drei Kinder verstarben bis zum 6. Lebensjahr und eins zwischen sieben und zwölf Jahren. Die Frauen und Männer waren ihrem Erscheinungsbild nach eher grazil gebaut. Nur der Mann aus Grab 25 war von etwas robusterer Statur. Es handelt sich dabei auch um den Leichenbrand mit dem größten Gewicht: 316 g. Von den übrigen Bestattungen sind nur sehr geringe Leichenbrandmengen vorhanden. Die Bruchstücke der Leichenbrände sind klein bis sehr klein (unter 15 mm Größe), ihre Färbung reicht von blaugrau bis milchig-weiß und sie sind vollständig bis unvollständig verbrannt. Dies lässt auf Verbrennungstemperaturen zwischen 550 und 700 °C schließen. Da einige Leichenbrände verschollen sind, kann diese anthropologische Untersuchung nur als Teilergebnis verstanden werden. Es gelang damit jedoch, die archäologischen Ergebnisse (siehe Beitrag H. Steiner) zu bestätigen und zu untermauern. Darüber hinaus konnte ein tieferer Einblick in die Bestattungsbräuche der Menschen der frühen La-Tene-Zeit gewonnen werden, die im Gebiet des heutigen Moritzings lebten.

Brandgräberfeld von Moritzing
1 Grab-Nr. 2 Bezeichnung 3 Saccnr. 4 Erhalten 5 Gewicht (g) 6 Farbe 7 Vb.-Stufe 8 Vb.-Grad 9 D.-Frag.(mm) 10 Frag-Stufe 11 Rob. 12 MM 13 Bezahnung 14 Indiv. 15 Alter 16 Geschlecht 17 Bemerkungen

Die Körperbestattung aus einer Felsspalte bei Schloss Greifenstein#

10. - 21. März 1997 (Schnitt C aus Spalte)

Erhalten
Kalottenbruchstücke (Os frontale, Ossa parietalia, re Maxilla), li Femurkopf, li Cla- vicula, Hals- und Brustwirbelbruchstücke, eine Rippe

Körperbestattung aus einer Felsspalte bei Schloss Greifenstein
Körperbestattung aus einer Felsspalte bei Schloss Greifenstein

Sterbealter
Adult (25-35)
Geschlecht
Männlich
Pathologie
Cribra cranii, Porosierungen des harten Gaumens
BWK
leicht angeschärft

14. August 1997

Fundnr.
12, Schnitt C, Profilputzen
Erhalten
ein Halswirbel, ein Beckenbruchstück, Mittelhand- und Handwurzelknochen der rechten Hand
Anmerkung
eindeutig dem männlichen Individuum zuzuweisen

1997 wurden aus einer Felsspalte nahe Schloss Greifenstein menschliche Skelettreste geborgen (siehe Beitrag A. Torggler), die zeitlich wahrscheinlich zwischen dem 5. und 4-/3- Jh. v. Chr. einzuordnen sind und von einem sehr robusten Mann stammen, der zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr verstorben ist. Pathologische Veränderungen weisen unter anderem auf leichte Mangelerscheinungen hin. Von einer starken Beanspruchung des Achsenskeletts zeugen die leicht angeschärften Brustwirbelkörper.

Zwei Körpergräber aus einer Schlucht in der Nähe des Schwefelbades#

(Gemeinde Jenesien)

Grab-Nr.: 1#

Erhalten
Handwurzel- und Mittelhandknochen, ein Rippenbruchstück Sterbealter: nicht bestimmbar Geschlecht: nicht bestimmbar

Grab-Nr.: 2#

Erhalten
beinahe vollständig
(Schädelknochen von Bodensäuren angegriffen und z. T. aufgelöst)

Körpergrab aus einer Schlucht in der Nähe des Schwefelbades
Körpergrab aus einer Schlucht in der Nähe des Schwefelbades

Karies:#

Alveolarresorption
B (leicht)
Zahnsteinbesatz
A (schwach)
Sterbealter
Spätadult/Frühmatur (35-45)
Geschlecht
Weiblich
Körperhöhe
B: 153,5 cm (mittelgroß) 0:150,2 cm (untermittelgroß)
Pathologie
Cribra orbitalia: Stufe i (kleine Löcher), Porosierungen des harten Gaumens, Spondylosis deformans: HWS: Stufe 2 (Osteophyten bis 3 mm), Nucleus pulposus Hernien: Stufen a und b (sagittaler und transversaler Verlauf)
Orientierung
O-W

Körpergrab aus einer Schlucht in der Nähe des Schwefelbades
Körpergrab aus einer Schlucht in der Nähe des Schwefelbades

Aus der Schlucht in der Nähe des Schwefelbades (Gemeinde Jenesien) hat Jasmine Rizzi 1998 zwei Gräber archäologisch ausgegraben (siehe Beitrag J. Rizzi), die wahrscheinlich aus der Spätantike bzw. dem Frühmittelalter stammen. Die wenigen menschlichen Reste aus Grab i ließen keine anthropologische Analyse zu. In Grab 2 befand sich hingegen das vollständige Skelett einer 35-45 Jahre alten Frau. Ihre Körperhöhe betrug 150,2 cm. Am Zahnstatus ist festzustellen, dass zwei Zähne im rechten Unterkiefer Karies aufweisen, außerdem liegen eine leichte Alveolarresorption sowie schwacher Zahnsteinbesatz vor. Dem höheren Sterbealter entsprechend sind auch kleinere pathologische Defekte diagnostizierbar. Das seichte Netz von Löchern im Augenhöhlendach ist unter anderem auf Mangelerscheinungen (Vitamin-C Mangel, generelle Mangelernährung usw.) zurückzuführen. Die Einbrüche der knorpeligen Zwischenwirbelscheiben (Nucleus pulposus Hernien) weisen ebenso wie die Randzackenbildung von mehr als 3 mm an den Wirbelkörpern auf größere körperliche Belastungen zu Lebzeiten hin.

Tabellen zu Grab 2
Tabellen zu Grab 2