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Die frühen Kelten aus der Sicht der Anthropologie#


Von

Silvia Renhart

Aus: Johannes Wolfgang Neugebauer. Die Kelten im Osten Österreichs. Niederösterreichisches Pressehaus St. Pölten-Wien, 1992.


Die Rettungsgrabungen im Unteren Traisental, durchgeführt von der Abteilung für Bodendenkmale des Bundesdenkmalamtes unter der Leitung von Univ.-Doz. Dr. J.-W. NEUGEBAUER, brachten seit 1981 große Siedlungen und Gräberfelder verschiedener Epochen, so auch der Eisenzeit, zutage. Dies war nicht nur für die Archäologie, sondern auch für die Anthropologie ein Anstoß, sich mit den „Kelten" auseinanderzusetzen.

Nach dem Forschungsstand von 1959 von EHGARTNER und JUNGWIRTH waren 30 latenezeitliche Individuen bekannt, von denen lediglich 18 ausgewertet und von 9 bloß einige Maße aufgezeichnet worden waren. Bis heute wurden bereits mehr als 450 Skelette einer anthropologischen Untersuchung unterzogen, wobei es im Rahmen einer Dissertation mit dem Titel „Zur Anthropologie der frühlatenezeitlichen Bevölkerung Ostösterreichs" erstmals möglich war, umfangreichere frühlatenezeitliche Gräberfelder aus Niederösterreich und dem Burgenland anthropologisch zu untersuchen. Für diese Arbeit standen insgesamt 224 Körper- und 57 Brandbestattungen folgender Fundorte zur Verfügung: Franzhausen, Mannersdorf, Pöttsching, Karlsbach, Fischamend-Markt, Göttlesbrunn, Au/L., Brunn a. d. Schneebergbahn, Neufeld, Kleinhöflein, Pötteisdorf, Donnerskirchen, Winden, Jois und Neusiedl/See.

Der Großteil der Bestattungen wies eine S-N- bzw. SSW-NNO-Orientierung auf, die Totenhaltung war durch die gestreckte Rückenlage bestimmt. Der Erhaltungszustand der Skelette ist allgemein als schlecht zu bezeichnen, was wohl zum Großteil auf die Aggresivität der Säuren im Erdreich zurückzuführen sein wird. Als Träger der Latenekultur wurden keltische Stämme genannt. Sie stellten, ebenso wie die Griechen des Altertums, kein „Volk" in unserem Sinne dar, gab es doch bei ihnen weder eine „nationale Einheit" noch eine politische Geschlossenheit. Ihre Gemeinsamkeiten lagen in der Sprache, der Religion und der materiellen Kultur, wobei sich auch hier immer wieder lokale Eigenheiten zeigten. In historischen Berichten werden keltische Stämme als Menschen mit goldblondem Haar und milchigweißer Haut beschrieben. Im Gegensatz dazu besteht die Auffassung, die heute in England von einem sogenannten Celtic type verbreitet ist: kleine Menschen mit dunklem Haar.

Das äußere Erscheinungsbild vermag die physische Anthropologie anhand von osteologischem Material zwar nicht mehr zu rekonstruieren, jedoch ist es mit verschiedenen Untersuchungsmethoden unter anderem möglich, Erkenntnisse bezüglich Geschlechterrelation, Altersverteilung, durchschnittliche Lebenserwartung, Kleinkindersterblichkeit, Populationsgröße, Sterblichkeitsraten sowie des morphologischen Erscheinungsbildes, der Ähnlichkeitsbeziehungen mit anderen Bevölkerungen und des Gesundheitszustandes zu erfassen. Für die Fundorte Franzhausen und Mannersdorf trifft der Terminus „gemischtbelegte" Friedhöfe zu, worunter die Koexistenz von Körper- und Brandbestattungen zu verstehen ist.

Innerhalb der Gruppe der Brandbestattungen ist zwischen Urnen- und Brandschüttungsgräbern zu unterscheiden. Bisherige Erfahrungen zeigen, daß diese beiden Formen allein meist keine sozialen Unterschiede belegen. Denkbare Motivationen des Nebeneinander dieser beiden Bestattungsformen auf einem Gräberfeld könnten, wie aus ethnologischen Quellen ersichtlich, eventuell soziale Faktoren wie Alter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, sozialer Status, bestimmte Krankheiten oder Todesarten, Jahreszeit des Todes, Abstammung sowie ethnische oder rassische Zugehörigkeit des Verstorbenen sein. Als besonders auffällig erwies sich jedoch für beide Bestattungsarten die sehr geringe Zahl von subadulten Individuen. Es konnten insgesamt nur 3 Säuglinge (1,2%) und 50 Subadulte (19,2%) diagnostiziert werden, wobei im Normalfall bei prähistorischen Populationen mit einer Säuglingssterblichkeil von 20% und einer Kindersterblichkeit von ca. 50-60% zu rechnen ist.

Hier ist wahrscheinlich mit besonderen Bräuchen, die das „Kinderdefizit" erklären, zu spekulieren, wie z. B. soziale Stellung der Familie, besondere Todesarten oder Sonderstellungen, die diese in prähistorischen Bevölkerungen möglicherweise einnahmen. Natürlich sind auch Faktoren wie Erosion und „Pflug" zu berücksichtigen, da Kindergräber meist seichter angelegt wurden. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug bei der Geburt für den ostösterreichischen Raum 26,2 Jahre und weist damit eine gute Übereinstimmung mit dem Untersuchungsergebnis vom Dürrnberg bei Hallein mit 26,3 Jahren auf (SCHWIDETZKY 1978).

Die höchste Sterbefrequenz liegt im adulten Bereich (Abb. 53), wobei hier ein besonders großer Anteil adult verstorbener Frauen auffällt, der wahrscheinlich auf die mit den Geburtskomplikationen zusammenhängenden Belastungen zurückzuführen ist. Denn ab dem 35. bis 40. Lebensjahr steigt die Lebenserwartung deutlich an und ist mit dem Ende der reproduktiven Phase erklärbar. Das Verhältnis der Anzahl der Männer- zu den Frauenbestattungen ist zumindest für Franzhausen als relativ ausgeglichen zu bezeichnen (1:1,3), während hingegen für Mannersdorf (1:2,3) und Pöttsching (1:2,9) der Terminus „gemischtgeschlechtliche Frauenfriedhöfe" (WAHL 1988) zuzutreffen scheint. Gründe für das Überwiegen der weiblichen Bestattungen sind möglicherweise in der hohen Frauensterblichkeit im gebärfähigen Alter oder etwa der größeren Anzahl an auswärts bestatteten Männern (Krieger, Händler usw.) und unter anderem auch in der geringeren Resistenzfähigkeit von männlichen Kleinkindern zu suchen.

Weiters wurden an demographischen Daten auch die Populationsgröße und die Mortalitätsrate berechnet. Unter „Populationsgröße" ist die Anzahl der gleichzeitig Lebenden, unter „Mortalitätsrate" die Zahl der jährlich Verstorbenen in bezug auf 1000 Individuen zu verstehen. Dabei wurde für Franzhausen eine Populationsgröße von 58 und eine Mortalitätsrate von 26, für Mannersdorf 34 und 31 sowie für Pöttsching 12 und 34 Individuen ermittelt.

Abb. 53: Sterbefrequenz
Abb. 53: Sterbefrequenz (dx), korrigiert, der latenezeitlichen Nekropolen Franzhausen und Mannersdorf a. L, NO, Pöttsching, Bgld. und Dürrnberg bei Hallein, Salzburg (gez. S. Renhart).

Der „männliche morphologische Durchschnittstypus" der ostösterreichischen Latenezeit weist einen mittellangen, schmalen, mittelhohen bis hohen, seinem Längen-Breiten-Index nach dolichokranen Schädel auf. Das Gesicht ist hochschmalförmig, die Orbitae sind eng und niedrig bis mittelhoch, während die Nase hoch und breit und nach dem Nasalindex als mesorhin zu werten ist. In der Oberansicht weisen die männlichen Schädel gleich häufig eine pentagonoide wie auch eine spheroide Umrißform auf.

Der Hirnschädel der weiblichen Individuen ist im Durchschnitt lang, mittelbreit, mittelhoch bis hoch und seinem Längen-Breiten-Index nach dem mesokranen Bereich zuzuordnen. Das Gesicht ist wie bei den Männern hochschmalförmig, die Orbitae sind eng und mittelhoch, die Nase ist mittelbreit und sehr hoch und nach dem Nasalindex der Kategorie leptorhin zuzuweisen. Ihrer Form nach sind die weiblichen Schädel in der Aufsicht pentagonoid mit schwach bis mittel betonten Tubera parietalia.

Die durchschnittliche Körperhöhe der Männer beträgt nach BREITINGER (1937) 169,2 cm und die der Frauen nach BACH (1965) 159,2 cm. Bisherige Forschungen ergaben sowohl für Süd- und Westdeutschland, welches in der Eisen- und Römerzeit überwiegend keltisch besiedelt war, als auch für den südwestslowakischen und ungarischen Raum eine weitgehende typologische Heterogenität. Allgemein wurde festgestellt (SCHWIDETZKY 1979), daß innerhalb des anthropologischen Materials Mitteleuropas engere ethnische Beziehungen, wie sie sich für das Neolithikum und die Bronzezeit noch klar abzeichneten, fehlten. Der festgestellte Trend zur „Anähnlichung" der europäischen Bevölkerung setzt sich in der Eisenzeit fort und ist auf die zunehmende Bevölkerungsmischung zurückzuführen.

Abb. 54: Früh- bis mittellatenezeitliche Trepanationen
Abb. 54: Früh- bis mittellatenezeitliche Trepanationen: 1 und 2 Guntramsdorf, NO, Grab 6, Schädel eines männlichen Individuums mit einfacher Trepanation; 3-5 Katzelsdorf, NO, Grab 1, Schädel eines männlichen Individuums mit Dreifachtrepanation; 6 Trepanationstechniken: Schabtrepanation, Sägetrepanation und einfache sowie dreifache Bohrtrepanation.
Fotos: NHM Wien, M. Teschler-Nicola; Zeichnung: K. Repp.

Bei einem Vergleich der gewonnenen Daten mit jenen Mitteleuropas zeigt sich, daß die Männer Ostösterreichs den Männern vom Dürrnberg am ähnlichsten sind, während die Frauen größere Ähnlichkeiten mit dem südwestslowakischen Material aufweisen. Im großen und ganzen bestätigt sich auch hier eine weitgehende typologische Heterogenität und ein Kontinuum der eisenzeitlichen Bevölkerung.

Aufgrund von Ähnlichkeitsvergleichen (Serion, STADLER 1990) verschiedener Merkmalssysteme wurde versucht, Verwandtschaftsgruppen innerhalb der Gräberfelder herauszufinden.

Basierend auf der Erkenntnis, daß die räumliche Nähe von Gräbern Hinweise auf verwandtschaftliche Beziehungen bieten könne, wurden sich ergebende Gruppierungen näher untersucht. In Franzhausen konnten deutliche Gruppen abgegrenzt werden. So kann unter anderem eine „Verwandtschaft" zwischen den Gräbern 73, 79 und 80, zwischen 79 und 81 sowie zwischen den Individuen aus Grab 202 und 203, weiters zwischen Grab 125 und 126 und zwischen den Gräbern 300 und 329/I wahrscheinlich gemacht werden. Innerhalb des Gräberfeldes von Mannersdorf zeigen sich unter anderem Übereinstimmungen zwischen den Gräbern 106, 124 und 174 sowie zwischen 37 und 39 und zwischen 176, 177, 178,179 und 180. Sehr ähnlich sind einander die Individuen aus Grab 26, 18 und 21 von Pöttsching sowie jene aus Grab 16, 20/I und 21.

Wichtige Hinweise auf die Lebensumstände prähistorischer Populationen vermögen auch Kenntnisse des Klimas, der Ernährungsweise sowie pathologischer Veränderungen am Knochenmaterial zu geben.

Die Analyse der Tierknochen (in dankenswerter Weise von E. KANELUTTI durchgeführt) ergab, daß als Fleischbeigabe das Schwein, gefolgt von Rind und Huhn, am beliebtesten war. Es zeigte sich, daß der Wildtieranteil an der Nahrung sehr gering war und sich die Lebensweise wahrscheinlich hauptsächlich auf Produkte intensiven Ackerbaus und der Viehzucht stützte.

Ungünstige klimatische Bedingungen können sich auf den Gesundheitszustand einer Bevölkerung auswirken und Mangelerkrankungen, die besonders im Kindesalter auftreten, hervorrufen. So konnte z. B. ein starker Wurmbefall, welcher sowohl durch unhygienische Verhältnisse als auch durch ein feuchtwarmes Klima begünstigt wird, in den prähistorischen Exkrementen der Bergleute von Hallstatt und Hallein nachgewiesen werden (SCHWIDETZKY 1978). Das Paläoklima der frühen Latenezeit dürfte ein relativ trockenes Wetter mit Durchschnittstemperaturen ähnlich den heutigen gewesen sein. Dies könnte, abgesehen vom Erhaltungszustand und dem Kinderdefizit, eine Erklärung für das relativ seltene Auftreten von Mangelerkrankungen im frühlatenezeitlichen Material Ostösterreichs sein. Weiters konnten, neben geringem Kariesbefall (22,2%), abnützungs- und altersbedingte degenerative Erkrankungen der Gelenke, Frakturen, Myositis ossificans localisata, Osteomyelitis, Periostitis ossificans, osteolytische Metastasen sowie Trepanationen belegt werden.

Um eine Sonderbestattung handelt es sich wahrscheinlich bei der Frau von Pöttsching, Grab 26. Dafür sprechen das beigegebene Amulett und das Krankheitsbild der Periostitis ossificans.

Obwohl pathologisch unauffällig, ist möglicherweise auch die Frau aus Franzhausen, Grab 59, als Sonderbestattung anzusprechen, kann doch den beigegebenen „Hasenpfoten" durchaus der Charakter eines Amulettes zugesprochen werden.

Eine weitere Besonderheit stellt das Auftreten von Trepanationen dar. Dabei handelt es sich um operative Eingriffe am Hirnschädel, welche sowohl mit Hilfe eines Trepans, also eines Kernbohrers, der aus einem Hohlzylinder mit gezähnter runder Schneide sowie aus einem in der Bohrachse liegenden vorspringenden Dorn besteht, als auch mit einer Ahle, Pfriem oder Messer durchgeführt wurden. Auf unserem Gebiet sind bisher insgesamt 13 latenezeitliche Individuen mit Trepanationen unterschiedlichster Art und Anzahl bekannt:

Anzahl der Individuen und TrepanationsartFundort und Grabnummer
3 BohrtrepanationenGuntramsdorf 5 und 29
Katzelsdorf 1
1 Bohr- (?) oder SchnittrepanationDürrnberg 243a (?)
2 SchabtrepanationenDürrnberg VI
Klein Reinprechtsdorf
1 Schnitt-Trepanation (chirurgische Trepanation)Franzhausen 7
5 Symbolische Trepanationen
3 in Schabetechnik ausgeführt
Franzhausen 73
Mannersdorf 31
Göttlesbrunn
2 „Einritzungen"Franzhausen 329/II
Mannersdorf 176
1 Symbolische (Schabetechnik)
Trepanation und Bohrtrepanation
Guntramsdorf 6

3 Schädel von Guntramsdorf weisen 5 Bohrtrepanationen auf (URBAN-TESCHLER-NICOLA-SCHULTZ 1985).

Abb. 55
Abb. 55: 1 Franzhausen, NO, Grab Verf. 73, Schädel einer senilen Frau mit "symbolischer Trepanation"; 2 Mannersdorf a. L, NO, Grab 31, Schädel eines 35-45jährigen Mannes mit „symbolischer Trepanation"; 3 Franzhausen, NO, Grab Verf. 329/1, Schädel eines 2-3jährigen Kindes mit „Einritzungen" mit Hilfe eines Trepanationsinstrumentes; 4 Pottenbrunn, SG. St. Polten, vermutlich als therapeutische Maßnahme Anschleifen des Halsbereiches eines Schneidezahns einer Frau.
Fotos: S. Ftenhart und Chr. Neugebauer-Maresch.

Die Schädelfragmente aus Grab 5 (männlich?) sind zwar verschollen, doch geben die Beschreibungen von F. WIMMER (1930) bekannt, daß eine einfache kreisförmige und eine mehrfache Bohrung vorliegen. Der Mann (30 bis 35 Jahre) aus Grab 6 besitzt eine sogenannte partielle Schabtrepanation, eine einfache und eine dreifache, kleeblattförmige Bohrtrepanation (Abb. 54/1 und 2). Der Schädel des Jugendlichen aus Grab 29 weist eine zweifache und der des Mannes aus Katzelsdorf, Grab 1, eine begonnene, aber nicht zu Ende geführte dreifache, kleeblattförmige Bohrtrepanation auf (Abb. 54/3-5). Von den insgesamt 6 operativen Eingriffen sind an drei Heilungsspuren festzustellen. Der Bereich der Dreifach-Trepanation aus Guntramsdorf, Grab 6, ist entzündlich verändert und läßt den Schluß auf eine nur kurze Überlebenszeit zu. Sofort letal dürften die

beiden Trepanationen von Guntramsdorf 29 und Katzelsdorf 1 geendet haben. Die Frage nach den Ursachen dieser operativen Eingriffe kann nur im Fall von Guntramsdorf 29 und Katzelsdorf 1 mit einer „posttraumatischen Osteitis oder Osteomyelitis" beantwortet werden. Die übrigen ein-, zwei- und dreifachen Bohrtrepanationen, die mit zumindest drei unterschiedlich dimensionierten Trepanen (Durchmesser 15, 17 und 19 bis 20 mm) vorgenommen wurden, dienten vermutlich therapeutischen Zwecken.

Die Besonderheit der Trepanationen von Guntramsdorf und Katzelsdorf liegen darin, daß sie die einzigen bekannten Schädelöffnungen innerhalb der keltischen Welt sind, die mit einem Kernbohrer durchgeführt wurden (URBAN-TESCHLER-NICOLA-SCHULTZ 1985, 93). Sie sind vielleicht auch das Zeichen der Tätigkeil eines in der griechischen Heilkunst bewanderten keltischen Arztes (oder sogar eines griechischen Wanderarztes), der, mit einem griechischen ärztlichen Instrumentarium ausgerüstet, im nordwestlichen Teil des Karpatenbeckens, dem südlichen Wiener Becken, praktizierte (URBAN-TESCHLER-NICOLA-SCHULTZ 1985, 98). Da die Überlebenschancen bei einer Bohrtrepanation im Vergleich zur Schabtrepanation (73% !) äußerst gering waren, konnte sich diese neue Technik wohl nicht durchsetzen.

Eine vermutlich in Schabtechnik ausgeführte Trepanation am Scheitelbein eines männlichen Individuums vom Dürrnberg, Grab VI, wurde schon 1932 von H. POCH (KLOSE-PÖCH 1932) beschrieben. Die Ursache für diesen Eingriff, den der Mann einige Zeit überlebt haben dürfte, kann auf eine Läsion der Tabula interna als Folge eines tumorartigen Neugebildes der harten Hirnhaut zurückgeführt werden.

Vom Dürrnberg liegt eine weitere - bislang noch unpublizierte - Trepanation vor. Bestattung 243a, ein 19- bis 22jähriger Mann, der eine Bohr- (?) oder eine Schnitt-Trepanation nur kurze Zeit überlebte (HAHNEL-GROSSCHMIDT-WINKLER 1991).

„Symbolische Trepanationen" treten an den Schädeln von Franzhausen 73 (Abb. 55/1), Mannersdorf 31 (Abb. 55/2) und Göttlesbrunn auf. Unter symbolischen Trepanationen (BOEV 1968) ist eine zu Lebzeiten ausgeführte Operation am Schädeldach zu verstehen, die durch die Diploe nicht hindurchgeht und die Lamina interna nicht angreift. Sie wurden wahrscheinlich im Sinne einer Heilbehandlung vorgenommen, der bestimmte magisch-religiöse Vorstellungen zugrunde lagen. Diese Trepanationen weisen die typisch grubenförmige Struktur und die mit verschiedenen Steilheitsgraden ausgestatteten Böschungsflächen sowie die charakteristischen geglätteten Ränder und Defektböden auf.

An zwei weiteren Schädeln - Franzhausen 329/1 (Abb. 55/3) und Mannersdorf 176 - konnten nahezu kreisrunde, mit Heilungsspuren versehene Eintiefungen unterschiedlichen Grades festgestellt werden. Dabei scheint es sich um „Einritzungen" zu handeln, die mit Hilfe eines Trepanationsinstrumentes (Ahle, Pfriem) vorgenommen worden sind.

Eine chirurgische Trepanation (Schnitt-Trepanation) wurde am Schädel des Kriegers von Franzhausen 7 durchgeführt. An dessen Schädel sind lochförmige Läsionen unterschiedlicher Größe sichtbar. Die Ränder der „Öffnungen" sind teils abgerundet, teils scharfkantig begrenzt. Sie bilden eine Hohlkehle, das heißt, die

Tabula externa und die Tabula interna „überragen" die Diploe, deren Spongiosastruktur verstrichen ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden diese Läsionen durch osteolytische Metastasen verursacht. Der Turgorverlust der Haut führte wohl zu Dellenbildungen an der Schädeloberfläche. Im Bereich solcher Dellen an den Ossa parietalia kam es zu dem operativen Eingriff. Wiederum lassen die Spuren auf ein Trepanationsinstrument schließen, mit dem die „kariösen" Läsionsränder weggeschnitten bzw. weggekratzt wurden. Heilungsspuren zeugen von einer geglückten Operation.

Dieser Eingriff sowie die durch die lange Krankheit gewiß notwendig gewordene soziale Fürsorge seitens der Mitglieder der Gemeinschaft und nicht zuletzt die reiche Grabausstattung deuten nicht nur auf eine hohe soziale Stellung dieses Mannes hin, sondern auch auf gute medizinische Kenntnisse und eine komplexe Sozialorganisation.