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Gräber - Schweigsame Zeugen?#

Gräberfunde in Linz#


Von

Silvia Renhart

Aus: Fundberichte aus Österreich. Materialhefte. Hg.: Bundesdenkmalamt Abteilung für Bodendenkmale. Reihe A, Sonderheft 8. Wien 2009. (Landhaus und Promenade in Linz)


Gräber im Minoritenhof des Landhauses bei der Freilegung.
Abb. 53: Gräber im Minoritenhof des Landhauses bei der Freilegung.

Gräber mögen für den Laien schweigen, doch für Fachleute vermögen sie zu sprechen. Sie verraten nicht nur durch ihre Lage, Ausrichtung, Beigaben, Grabanlage und dergleichen etwas über den oder die Menschen, die hier bestattet wurden beziehungsweise bestattet haben. Es geht sogar soweit, dass wir heute wie durch ein „Zeitfenster" in die Vergangenheit blicken, durch sie gleichsam mit unserer Vergangenheit kommunizieren. Doch was vermögen uns die Gräber rund um die Minoritenkirche in Linz zu sagen?

Die Gräber lagen tief unter der Erde, an einem Ort, an dem niemand mehr an sie dachte - dem Landhaus. Nur Fachleute vermuteten im Bereich des alten Klosters der „Minderen Brüder des hl. Franz von Assissi" eine Begräbnisstätte der Mönche. Bereits bei der Bergung fiel den Archäologen aber auf, dass sie es nicht nur mit Männern zu tun hatten, sondern dass auch Kinder bestattet worden waren - sogar Frauen ließen sich nicht ausschließen. Das bedeutet, dass der Friedhof rund um die Klosterkirche im 13. und 14. Jahrhundert auch als Bestattungsort für „einfache Bürger" genutzt worden ist. Erst der Wandel im Glauben - an die Auferstehung des Fleisches - brachte ein Schwinden der Angst vor den Toten. Die bis dahin stets außerhalb der Siedlungen angelegten Friedhöfe wurden nun innerhalb derselben angelegt. Bedeutende Persönlichkeiten sowie der Klerus fanden auch in den Kirchen - möglichst in Altarnähe - ihre letzte Ruhe, während das Volk außen rund um die Kirche bestattet wurde, wobei auch hier die Nähe zur Mauer oft der gesellschaftlichen Position entsprach.

Geschlechterverhältnis der Bestattungen vom Minoritenhof und der Landhausdurchfahrt.
Abb. 54: Geschlechterverhältnis der Bestattungen vom Minoritenhof und der Landhausdurchfahrt.

Die „Knochenarbeit" der Anthropologen bringt immer wieder überraschende Erkenntnisse. Bei den 18 Gräbern der Grabung handelt es sich um 15 Einzel- und 3 Doppelbestattungen von insgesamt 14 Männern (66,7 %), 4 Frauen (19,1 %) und 3 Kindern beziehungsweise Jugendlichen (Subadulte; 14,2 %). Kindergräber sind auf Mönchsfriedhöfen keine Seltenheit, da Knaben schon sehr früh in Klöster aufgenommen wurden. Nur Frauen waren in Männerklöstern absolut unüblich. Es fällt auf, dass die Frauen nahe zusammen im Bereich eines Gebäudeteils an der südlichen Außenmauer bestattet wurden und zwei der drei Kinder ebenfalls dort liegen. Nur ein Kind wurde gemeinsam mit einem Mann weiter davon entfernt begraben. Die genauen Altersanalysen zeigen bei den Subadulten, dass sie zwischen dem 8. und dem 12. Lebensjahr verstorben sind. Bei den Erwachsenen ist die Anzahl der Verstorbenen in den „höheren Sterbealtersklassen" sehr hoch. Das bedeutet, dass auf diesem Friedhof eine große Anzahl an betagten Menschen ihre letzte Ruhe fand. 53,6 % der Männer und 62,5 % der Frauen verstarben zwischen dem 41. und dem 60., 39,3 % der Männer und 12,5 % der Frauen zwischen dem 6l. und dem 80. Lebensjahr. Derselbe Trend ist auch unter den Individuen, die aus dem Knochenkonvolut rekonstruiert werden konnten, zu beobachten. Dies erscheint uns heute als „normal", doch war das Erreichen eines so hohen Alters im Mittelalter bei weitem noch nicht üblich. Auch heute noch liegt das durchschnittliche Sterbealter in manchen Gegenden der Welt unter 40 Jahren.

Verteilung des Sterbealters der untersuchten Individuen.
Abb. 55: Verteilung des Sterbealters der untersuchten Individuen.

Eine zentrale Frage bei der wissenschaftlichen Bearbeitung von Gräberfeldern ist das einstige Erscheinungsbild der Bestatteten. Man findet in einzelnen Bevölkerungen eine bunte Mischung verschiedener Formen und Merkmalsausprägungen. Um den eine Bevölkerung letztendlich wissenschaftlich charakterisierenden Durchschnittstypus erfassen zu können, bedarf es vieler gut erhaltener Skelette. Im vorliegenden Material setzen diesbezüglich jedoch schon die geringe Menge und der Erhaltungszustand Grenzen.

Nur zwei Männer- und ein Frauenschädel waren metrisch fassbar. So können hier nur die Individualdaten dieser Menschen wiedergegeben werden, die durchaus in das bislang für diese Zeit erforschte Bild passen. Der Schädel des Mannes aus Grab 7 ist kurz, breit, niedrig und dem Längen-Breiten-Index nach „hyperbrachykran", während der Schädel des Mannes aus Grab 17 kurz, mittelbreit, niedrig und „brachykran" ist. Während diese also eher kurz-breitköpfig sind, ist der weibliche Schädel aus Grab 5 mittellang, schmal, niedrig und „mesokran".

Grab 8 im Minoritenhof.
Abb. 56: Grab 8 im Minoritenhof.
Verteilung der Körperhöhe der untersuchten Individuen.
Abb. 57: Verteilung der Körperhöhe der untersuchten Individuen.

Zur Ermittlung der Körperhöhen kamen die Überreste von 11 Männern und allen 4 Frauen in Frage. Im Durchschnitt waren die Männer 168,3 cm (übermittelgroß; Variationsbreite 158,7-194,1 cm) und die Frauen 157,4 cm groß (übermittelgroß; Variationsbreite 153,2-160,8 cm). Besonders fällt der Mann aus Grab 3/II mit seiner Körperhöhe von 194,1 cm auf. Körperhöhe und Körperbau weisen ihn als besonders „stattliche und überragende" Erscheinung aus.

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass die Männer ihrem Körperbau nach als „sehr robust" bezeichnet werden können. Auch bei den weiblichen Bestattungen zeigt sich eine Tendenz zum „robusten" Körperbau. Der Unterschied zwischen den Körperhöhen der Geschlechter (Geschlechtsdimorphismus) ist mit 93,5 % markant. Zum Vergleich: Heute beträgt die Körperhöhe der Frauen etwa 96 % der männlichen Körperhöhen.

Die unmittelbar benachbarten und gleich orientierten Gräber 17 und 18 an der südlichen Außenmauer der Landhauskirche.
Abb. 58: Die unmittelbar benachbarten und gleich orientierten Gräber 17 und 18 an der südlichen Außenmauer der Landhauskirche.

Bei der Hälfte der Männer ist eine ausgeprägte „Reiterfacette" zu beobachten. Das bedeutet, dass die Gelenkfläche des Oberschenkelkopfes in Richtung des Oberschenkelhalses erweitert ist. Als Ursache kommt hierfür die häufige Belastung des Hüftgelenks in Beuge- und Abspreizstellung, wie es beim Reiten der Fall ist, in Frage.

Besonders interessiert stets der Gesundheitszustand einer historischen Bevölkerung. Hier ist vor-derhand gleich festzuhalten, dass Spuren von Verletzungen, die auf Gewaltanwendung zurückzuführen sind, fehlen. Im Zahn- und Kieferbereich ist kaum Karies festzustellen. Einzig Alveolarresorption und Zahnsteinbesatz sind beträchtlich. Einige Individuen weisen Spuren leichter Mangelernährung auf, die durchaus im normalen Rahmen liegen. Beträchtlicher ist die Manifestation von alters- und abnutzungsbedingten Wirbelsäulenveränderungen. Bei zwei Männern treten Frakturen auf: Beim Mann aus Grab i sind an den Knochen des linken Ellbogens Frakturlinien festzustellen, deren unregelmäßige Verheilung infolge unsachgemäßer Behandlung und vorzeitiger Belastung wohl eine Bewegungseinschränkung bedingte. Im Bereich des rechten Unterschenkels und Fußes des Mannes aus Grab 15 weisen die Spuren auf eine ehemalige Bruch-Quetsch-Verletzung hin.

Bei dem 51- bis 7O-Jährigen aus Grab 18 sind an den Langknochen der unteren Extremitäten lineare, streifige Knochenauflagerungen feststellbar. Die Ursache dafür lag eventuell in schmerzhaften Schwellungen im Diaphysenbereich. Hierbei könnte es sich um eine hypertrophische pulmonäre Osteoarthropathie handeln, die in Verbindung mit einer chronischen Erkrankung der Lunge gestanden hat. Dafür sprächen auch die auftretende Cribra cranii, die Porosierungen am harten Gaumen sowie die arthrotischen Veränderungen an der Wirbelsäule. Insgesamt zeigt sich das Bild einer langlebigen, von schweren Krankheiten und großen Versorgungsengpässen verschont gebliebenen Menschengruppe.