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Gibt es einen Kelten-Code? (Essay)#

Georg Rohrecker

Leonardo da Vinci war ein Genie. Doch die Kunst, brisante Botschaften verschlüsselt in „harmlosen“ Kunstwerken unterzubringen, hatten schon Jahrtausende vor ihm unsere keltischen Urahnen zu einer verblüffenden Meisterschaft entwickelt. Allein mit der Kunstfertigkeit ihrer Rede hatten sie ihre antiken Zeitgenossen zur Weißglut gebracht.

Der griechische Geschichtsschreiber Diodor, der zur Zeit Cäsars in Rom lebte, nahm die keltischen Druiden z. B. als „einschüchternd und hochmütig“ wahr und stellte verärgert fest, dass sie zwar wenig reden, wenn aber einmal, dann in unverständlichen Rätseln und Hyperbeln (übertreibenden Bildern).

Aus religiösen und pädagogischen Gründen war bei den Kelten die Schrift mit einem Tabu belegt, von dem es nur für Händler und Priester Ausnahmen gab.

Das gemeinsame Wissen war für Außenstehende unlesbar in den Köpfen der Eingeweihten aufgehoben. Und anstelle von schriftkundigen Schreibtischtätern brachte diese Kultur – von Römern und Griechen beneidete und angefeindete – Künstler des Wortes hervor sowie eine bildhafte Sprache, die sich in verschlüsselten Symbolen, quasi in einem eigenen „Kelten- Code“, ausdrückte. Die Kunst der magisch beschwörenden Rede, der nur Eingeweihten verständliche Code und seine laufende Anwendung waren ein starkes gesellschaftliches Bindeglied, für das es einen eigenen Heros gab, nämlich Ogmios, der von den Römern mit Herkules und Merkur vermischt wurde.

Die geheimnisvollen Worte sind zwar längst verhallt, doch die Codierung mittels blühender Symbolik hat sich auch in der weniger vergänglichen Bildsprache keltischer Kunstwerke erhalten. Vom großen Prunkwagen bis zum kleinen Achsnagel, von derwertvollen Schnabelkanne bis zu Gegenständen des täglichen Lebens, wie Fibeln oder Geschirr: die kunstvoll bearbeitete Hinterlassenschaft unserer keltischen Ahnen ist übersät mit rätselhaft verschlüsselten Botschaften, die bislang nicht oder zumeist falsch interpretiert worden sind. Zwar wäre deren Auflösung – gemäß der aufmunternden Redewendung keltischer Sagen – „ganz leicht“! Wenn bloß nicht die klassisch-humanistische Bildung mit dem dafür wenig tauglichen „Römerblick“ die Sicht verstellen würde …

Nur ein Beispiel dafür finden wir in der Schnabelkanne vom Dürrnberg vor: ein Meisterwerk des keltischen Kunsthandwerks, berühmte Trägerin einer zentralen, in reicher Symbolik dargestellten keltischen Botschaft! Es geht klar um den Kern des keltischen Mythos, um das weibliche Prinzip im Kreislauf des ewigen Lebens, um Geburt – Tod – (irdische!) Wiedergeburt! Was lesen uneingeweihte Gelehrte: Drei Göttermänner spielen „Fressen und gefressen werden“! Die Zahlen drei, fünf und neun nicht decodiert, die gebärende Vulva nicht erkannt, das Sakrileg umgangen – den Kelten- Code nicht kapiert!


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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