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Im Rosengarten von Klostermarienberg#

Der Mönchsfriedhof#


Von

Silvia Renhart

Aus: 800 Jahre Zisterzienser im Pannonischen Raum. Katalog der Burgenländischen Landes-Sonderausstellung 1996. Burgenländische Forschungen. Sonderband XVIII. Hg.: Amt der Burgenländischen Landesregierung, 1996.


Seit Menschen auf dieser Erde leben, haben sie das Bedürfnis ihre Toten zu begraben. Die Seßhaftwerdung bedingte auch erstmals das Anlegen von Gräberfeldern, auf denen alle Verstorbenen der Gemeinschaft beigesetzt wurden. Diese befanden sich meistens außerhalb der Siedlungen, da, trotz der Vertrautheit mit dem Tod, die Toten gescheut wurden. Erst mit der zunehmenden Christianisierung trat ein Wandel ein. Der Glaube an die Auferstehung des Fleisches brachte ein Schwinden der Angst vor dem Toten mit sich und die Friedhöfe (vom althochdeutschen Wort „friten" = hegen) wurden innerhalb der Siedlungen angelegt. Gehobenere Persönlichkeiten sowie der Klerus fanden in den Kirchen - möglichst in Altarnähe - die letzte Ruhe. Das Volk mußte sich mit Gräbern außen um die Kirche begnügen. So entstand der mittelalterliche Kirchhof, der in das alltägliche Leben miteinbezogen wurde. Klosterfriedhöfe wurden im Mittelalter oft auch als „Rosengarten" bezeichnet. Denn Atrium und Kreuzgang von Klöstern und Kirchen waren meist mit Rosen bepflanzt, so daß die hier Bestatteten „im Rosengarten" lagen. Immer wieder erscheint die Rose auch in Sagen und Legenden in Verbindung mit Sterben, Tod und Grab, insbesondere auch als Grabbepflanzung - nicht zuletzt, weil Rosen auf das Himmelreich hindeuten. Ob die Mönche von Klostermarienberg auch in einem Rosengarten bestattet wurden, kann heute nicht mehr eindeutig bewiesen werden, denn schriftliche Überlieferungen sind rar. Auch über die Herkunft und das Aussehen dieser frommen Männer ist so gut wie nichts bekannt. Lediglich den strengen Ordensregeln der Zisterzienser entnimmt und erahnt man die spartanische und entbehrungsreiche Lebensweise der Ordensmitglieder. Ein ärmliches, hartes und nur auf Gott ausgerichtetes Leben kennzeichnete ihr Dasein.

Um mehr über diese Menschen zu erfahren, bedienen wir uns verschiedener wissenschaftlicher Methoden. Mit Hilfe der Anthropologie versuchen wir Geschlecht, Sterbealter, äußeres Erscheinungsbild und Gesundheitszustand, wie z. B. Mangelernährung und dergleichen zu bestimmen. Die Zusammenfassung der Einzelschicksale erlaubt Aussagen zur Biologie unserer Vorfahren. Es ist unser Ziel, das individuelle Schicksal der Ordensleute von Klostermarienberg etwas zu erhellen. Dafür wurden 37 bislang eindeutig als mittelalterliche Mönche identifizierte Skelette anthropo-logisch untersucht. Sie waren außerhalb der romanischen Klosterkirche, an der Südseite des Langhauses bestattet und in West-Ost-Richtung orientiert. Von den 37 Mönchen verstarben 8 zwischen 4l und 50 Lebensjahren, 25 zwischen 19 und 40, 3 zwischen 13 und 18 und ein Kind zwischen 7 und 12 Jahren. Durchschnittlich herrschte eine Lebenserwartung von 39 Jahren vor. Nur wenige wurden über 40 Jahre alt.

Der Zustand der Zähne zeigt meist ein höheres Alter aufgrund von häufigerem Zahnausfall und höherem Abrasionsgrad als die übrigen Skelettelemente. So weisen sie eine Kariesintensität von 13 % auf, wobei naturgemäß die am stärksten befallenen Zähne die Mahlzähne sind, schließlich haben sie ja die größte Kauarbeit zu leisten. Am häufigsten treten sowohl im Unter- wie auch im Oberkiefer Pulpahöhleneröffnungen und Kronenkaries occlusal auf. Aufgeschlüsselt zeigt sich, daß nur 2,9 % der vorhandenen 489 Zähne von Karies, jedoch 10,1 % der 554 Alveolen von Zahnausfall betroffen sind. Diesen Zahnausfällen ist wohl meist Kariesbefall und starker Abrieb des Zahnschmelzes vorangegangen. Das Fehlen konservierender Zahnbehandlung bei tieferer Karies machte eine sofortige Zahnextraktion erforderlich. Dies erklärt auch die Seltenheit pathologischer Veränderungen im Zahn-, Kieferbereich: nur 4 Wurzelreste und 4 apikale Herde. So zeigt sich, daß von den erhaltenen Mönchsgebissen 53,8 % entweder von Karies oder Zahnausfall oder beidem betroffen sind. Auch mittelstarke Alveolarresorption und Zahnsteinbesatz zeigen sich.

Grafik: Sterbealtersklassen
Grafik: Sterbealtersklassen

Der Zustand der Gebisse deutet auf wenig denaturierte Nahrung - also auf breiige, stärkereiche Kost hin. Der geringe Kariesbefall und die starke Beanspruchung der Zähne sind wohl auf das in den Getreidemühlen nur grob gemahlene Mehl zurückzuführen, mit dessen Hilfe es zum Abrieb der kranken Stellen kam. Wie aus den Ordensregeln bekannt, war den Zisterziensern der Verzehr von Fleisch und tierischem Fett verboten. Dies stand im Mittelalter auch bei der ärmlichen Bevölkerung und in anderen Klöstern selten am Speiseplan, so daß es allgemein üblich war, sich hauptsächlich mit Breispeisen aus Gerste, Roggen und Hafer, Kraut und Suppen zu ernähren. Auch Frischgemüse gab es nur saisonbedingt. So kam es naturgemäß bei dieser sparsamen und einseitigen Ernährungslage zu Mangelerscheinungen. Solche treten bei den Mönchen von Klostermarienberg im Form von Cribra orbitalia (Porosierungen des Augenhöhlendaches), Cribra cranii (Porosierungen des Schädeldaches) und Porosierungen des harten Gaumens auf. Vor allem Vitamin-und Eisenmangel führen zu diesen Erkrankungen. Wirbelsäulenerkrankungen wie Spondylosis deformans treten bei 8 Skeletten und Eintiefungen der Wirbelkörperdeckplatten durch Ausstülpungen des Nucleus pulposus in 2 Fällen auf. Diese Abnützungserscheinungen halten sich in Grenzen und entsprechen dem jeweiligen Sterbealter. Außer diesen Wirbelsäulenerkrankungen zeigen sich bei einem Mann am distalen Gelenksende der linken Ulna Ausziehungen. Auch am Humerus dieses Armes befinden sich im Bereich der Ansatzstelle des Musculus deltoideus eine tiefe Rinne. Diese beiden Befunde zusammen mit dem Wirbelsäulenbefund (Spondylosis deformans und Nucleus pulposus Hernien) lassen den Schluß zu, daß dieser 31-40 Jahre alte Mann (Grab 62) schwere Arbeiten verrichtet hat. Ansonsten fehlen im großen und ganzen auffallende Abnützungserscheinungen, die auf große körperliche Belastungen, hervorgerufen z. B. durch schwere Arbeit, zurückzuführen sind. Nur am Schädel eines Mannes (Grab 725) sind Spuren einer Verletzung ersichtlich. Am linken Scheitelbein, 38 mm von der Koronalnaht und 9 bzw. 20 mm von der Parietalnaht entfernt befindet sich eine ovale Knochennarbe. Sie hat ein Ausmaß von ca. 25 x 30 mm und eine Tiefe von ca. 2-3 mm. Die Oberfläche ist fein porosiert. An der Schädelinnenseite zeigen sich keine Ausbuchtungen. Diese Knochennarbe ist auf eine leichte Verletzung - vielleicht durch einen Sturz verursacht -zurückzuführen. Am Stirnbein dieses Mönchs befinden sich auch 2 kleine Osteome (Durchmesser ca. 4 mm). Osteome sind gutartige Geschwulste aus Knochengewebe und Knochenmark. Sie haben meist die Gestalt von kleinen, harten Knochen. Oft bedarf es zur Entwicklung eines solchen Osteoms nur eines Reizes, einer Verletzung, so daß in diesem Fall die Entstehung dieser Knoten mit der Entstehung der Knochennarbe in einem direkten Zusammenhang gesehen werden kann.

Ihrer durchschnittlichen Körperhöhe (167,4 cm) nach waren die Mönche über-mittelgroß. Der Kleinste war 160,5 cm und der Größte 173,5 cm groß, also untermittelgroß bis groß. Da die Körperhöhe einen wichtigen Indikator für die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Schicht sein kann, wird der Versuch unternommen, die gewonnen Daten mit bereits vorhandenen zu vergleichen. Dies veranschaulicht Tab. l, wo nach Winkler und Schweder, 1992 Untersuchungsergebnisse von hochmittelalterlichen Materialien dargestellt werden.

Körperhöhen im Hochmittelalter (12. Jahrhundert)

TabelleMittelwertMin - Max
Adelige, Kleriker, gehobenes Bürgertum (in den Kirchen bestattet)171,6161,0 - 180,0
Adelige (in den Kirchen bestattet)173,6169,7 - 178,3
Klerus (höhere Ränge = Adelige) (in den Kirchen bestattet)171,2170,1 - 173,6
Bauern und Handwerker (außerhalb der Kirchen bestattet)167,9159,0 - 178,0
Mönche Klostermarienberg (außerhalb der Kirche bestattet)167,4160,5 - 173,5

Es zeigt sich, daß die mittleren Körperhöhen der Mönche von Klostermarienberg nur eine geringe Abweichung zum Mittelwert der Bauern- und Handwerkergruppe, die außerhalb der Kirchen bestattet wurden, zeigt. Natürlich ist nicht ganz ausschließbar, daß sich auch Angehörige des Klerus und damit Adelige unter den Bestatteten befinden, die die höheren Ränge des Klosters bekleideten. Zusammen mit der Körperhöhe zählen auch Schädelproportionen und Sterbealter zu den wichtigen Indikatoren des Sozialstatus eines Individuums. Bei den Mönchen zeigt sich, daß die Schädel mit den größten Längen in die Körperhöhenklassen mittelgroß und groß fallen und die mit den kleinsten Längen in die Kategorien über- und untermittelgroß. Dies korrespondiert auch mit der mittleren Lebenserwartung. So weisen die großen und mittelgroßen Männer eine durchschnittliche Lebenserwartung von 36,5 bzw. 35,5 und die über- und untermittelgroßen von 32, 5 und 31,6 Lebensjahren auf. Um diese Übereinstimmungen jedoch zu erhärten und noch genauer deuten zu können, bedarf es noch zusätzlicher Materialuntersuchungen.

Zusammenfassende Daten

SchädelMittelwerte
gr. Schädellängemittellang (180,0)
gr. Schädelbreitemittelbreit (143,4)
kl. Stirnbreitemittelbreit (98,3)
gr. Stirnbreitemittelbreit (123,2)
Ohr-Bregnia-Höhemittelhoch (11 5,6)
Horizontalumfangmittelgroß (52 1,9)
Schädelkapazitäteuenkephal (1.449,4)
Längen-Breiten-Indexmesokran (77,2)
Längen-Ohrhöhen-Indexhypsikran (64,6)
Breiten-Ohrhöhen-Indexmetriokran (80,8)
mittlere Körperhöhe:167,4 cm
Muskelmarken:kräftig
Robustizität:robust
durchschnittliche Lebenserwartung:39 Jahre
Zahnstatus:hoher Grad an Abrasion und Zahnausfall
Ursachen:breiige, stärkereiche, grobkörnige Kost
Mangelerkrankungen :hervorgerufen durch einseitige Ernährungslage
Wirbelsäulenerkrankungen:leichter bis mittelschwerer Ausprägungsgrad,
kein Hinweis auf extreme Beanspruchung,
z. B. durch zu harte körperliche Arbeit
Abstammung der Mönche:wahrscheinlich Angehörige des Bauern- und
Handwerkerstandes sowie einige gehobeneren Standes

Literatur#

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Anhang:#

In der Ausstellung werden zusätzlich zu den 37 Mönchen noch 4 weitere Individuen genannt. Grab 956: Bei der einzigen zur Kirche gehörigen Bestattung (Datierung 1450/1500) handelt es sich um einen 17-20 jährigen Mann mit einer Körperhöhe von 170 cm, Zähne kaum abgekaut, kräftiger Knochenbau mit gut entwickelten Muskelmarken. Bei den drei Individuen mit Trachtbestandteilen vom Dorffriedhof handelt es sich, um 2 Frauen und einem Mann: Grab 33: Frau, 45-55 Lebensjahre, Zähne alle ausgefallen und Alveolen verschlossen, 158,1 cm groß, graziler Knochenbau mit mittelkräftig entwickelten Muskelmarken. Mangelerkrankungen: Cribra cranii und Porosierungen am harten Gaumen. Wirbelsäulenerkrankungen: mittelschwere Spondylosis deformans. Grab 68: Frau, 19-22 Lebensjahre, Zähne kaum abgekaut, 3. Molar noch nicht vollständig ausgebildet, 157,0 cm groß, graziler Knochenbau mit schwach entwickelten Muskelmarken. Grab 881: Mann, 41-50 Lebensjahre, 175,1 cm groß, von robustem Knochenbau mit kräftig ausbildeten Muskelmarken