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Weder Göttin noch Sexsymbol#


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Juni 2008)

von

Christian Jostmann


Venus von Willendorf
Grabungsfoto vom 7. August 1908. Josef Byer (stehend) steht an der Fundstelle. Links ist die Figur eingeblendet
© (APA/PfarrHOFER)

In extremer Weise fettleibig“, „übertriebene weibliche Formen“, „schwere Brüste“, „überhängender Fettwulst“, „überbetonte Geschlechtsmerkmale“, mit anderen Worten: „ein geradezu abschreckend hässliches Ding“. Schmeichelhaft ist das, was über die Dame geschrieben wird, nicht gerade. Man könnte meinen, es mit einem Monstrum zu tun zu haben. Auch Fotos vermitteln nur ein unzureichendes Bild von der altsteinzeitlichen Skulptur, die als „Venus von Willendorf“ Weltruhm erlangt hat. Man muss sich diese elf Zentimeter große „Venus“ schon im Original anschauen, um ihre Anmut zu begreifen.

Ikone der Popkultur#

Wer immer sie geschaffen hat, verfügte über größtes Geschick bei der Bearbeitung des Materials, eines Oolith genannten Kalksteins, er besaß einen ausgeprägten Sinn für Proportionen und hatte den menschlichen Körper genau studiert. Dennoch drückt sich in seinem Werk kein kruder Realismus aus. Im Gegenteil: Dieser Botero der Steinzeit (zeitgenössischer kolumbianischer Künstler, dessen Figuren sich durch ihre Massigkeit auszeichnen; Anm.) wusste sein Werkzeug – vermutlich einen Stichel aus Feuerstein – so zu handhaben, dass die Statue trotz ihrer Körperfülle eine gewisse Leichtigkeit und innere Spannung ausstrahlt. Dies erst macht sie zu einem Kunstwerk, das den Vergleich mit den Plastiken der Antike nicht zu scheuen braucht und zu Recht in jedem Handbuch der Kunstgeschichte erwähnt wird. Mehr noch: Wie die Verbreitung ihres Bildes zeigt, ist die „Venus von Willendorf“ längst zu einer Ikone der Popkultur geworden. Man sagt oft, große Kunst sei zeitlos. Als die kleine Statue am 7. August 1908, also vor fast hundert Jahren, in Willendorf ausgegraben wurde, hatte sie 25.000 Jahre unberührt im Löss der Wachau gelegen. Den Anlass für die Ausgrabungen gab der Bau der Donauuferbahn. Ihr Initiator und nomineller Leiter war Josef Szombathy, der Chef der anthropologisch- prähistorischen Abteilung im k. k. Naturhistorischen Hofmuseum. Vor Ort kümmerten sich die jungen Wissenschaftler Josef Bayer und Hugo Obermaier um die Grabungen. Alle drei waren an jenem Augusttag zugegen, als der italienische Lohnarbeiter Johann Veran im Löss „auf ein völlig gut erhaltenes Steinfigürchen, ein steatopyges (großgesäßiges; Anm.) Weib“ traf, wie Szombathy in seinem Tagebuch notierte.

Forscherstreit#

Die Forscher erkannten sofort, dass sie etwas Außergewöhnliches vor sich hatten. Um nicht die Aufmerksamkeit der Sammler zu erregen, die den Ausgrabungsort umschwärmten, brachten sie das kostbare Stück unauffällig zum Dorfwirt, dem heutigen „Gasthaus zur Venus“, und verbargen es auf ihrem Zimmer. „Der Abend wurde tüchtig zur Ehren der Venus eingeweiht“, erinnerte sich Bayer später. Am übernächsten Tag brachte Obermaier die Statue nach Wien, um sie dem Direktor des Naturhistorischen Museums in Obhut zu geben, wo sie bis heute verwahrt wird. Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Als es an die Veröffentlichung des Fundes ging, zerstritten sich die drei Forscher, so dass eine ordnungsgemäße Publikation zunächst unterblieb. Stattdessen begannen sich bald Legenden um die Auffindung zu ranken, unter anderem eine, die bis vor Kurzem noch unter Prähistorikern gern erzählt wurde: Dass Szombathy, Bayer und Obermaier die Venus gar nicht selbst gefunden hätten, weil sie, statt die Grabungen zu beaufsichtigen, beim Wein im Wirtshaus saßen. Heute weiß man, dass es nicht so war und dass die drei Herren gute Arbeit geleistet haben. Anhand ihrer Aufzeichnungen und durch neuerliche Grabungen konnte die Fundsituation der Venus rekonstruiert und einer der neun in Willendorf anzutreffenden Kulturschichten zugeordnet werden. Neunmal in einem Zeitraum von 20.000 Jahren, grob gesagt zwischen 42.000 und 22.000 Jahren vor heute, haben menschliche Gruppen für längere Zeit an dieser Stelle oberhalb der Donau gelagert. Davon zeugen ihre Hinterlassenschaften: Tierknochen, Steinwerkzeuge, Holzkohle und dergleichen, darunter die berühmte Venus. Die Überreste bilden dunkle Schichten im meterdicken Löss, den die Stürme der Eiszeit in die Wachau bliesen. Die lange Folge solcher Schichten macht Willendorf zu einer der wichtigsten urgeschichtlichen Fundstätten in ganz Europa – ganz unabhängig davon, ob man dort die Venus entdeckt hat oder nicht. Die kleine Statue lag unter der neunten und letzten Kulturschicht. Daher lässt sich ihr Alter mit etwa 25.000 Jahren angeben. Dank weiterer Funde weiß man auch, wie und in welcher Umwelt ihre Besitzer lebten. Es waren gut organisierte Großwildjäger der Spezies Homo sapiens, die in den baumlosen Steppen der Eiszeit Urviecher wie Mammut und Wollnashorn erlegten. Während ein Teil der Gruppe auf Jagd ging, blieben die anderen in Lagern zurück, die für längere Zeit angelegt wurden. So ein Lager war Willendorf, das vor Westwinden gut geschützt an der Donau liegt, einer damals wichtigen Orientierungslinie. Soviel kann man einigermaßen sicher über die Menschen sagen, die die Venus in Willendorf hinterließen. Alles Weitere ist problematisch. Das Bild der Steinzeit gleicht einem tausendteiligen Puzzle, von dem nur zehn Teile bekannt sind. Darum verraten die Theorien, die sich Wissenschaftler und andere von ihr machen, oft mehr über die moderne Gesellschaft als über jene Zeit selbst. Das gilt auch für die Venusstatue. Allein ihr Name führt gleich doppelt in die Irre, denn ob die Statue eine Göttin darstellt, ist äußerst zweifelhaft. Und ob sie Schönheit und sexuelle Attraktivität symbolisierte, ob sie also ein steinzeitliches Sexsymbol war, ist ebenfalls sehr fraglich. Den Namen „Venus“ erhielt sie nur, weil ein französischer Marquis, der 1864 eine andere nackte Frauenfigur aus der Steinzeit entdeckt hatte, dieser den Namen „Venus impudique“ gab, in ironischer Anspielung an die Venus pudica hellenistischer Bildhauer, die „züchtige Venus“, die ihre Geschlechtsmerkmale schamvoll verdeckt.

Männliche Blicke#

In der Namensgebung verrät sich ein männlicher Blick auf die Venus von Willendorf – kein Wunder, da die Prähistoriker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts allesamt Männer waren. Für Moritz Hoernes, den Autor einer „Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa“, haben altsteinzeitliche Künstler abgebildet, „was den Mann als solchen und als Jäger interessierte, nämlich das Weib und das Wild“. Dieser männliche Blick auf die Frauenstatue rief eine Gegenbewegung auf den Plan: Manche sehen sie als Indiz, dass in der Steinzeit anders als heute das Matriarchat regierte. Aber auch dafür gibt es keine Belege, ebensowenig wie für andere Hypothesen, nach denen die Venus von Willendorf ein Fruchtbarkeitssymbol war, als Talisman gegen den Tod im Wochenbett oder einfach als Puppe diente. Ganz anachronistisch ist es, wenn sie als steinzeitliches Schönheitsideal gegen den heutigen Schlankheitswahn ins Feld geführt oder, noch absurder, als Warnung vor Fettleibigkeit interpretiert wird. Die kühle Dame aus der Eiszeit weiß sich solchen zeitgeistigen Umarmungen zum Glück zu entziehen, und wenn irgendein Neuheide ihre Kopie auf seinen Hausalter stellt, dann lässt sie das ebenso kalt, wie wenn jemand ihre Figur als Form beim Seifensieden verwendet.

Es ist, was es ist#

Aber auch wissenschaftlichen Annäherungsversuchen hat sie bislang widerstanden. Fest steht lediglich, dass die Venus von Willendorf, obwohl herausragend in ihrer Art, kein Einzelstück ist. Statuen von wohlbeleibten Frauen aus der Altsteinzeit sind zu Dutzenden in ganz Europa gefunden worden, von Frankreich über Italien, Österreich, Tschechien und die Slowakei bis nach Russland. Daraus folgt, dass es sich bei ihnen um die Verkörperung einer damals weit verbreiteten Idee handelt. Aber worin diese Idee bestand, wissen wir nicht und werden wir wohl niemals wissen. Für den nach Erkenntnis strebenden menschlichen Geist mag dies ein unbefriedigendes Fazit sein. Aber womöglich erweisen wir der Dame aus Willendorf und ihrem Schöpfer – oder ihrer Schöpferin – die größte Reverenz, wenn wir einfach nur sagen: Sie ist, wie sie ist.

Die Hüterin der Venus, die Kuratorin der alt- und jungsteinzeitlichen Sammlung, Walpurga Antl-Weiser, hat es geschrieben. Das reich illustrierte Buch räumt mit zahlreichen Legenden auf, die sich um die Figur und ihre Auffindung ranken. Es beschreibt, immer auf der Basis gesicherter prähistorischer Forschungserkenntnisse, das Leben der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler, die vor rund 25.000 Jahren an den Hängen der Wachau lagerten und dort die berühmte Venusstatue hinterließen.

Literatur:#

100 Jahre "Venus von Willendorf", DIE FRAU VON W. "Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung“ Von Walpurga Antl-Weiser Verlag des NHM, Wien 2008 208 Seiten, geb., € 27,50

DIE FURCHE, 12. Juni 2008