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Der Vinschgau (Südtirol)-eine einzigartige Kultur- und Naturlandschaft im Aufwind#


Von

Silvia Renhart

Aus: Museum Aktuell. Die Zeitschrift für Museumspraxis und Museologie im deutschsprachigen Raum. Nr. 58, Juni 2000


Wer kennt nicht die Jahrtausende alte Kulturlandschaft zwischen Reschenpaß und Meran? Viele fahren durch und immer mehr machen hier Urlaub. Das Tal erlebt seit ein paar Jahren regen Zu strom und die Nächtigungen steigen an. Und so birgt die Über schritt zu diesem Beitrag, die so anmutet wie in einem Touris musprospekt: doch einen erheblichen Wahrheitsgehalt.

Spätestens seit der Auffindung des Mannes aus dem Eis 1991 am Tisenjoch im Schnalstal wurde der Wert der kulturellen Güter auch für die Wirtschaft, sprich den Tourismus, klar.

Seit mehr als zwei Jahren arbeiten die Koordinatoren des EU-Programmes Interreg II Vinschgau an der Bündelung der Kräfte und Umsetzung der Ideen beider Seiten. Eine der ersten Maß nahmen bestand in der Zusammenfassung der kleinen Museen und Kulturstätten des Interreg Gebietes (Vinschgau, Val Müstair/Unterengadin und Bezirk Landeck/Oberes Gericht) zu einer Arbeits- und Werbegemeinschaft - dem „Magischen Rätischen Dreieck" (siehe dazu den folgenden Beitrag von V. Paulmichl). Außerdem wurden und werden für einzelne Kulturstätten Entwicklungs- und Ausstellungskonzepte erarbeitet sowie deren Teil finanzierungen zur Verfügung gestellt.

Modell des Erlebnishauses, ArcheoParc Schnals.
Modell des Erlebnishauses, ArcheoParc Schnals. Foto: © D.I. Erich Erlacher, Partschins/Südtirol.

Folgende Kulturprojekte befinden sich im Umsetzungsstadium: ArcheoParc Schnals in Unser Frau in Schnals, Bäuerliche Kultur und Kulturlandschaft im Haus der Natur in Martell, Erforschung der Via Claudia Augusta im Vinschgau und deren Präsentation in Schloß Kastelbeil, Präsentation des kupferzeitlichen Menhirs in Latsch - Bichlkirche und Romanik im Vinschgau. Der Tourismusverband Vinschgau sowie der Tourismusverein Schnalstal wurden ebenfalls mit eigenen Projekten sowie Bestands- und Entwicklungsanalysen bedacht.

Die ursprüngliche Zurückhaltung zwischen Tourismus- und Kulturvertretern wurde durch die notwendig gewordene Selbstkritik aufgegeben und ist der Erkenntnis des gegenseitigen „Bedürfens und Befruchtens" gewichen. Dies ist natürlich ausbaufähig und bedarf noch weiterer Anstrengungen, um es zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Einen wichtigen Schritt dahin stellt der in dieser Saison eingeführte „Vinschger Kulturpaß" dar. Dieser ist in allen Tourismusstellen des Vinschgaus erhältlich und gewährt Ermäßigungen beim Besuch vieler Kulturstätten des Tales.

Für uns stand von Anfang an fest, daß ein Museum bzw. eine Kulturstätte nicht nur die klassischen Aufgaben des Sammeins, Bewahrens und Forschens, sondern auch des Vermitteins und der Kooperation allen Ansässigen und Ortsfremden gegenüber hat. Doch um interessante, ansprechende und erfolgreiche Kulturvermittlung betreiben zu können, mußten und müssen einige Museen neu erbaut, neu ausgestattet bzw. neu konzipiert werden. Zudem müssen kulturinteressierte Menschen weitergebildet werden, um diese Stätten zu beleben und sie attraktiv zu halten. Diesen Bereich decken wir mit einem eigens für die Bedürfnisse unserer Region abgestimmten „Museumsleiter- und Kulturführerkurs" ab. Inhaltlich werden Themen wie Museum allgemein, Kulturvermittlung, Management, PR, Besucherorientierung, Ausstellungsgestaltung, Restaurierung von Objekten, Inventarisation, Kulturanthropologie, Rhetorik, Tourismus sowie Spezialthemeneinführungen zu unseren lokalen Kulturstätten angeboten (z.B. Experimentelle Archäologie, Römer, Romanik, Nationalpark). Der Kurs dauert bis Ende 2001. Bis dahin soll jeder Kulturvermittler in seinem Spezialthema (-themen) sattelfest sein und jeder Museumsleiter soll Erkenntnisse und Ideen zur Verbesserung seiner Kulturstätte erlangt haben.

Musterbeispiele der Zusammenarbeit zwischen Museen und Tourismus stellen im EU-Programm Interreg II Vinschgau einerseits das Projekt „Lebensraum des Mannes aus dem Eis" im Schnalstal und andererseits das Projekt „Nationalpark Stilfserjoch" (siehe dazu nachfolgender Beitrag von A. Karbacher) dar.

Der Mann aus dem Eis - kurz Ötzi genannt - bewegt seit seiner Auffindung durch das Nürnberger Bergsteigerehepaar Simon die Gemüter. Weltweite Pressekampagnen machten ihn weltberühmt und kaum ein archäologischer Fund zuvor vermochte und vermag die Gemüter so zu bewegen wie er. Dies ist vielleicht auch ein wenig dem Umstand zuzuschreiben, daß Touristen und nicht Archäologen ihn gefunden haben.

Bei Ötzi standen bereits von der ersten Minute seines Bekanntwerdens an die Archäologie (im weiteren Sinne die Kulturstätte) und der Tourismus Pate. Da der Lebensraum des Mannes aus dem Eis nur dort - nämlich im Schnalstal, der authentischen Umgebung - der Wirklichkeit nahe dargestellt werden kann, wurden zwei Projekte konzipiert:

  • Das „Kulturprojekt" (Träger: Kulturverein Schnalstal) beinhaltet den Bau des ArcheoParc Schnals
  • und das „Tourismusprojekt" (Träger: Tourismusverein Schnalstal) beinhaltet die Erfahrung des Natur- und Kulturraumes Schnalstal.

Der ArcheoParc Schnals in Unser Frau in Schnals (Eröffnung Sommer 2001) besteht aus einem Erlebnishaus, in welchem verschiedene Themen wie z. B. 6000 Jahre Wanderweidewirtschaft, mittelsteinzeitliche Jäger- und Sammlerfunde, Umweltarchäologie, Ötzi-Museum für Kinder von Kindern, Ernährung des Mannes aus dem Eis, Tätowierungen, Fundstellen-Inszenierung dargestellt werden und einem Freiareal mit Versuchsfeldern und jungsteinzeitlichen Hausrekonstruktionen. Archäologie wird auf dem ca. 4400 m2 großen Areal mit Blickkontakt zur Fundstelle begreif-, erfahr- und erlebbar gemacht. (Details ab ca. Mitte Juli abrufbar unter: www.archeoparc.itg)

Das Tourismusprojekt „Lebensraum des Mannes aus dem Eis" beinhaltet u.a. das Angebot von speziellen Wanderungen wie z.B. Archäologische Wanderwege und die Fundstellenwanderung. Auch an die Kleinen wird mit einem Programm „Einen Tag wie Ötzi leben" gedacht. Das seit ca. 200 Jahren profanierte Karthäuserkloster in Karthaus kann spirituell erfahren werden. Bergbauernhöfe können erforscht und Spezialitäten verkostet werden. In vier Gastbetrieben können Besucher „Essen wie zu Zeiten des Mannes aus dem Eis". Dafür werden frische und von den Biobauern der Region stammende Zutaten in wohlschmek-kende Gerichte verwandelt. Ötzi- Gastgeber bieten schon vor dem frühmorgendlichen Aufbruch in die Bergwelt die „Ötzi-Bio-Frühstücksecke" und eine „Ötzi-Marende (Jause)" an.

Dieses Jahr - als Vorbereitung auf die Eröffnung des ArcheoParc - wird in Katharinaberg im Schnalstal vom 29. Juli bis 1. Oktober eine archäologische Sonderausstellung aus Oberschwaben (Bad Waldsee) „Ötzi's Ahnen aus dem Norden: Das Moordorf von Reute" gezeigt. Bereits 500 Jahre vor Ötzi überschritten nämlich die „ersten Touristen" und Händler die Alpen!

Mit diesen beiden Projekten soll sowohl den kulturellen wie auch kulinarischen und erlebnisorientierten Ansprüchen der Gäste und auch der Einheimischen Rechnung getragen werden. Auch soll damit ein neuer - sowohl für die Wissenschaft als auch für die Wirtschaft - gangbarer Weg hin zum sanften Bildungs- und Kulturtourismus aufgezeigt werden.


Blick zur Fundstelle vom ArcheoParc-Areal aus.
Blick zur Fundstelle vom ArcheoParc-Areal aus. Foto: © D.I. Erich Erlacher, Partschins/Südtirol.
Vogelschau von Unser Frau in Schnals mit gelb markiertem ArcheoParc-Areal.
Vogelschau von Unser Frau in Schnals mit gelb markiertem ArcheoParc-Areal.
Foto: © D.I. Erich Erlacher, Partschins/Südtirol.

Kurzangaben zur Autorin#

Dr. Silvia Renhart, Jahrgang 1962, geb. in Voitsberg, Steiermark/Österreich (e-mail: erlacher.renhart@dnet.it)

  • 1983-1990 Studium der Anthropologie, Völkerkunde, Ur- und Frühgeschichte in Wien
  • 1983-1990 Mitarbeit an verschiedenen archäologischen Ausgrabungen und Forschungsprojekten im In- und Ausland und museumspädagogischen Aktionen seit 1985 Konzeption und Umsetzung verschiedener kleinerer und größerer Ausstellungen zu den verschiedensten Themen in Österreich und Südtirol sowie zahlreiche anthropologische Gräberfeldbearbeitungen und deren Publikation
  • 1992 Teilnahme als Grabungsanthropologin bei der Nachgrabung am Tisenjoch „Der Mann aus dem Eis" seit 1998 Koordinatorin für den Kultur- und Ausstellungsbereich beim EU-Programm Interreg II Vinschgau, in dessen Rahmen bisher drei Sonderausstellungen und zwei Dauerausstellungen umgesetzt wurden: Archaischer Vintschgau - Archäologie eines Tales im Magischen Rätischen Dreieck" im Vintschger Museum in Schluderns und „1499 - 1999. 500 Jahre Calvenschlacht" im Tauferer Torturm in Glurns. Weitere Projekte befinden sich in Planungs- bzw. in Umsetzungsphase.