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Österreichisches Freilichtmuseum (Essay)#

Text und Bilder von

Hasso Hohmann

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von

ISG Magazin Heft 2 / 2000 (Internationales Städteforum Graz)


Paarhof „Laarer' aus St. Nikolai im Sölktal., © Hasso Hohmann
Paarhof „Laarer" aus St. Nikolai im Sölktal.
© Hasso Hohmann

In der Nähe des kleinen Ortes Stübing Stübing, Steiermark in der Steiermark im Südosten Österreichs liegt etwa 20 km nördlich der Landeshauptstadt Graz das Österreichische Freilichtmuseum in einem westlichen Seitental des Murtales. Dieses Tal ist ein Naturraum, der durch seine Topographie nach aussen abgeschlossen ist - sieht man von der Eingangszone ab, die aber selbst wieder durch hohen Baumbestand optisch zur Barriere wird. Das Tal mit seinen seitlichen Gräben in Kombination mit dem teilweise hohen Baumbestand ist in etliche Abschnitte gegliedert.

Durch diese äusseren naturräumlichen Bedingungen wirkt das Museum im Gegensatz zu vielen ändern kaum museal. Mit sehr viel Ambition hat Viktor Herbert Pöttler aus allen Teilen Österreichs und auch aus Südtirol Bauten und andere Ausstellungsgegenstände zusammengetragen.

Die Objekte wurden samt ihrem Ambiente möglichst situationsgetreu in Stübing wieder aufgerichtet. So kann der Besucher anonyme Architektur aus allen Bundesländern studieren, Österreich auf relativ kleinem Raum in wenigen Stunden durchwandern und dabei die unglaublich reiche Palette architektonischer Kreativität der ländlichen Bevölkerung kennenlernen. Die teilweise extremen äusseren Bedingungen in Österreich haben zu sehr unterschiedlichen Bauformen geführt, so dass die Vielfalt im alpinen Raum noch stärker ist als in anderen Zonen Europas. Leider gehen die meisten dieser Architekturformen mit allem, was dazu gehört, verloren.

Neue Wirtschaftsformen und andere Ansprüche an die Bauten des ländlichen Raumes, aber auch neue kulturelle und weltanschauliche Vorstellungen führen schon seit langem zu einer grundlegenden Veränderung auf dem Lande. Viele der Bauten in Stübing konnten nur dadurch überleben, dass sie aufgekauft, zerlegt und ins Museum transportiert wurden, wo sie fachgerecht wieder zusammengesetzt wurden. Man bemühte sich, auch die vielen Gegenstände des täglichen Lebens in möglichst plausibler Weise mit und in den Bauten zu zeigen.

Rad, © Hasso Hohmann
Rad
© Hasso Hohmann

Das grosse Wissen, das sich Pöttler während des Zerlegens und des späteren wieder Zusammenfügens der vielen hölzernen Bauten erworben hat, wurde in zahlreichen Publikationen und Büchern festgehalten. Eine Zusammenfassung ausgewählter Schriften von Viktor Herbert Pöttler wurde 1999 in einem umfangreichen Buch zum Thema „Mit Tradition und Innovation" vom Freilichtmuseum herausgebracht (siehe Buchbesprechungen weiter hinten in diesem Magazin).

Die Palette der Anschauungsobjekte in Stübing beschränkt sich nicht allein auf einzelne bäuerliche Bauten, sondern umfasst in der Regel ganze Hofgruppen und schliesst neben Wohnhäusern und vielen Wirtschaftsgebäuden einen Taubenschlag, Weinpressen, mehrere Mühlen, Schmieden und dörfliche Einrichtungen wie eine Dorfschule, Brunnen, mehrere Marterln, eine Kapelle und einen Glockenturm mit ein. Insgesamt stehen etwa 90 Architekturobjekte im Museum. Die Bauten werden von eigenen Museumsangestellten instand gehalten. Diese wurden in ihre Arbeit im Museum eingewiesen und lernten, wie man beispielsweise die traditionellen Baumaterialien wie Holzschindeln herstellt oder geeignetes Stroh beschafft und zu einer Dachdeckung in der traditionellen Weise verarbeitet.

Für Studenten, besonders der Fachrichtungen Architektur, Volkskunde, Völkerkunde, Geschichte und Kunstgeschichte, aber auch für Architekten, Landwirte und andere Fachleute sowie interessierte Laien sind die Bauwerke wie auch ihre Einrichtung und die vielen Geräte interessante Studienobjekte. Selbstverständlich will heute kaum jemand mehr in solchen Bauten leben. Dennoch hilft das grosse Angebot an meist sehr einfachen Problemlösungen auch auf Bedürfnisse unserer Zeit eine geeignete Antwort zu finden. Nur das Studium des gesamten Spektrums unserer Vorgängerkulturen schafft uns eine optimale Basis für kreatives Neues.

Instandhaltungen durch ständige Reparaturen, Schutz gegen Fäulnis und Wurmbefall, tägliche Reinigung, die Pflege der Bauerngärten und Wege, die Sicherung gegen Vandalismus und selbst die Schneefreihaltung der Wege im Winter machen zahlreiche Mitarbeiter notwendig. Diese müssen zu einem Grossteil aus den Einnahmen durch die Besucher finanziert werden. Jeder Besuch trägt daher mit einem relativ geringen Eintrittsgeld dazu bei, das Museum zu erhalten. Das Österreichische Freilichtmuseum in Stübing zählt sicher zu den schönsten dieser Art. Es ist jeweils vom 1. April bis zum 31. Oktober geöffnet. Ein Besuch lohnt sich!


Rauchküche im Hanslerhof; derartige Küchen gibt es in fast allen Kulturen., © Hasso Hohmann
Rauchküche im Hanslerhof; derartige Küchen gibt es in fast allen Kulturen.
© Hasso Hohmann
Truhe aus dem Hanslerhof., © Hasso Hohmann
Truhe aus dem Hanslerhof.
© Hasso Hohmann

Geschichte des Museums

Österreichische Freilichtmuseum in Stübing wurde 1962 gegründet Es ist also noch relativ jung. Vorläufer von Freilichtmuseen als temporäre Aufstellung von historischen Bauten im Rahmen von grossen Ausstellungen gab es schon im 19. Jahrhundert in Skandinavien, 1891 wurde das Freilichtmuseum „Skansen" in Stockholm gegründet. Um 1900 entstand eine ganze Reihe weiterer Freilichtmuseen.

In Graz beabsichtigte man zunächst ein Steirisches Museum, dessen Gründung Rudolf Meringer 1908 vorschlug. In Wien und Linz verfolgte man hingegen die Idee eines gesamtösterreichischen Museums. 1920 wurde eine Erbschaft in der Höhe von fast 5 Millionen Kronen von Herrn Marktanner dem Steirischen Volkskundemuseum überlassen und sollte die Realisierung eines Freilichtmuseums auf dem Grazer Schlossberg ermöglichen - das Vermögen war aber durch die Inflation bald nichts mehr wert. Der bekannte Volks-kundler Viktor v. Geramb hat auch später den Plan - leider ohne Erfolg - weiter verfolgt.

Die Realisierung des Museums war erst Pöttler gegönnt, der das Konzept dazu erarbeitete und ab 1962 mit Unterstützung durch die Österreichische Bundesregierung in Wien, das Land Steiermark sowie alle anderen Bundesländer in Stübing an den Aufbau ging. 1970 konnte das Museum mit den ersten 32 Objekten eröffnet werden.

Das ISG Magazin dankt Museumsdirektor W.HR.Univ.-Prof.Dr.tech.h.c.Dr. Viktor Herbert Pöttler für die Überlassung von Informationsmaterial und Fotos zu diesem Beitrag.


Bregenzerwälderhaus aus Schwarzenberg., © Hasso Hohmann
Bregenzerwälderhaus aus Schwarzenberg.
© Hasso Hohmann
Schulstube der Schule aus Prätis., © Hasso Hohmann
Schulstube der Schule aus Prätis.
© Hasso Hohmann
Das Wirtschaftsgebäude des „Wegleithofes' mit einer Fassadengliederung, die sich aus der Konstruktion ergibt; aus St. Walburg im Südtiroler Ultental., © Hasso Hohmann
Das Wirtschaftsgebäude des „Wegleithofes" mit einer Fassadengliederung, die sich aus der Konstruktion ergibt; aus St. Walburg im Südtiroler Ultental.
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