unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
7

Freundliche Fenster (Essay)#

Text und Bilder von

Hasso Hohmann

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von

ISG Magazin Heft 1 / 2004 (Internationales Städteforum Graz)


Fenster sind die Augen eines Hauses#

Besonders in den gemässigten Klimazonen unserer Erde sind Fenster das ausdrucksstärkste Fassadenelement. Sie stehen im Flächenverhältnis zur Fassade ähnlich wie die Augen im menschlichen Gesicht. Die Assoziation von Fenstern mit Augen liegt nahe, weil man - wie durch die Augen - durch sie aus einem Gebäude hinaussehen kann. Von aussen gesehen haben sie durch die Verglasung besonders bei älteren Gläsern mit ihrem Glitzern etwas vom Charakter von Augen und bestimmen sehr stark den Charakter von Bauwerken.


Bild 'südjemen_fenster'

In tropischen Gebieten oder in den Wüstengürteln hingegen nehmen Fenster meist eine eher untergeordnete Stellung ein, da es sehr viel Licht gibt. Hier sind Fenster oft auf Licht- bzw. Luftschlitze reduzierte Öffnungen in grossflächigen Mauerfronten. Nahe den Polarzonen hingegen, wo besonders im Winter eher zu wenig Licht durch die Fenster herein kommt, werden Fenster oft zu grossflächigen transparenten Fassadenteilen und haben dadurch besonders bei Bauten des 19. Jh. etwas den Charakter von Augen verloren. In der Vergangenheit waren sie allerdings auch hier kleine Öffnungen, weil sonst im langen Winter zuviel Energie verloren gegangen wäre und Glas viel zu teuer war.


Bild: Eine der vielen traditionellen Fenster in einem der Hochhäuser von Shibam im Wadi Hadramaut, Südjemen. Ein relativ dichtes Holzgitter und ein zusätzlicher Vorhang verhindern den Eintritt von zu viel Licht. Bei diesem Fenstergitter können Mönner durch die zwei Rundbogenöffnungen hinausgehen. Frauen verwenden den Gitterkorb, in dem sie nicht gesehen werden. Die Gestaltung der Fensterfüllung ist selbst ein Gesicht.


Heute wird vielfach von internationalen Planungsbüros ohne Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und Bedürfnisse viel für die dritte Welt geplant. Riesige Glasfronten ergeben in den Tropen Innenräume, die durch die Sonneneinstrahlung stark aufgeheizt werden. Die Folgen planerischer Ignoranz sind kostspielige Klimaanlagen mit sehr hohem Energieverbrauch. Beides stürzt diese Staaten weiter in eine Verschuldungsspirale. An diesem Beispiel sieht man, dass das Thema Fenster auch unmittelbar mit dem Umweltschutz verknüpft ist.


Bezeichnungen#


Bei der Ähnlichkeit von Fenstern mit Augen verwundert es nicht, dass sich in vielen Sprachen der gemässigten Klimazonen die Begriffe für Fenster aus jenen für das menschliche Auge ableiten. Das gotische Wort für Fenster ist "auga dàurô", althochdeutsch ist es "auga tora", im Nordischen heisst es "vind-auga" und selbst im modernen Englisch nennt man es "window". Im Slawischen ist "okno" das Fenster und "oko" das Auge. In all diesen Bezeichnungen für Fenster ist der etymologische Ursprung bei jenem für "Auge" noch deutlich erkennbar. Zugleich lässt sich auch der Begriff "Fassade" bzw. "facade" mit "face" bzw. Gesicht in Zusammenhang bringen, was die Existenz von Augen voraussetzt.


Bild 'santiagodechile_fenster'

Bild 'sanaa_fenster'


Bild links: Bei diesem kleinen Hotel in Santiago de Chile stellen die Fenster tatsächlich die Augen eines Gesichtes dar.


Bild rechts: Die Architektur von Sanaa ist wohl die ornamentreichste aller Kulturen und lässt Vorstellungen von 1001 Nacht aufkommen. Dies spiegelt sich auch in den variantenreichen Gittern der Fenster und Fassaden der Wohnhäuser, die heute noch so gebaut werden.


Funktion#


Bild 'inverness_haus'

Das verglaste Fenster hat nicht nur die Funktion, Licht ins Gebäudeinnere zu lassen, sondern soll auch zugleich Schutz vor Wind, Regen, Kälte oder Wärme sowie Lärm bieten. Bis zu einem gewissen Grad erlaubt das Fenster zugleich einen Einbruchschutz. Dieser kann durch die Verwendung von Panzerglas oder die Anbringung von Gittern verstärkt bzw. unterstützt werden. Die Verwendung von beweglichen Fensterflügeln erlaubt ausserdem, das Fenster zu öffnen, womit ein Luftaustausch gegeben ist. Milchglas, Draht- oder auch andere Pressgläser schalten die Sichtverbindung aus; innen oder aussen angebrachte Jalousien, aber auch beispielsweise Vorhänge haben einen ähnlichen, allerdings temporären Effekt, Fensterbalken und Rolläden können zugleich bei Kälte einen wünschenswerten Wärmedämmeffekt ergeben.


Bild: Eines der typischen Reihenhäuser von Inverness in Schottland mit relativ grossen Fenstern- insbesondere bei den Erkern. Die unterschiedliche Färbung stört hier nicht.


Bild 'oberlichtgitter'

Bild 'oberlichtfenster'

Bild links: Die Oberlichtgitter sind meistens aus Stuckmörtel oder Gips gegossene Transennen, die nicht geöffnet werden. In der Regel liegen zwei Gitter unterschiedlicher Ausformung hintereinander. Die inneren sind mit kräftigen farbigen Gläsern geschlossen, die äusseren mit einfachen Pressgläsern. Die eigentlichen Fenster unter dem konstruktiven Bogen liegen unter einem zusätzlichen, oft weit vortretenden Vordach und werden tagsüber meist mit massiven Holzbalken völlig geschlossen.


Bild rechts: Durch die Oberlichtfenster dieses nordjemenitischen Fensters kommt nur wenig Licht ins Innere.


Geschichte#


Bild 'graz_gotisches_fenster'

Bild: Spätgotische Fenster in der Grazer Sporgasse.


Schon die Römer verstanden aus Glas relativ grossflächige transluzente rechteckige Scheiben herzustellen, die in Fenster mit Teilungen eingesetzt wurden. Die späteren Butzenscheiben sind zumindest seit dem 3. Jh. bekannt und waren noch im Barock im wesentlichen nur lichtdurchlässig, aber nicht durchsichtig und bedurften eines relativ feinmaschigen Metallgitters aus Blei zur Halterung, das selbst wieder in Abständen konstruktiv gegen Windlasten, oft durch dünne Metallstäbe, verstärkt werden musste.

Erst die Herstellung grossflächiger, sauberer, relativ glatter, transparenter Fensterscheiben durch unterschiedliche Herstellungsverfahren erlaubte ab dem 15. Jh. auch durch das geschlossene Fenster eine Sichtbeziehung zwischen Innen- und Aussenraum. Bei diesen sind die Teilungen innerhalb der Fensterflügel in der Regel aus Holz. Diese Fenstersprossen - wie auch die Rahmen der Flügel - wurden mit stark abgeschrägten Abkantungen versehen, damit schrägeinfallendes Licht möglichst wenig verloren geht. Mit der Zeit wurden die Verfahren der Glasherstellung kostengünstiger, so dass um 1800 Fensterglas kein Luxus mehr war und Butzenscheiben aus der Mode kamen.

Die vor allem im 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jh. verwendeten Fenster mit einer zweiten Glasebene, sogenannte Kastenfenster und auch Winterfenster, bei denen im Winter die nach aussen aufklappbaren Fensterbalken durch relativ dicht schliessende verglaste Fensterflügel ersetzt wurden, ergaben einen besseren Wärmeschutz und zugleich einen optimalen Schallschutz, der bis heute selbst durch sogenannte Schallschutzfenster nicht überboten wird. Dies gilt vor allem für Fenster, bei denen die alten Flügel mit neuen, entsprechenden, unterschiedlich starken Scheiben ausgestattet und auch die Anschlüsse ans Mauerwerk verbessert wurden. Im wesentlichen kommt es beim Schallschutz auf den Abstand der Scheiben zueinander an, der bei Kastenfenstern optimal ist.

Fenster waren bereits in der Antike aus Holz gefertigt. Wohl erst im 19. Jh. wurden die ersten Fenster aus Gusseisen eingeführt. Später kamen Aluminium und Kunststoff hinzu. Heute gibt ein weites Spektrum an Fenstern aus Kunststoff, Aluminium oder anderen Metallen sowie Holz mit allen möglichen Kombinationen. Seit der Mitte des 20. Jh. wurden statt Fenstern mit zwei hintereinander liegenden Glasebenen, den sogenannten Kastenfenstern und anderen ähnlichen Konstruktionen bei Neubauten Verbundfenster verwendet, bei denen die Fensterrahmen zusammengehängt sind.

Bild 'trofaiach_fresko'

Bild: Auf diesem nicht restaurierten gotischen Fragment eines Freskos an der Westfassade der Stadtpfarrkirche von Trofaiach in der Obersteiermark erkennt man im Hintergrund die viergeteileten Fenster mit Butzenscheiben.


Nicht viel später wurden sie bereits von Fenstern mit Isoliergläsern ersetzt, bei denen nun die Scheiben mit noch geringerem Abstand zueinander direkt verbunden sind. Die weitere Entwicklung brachte Isoliergläser mit Zwei- und Dreifachverglasungen mit unterschiedlich starken Scheibenstärken, durch die unterschiedliche Frequenzbereiche von Lärm absorbiert werden sollen.

In den Abstand mancher Isolierglasscheiben wurden stark wärmedämmende Gase eingefüllt. In die Randverbindung der Glasscheiben sind immer Trocknungsstreifen eingeklebt, die das allzu schnelle Blindwerden dieser Isoliergläser verhindern sollen.

Jedenfalls wurde mit der Einführung der Isolierglasscheibe der transparente Teil des Fensters zu einem Konsumprodukt. Ist eine einfache Glasscheibe quasi unbegrenzt haltbar - es sei denn sie wird mechanisch zerstört - so wird Isolierglas nach einer mehr oder weniger langen Lebensdauer blind. Irgendwann kommt Feuchtigkeit in den Zwischenraum der Isoliergläser und dann laufen die Scheiben an, Kondenswasser steigt auf und rinnt hinunter, Algen beginnen zu wachsen.

Natürlich muss bei Isoliergläsern weniger gereinigt werden; es gibt nur zwei statt vier Glasflächen. Das Reinigen ist auch einer der Gründe, warum so viele alte Fenster immer weiter vereinfacht werden und viele echte Gliederungen gegen Scheingliederungen im Zwischenraum der Gläser getauscht werden, die schneller gereinigt sind als ein sechsfeldergeteiltes Fenster, allerdings auch sehr billig aussehen.


Gestaltung#


Bild 'skizze_kastenfenster'

Bild 'kastenfenster'

Bild: Dieses kastenförmig vortretende Fenster erinnert an die jemenitischen Gitterkästen, die ebenfalls den Blick an der Fassade hinunter erlauben.


Die Gestaltung der Fenster kann nicht isoliert von der Gestaltung des dazugehörigen Hauses betrachtet werden. Gute Architekten haben immer Form und Gliederung der Fenster bewusst in die Gestaltung der Fassade einbezogen. Selbst bei Plänen des 19. Jh., bei denen oft die Fenster in den Bauplänen nicht dargestellt wurden, sind die Scheibenformate in viele Details eingeflossen, so dass ein gestalterischer Zusammenhang entstanden ist.

Besonders gestaltwirksam sind bei Fenstern die Gliederungen durch Kämpfer-, Flügel- und Sprossenteilungen, die vielen Profilierungen und Halbsäulchen auf den konstruktiven Fensterteilen, aber auch die Lage der Fensterebene zur Fassadenebene sowie der das Fenster umgebende Dekor. Bei Kasten- oder Winterfenstern kommen auch die inneren Fenster hinzu, die eine Art Zweitgitter ergeben. Der Dekor um die Fenster hat mehr mit der Konstruktion der Maueröffnung zu tun, als vielen Betrachtern bewusst ist. Vieles davon hatte ursprünglich eine statische Funktion, wurde aber im 19. Jh. nur noch als funktionsloser Dekor in Erinnerung an frühere Bauepochen aufgebracht.

So stellen die aufgeputzten Faschen um Fensteröffnungen die Laibungssteine dar, welche früher Fensteröffnungen umgaben und das Mauerwerk um die Maueröffnung verstärkten. Da der Steinsturz oft durch zu starke Belastung von oben gebrochen ist, hat man schon in der Antike und in der Zeit der Renaissance wieder diese Stürze durch darüber angeordnete Steinbögen oder zwei Steine entlastet, die ein flaches Dreieck bilden und seitlich im Mauerwerk verspreizt sind. So entstanden die Segmentbogen- und Dreieckgiebelabschlüsse über Fenstern, die in der Zeit des Historismus im späten 19. Jh. zu einem prägenden Fassadenelement wurden, zu dieser Zeit aber längst keine statische Funktion mehr erfüllten.


Bild 'wien_fassade'

Bild 'wien_fassade02'

Bild 'wien_fassade03'
Bild links: Die Fenster dieser Wiener Fassade haben teilweise Rauten in den Pberlichtern; diese finden ihr Gegenstück in den Rauten der Fassade.


Bild Mitte: Auch bei diesen zwei Fassaden am Wiener Naschmarkt korrespondieren die Fenster mit dem jeweiligen Dekor.


Bild rechts: Diese renovierungsbedürftige Fassade in Wien zeigt ein Spiel von Realtionen zwischen Fenstern und Putzarchitektur.

Erst heute ist man in der Lage, fast unbegrenzt grosse Glasscheiben kommerziell herzustellen. Im 19. Jh. waren Fenster meist noch in sechs Glasfelder gegliedert. Die Formate dieser Scheiben waren so gewählt, dass sie in der Anschaffung und bei Ersatz im Preis kommerziell vertretbar waren. Die Gestaltung der Fassade wurde auf dieses Format abgestimmt und bildete mit den Fenstern eine Einheit. Das wird heute bei Sanierungen oft übersehen oder ignoriert. Die stehenden Fenster des 19. Jh. mit einer Sechsfelderteilung und auch die späteren mit einer reduzierten T-Teilung sind wichtig für die Gestaltung einer solchen Fassade und betonen die vertikale Gliederung der Fassaden.

Bild 'wien_fassade04'

Bild: Diese Fassade aus Wien ist typisch für die ZEit des Historismus: Sie zeigt über den Fenstern sowohl Segmentbögen wie auch zu Giebeln gespreizte Architekturelemente, die hier allerdings keine statische Funktion mehr haben. Der horizontale Balken ist bereits- wie im Barock und im Neobarock häufig- aufgebrochen.


Reduziert man die Fensterteilung auf die horizontale Kämpferteilung, was leider oft geschieht, so erhalten die Fassaden eine nicht adäquate, sehr störende horizontale Komponente. Ausserdem sind die riesigen Fensterflügel eher unpraktisch, weil sie geöffnet sehr tief in den Raum ragen und die gesamte innere Fensterbank zum Aufschwenken leer geräumt werden muss. Darüber hinaus werden bei solchen Fenstern die Scharniere exponentiell stärker belastet und nutzen sich daher auch schneller ab.

Auch der Farbton der konstruktiven Elemente eines Fensters ist gestaltwirksam. Will man die Gliederung optisch verschwinden lassen, wie dies beispielsweise beim Schloss Schönbrunn in Wien der Fall war, so muss man die Konstruktion dunkel streichen. Dann wirkt die Öffnung fast flächig. Will man die Öffnung gliedern, so wählt man eher eine helle Farbe, meist Weiss. Zu bedenken ist ausserdem, dass bei sehr dunklen Anstrichen sich durch Sonneneinstrahlung die Fensterkonstruktion stark aufheizt und es dadurch zu Schäden an Anstrich und Holz kommen kann.

Auch der Farbton der konstruktiven Elemente eines Fensters ist gestaltwirksam. Will man die Gliederung optisch verschwinden lassen, wie dies beispielsweise beim Schloss Schönbrunn in Wien der Fall war, so muss man die Konstruktion dunkel streichen. Dann wirkt die Öffnung fast flächig. Will man die Öffnung gliedern, so wählt man eher eine helle Farbe, meist Weiss. Zu bedenken ist ausserdem, dass bei sehr dunklen Anstrichen sich durch Sonneneinstrahlung die Fensterkonstruktion stark aufheizt und es dadurch zu Schäden an Anstrich und Holz kommen kann.

Bild 'wien_fassade05'

Bild: Bei diesen Fenstern aus den 20er Jahren des 20. Jh. mit ihrem stehenden Format und einer ursprünglich stark vertikalen Gliederung ist die Reduktion auf einen horizontalen Kämpfer für die Fassade sehr störend. Die reduzierte Gliederung bringt eine unadäquate horizontale Dominante ind ie Fassade.


Fenstergliederungen in Form von Scheinsprossen innerhalb von Isolierglasscheiben wirken optisch dünn und werden bei entsprechendem Lichteinfall weggespiegelt. Sie können auf keinen Fall eine echte konstruktive Gliederung ersetzen. Für aufgeklebte, aufgeklemmte oder anders angebrachte Scheinsprossen gilt das gleiche. Viele sind schon längst wieder heruntergefallen, weil der Klebstoff nicht lichtbeständig war oder der Kunststoff geschrumpft ist. Scheinsprossen jeder Art sind grundsätzlich abzulehnen; sie sind ein optischer Betrug, der selbst bei einer Kombination von innen liegenden und aussen aufgeklebten Sprossen spätestens beim Glasbruch erkennbar wird.

Bei Bauten vor 1950 werden die Fenstergliederungen zum alleinigen Gestaltungsmerkmal. Nimmt man diesen Fassaden auch noch dieses Detail, reduziert man die Bauten auf die Form von reinen Schachteln mit rechteckigen Löchern. Es stimmt, dass die gegliederten Scheiben etwas mehr Zeit bei der Reinigung brauchen. Eine bessere Fassadengestaltung sollte die wenigen Minuten aber wert sein. Viele Siedlungen aus dieser Zeit würden sehr gewinnen, erhielten sie wieder die geteilten Fenster.


Bild 'fassade01'

Bild: Die einzigen gestaltwirksamen Architekturelemente dieser Nachkriegsfassade waren die Fenstergliederungen, die noch bei den Treppenhaustüren erhalten sind. Durch sehr unterschiedliche Austauschfenster ohne Sprossen und meist auch ohne Flügelteilung wurde die Fassade komplett verunstaltet. Die Jalousien verdecken nicht nur eventuell vorhandene Teilungen, sondern reduzieren auch die Öffnungen unter den Fensterstützen. Das rechte untere Fenster mti den dicken aufgeklemmten Kunststoffprofilen demonstriert auf absurde Weise den Werbeslogan: "Mehr Licht durch neue Fenster!


Auch die Lage der Fenster innerhalb der Fensterlaibung ist sehr gestaltwirksam. Tief in die Laibungen zurückversetzte Fenster geben einer Fassade ein räumlich gestaltetes Oberflächenrelief. In der Fassadenebene liegende Fenster hingegen modellieren den Baukubus kaum. Die aussen auf die Fassaden aufschlagenden Winterfenster hingegen exponieren sich regelrecht. Bei Sturm werden diese Fenster gegen den Fensterrahmen gepresst und dadurch winddichter. Bei diesen Fenstern können Blumen in Töpfen innerhalb der Fensterlaibung ohne Probleme gezogen werden, weil die inneren Flügel nach innen und die äusseren nach aussen aufgehen.


Bild 'schloss_schönbrunn'

Bild 'wien_fassade06'


Bild links: Bei Schloss Schönbrunn in Wien kann man zwischen offenen Fenstern mit Teilung und solchen, die mit Balken ganz bzw. teilweise verschlossen sind, kaum unterscheiden. Man wollte die heterogene Bestückung möglichst unsichtbar machen.


Bild rechts: Bei diesem Wiener Ziegelbau ist die weiss gestrichene Gliederung des Fensters wichtig, weil die Fassadengestlatung die Abmessungen der Fensterfelder wiederholt.

Man sollte diese drei Fensterpositionen nicht beliebig vertauschen. Sie ändern massgeblich den Charakter eines Hauses. Das Problem bei der dritten Gruppe ist die Aufgehrichtung der äusseren Fensterflügel. Durch sie werden diese Fenster spätestens in Obergeschossen schwer zu reinigen und die Reinigung kann ohne entsprechende Sicherung auch gefährlich sein. Gegebenenfalls sind Einhäng-Ösen in der Fensterlaibung und Sicherheitsgurte für die Fensterputzer, die mit Karabiner angehängt werden, eine Lösung des Sicherheitsproblems. Wenn es sich nicht um denkmalgeschützte Objekte handelt, ist hier der Tausch gegen das Leistenpfostenfenster eine Lösung, bei der das Erscheinungsbild weitgehend erhalten und die Aufgehrichtung nach innen möglich wird.


Bild 'fassade02'

Bild 'fenster_vorher'

Bild 'fenster_nachher'
Bild rechts: Die einzigen gestaltwirksamen Architekturelemente dieser Nachkriegsfassade waren die Fenstergliederungen, die noch bei den Treppenhaustüren erhalten sind. Durch sehr unterschiedliche Austauschfenster ohne Sprossen und meist auch ohne Flügelteilung wurde die Fassade komplett verunstaltet. Die Jalousien verdecken nicht nur eventuell vorhandene Teilungen, sondern reduzieren auch die Öffnungen unter den Fensterstützen. Das rechte untere Fenster mti den dicken aufgeklemmten Kunststoffprofilen demonstriert auf absurde Weise den Werbeslogan: "Mehr Licht durch neue Fenster!

Vorher:Dieses Fenster ist mit seinen sechs Feldern typisch für das späte 19.Jh.: es hat zwei stehende Fensterflügel unter dem horizontalen Kämpfer und ein aufklappbares Oberlicht: alle drei Flügel sind mittig mit einer Sprosse geteilt. Zur Verdunkelung gibt es verstellbare Fensterbalken.

Nacher:Unglaublich klobige Aufklennprofile bilden den Rahmen für einen durchgehenden Fensterflügel mit Drehkippbeschlag und T- förmigen Scheinsprossen. Der eingebaute Jalousienkasten macht den Rahmen oben noch fetter .Die Fensterbalken wurden entfernt.

Bei historischen Bauten geht ein besonderer Reiz bei Kastenfenstern von den zwei Fensterebenen aus, die fast eine transparente Fortsetzung der Mauermasse ergeben. Die sich perspektivisch reizvoll überlagernden Gitter der Fensterebenen sollte man daher möglichst nicht durch den Einbau von Isolierglasscheiben in nur einer Ebene ersetzen. Zugegebenerweise ist die Reinigung von Kastenfenstern mit einem zeitlichen Mehraufwand verbunden, Grund für relativ häufigen Fenstertausch.


Ersatz durch Industriefenster#


Bild 'fassade03'

Bild: Leistenopfstenfenster an einem Haus in Graz bei dem die ursprünglichen Fenster nach ausen aufgingen. Hier liegen sie in der gleichen Ebene wie der Umgebungsdekor, man kann sie auch noch weiter nach aussen vortreten lassen.

In der Regel sollten Fenster in älteren Häusern repariert oder nachgebaut werden. Normfenster sind für den Austausch ganz sicher ungeeignet. Immer muss vom Format der vorhandenen Fensteröffnungen ausgegangen werden. Daher kommen hier nur individuell angemessene Fenster in Frage.


Reparierbarkeit#

Bei industriell gefertigten Fenstern ist zu bedenken, dass diese, wenn sie nicht aus Holz gebaut sind, ohne Probleme und zum Normalpreis nur vom jeweiligen Hersteller so lange erhältlich sind, wie dieser das gewählte Produkt im Herstellungsprogramm hat. Spätere Schäden lassen sich oft nur schwer beheben, adäquater Ersatz ist nur schwer zu erhalten und mit erheblichen Kosten verbunden. Das führt oft zu sehr unterschiedlichen Produkten innerhalb einer Fassade und so zu deren Verunstaltung.

Daher sollte die Reparierbarkeit bzw. die Möglichkeit, ein solches Fenster in Holz nachbauen zu können, ein Hauptkri- terium bei der Wahl neuer Fenster sein. Damit ist die Forderung nach einer dem Holz entsprechenden Profilgestaltung verbunden. Es darf beispielsweise an der Aussenseite der Fenster keine Profilteile geben, auf denen Wasser nicht oder nur schwer abfliessen kann.


Bild 'uno_city'

Bild: Auch die neuen Fenster dieser U-Bahn-Station bei der Wiener UNO-City korrespondieren mit der sie umgebenden modernen Fassade.

Kunststofffenster haben meist Fensterflügel mit Eckverbindungen durch Winkelkeile, welche auf Reibung in die Fensterprofile gesteckt werden. Sobald diese Reibung nachgibt, lässt sich ein solches Fenster nicht mehr schliessen bzw. öffnen. Solche Fenster weisen keine Nachhaltigkeit auf und sind besonders in Altbaufassaden ungeeignet. Es ist zu hoffen, dass sich Gestalter und Techniker intensiv mit dem Thema Fenster auseinandersetzen, um Qualitätsfenster herzustellen, die einfach reparierbar sind und auch allen formalen Anforderungen für den Einsatz in historischen Bauten, aber auch für neue Architektur genügen. Leider haben Fenster aus Holz durch die Verwendung von schlecht getrocknetem oder ungeeignetem Holzmaterial und auch durch den bautechnisch falschen Einsatz bei Verbundfenstern so an Image eingebüsst, dass es wohl notwendig ist, darauf hinzuweisen, dass es auch heute noch viele funktionierende Fenster aus dem 19. Jh. gibt. Wenn sie äusserlich schäbig sind, liegt das an mangelnder Pflege. In vielen Fällen waren sie selbst dann noch sanierbar und konnten auf neue Standards adaptiert werden. Holz ist kein maximaler Baustoff - es kann faulen, brennen und von Würmern befallen werden, ist aber dennoch ein altbewährtes Material, das als solches und in Kombination mit neuen Materialien und neuen Techniken sicher Zukunft hat.