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Der Grazer Kalvarienberg (Essay)#

Text von

Wiltraud Resch

Bilder von

Hasso Hohmann

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von

ISG Magazin Heft 1 / 2003 (Internationales Städteforum Graz)


Die Kalvarienbergkirche mit ihrem hochbarocken Fassadenprojekt.
Die Kalvarienbergkirche mit ihrem hochbarocken Fassadenprojekt.

Eine aufwendige Generalsanierung im Jahre 2002 lässt den Grazer Kalvarienberg wieder zu einem Anziehungspunkt für die Bevölkerung werden und bringt zu Bewusstsein, dass es sich hier um eine der bedeutendsten und schönsten Kalvarienberganlagen der Alpenländer handelt.

Schon im Jahre 1606 wurden auf dem Austein, einem in der nördlichen Aulandschaft der Nur emporragenden Felsen, drei Kreuze errichtet. Man war der Ansicht, dass dieser Felsen der Kreuzigungsstätte Golgotha ähnelte und auch die Entfernung zwischen Stadt und Felsen ungefähr jener von Jerusalem zum Berg Golgotha entsprach. Wenige Jahre später kam der Felsen in den Besitz der Grazer Jesuiten. Unter deren Führung errichtete die Grazer Bürgerbruderschaft Maria Reinigung zwischen 1656 und 1660 die einzelnen Kalvarienbergstationen. Ausgehend von der Mariahilferkirche in der Murvorstadt setzten sich während der Barockzeit lange Prozessionen zum Kalvarienberg in Bewegung. Vor allem an den Karfreitagen sollen mehrere tausend Grazer Bürger in Bußkleidung daran teilgenommen haben. Mit den Reformen Kaiser Josephs II. gingen die aufwendigen Schau- und Bußprozessionen zu Ende. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Anlage wieder instand gesetzt, doch dann begann der langsame Verfall.

Auf der Fassadenbühne zeigt sich eine steingewordenes 'Heiliges Theater', das seine Wurzeln in den mittelalterlichen Passionsspielen hat.
Auf der Fassadenbühne zeigt sich eine steingewordenes "Heiliges Theater", das seine Wurzeln in den mittelalterlichen Passionsspielen hat.

Bei der Bestandsaufnahme im Jahre 1999 wiesen vor allem die Stationskapellen und frei aufgestellten Skulpturen ein erschreckendes Ausmaß an Schäden auf. Obwohl die Pfarre Kalvarienberg zu den ärmeren Stadtgebieten zählt, wollte sich die Pfarrgemeinde mit ihrem engagierten Pfarrer Josef Ranftl nicht mit einer Preisgabe der einst so berühmten Grazer Kalvarienberganlage abfinden. Ihre Initiative zur Restaurierung fand auch außerhalb der Pfarre persönliche und finanzielle Unterstützung. Im Frühjahr 2002 begann mit Hilfe des Bundesdenkmalamtes und der zuständigen Ämter die Gesamtsanierung.

Durch die Abtragung des im Laufe der Zeit entstandenen Erdreichs und Bewuchses wurde nicht nur der ursprüngliche Felsen wieder sichtbar, sondern auch die Hauptursache der Mauerfeuchtigkeit beseitigt. Bequem begehbare Wege mit Wasser ableitenden Rinnen führen nun den Besucher vorbei an den umfassend restaurierten Stationskapellen zum Felsplateau mit der Kreuzigungsgruppe, von wo sich ein überwältigender Blick auf das Grazer Becken mit seiner umgebenden Hügellandschaft bietet.

Der ovale Zentralbau der 'Dismalkapelle' wurde 1694 am Ostabhang des Kalvarienberges erbaut, im Jahre 1803 jedoch als Mariatroster- Kapelle erneuert. Die anschließende Arkaden- Kapelle bildet den architektonischen Rahmen für die Darstellung der 'Drei Marien', aus der Zeit um 1710/25.
Der ovale Zentralbau der "Dismalkapelle" wurde 1694 am Ostabhang des Kalvarienberges erbaut, im Jahre 1803 jedoch als Mariatroster- Kapelle erneuert. Die anschließende Arkaden- Kapelle bildet den architektonischen Rahmen für die Darstellung der "Drei Marien", aus der Zeit um 1710/25.

Am Fuß des Kalvarienberges empfängt den Besucher die Kalvarienbergkirche. Sie entstand bereits 1668, ihre Besonderheit erhielt sie jedoch erst durch den Fassadenvorbau von 1723. Wie ein steingewordenes „Heiliges Theater" zeigt sich die figurale Darstellung „Seht welch ein Mensch (Ecce-Homo)" in barocker Dramatik auf der bühnenhaften Fassade.

Überwiegend stammen die begehbaren Kalvarienbergkapellen noch aus der Erbauungszeit um 1660. Hervorzuheben sind die barocken, schmiedeeisernen Gittertore, die nicht nur eine hohe künstlerische Qualität, sondern auch einen außergewöhnlichen Formenreichtum aufweisen. Die lebensgroßen Figuren in den Kapellen bewahrten trotz der Renovierungen und Ergänzungen des 19. Jahrhunderts noch großteils ihre ursprüngliche barocke Darstellungskraft.

Über die Steiermark verteilt gibt es mehr als siebzig Kalvarienberge, die aufgrund ihrer Größe und geographischen Topographie untereinander kaum zu vergleichen sind. Im weiteren Sinne können die Kalvarienbergan-lagen mit ihren Kreuzwegstationen und Kreuzweggruppen als sakral gestaltete Freiräume bezeichnet werden. Sie sind ein Cha-rakteristikum der Barockzeit und ein lebendiges Zeugnis von Volkskultur und religiösem Brauchtum. Die geglückte Wiederherstellung der Crazer Kalvarienberganlage beweist, dass man sich neben Globalisierung und Wertewandel wieder verstärkt der eigenen Tradition bewusst ist und diese auch zu revitali-sieren weiß.

Dazu wird auf das Buch „Steirische Kalvarienberge" aus dem Jahre 1990 und das eben erschienene Buch „Der Grazer Kalvarienberg" hingewiesen.


Die Kreuzigungsgruppe auf dem Plateau. Sie entspricht noch ganz den frühesten Ansichten, obwohl einzelne Figuren ersetzt werden mussten. Das Kreuz wurde nach einem Blitzschlag im Jahre 1764 erneuert.
Die Kreuzigungsgruppe auf dem Plateau. Sie entspricht noch ganz den frühesten Ansichten, obwohl einzelne Figuren ersetzt werden mussten. Das Kreuz wurde nach einem Blitzschlag im Jahre 1764 erneuert.

Der aus Kupfer getriebene, vergoldete Kruzifixus von 1775 befand sich ursprünglich auf einem Kreuz der oberen Murbrücke (heute Keplerbrücke). Nachdem ihn ein Hochwasser weggeschwemmt hatte, wurde er 1847 hierher versetzt.
Der aus Kupfer getriebene, vergoldete Kruzifixus von 1775 befand sich ursprünglich auf einem Kreuz der oberen Murbrücke (heute Keplerbrücke). Nachdem ihn ein Hochwasser weggeschwemmt hatte, wurde er 1847 hierher versetzt.

Eine der um 1660 errichteten Stationskapellen mit barockem schmiedeesiernem Gittertor.
Eine der um 1660 errichteten Stationskapellen mit barockem schmiedeesiernem Gittertor.