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Integrative Stadtentwicklung (Essay)#

Text und Bilder von

Hansjörg Luser

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von

ISG Magazin Heft 1 / 2003 (Internationales Städteforum Graz)


Österreich besitzt im Gegensatz zu den wichtigen Industriestaaten Europas mit Ausnahme des Zentralraumes von Wien keine starke urbane Struktur - weder was die überwiegende Siedlungsform, die gesellschaftliche Orientiertheit oder den überwiegenden Lebensstil anbelangt. Neben den Agglomerationsräumen um die größeren Landeshauptstädte, dem zentralen Inntal und dem Vorarlberger Rhein tal gibt es kaum Siedlungsräume, in denen über die Verwaltungsgrenzen hinausreichende städtische Problemstellungen Sichtbarwerden.

Städtepolitik: In Österreich ein unbeschriebenes Blatt#

DI Hansjörg Luser ist Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadterhaltung und Koordinator der URBAN-Projekte für Craz sowie Vorstandsmitglied des ISO.
DI Hansjörg Luser ist Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadterhaltung und Koordinator der URBAN-Projekte für Craz sowie Vorstandsmitglied des ISO.

So ist es kaum verwunderlich, dass sich die österreichische Bundespolitik traditionellerweise wenig mit dem allgemeinen Befinden der österreichischen Städte befasste und Städtepolitik, wenn überhaupt, dann aus der Sichtweise der Bundeshauptstadt wahrgenommen wird. Initiativen, die sich auf Belange der Städte und auf die strukturellen Besonderheiten von Stadtregionen orientieren, sind im Vergleich mit anderen europäischen Staaten in Österreich selten. Spezielle Maßnahmen, wie etwa die Einbindung des Nahverkehrs in die übergeordneten Fachkonzepte und vor allem auch dessen aus zentralen Mitteln mitgetragene Finanzierung, fehlen in Österreich im Gegensatz zu anderen EU-Staaten. Eine der seltenen in diese Richtung gehenden Initiativen, die „Nahverkehrsmilliarde", wurde zum Großteil für den Bau der Wiener U-Bahn verbraucht.

Standort-Management#

Städte stehen heute im permanenten Vergleich. Sie werden nach wirtschaftlicher Produktivität, Lebensqualität, Unterhaltungsund Freizeitwert, Verkehrsgunst, Sicherheit und vielen anderen Faktoren gemessen und miteinander verglichen. Dabei zeigt sich, dass die Strukturen internationaler Urbanität einander immer stärker ähneln - die hochge-zonten Skylines der Büro- und Bankenviertel, die shopping-malls umlagert von riesigen Parkplätzen, die Altstadtviertel als Vergnügungsmeilen sind wesentliche Bestandteile des Repertoires. Durch besonderes Herausstreichen spezieller Inszenierungen und mit Großereignissen versuchen Städte immer häufiger, unverwechselbare Identität und Eigenständigkeit zu gewinnen.

Städtekonkurrenz mit der Tendenz zur "Eventisierung" bindet aber vielfach wertvolle Mittel, die für die permanente Strukturerneuerung benötigt werden. Dies ist umso verhängnisvoller, je weniger Unterstützung die Städte von übergeordneten Körperschaften und ausgleichenden Finanztöpfen erhalten.

Nachhaltige Stadtentwicklung#

Einen anderen Weg als die kurzatmige Tendenz zur Inszenierung umschreibt der leider viel zu sehr strapazierte Begriff der Nachhaltigkeit. Er kann im Hinblick auf Stadtentwicklung nur das umfassende Bestreben bedeuten, kurzlebige, Ressourcen verschlingende Entwicklungen zu vermeiden und solche Prozesse zu fördern, die längerfristig tragen, auf Erneuerbarkeit ausgerichtet sind und insgesamt die Stadt als zukunftsfähigen menschlichen Lebensraum manifestieren. Dazu vier Thesen:

  1. Die marktorientierte Gesellschaft produziert von sich aus laufend Projekte, die Gewinn versprechen; die Definition von Ausmaß und Qualität des möglichen Gewinns, aber auch seiner jeweiligen Grenzen, gehört zu den wichtigsten übergeordneten Steuerungsaufgaben.
  2. Marktorientierte Vorhaben sind eher punktuell orientiert und kaum auf eine gesamtstädtische Zusammenschau ausgerichtet; berechnete Amortisierungszei-ten schließen den Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit meist nicht mit ein. Solche Aspekte müssen von außen eingebracht werden.
  3. Ein wirksames Mandat für die Begrenzung individueller Interessen zu Gunsten der städtischen Gemeinschaft kann heute nicht mehr aus bloßer fachlicher Voraussicht oder der Anwendung politischer Entscheidungsmacht gezogen werden. Es erfordert den Rückhalt einer breiten Öffentlichkeit.
  4. Die Zustimmung der Öffentlichkeit für übergeordnete Ziele kann nur über einen transparenten Kommunikationsprozess zwischen den verschiedenen Trägern von Interessen und der Suche nach dem gemeinsamen Besten gewonnen werden. Kommunikation wird zur Voraussetzung für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung.

Unter diesen Aspekten gewinnen grundlegende Fragen der objektiv messbaren, vor allem aber der subjektiv empfundenen Lebensqualität, aber auch die lokalen Unterschiede zwischen einzelnen Stadtgebieten, stärker an Bedeutung. Aus ihnen kann für die jeweilige Stadt, für den jeweiligen Stadtteil eine spezifische Wertschöpfung geschehen. Stadtentwicklung hat sich daher mit dem planmäßigen Ausloten der Möglichkeiten vorhandener und verfügbarer Potenziale zu befassen.

URBAN, eine Initiative der EU#

Die Europäische Union hat erkannt, dass sich die Städte immer mehr zum eigentlichen menschlichen Lebensraum entwickeln, in dem sich die Zukunft unserer Zivilisation entscheidet, sich ihre Vor- und Nachteile, Chancen und Probleme zuerst und am deutlichsten zeigen. Sie bietet daher mit der Gemeinschaftsinitiative URBAN ein Programm des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, das für große städtische Entwicklungsinitiativen ein maßgeschneidertes Förderungsinstrument darstellt. Urban II, die zweite Phase dieser Cemeinschaftsinitiative, läuft von 2000 bis 2007. Sie zielt besonders auf die Entwicklung und Umsetzung innovativer Entwicklungsmodelle zur zukunftsfähigen wirtschaftlichen und sozialen Belebung von Stadtgebieten ab.

Die Leitlinie für die neue Förderungswelle finanziert Projekte zur Verbesserung der städtischen Lebensbedingungen, zur Schaffung von Arbeitsplätzen vor allem in den Bereichen Umwelt, Kultur und Dienstleistungen, zur Integration Benachteiligter, zur Entwicklung umweltfreundlicher Verkehrsmittel, zur Schaffung von effizienten Möglichkeiten der Nutzung erneuerbarer Energie und zur Erschließung des Potenzials der Informationsgesellschaft. Für die Zielgebiete einer solchen Förderungsmaßnahme eröffnet sich dadurch die Chance, aus einer Situation der Bedrängnis den Aufschwung zu einem zukunftsfähigen Stadtteil mit besonderen Qualitäten zu schaffen. In Österreich werden zwei Programme in jeweils gleicher Höhe von der EU unterstützt: „Urban Wien Erdberg" und „ Urban_linkGraz_West".

Urban_link, Graz-West#

Der neue FH- Campus: Im Grazer Westen wird auch die Wissensproduktion angekurbelt.
Der neue FH- Campus: Im Grazer Westen wird auch die Wissensproduktion angekurbelt.

Die Veränderung der Arbeitsprozesse am Ende des 20. Jahrhunderts und die Umstrukturierung der Industrie im Zuge der einsetzenden Globalisierungstendenzen brachte für den Grazer Westen entscheidenden Umbrüche. Die für die entstandenen Leerräume entwickelten unterschiedlichsten Projektideen - überwiegend von privaten Initiatoren - blieben meist ohne Chance auf Konkretisierung, verunsicherten aber Unternehmen und Bürgerinnen. Der Grazer Gemeinderat beschloss daher mit Beginn des neuen Jahrtausends die „Initiative Stadtteilentwicklung Graz West" mit dem Auftrag einer zielgerichteten, mit den verschiedenen Inter-essensträgern, aber auch mit den Anliegen des Gemeinwesens abgestimmten Vorgangsweise. Als innovatives Abwicklungsmodell dieser neuen Form der strategischen Planung wurde ein kommunikationsorientierter Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, dessen übergeordnetes Ziel es ist, einen für alle attraktiven Standort zu entwickeln: „Graz-West, Raum für Zukunft".

Die beinahe gleichzeitige erfolgreiche Bewerbung um Förderungsmittel für das Programm Urbanjink Graz-West, dessen Zielgebiet mit der Entwicklungsinitiative identisch ist, macht es nun möglich, die in einem intensiven Kommunikationsprozeß erarbeiteten Strategien der Entwicklungsinitiative durch konkrete Leitprojekte umzusetzen. In diesem Sinne wurde daher, was die Erstellung und die Durchführung des Programms Urban betrifft, Kommunikation zu einem zentralen Angelpunkt. Als Grundlage für die Programmerstellung wurden vor allem die gemeinsam selektierten Vorhaben und Projektideen von Institutionen und Privaten herangezogen und zugleich Wünsche und Befindlichkeiten der Bevölkerung berücksichtigt.

Im Programmdokument selbst ist Kommunikation als eigener Programmschwerpunkt festgehalten, werden entsprechende Maßnahmen dazu beschrieben und Mittel dafür zugeteilt. Die Erfahrung von Urban 1 zeigt, dass die Zielsetzung, städtische Lebensqualität nachhaltig zu verbessern, auch eine sehr subjektive Komponente hat. Selbst Aktionen mit den besten objektiv messbaren Resultaten erreichen nur dann ihr Ziel, wenn ihre positive Wirkung von den Adressaten auch so empfunden wird.

Die Stadt Graz nimmt mit dem Programm Urbanjink Graz-West die Chance wahr, in diesem Labor für zukunftsfähige Stadtentwicklung zu agieren und die Vorteile daraus zu ziehen. Die kommenden fünf Jahre der Programmurnsetzung sollen den Bewohnerinnen und Bewohnern des Grazer Westens zeigen, wie integrative strategische Planung durch gezieltes Handeln zur positiven Wirklichkeit werden kann.



Der Beitrag erschien erstmals in KORSO (Dezember 2002); wir danken dem Autor sowie Mag. Christian Stenner für die Abdruckgenehmigung.