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Alte Tabor-Brücke über die große Donau#

Von

Monika Faber


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung


Tabor Brücke
Alte Tabor-Brücke über die große Donau 5. April 1875 Verlag Oskar Kramer Sammlung Albertina

Brücken waren stets ein beliebtes Motiv der Fotografie. Sie folgte darin der Tradition der romantischen Landschaftsmalerei, die Brücken als idyllisches wie auch als heroisches Motiv einsetzte. Spielerisch über ein Bächlein geschwungen – oder dramatisch zwischen Felsen gespannt: Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur ließ sich ganz unterschiedlich thematisieren.

Von diesen Konventionen ist allerdings im kleinen Bild kaum etwas zu spüren. Diese Brücke, die sich in einer leichten Krümmung über ein recht breites Wasser wölbt, wirkt wenig vertrauenserweckend und eher behelfsmäßig gezimmert. Sieht man genauer hin, entdeckt man im Hintergrund zwischen den Holzjochen einen weiteren, ebenso konstruierten Übergang. Im Vordergrund sitzt ein Mann auf einer grasbewachsenen Böschung, ein anderer, der mit einem langen Stock im Wasser hantiert, steht auf einer künstlichen Uferbefestigung. Kein Gebäude weit und breit weist auf eine Ansiedlung hin, doch auch die Illusion unberührter Natur will sich nicht einstellen.

Erstaunlicherweise – zumindest für den heutigen Betrachter – handelt es sich dabei um einen Abschnitt der einzigen bei Wien gelegenen Straße, die die Donau vor der großen Regulierung 1869 bis 1876 überquerte, also um eine Hauptverkehrsader einer Metropole. Doch die Regulierung hat den Fluss so verändert, dass wir uns keine Vorstellung mehr davon machen, wie die Donau innerhalb eines etwa 5 km breiten Augebiets früher ihren Lauf beständig veränderte, und wie jedes Hochwasser und vor allem die gefürchteten Eisstöße nicht nur Ufer und Brücken, sondern auch Vorstädte und Dörfer bis weit ins Marchfeld hinein regelmäßig schwer in Mitleidenschaft zogen. Oft genügte es nicht, die Übergänge auszubessern, sie mussten an anderen Stellen neu errichtet werden.

Im Auftrag der (französischen) Ingenieure, die die Donau in ein neu gegrabenes und dauerhafteres Bett verlegten, entstanden Aufnahmen, die sowohl den ursprünglichen Zustand als auch die Entwicklung der Bauten dokumentieren sollten. Daher hatte der Fotograf keine romantische Landschaftsdarstellung im Sinn, als er seine Kamera auf der Böschung in Position brachte: Ein möglichst weiter Überblick über die Situation war gewünscht, und der erfahrene Mitarbeiter der Firma Oskar Kramer, die den Fotoauftrag ausführte, verwendete deshalb ein Objektiv, das einen möglichst weiten Winkel umfassen konnte.

Allerdings beeinflusste dieses Objektiv auch die perspektivische Verkürzung im Bild: Der Größenunterschied zwischen den beiden Männern im Vordergrund suggeriert einen größeren Abstand, als er wirklich bestanden haben kann, und auch die Distanz zwischen dem vorderen Brückenabschnitt und dem im Hintergrund "übertreibt" die tatsächliche Entfernung. Vielleicht beabsichtigte der Fotograf, die "Größe" der Ingenieurleistung, die hier bewältigt werden musste, auf diese Weise vor Augen zu führen – mit neuen optischen Mitteln, weil sich hier die dramatischen Brückensituationen, zwischen Felsen oder an reißenden Gewässern, nicht boten.