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Architekt der Postmoderne#

Der österreichische Universalkünstler Hans Hollein feiert am Sonntag seinen achtzigsten Geburtstag.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 28. März 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Hauptsitz der Interbank Peru
Hans Hollein errichtete in Lima (Peru) den Hauptsitz der Interbank Peru.
© apa/Atelier Hollein/S. Baniahmad

Wien. Für Hans Hollein ist Architektur mehr als Bauen, nämlich geistiges wie sinnliches Ereignis und Grundbedürfnis des Menschen, seit er die Höhlen verließ. Der Begriff Multitasker passt auf seine Arbeit zwischen Architekt, Designer, bildender Künstler, Theoretiker, Kulturpolitiker, Ausstellungsgestalter und Lehrender. Vorlieben hat er für das Auto als zentrales Kultobjekt der Moderne an der Grenze von Kunst und Design. Deshalb war die Architektur anfangs für ihn, ähnlich wie für Le Corbusier, eine Art Wohn-Maschine oder Schiff, doch im Gegensatz der Verwendung des Autos in Bildern, Collagen und Plastiken durch die Futuristen erklärte er es selbst zur Architektur. Damit finalisiert und radikalisiert Hollein die erste Moderne mit Blick in die Zukunft, wie der zweite Multitasker der Avantgarde nach 1945, Peter Weibel, in der Monografie von 2012 vermerkt.

Am 30. März wird der Architekt 80 Jahre alt, den Joseph Beuys 1974 zum Künstler erklärte, weil er unsere ganze Alltagswelt - bis zu Besteck und Schmuck - zur architektonischen Frage macht.

Wie der umstrittene Kunstschamane Beuys gehört Hollein in einer Art Dialektik der ersten und der zweiten Phase der Moderne an. Er wurde 1934 in Wien in eine Familie von Bergbauingenieuren hineingeboren und absolvierte die legendäre Jungenklasse bei Franz Čižek, was seine Liebe zum Gesamtkunstwerk "Jugendstil" anfachte. Nach der Matura 1953 studierte er bei Clemens Holzmeister an der Akademie, unternahm Reisen nach Nordeuropa mit der Künstlerin Kiki Kogelnik und wechselte nach dem Diplom 1956 in die USA, wo er, mit Hilfe eines Stipendiums, ein Masterstudium in Chicago und Berkeley 1960 abschloss. Die Visionäre der vertriebenen Moderne wie Friedrich Kiesler, Victor Gruen oder der Otto-Wagner-Schüler Rudolph Schindler, beschäftigten ihn dort ebenso wie die Pueblo-Architektur in Neu-Mexiko, der Austausch mit Richard Buckminster Fuller oder die Rückblicke auf Frank Lloyd Wright.

Verbindung von Philosophie und Architektur#

Der vielseitig gebildete Hollein verbindet bis heute puristische Wertetheorien der ersten Wiener Schule der Philosophie und Kunstgeschichte mit der Fülle postmoderner Medientheorie, was ihm stets einen Vorsprung oder globaleren Blick bescherte, in Österreich aber auch zu Anfeindungen führte. Am Anfang standen die Visionäre der Avantgarden des 20. Jahrhunderts: Adolf Loos und Josef Hoffmann, die utopischen Modelle der Futuristen und Expressionisten; El Lissitzky und Kasimir Malewitsch faszinierten ihn wie das Bauhaus mit Marcel Breuer, dazu Le Corbusier und der Brasilianer Oscar Niemeyer. Doch auch Marcel Duchamp, Werbung und Neue Medien, Arte povera und Fluxus.

Hans Hollein
Hans Hollein
© APA/Hochmuth

Vorerst erweiterte Hollein den Architekturbegriff in die Skulptur. Parallel zu Minimal- und Konzeptkunst sieht er semiotisch Architektur als Zeichen, als Idee hin zum Immateriellen, aber auch als Raum für Rituale. 1969 entwarf er mobile, aufblasbare Zellen als Büro - es waren keine Bau-, sondern Kunstwerke. So kam er folgerichtig 1977 und 1987 auf die Documenta in Kassel, mehrmals auf die Biennale in Venedig und erklärte - ähnlich Beuys - alles zur Architektur und diese zum Medium der Kommunikation. Der Träger des Österreichischen Staatspreises von 1983 war ab 1978 selbst Kommissär und Direktor der Biennale, wichtiges Jurymitglied und Teil des Kunstsenats.

Die Eingemeindung von Ironie und Kitsch im Zuge von Werbung und neuen Medien, der Einsatz von flexiblen Versatzstücken der Moderne wie Codes in Fassade und Innenraum, stempelte ihn schnell als Miterfinder der Postmoderne ab. Dächer als Wellen oder schwingende Wände - frei nach den Kurven der Marilyn Monroe und dem alten Ausspruch von Loos, dass alle Architektur erotisch ist - irritierten. Möbel nahe dem Memphis Design mit grellen Farben, pathetischen Formen und rotzigen Namen wie "Vanity", "Mitzi" oder "Wave" (für eine Lampe mit dem Stiel eines Blitzes), goldene Palmen und Pagoden, zerschnittene Säulen und Vorhänge als Zitate in Geschäftslokalen, verstellen lustvoll den Blick auf exklusive Schmuckstücke, Luster oder Vasen.

Aufreger erster Ordnung in Wien waren die Sprungschanzen ähnlichen Vordächer am Haashaus und über dem Eingang der Albertina, vor allem weil sie funktionslos Akzente setzen. Die Form folgt der Funktion nicht mehr und irritierend taucht 1968 unter Vorbildern das Foto von Albert Speer in Holleins Manifest "Alles ist Architektur" auf. In der Zeitschrift "Bau" abgedruckt, die er von 1964 bis 1970 mit Gustav Peichl, Walter Pichler und anderen herausgab. Doch das "Anything goes" der Nachmoderne erlaubt das Abschweifen von der "political correctness" wie den peinlichen Kitsch.

Der erste Auftrag in Wien war das wenige Quadratmeter große Kerzengeschäft Retti am Kohlmarkt, der zweite die Fassade für den Juwelier Schullin am Graben, dann erst wechselte er vom Schauwerk sinnlicher Materialschönheit mit dem Museum am Abteiberg von Mönchengladbach 1985 in Großaufgaben der Architektur. Der in Terrassen angelegte Gebäudekomplex, der die Kunst inszeniert wie kaum ein anderer, führte verdientermaßen zum renommierten Pritzker-Preis, dem Nobelpreis für Architektur. Das Frankfurter Moderne Museum in Form eines Tortenstücks 1981/92 sorgte für Diskussion als Hollein längst ein Weltstar war. Er hatte in den USA unterrichtet, dann in Düsseldorf - aus der "Fluxus Zone West" (Joseph Beuys) kam er 1976 nach Wien zurück, um an der Angewandten eine Professur 2002 zu übernehmen.

Wiener Zeitung, Freitag, 28. März 2014