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Ein verkanntes Kunstwerk#

Am 1. Mai schließt das Wiener Stadthallenbad wegen Renovierungsarbeiten für eineinhalb Jahre. Ein Besuch in dem architektonisch interessanten Bau von Roland Rainer aus den 1970er Jahren.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. April 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Wenzel Müller


Stadthallenbad
Das Bad wirkt trotz Stahlkonstruktionen leicht und luftig ...
© W. Müller

Das Wiener Stadthallenbad wird gerne mit dem Centre Pompidou in Paris verglichen. Beide Bauten wurden nicht nur zur gleichen Zeit errichtet, in den 1970er Jahren, sondern weisen auch eine stilistische Gemeinsamkeit auf: sie verstecken ihre funktionellen Teile nicht, sondern stellen sie offen zur Schau. Allerdings liegen die Lüftungskanäle bei dem Pariser Kunst- und Kulturzentrum außen, im Stadthallenbad hingegen innen.

Beide Bauwerke sind schon etwas in die Jahre gekommen, trotzdem wirken sie immer noch recht modern. Was den Besucher sowohl des Centre Pompidou (Architekten: Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini) wie auch des Stadthallenbads immer wieder überrascht: Obwohl hier wie dort ein Stahltragwerk das Gesamtbild beherrscht, kommt keineswegs der Eindruck eines spröden oder gar eisernen Baus auf. Im Gegenteil, beide wirken leicht und luftig, auch deshalb, weil sie große Fensterflächen haben.

Ein Hallenbad mit einem weltbekannten Museum zu vergleichen: das ist eine große Ehre für den Architekten des Wiener Stadthallenbads, Roland Rainer (1910 – 2004). Doch wird dieser Vergleich vor allem von der Fachwelt ausgesprochen, weniger von der breiten Bevölkerung.

Dass mag vielleicht darin begründet sein, dass das Stadthallenbad im Schatten der benachbarten Stadthalle liegt, einem weiteren Rainer-Bau, 1958 errichtet, der im Bewusstsein der Bevölkerung stärker verankert ist. Außerdem ist ein Hallenbad vor allem dazu da, benutzt und nicht bewundert zu werden. Obwohl das Wiener Stadthallenbad ein architektonisch interessanter Bau ist.

Statten wir dem Bad einen Besuch ab, bevor es am 1. Mai für eineinhalb Jahre schließt, um einer Generalsanierung unterzogen zu werden. Wir benutzen den Eingang am Vogelweidplatz. Er wird nach den Umbauarbeiten zwar weiter bestehen, aber nur noch als Nebeneingang für die Sportler. Der neue Haupteingang wird, größer und auffälliger, in die Hütteldorfer Straße verlegt.

Im Bauch des Bads#

Der Umkleidebereich hat etwas Funktionales, um nicht zu sagen: Spartanisches. Wie auch der Sanitärbereich. Vor einigen Jahren wurde bei den Duschen der Druckknopf durch eine Lichtschranke ersetzt, kein wahrer Fortschritt, da seitdem das Wasser zu fließen aufhört, wann es will. Blickt man in der Dusche nach oben, sieht man Rohre, die schon ziemlich alt und teilweise rostig sind. Bereits 2008 hatte ein "Falter"-Artikel Schimmelbefall in den Nassräumen angeprangert. Um es in der Sprache der Politiker zu sagen: Hier besteht in der Tat Handlungsbedarf.

Der Umkleidebereich befindet sich im Bauch des Bads. Unmittelbar darüber ist das Schwimmbecken. Das mag dem Statiker einige Bewunderung entlocken ob der gewaltigen Kräfte, der die Unterkonstruktion standzuhalten hat. Wer zu klaustrophobischen Ängsten neigt, sollte besser gar nicht wissen, dass sich direkt über seinem Kopf die gewaltige Wassermenge von 3800 Kubikmetern befindet. Ist das Becken leer, erklärt Herr Gollinarsch, der Betriebsleiter des Bads, dauert es zweieinhalb Tage, bis es wieder mit Wasser gefüllt ist.

Stadthallenbad
© W. Müller

Roland Rainer hat das Stadthallenbad quasi in die Tiefe gebaut. Oben befinden sich Schwimm- und Kinderbecken, darunter das Trainingsbecken und der Saunabereich, ganz unten die Garderobe und die Haustechnik. Zu dieser Bauweise war der Architekt gezwungen, weil ihm nur wenig Platz zur Verfügung stand. Und groß sollte das Bad schon werden, schließlich wurde es mit der Schwimm-Europameisterschaft 1974 eröffnet.

Das Ausweichen nach unten, ins Bodeninnere, ist nicht frei von einer gewissen Pikanterie. Hat sich doch Rainer als Architekt, Hochschulprofessor und Wiener Stadtplaner leidenschaftlich gegen Hochhäuser ausgesprochen, die für ihn der Inbegriff einer lebensfeindlichen Wohnform waren.

In der zweiten Ebene befindet sich der Saunabereich. Wer ihn betritt, begibt sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Die Sauna erinnert an eine Holzhütte. Und der Aufguss wird wie ehedem mit Saunabottich und Holzkelle gemacht. Vom Liegestuhl schaut der Saunagast auf eine leere Wand oder auf einen Betonpfeiler. Man spürt förmlich, wie der Saunabereich in diesen kleinen Raum gezwängt wurde. Wer größer als 1,90 Meter ist, muss unter der Dusche den Kopf einziehen.

Das Ambiente ist, freundlich ausgedrückt, nicht mehr zeitgemäß. Um Anschluss an die Moderne zu finden, soll hier denn auch ein Wellness-Bereich entstehen. Jeder Umbau bedeutet freilich auch Verlust. Im Saunabereich könnte er darin bestehen, dass die im wahrsten Sinne intime Atmosphäre verloren geht.

Blick durchs Bullfenster#

Nach dem Saunagang geht es hinüber ins Saunarestaurant, das Toast und Frankfurter auf der Speisekarte hat. Die Decke hängt tief und die Tische sind klein, das Lokal erinnert an eine Schiffskabine. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass der Gast durch Bullfenster direkten Blick aufs Wasserbecken hat. Die Turmspringer tauchen direkt neben ihm ins Wasser ein.

Im Saunarestaurant ist Badekleidung vorgeschrieben. So steht es auf einer Tafel. Dieser Hinweis wird nach dem Umbau nicht mehr nötig sein, denn das Restaurant bekommt einen zusätzlichen Eingang auf der Hütteldorfer Straße. Dann werden die Saunagänger nicht mehr unter sich sein – und das Speisenangebot sicherlich etwas üppiger.

Herr Gollinarsch führt mich durch den Technikraum. Es zischt und brodelt und blubbert. Das Wasser wird von der Fernwärme Wien über Plattentauscher erwärmt. Pumpen bringen es in Umlauf und Filter reinigen es. "Für das große Becken werden 500 Kubikmeter Wasser in der Stunde umgewälzt", erklärt der Betriebsleiter.

Die technische Anlage stammt fast zur Gänze aus den Siebzigerjahren. Nun wird sie komplett erneuert. "Das ist auch höchste Zeit", sagt Gollinarsch. Er hätte jahrlang viel improvisieren müssen, denn für viele Teile gäbe es keinen Ersatz mehr. Immerhin scheint die Improvisation sehr gut geklappt zu haben, denn das Bad musste in den letzten Jahren außerplanmäßig kein einziges Mal geschlossen bleiben.

Mit dem Einzug moderner Technik sollen die Betriebsausgaben gesenkt werden: der Stromverbrauch um 20 Prozent, die Leistung der Fernwärme um 60 Prozent, der Wasserverbrauch um 25 Prozent. Diese Modernisierung macht denn auch den Hauptanteil der Generalsanierung aus, für die der Eigentümer, die Stadt Wien, immerhin 17 Millionen Euro bereitstellt. Die Substanz des Bads soll aber unangetastet bleiben. Das versichert Georg Drindl, dessen Architekturbüro das Ausschreibungsverfahren für die Generalsanierung gewonnen hat – und der selbst Student bei Roland Rainer war. Die Substanz des Bads, seine charakteristische Formensprache, zeigt sich insbesondere im Schwimmbereich, in den bereits angesprochenen markanten Stahlträgern und Lüftungskanälen. Diese Großzügigkeit und Transparenz! Hier kommt der architekturinteressierte Gast leicht ins Schwärmen.

Stadthallenbad
Der Umkleidebereich hat etwas Funktionales, um nicht zu sagen: Spartanisches... © W. Müller
Die architektonische Gestaltung wird also bleiben, wie sie ist. Hier und da müssen jedoch Konzessionen an den modernen Sportbetrieb gemacht werden. So bekommt das Schwimmbecken auch an jeder Stirnseite eine Überlaufrinne, was die Wellenbildung eindämmt und vor allem bei Wettkämpfen wichtig ist. Außerdem wird der Sprungturm adaptiert, damit auch Synchronspringen möglich ist. Und die jetzigen Startblöcke werden durch moderne Absprungsockel ersetzt.

400.000 Besucher hat das Stadthallenbad im Jahr; es kommen Schulklassen, Seniorengruppen, Schwimmschüler und Sportschwimmer. Sowohl das Schwimmbecken wie das einen Stock tiefer liegende Trainingsbecken haben eine Länge von 50 Metern – das hat kein anderes Hallenbad in Wien zu bieten, daher ist das Stadthallenbad auch das Leistungszentrum für den heimischen Schwimmsport. Während des Umbaus werden Mirna Jukic und Co. ins Stadionbad ausweichen, ein Sommerbad, dessen großes Becken zwischenzeitlich überdacht wird. Die Turmspringer finden Unterschlupf im Amalienbad. Und die übrigen Stadthallenbadbesucher, vor allem die vielen Schulklassen, werden sich auf die anderen Bäder aufteilen müssen, woran es in Wien ja glücklicherweise keinen Mangel gibt. Schließlich ist Wien die Hauptstadt mit den weltweit meisten Badeanstalten. Und wenn das Stadthallenbad im Herbst 2011 wiedereröffnet wird, soll es das modernste Hallenbad Österreichs sein.

Wenzel Müller

Wenzel Müller, geboren 1959 in Sindelfingen (D), lebt als Journalist und Sachbuchautor in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 24. April 2010