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Haus-Kleider à la française#

Die Stadt Kapfenberg schmückt sich neuerdings mit zwei außergewöhnlichen Wohnhausfassaden. Gestaltet wurden sie vom Weltmarktführer für Fassadenkunst, dem französischen Unternehmen CitéCréation.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 25./26. Oktober 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Ingeborg Waldinger


Markante Wohnbauten im Ortszentrum präsentieren Kapfenberg
Markante Wohnbauten im Ortszentrum präsentieren Kapfenberg als Stadt der "Musik" und der "Natur".
© CitéCréation

Die Fassade ist eine Visitenkarte - und ein Medium der Kommunikation. Ihre gestaltenden, ornamentalen Elemente wirken in den öffentlichen Raum hinein. Gleich der Kleidermode, sind Ansichtsseiten von Gebäuden - ob triumphale Schaufläche oder funktionelle, nüchterne Hülle - auch ein Spiegel der Zeit.

Die Fassade wirkt aber auch nach innen. Ist sie schön gestaltet, trägt dies zum Wohlbefinden der Hausinsassen bei. "Gebäudehüllen sind die Haut der Bewohner", sagt Halim Bensaïd. Monsieur Bensaïd ist Geschäftsführer von CitéCréation, dem in Lyon ansässigen Weltmarktführer für Fassadenkunst. Das 1978 gegründete Unternehmen ist ein Künstlerverbund (50 Prozent Männer, 50 Prozent Frauen) mit Tochtergesellschaften in Kanada und Berlin. Zu seinen 580 monumentalen Wandmalereien rund um den Erdball kommen nun erstmals zwei Häuser in Österreich hinzu. Sie stehen in Kapfenberg. Und dieses franco-steirische Projekt kam wie folgt zustande:

Der sozialistische Bürgermeister von Kapfenberg (und ehemalige Landtagspräsident) Manfred Wegscheider hatte die Fassadenkunst von CitéCréation auf einer Reise nach Lyon entdeckt. Sogleich war die Idee geboren, die Haus-Couturiers an die Mürz zu holen, wo sie das Stadtverschönerungsprogramm "Good Morning Kapfenberg" um eine maßgeschneiderte Fassadenkreation bereichern sollten.

Ein Pilotprojekt#

Die Kontaktaufnahme mit der Firma erfolgte dann von Österreich aus. "Es waren in erster Linie ästhetische Gründe, aber uns reizte auch die Tatsache, dass wir die Ersten in Österreich waren, die ein Projekt - mittlerweile sind es ja zwei - mit dem Weltmarktführer der Fassadenkunst durchführten. Wir wollten etwas Herausragendes und in Österreich Einzigartiges schaffen", erklärt der Bürgermeister gegenüber der "Wiener Zeitung".

Für dieses Pilotprojekt habe man das markanteste Gebäude der Stadt (es ist das älteste Hochhaus der Steiermark, Anm.) ausgewählt: "Das Baujahr des Wohnhauses, 1957, war nicht der Hauptbeweggrund, sondern seine prominente Lage. Man sieht es bereits von Weitem, wenn man von der S 6 nach Kapfenberg fährt. Es markiert wie ein Turm den Beginn der Innenstadt und kann von vielen Punkten der Stadt, z.B. vom Bahnhof und der Burg, gesehen werden. Wenn Sie unseren Lipdub Kapfenberg anschauen, dann werden Sie sehen, dass kein anderes Gebäude der Stadt so oft im Bild ist, wie dieses Hochhaus."

Der Lipdub? Das ist ein Musikvideo, gedreht an öffentlichen Plätzen, ohne Schnitt. Der Name kommt von engl. lip dubbing, also Lippensynchronisierung. Die Kamera folgt einer festgelegten Route, die mit einem Musikstück beschallt wird, und nimmt die Teilnehmer auf, die entlang der Route das Lied mitsingen (bzw. die Lippen dazu bewegen). - Kapfenberg hat dieses Medium zu PR-Zwecken eingesetzt. Am 19. September 2014 schaffte man mit rund 6000 Mitwirkenden und 17 Livebands zu "Life is Life" von Opus einen Lipdub-Weltrekord. Gelungen ist damit aber auch ein kreativer, Identität stiftender Event.

"Das Echo auf Medien wie Facebook bestätigt, dass es uns gelungen ist, auch die Jugend zu begeistern", zeigt sich der Bürgermeister erfreut. Sein Bemühen, die Jugend in der Stadt zu halten, schlägt sich auch in einer geringen Arbeitslosenrate nieder: In der Stadt sind derzeit "126 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos gemeldet, bei einer Einwohnerzahl von 22.000. Das ist ein Minus von 9,4 % gegenüber dem Vorjahr."

Mit Kapfenberg assoziiert man vor allem einen Arbeitgeber: die Stahlindustrie. Dieser Seismograph der Weltwirtschaft hat die Stadt auch nachhaltig geprägt. Ökonomischer Aufschwung im Industrialisierungszeitalter, Rüstungsstandort in den beiden Weltkriegen, Bombenziel 1944/45, Wiederaufbau, Verstaatlichung, Stahlkrise, Reprivatisierung, Fusionierung, Rationalisierung: all diese Entwicklungen prägen die Kapfenberger Chronik. Haben vor Ausbruch der großen Stahlkrise 1972 noch 8000 Menschen im Kapfenberger Stahlwerk gearbeitet, so waren es zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch 3500.

Die Stadt reagierte. Sie zog Hightech-Betriebe und zukunftsorientierte Bildungseinrichtungen an Land, positionierte sich als Trainingszentrum des (Spitzen-) Sports - und stellte reichlich Mittel für die Kultur bereit. Zum Kulturzentrum gehören ein Museum, eine Bibliothek - und das "Café Qualtinger". Die Verbindung zwischen dem Künstler und der Stadt basiert auf einem legendären Travnicek-Sager: "Simmering- Kapfenberg, das nenn’ i Brutalität!" (in Anspielung auf ein buchstäblich knochenbrecherisches Match im Jahr 1956).

Ein Blumenkleid für das Haus in der Wiener Straße Nr. 46
Ein Blumenkleid für das Haus in der Wiener Straße Nr. 46.
© CitéCréation

Das Unternehmen CitéCréation stieß also bei seiner obligaten Vor-Ort-Recherche auf eine facettenreiche Geschichte. Es habe, so der Bürgermeister, die Stadt bis ins letzte Detail analysiert und befunden, dass die Themen Musik und Natur für die Hochhaus-Fassade besser geeignet wären als die Stahl-Thematik.

Die Motivfindung#

Den Fassadenkünstlern sei nicht nur der Stellenwert der Musikschule aufgefallen, sondern auch die vielen musikalischen Aktivitäten, etwa die Orchester- und Big-Band-Konzerte oder die hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihen "6 in the City", "Chill Hill" und "Music X Days". Das Thema Stahl sei im Stadtbild dennoch künstlerisch präsent, ergänzt der Bürgermeister: "Projekte wie etwa die Gestaltung der Fußgängerunterführung beim Europaplatz oder die Mauerverkleidung zu Beginn der Mariazeller Straße behandeln bewusst das Thema "Industrie".

Die Mieter und Eigentümer des Hochhauses habe man miteinbezogen, sobald das Einverständnis der Eigentümerin (Wohnbauvereinigung für Privatangestellte) vorlag, und es in die Phase der Motivfindung ging. Die Mehrheit der Hausbewohner habe das Projekt mit Begeisterung angenommen, zumal CitéCréation es hervorragend verstanden habe, alle Änderungsvorschläge zu berücksichtigen und ein für alle akzeptables Design zu liefern. "Dadurch konnten auch viele der Skeptiker überzeugt werden."

Diese Überzeugungsarbeit hat vor allem einer geleistet: der künstlerische chef du chantier ("Baustellenleiter") Halim Bensaïd. Der "Wiener Zeitung" erklärt er, worin für ihn der Sinn dieser Fassadenkunst liegt: "Die funktionelle moderne Stadt zeigt ihre Grenzen. Ihr fehlt die Seele, sie bewegt die Menschen nicht. Ich repariere diese Mängel." Seine dreißigjährige Erfahrung lehre ihn beispielsweise auch, dass Fassadengemälde in sozial schwierigen Vierteln die Gewalt reduziere. Denn man sei stolz, in solchen Häusern zu wohnen und lade auch gerne Freunde ein. Es gebe großen Respekt vor dieser Arbeit, noch nie sei eine Wandmalerei seines Unternehmens mit Graffiti verunziert worden.

Die Künstler von CitéCréation huldigen nicht dem Prinzip des L’Art-pour-l’Art, sondern wollen etwas Nützliches schaffen. Dazu müsse man die betroffenen Menschen einbinden. Deren erste Frage laute oft: "Zeigen Sie uns Ihren Entwurf?" Dann zücke Halim Bensaïd ein leeres Blatt und lade alle ein, es mit ihm gemeinsam zu füllen. In Kapfenberg habe sich der Wunsch nach einem Gegenbild zum gängigen Fremd- und Selbstwahrnehmungsmuster als Stahlstadt herauskristallisiert. Das Hochhaus bekam zum schönen Kleid auch einen wärmenden Unterrock. Die Kosten für die künstlerische Gestaltung (185.000,- Euro) übernahm die Gemeinde, jene für die Isolierung die Wohnbauvereinigung.

Diese Erfolgsgeschichte bewog den Stadtvater, gleich noch ein Gebäude zu veredeln. Diesmal mit einem Blumenkleid. Wieder trug die Stadt die Kosten für die künstlerische Gestaltung, zumal es sich ebenfalls um ein Haus im Zentrum Kapfenbergs handelt. Die bemalten Fassaden sind bereits zu touristischen Magneten geworden.

Ingeborg Waldinger, geb. 1956, Romanistin und Germanistin, ist Redakteurin im "extra" der Wiener Zeitung und literarische Übersetzerin.

Wiener Zeitung, Sa./So., 25./26. Oktober 2014