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Ein Meister der Proportionen#

In Linz ist zurzeit eine sehenswerte Werkschau des vor fünf Jahren verstorbenen österreichischen Architekten und Designers Friedrich Goffitzer zu sehen, einem eminenten Vertreter der "Zweiten Moderne".#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Widder


Friedrich Goffitzer im Kreise seiner Studenten
Friedrich Goffitzer im Kreise seiner Studenten an der Kunsthochschule Linz.
© Foto: afo

Eine Institution wie das architekturforum oberösterreich ("afo") in Linz hat nicht nur die Aufgabe, sich mit den aktuellen Tendenzen von Architektur und Städtebau kritisch zu beschäftigen, sondern auch die Geschichte der Moderne in besonderen Ausstellungen darzustellen. Eine Möglichkeit, Werke des 20. Jahrhunderts anschaulich vorzustellen, sind monografische Ausstellungen über einzelne Architekten, die in den vergangenen fünfzig oder mehr Jahren die Entwicklung von Architektur und Design mit besonderen Werken geprägt haben. Einige Persönlichkeiten der oberösterreichischen Szene wurden im afo in den vergangenen Jahren mit überschaubaren Einzelausstellungen gewürdigt; derzeit ist das vielseitige Werk Friedrich (Fritz) Goffitzers (1927-2010) in einer gut gestalteten Werkausstellung zu sehen.

Der Zeitraum, in dem Goffitzer als Architekt, Designer und Hochschullehrer aktiv war, reicht von den späten 1950er Jahren bis zum Ende der 1980er Jahre; als Lehrer wirkte er noch bis 1996, als er als Professor der von ihm mitbegründeten Meisterklasse für Architektur an der heutigen Kunstuniversität emeritierte. Diese Jahrzehnte sind in Vergessenheit geraten, da zu viele Ismen und Moden in Architektur und Design in unüberschaubarer Weise erschienen, medial wirksam sind.

Die Linzer Synagoge#

Diese Tendenzen verschleiern den Blick auf die vergangenen fünfzig bis sechzig Jahre, als die zweite Moderne der Nachkriegszeit ab den späten 1950er Jahren zu besonderen Leistungen geführt hat. Diese Werke sind neu zu betrachten, sofern sie noch vorhanden sind. Manche wurden umgebaut oder verunstaltet, andere abgerissen. Das betrifft auch einige Bauten Friedrich Goffitzers.

Ein besonderes und bis heute wenig beachtetes Bauwerk Goffitzers ist die Synagoge der Linzer Israelitischen Kultusgemeinde, die bis heute in ihrer ursprünglichen Gestaltung von 1968 erhalten ist. Die Ausmalung des Innenraums nach Motiven aus dem Alten Testament stammt von Fritz Fröhlich. Die Synagoge liegt etwas versteckt im östlichen Teil des Stadtzentrums, abgeschirmt durch einen späteren höheren Bau der Postverwaltung. Dem Thema der Synagoge hat die junge Kunstwissenschafterin Maria Weinberger eine Diplomarbeit gewidmet, die Tätigkeit führte sie zur Aufarbeitung von Goffitzers Nachlass, und dadurch entstand auch die jetzige Ausstellung.

Friedrich Achleitner schrieb im ersten Band seiner "Geschichte der Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert" (1980) über dieses Werk: "Goffitzers Außenseitertum wird aus zwei Quellen gespeist, die im Funktionalismus der sechziger Jahre kaum eine Rolle spielten: die Proportion und das Symbol. Wenn man von verarbeitenden Einflüssen absieht, wie etwa dem Gestischen Le Corbusiers, ist die Anlage der Synagoge ein umbauter Weg, der in einem in sich ruhenden, etwas vertieften, oben eingezogenen und indirekt belichteten Raum endet. Alle Baukörper und Details unterliegen einer streng abgestimmten Proportionalität, die auf einem Modul von 110 cm fußt."

Friedrich Goffitzer wurde 1927 in Klagenfurt geboren, wuchs in Osttirol auf, besuchte die Staatsgewerbeschule in Villach, die er nach dem Zweiten Weltkrieg 1948 abschloss. 1951-55 studierte er an der damaligen Kunstschule der Stadt Linz Innenarchitektur bei Wolfgang von Wersin, 1966 schloss er das Studium der Architektur an der Wiener Akademie für angewandete Kunst ab.

Ab 1955 war Goffitzer freiberuflich tätig, als vielseitiger Gestalter in mehreren Disziplinen: Bühnenbilder für das Linzer Landestheater, Konsulent für Ausstellungen der Kammer für gewerbliche Wirtschaft (Oberösterreich), Entwürfe für Gebrauchsgegenstände und Möbel, Gestaltungen für eine Reihe von Ausstellungen.

Von 1961-64 wirkte Goffitzer als Generalsekretär des Österreichischen Werkbunds in Wien. 1964 leitete er die gesamte Gestaltung der österreichischen Abteilung auf der XIII. Triennale in Mailand, die abstrakten Wandpanele stammten vom Linzer Maler Rudolf Kolbitsch (mit dem Goffitzer später bei mehreren Innenräumen zusammenarbeitete).

1973 erfolgte die Umwandlung der Kunstschule Linz zur "Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung". Goffitzer übernahm die Leitung der Meisterklasse für Innenarchitektur, die später zur Meisterklasse für Architektur wurde, damals die kleinste Fakultät für Architektur an einer österreichischen Hochschule. Goffitzer starb 2010 in Linz. Das Werkverzeichnis dieses Architekten umfasst vierzig Bauwerke mit breitem thematischem Spektrum: Bauten für Industrie, Werkstätten und Verwaltung, eine Reihe von Geschäften, Lokalen (oft mit schmalen Fassaden), Wohnhäuser und Gestaltungen für Sakralräume (Altarbereiche, Kapellen), die Linzer Synagoge, sowie die frühere "Neue Galerie der Stadt Linz" und die Umgestaltung der Innenräume der Kunsthochschule in Linz.

Der erste große Bauauftrag betraf den Neubau eines Komplexes für den ÖAMTC (1962/63) im Süden von Linz, der aus einem fünf- geschoßigen Verwaltungsbau und einem Trakt mit Werkstätten bestand. Die zweite große Anlage folgte 1967, die "Zentralwerkstätte Peugeot-Leischko" im Linzer Industriegelände.

Als Architekt war Goffitzer von der Moderne des Internationalen Stils geprägt, die er mit seiner ausgeprägten Neigung für Proportionen und noble Materialien in den Innenräumen neu zu gestalten unternahm. Das ÖAMTC-Gebäude war durch seine kühle, elegante Wirkung über Jahrzehnte auffallend, die Fassaden wirkten durch ihre reduzierte, fast abstrakte Gestaltung. Dieses Werk ist in der alten Form nicht mehr vorhanden, da es vor einigen Jahren nach einem Wettbewerb durch einen groben, expressiven Baukörper ersetzt wurde.

Linzer Synagoge
Ein besonderes Bauwerk Goffitzers: die Linzer Synagoge.
© Foto: wikipedia

Aber persönlicher und eigenständiger im Sinn von Goffitzers Gestaltungsideen gelang die Zen-tralwerkstätte der Firma Leischko, die drei Werkstättenhallen und einen Verwaltungsbau umfasste. Der Fronttrakt von beträchtlicher Länge wurde von Goffitzer mit einem besonderen Rhyhtmus der Betonstützen im Erdgeschoß gelöst, um die Wiederholung gleicher Elemente zu vermeiden, was meist Monotonie erzeugt. So haben die Betonstützen unterschiedliche, abgerundete Formen mit vertikalen Fugen oder Kanneluren. Darüber befinden sich zwei Geschoße mit Büros, deren Fassaden mit dunklen keramischen Platten verkleidet sind. Die niedrigen Fenster sind in verschiedenen Breiten gegliedert und erzeugen einen weiteren Rhythmus. Dadurch erhält dieses langgestreckte Bauwerk eine plastische Wirkung, die jedoch unaufdringlich ist, und auch nach fast 48 Jahren eine besondere künstlerische "Frische" vermittelt.

Neue Materialien#

Nicht jedes realisierte Werk Friedrich Goffitzers enthält die besondere Qualität der "Zeitlosigkeit" (zumindest über ein halbes Jahrhundert). Manche seiner Geschäftslokale und Möbel aus den 1960er und 1970er Jahren folgten durchaus so manchem Zeitgeist, auch was neue Materialien betraf. Das damals moderne "Plexiglas" (Acrylglas) hatte Goffitzer mehrfach verwendet, um Möbel, Regale und Notenständer zu erfinden.

1993 fand an der Kunsthochschule Linz eine größere Ausstellung über eine umfassende Projektarbeit der Meisterklasse für Architektur statt, deren Thema die südböhmische Stadt Krumau (Český Krumlov) war. Goffitzers Assistent Peter Kuglstätter organisierte die mehrjährige Arbeit einer Studentengruppe, die das historische Zentrum nach verschiedenen Kriterien analysierte und in Plänen und Zeichnungen darstellte. Das Ergebnis waren Diplomarbeiten mit Neubauten im historischen Kontext der alten Stadt.

Im Buch, das zur Ausstellung erschienen war, schrieb Friedrich Goffitzer in seiner Einleitung: "Im Bestreben, human zu planen, müssen wir uns bemühen, die physischen und psychischen Probleme des heutigen Menschen genau zu erfassen und ihnen gerecht zu werden. Nur auf diese Weise kann es uns gelingen, die zur Zeit vorherrschende Tendenz barbarischen Bauens zu überwinden. (. . .) Der Architekturstudent soll sein Gefühl für Gestaltung nicht an den Denkmälern der zeitgebundenen Stilepochen und den Produkten der Ismen, sondern an den einfachen Zeugnissen der zeitlosen, im Wesen des Menschen gegründeten Raum- und Baugedanken schulen".

Bernhard Widder, geb. 1955 in Linz, lebt in Wien und arbeitet als Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Übersetzer und Architekt.

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. Februar 2015