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Pragmatische Utopien#

In einer Schachtel fand man bisher unbekannte Entwürfe von Architekt Friedrich Kiesler.#


Von der Wiener Zeitung (Montag, 11. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Entwurf für das 'Stifel-Building' von Friedrich Kiesler
Zu teuer: Entwurf für das "Stifel-Building".
© Friedrich Kiesler Stiftung

Friedrich Kiesler (1890-1965) gilt als der visionäre Architekt schlechthin, der auch für Theater, Möbel und Ausstellungen neue Wege ging - an ausgeführten Bauten ist eigentlich nur Jerusalems "Shrine of the Book" (1957-1965 mit Partner Armand Bartos) bekannt. Doch "Unbekannt & Ungebaut" räumt nun in der Kiesler Privatstiftung durch Neufunde des Kurators Gerd Zillner mit dieser Vorstellung auf. Im Sommer 2011 kamen in einer Schachtel unter Postern etwa 200 Planzeichnungen zum Vorschein. Handkolorierte Details für Werbung, Änderungen und Blaupausen sprechen dafür, dass so manches Projekt der 1950er Jahre schon in konkreter Phase war und Kiesler durchaus Utopie und Pragmatik vereinen konnte.

Die Ausführung scheiterte nicht, wie oft angenommen, an seiner kompromisslosen Haltung in Bezug auf schwebende und kurvolineare Architekturen und Wohnhöhlen, die unausführbar nach damaliger Technik schienen, sondern wie auch heute oft, allein an den Finanzen. Doch wünschten sich Bauherren den bekannten Visionär zur Praxis zu führen und damit besondere Architektur zu ermöglichen - zwei Projekte in New York waren deshalb 1956 Überarbeitung von Plänen, die offenbar zu wenig Pfiff hatten.

Modernistische Note#

Dem Entwurf des "Stifel-Building" (Bauherr Arthur C. Stifel) im Kolonialstil Robert Kaplans verpasste Kiesler mittig eine gewagt eingestellte, parabolisch geschwungene Glasfassade mit Dachausbau für eine Galerie. Diese modernistische Note, die Günther Domenigs exaltierte Fassadenspiele vorweg nimmt, war aber letztlich zu teuer.

Das gilt auch für Kieslers Umwandlung der drei Super-Wohnblöcke des "Washington Square Village Projects" aus demselben Jahr, die Bauherr Paul Tishman im Rahmen des "Mayor’s Committee on Slum Clearance" mit 2400 Appartements als eintönige Kästen empfand. Doch Kieslers Akzentuierung der Pläne des Büros Kessler and Sons durch geschwungene Fassaden, bunte Ziegelakzente und Gartenterrassen scheiterte offenbar wieder an der Finanzierung. Die adaptiert gebauten Blöcke beherbergen heute die New York University - von Kiesler und Ideen eines weiteren Architekten (William Lescaze) ist in der Ausführung Paul Lester Wieners wenig übrig geblieben. Briefe an Tishman und die Klage Lescazes sind aber Belege für das Scheitern besonderer Ideen. Das "Robbins-House" am Atlantikstrand von West Palm Beach plante Kiesler 1957/58 mit seinem Partner Armand Bartos für Karl Robbins. Seine biomorphen Formen, das Schweben auf Stützen, parallel zu Kieslers bekannten Modellen von "Space House" und "Endless House", nahmen aber in mehreren Bauphasen vom mondänen Setting immer mehr in Richtung symmetrischer Klassizität und Wabengliederung ab - hier scheiterte der Kontrakt an einer Spende des Bauherrn. Robbins hatte sich mit dem Bau einer Straße von der Türkei in den Irak verspekuliert. 2016 folgt der zweite Teil der Schau in der Stiftung aus dem Neufund mit weiterer Forschung an möglichen tatsächlich ausgeführten Projekten.

Wiener Zeitung, Montag, 11. August 2014