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Das Geschäft mit der Smart City#

Große Technologiekonzerne verdienen sich mit den Daten der Bürger eine goldene Nase.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 19. Februar 2016 ) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias Winterer


Stadt Songdo in Südkorea
In der Stadt Songdo in Südkorea werden die Bewohner permanent überwacht.
© Corbis/Topic Photo Agency

Wien. Die Smart City ist in aller Munde. Sie wird uns auf Prospekten und in Werbeslogans als der perfekte urbane Lebensraum verkauft. Effizienter, nachhaltiger, sozialer und natürlich grüner sollen unsere Städte künftig werden. All diese Versprechungen verstecken sich hinter dem schwammigen Begriff der Smart City. Eingelöst sollen sie durch die Nutzung digitaler Medien und neuer Kommunikationstechnologien werden.

Auch die Stadt Wien entwickelt ehrgeizige Smart-City-Strategien. Und auf den ersten Blick erscheinen diese Konzepte tatsächlich wie die Heilsbringer der Zukunft. Doch in den smarten Planungsvisionen unserer Städte verstecken sich auch große Gefahren. Dies wurde bei der Arbeiterkammer-Wien-Veranstaltung "Wien wächst - Smart City" überdeutlich.

Denn Smart City bedeutet auch smart Business. Die Idee der Smart City hat ihren Ursprung nicht in der Stadtplanung oder gar in der Soziologie, sondern vielmehr in der Technologiebranche. "Das bloße installieren von Informationstechnologie-Systemen wird meinem Bild einer Stadt nicht gerecht", sagte die US-amerikanische Soziologin Saskia Sassen, die von der Arbeiterkammer als Keynote-Speakerin eingeladen wurde. Doch genau darauf würden die derzeitigen Smart-City-Strategien setzen, betonte auch Elke Rauth, Mitherausgeberin des Magazins "dérive - Zeitschrift für Stadtforschung" und Leiterin des "urbanize!" - einem internationalen Festival für urbane Erkundungen. Der Einfluss internationaler Unternehmen auf die Städte würde immer stärker wachsen. "Sehr große Konzerne haben die Städte als neue Geschäftsfelder entdeckt", sagte Rauth. Es seien in erster Linie Kommunikationstechnologiekonzerne aber auch Energiekonzerne oder die Automobilindustrie die auf den Zug aufspringen würden.

"Zu den Global Player im Smart-City-Business gehören allen voran die IBM und Cisco. Aber auch Microsoft, Siemens und Google setzten neuerdings auf die Smart City", sagte Thomas Riesenecker-Caba, Autor der Studie "Smart City, eine technologische Einschätzung". Kein Wunder, stecken laut Rauth bis zum Jahr 2020 1,5 Billionen Dollar im Geschäft mit Smart-City-Produkten. Das Interesse der Firmen habe den Begriff in den vergangenen Jahren auch so präsent gemacht. "Sie betreiben Lobbying-Arbeit, organisieren Konferenzen zum Thema und finanzieren die Forschung an den Universitäten durch Drittmittel", so Rauth.

Ein real existierender orwellscher Albtraum#

Rio de Janeiro ist zum Beispiel eine Smart-City die in enger Kooperation mit IBM entstanden ist. Im Zentrum der Stadt steht das sogenannte Intelligent Operations Center, ein gigantischer Kontrollraum, in dem alle Daten der Stadt zusammenlaufen - Verkehrsdaten, Wetterdaten, Energiedaten. "Aber auch ganz persönliche Daten über Bürgerinnen und Bürger von Spitälern, Polizeistationen, Überwachungskameras oder Handys", erklärt Rauth. Dieses Vorgehen kritisiert auch der Michael Lobeck, Professor am Geografischen Institut der Universität Bonn. "Die Konzerne beziehen unsere Daten und versprechen dafür die perfekten Lösungen für all unsere urbanen Probleme. Erkenntnistheoretisch gibt es aber niemals eine perfekte Lösung. Spätestens hier sollten wir stutzig werden", sagte Lobeck. Es drängt sich die Frage auf, ob hier die Technologien tatsächlich den Bewohnern dienen, und nicht umgekehrt. Denn Daten sind das neue Gold. "Und wohin die Daten einer Smart City fließen, wer sie speichert, oder wie sie und ob sie miteinander vernetzt werden ist völlig intransparent."

Laut Lobeck gibt es zwei Planungsvarianten für Smart Cities. Die New Towns, die auf einst grüne Wiesen komplett neu aus dem Boden gestampft werden und solche, in denen die neuen Technologien in bereits existierende Städte implementiert werden. Ein Beispiel für die erste Version einer Smart City ist Songdo City, eine Bezirk der Millionenstadt Incheon in Südkorea. Die rund 20.000 Einwohner des Stadtteils sind in eine permanente Datenerhebung eingebunden. Sie werden komplett kontrolliert - von der Videoüberwachung im öffentlichen Raum und der eigenen Wohnung, über Chipkarten, die Krankenversorgung, den Wohnungszugang, bis hin zu den Bankdiensten und individuelle Verbrauchsdaten. Ein real existierender orwellscher Albtraum. Die zweite Smart-City-Variante seien Städte wie Rio de Janeiro oder eben Wien. "Hier dauert der Prozess der Überwachung länger. Es bleibt mehr Zeit über die fragwürdige Verwertung der persönlichen Daten der Bewohnerinnen und Bewohner nachzudenken und darüber zu diskutieren", sagte Lobeck.

Smart City als Marketingschlagwort#

Ein Diskurs, der für Rauth in Wien viel zu kurz komme. "Dieser Aspekt einer Smart City wird hier kaum öffentlich diskutiert, dabei handelt es sich hier um einen ganz gravierenden Eingriff in unsere Privatsphäre". In Wien sei der Smart-City-Diskurs in erster Linie eine große Werbeaktion. Das Schlagwort Smart City habe sich sehr mit den Anforderungen verbunden, denen sich Städte im Allgemeinen gegenüber sehen. Die Lösung für soziale Ungleichheit, das enorme Verkehrsaufkommen oder den Klimawandel sei plötzlich immer die Smart City und dadurch immer eine technologische.

Hier zeige sich auch das grundsätzliche Problem der Smart Cities - ihr eingeschränkter Fokus auf die Möglichkeiten der Technik. Nicht das Problem stehe im Vordergrund, sondern erst einmal die Technologie. "Wir sollten aber zuerst die Bedürfnisse der urbanen Gesellschaft erkennen und dann die richtige Technologie dafür suchen", sagte Rauth. Diese Perspektive sei von den Konzernen völlig umgekehrt worden. Der einzige Weg der Problemlösung liege immer nur im Potenzial der Technologie und somit der Konzerne. "Und eine konzerngesteuerte Version unserer Städte ist eine echte Dystopie."

In Wien gibt es immerhin den Vorsatz, die Smart City nicht nur technologisch, sondern auch sozial zu interpretieren. "Die Stadt ist ein soziales Phänomen, nicht nur ein technisches Konstrukt. Wir brauchen mehr Chancen für Wiener und Wienerinnen", sagte der Smart-City-Beauftragte der Stadt Thomas Madreiter am Mittwoch. Man wird sehen, ob Wien den Druck der Konzerne standhält oder ob Orwell mit seiner grausigen Version der Zukunft Recht hatte.

Wiener Zeitung, Freitag, 19. Februar 2016