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Glaube und Größenwahn#

Wien Museum: "Der Dombau von St. Stephan. Die Originalpläne aus dem Mittelalter"#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 11. März 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Der 'Turmbau von Babel' aus einer Chronik von 1340/50 illustriert die mittelalterlichen Turmbau-Techniken, die auch beim Stephansdom zum Einsatz kamen., Foto: Zentralbibliothek Zürich
Der "Turmbau von Babel" aus einer Chronik von 1340/50 illustriert die mittelalterlichen Turmbau-Techniken, die auch beim Stephansdom zum Einsatz kamen.
Foto: Zentralbibliothek Zürich

Gewissermaßen ist heuer ein Jubiläum: Vor 500 Jahren wurde der Bau am Stephansdom eingestellt, der Nordturm nicht mehr weitergebaut. Um ihn ranken sich nicht nur viele Wiener Sagen, sondern er ist auch in einem Planriss von fast fünf Meter Länge erhalten. Das Wien Museum erweist sich, gemeinsam mit dem Kupferstichkabinett der Akademie am Schillerplatz, ohnehin als Speicher dessen, was vom mittelalterlichen Dom gerettet werden konnte. Wir selbst sind Zeugen einer ständigen Erneuerung – vor allem seit dem 19. Jahrhundert, für die bis heute eine Bauhütte zuständig ist.

Die einzigartigen Pläne, Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes, bilden den Kern der Ausstellung "Der Dombau von St. Stephan" im Wien Museum. 294 Pläne haben sich in einer weißen Truhe nach Auflösung der Bauhütte 1627 im Zeughaus und später in Privatbesitz erhalten. 1459 galt die Wiener Dombauhütte als eine der vier größten in Europa, der Turm war ein Meisterwerk – und ein experimentelles Wagnis an Höhe. Erstaunlich deshalb, weil Wien selbst eher klein und nicht einmal ein Bischofssitz war. Doch die Ambitionen Herzog Rudolfs IV. und Kaiser Friedrichs III. waren groß.

Der höchste Turm Europas#

Die Figuren, Glasfenster und gotischen Bauteile bis zu Wasserspeiern, ja sogar die alte Bekrönung in Form eines Mondes mit eingeschriebenem Stern ("Mondschein") sind nun auch in der permanenten Aufstellung akzentuiert – die Sonderschau im Erdgeschoß will im eigenen Haus hoch hinaus wie ehedem der Südturm an der Kathedrale.

Für ein halbes Jahrhundert war Wien die Stadt mit dem höchsten Turm Europas, dann jagte ihr das Straßburger Münster den Ruf ab. In der Krisenzeit der Reformation, nach Blitzschlägen, Pestjahren, Hungersnot und Erdbeben wurde der von den Bürgen ambitioniert geförderte Dombau offenbar als eine Art Skylink-Debakel empfunden. Das "katholische Monster", wie Wolfgang Kos den Turm nennt, blieb nach 300 Jahren Bauzeit unvollendet. Buchmalereien vergleichen den Turmbau um 1500 plötzlich mit jenem von Babylon – die menschliche Hybris wird damit illustriert.

Die wertvollen Pläne sind keineswegs anonym. Neben bekannten Baumeistern wie Hanns Puchsbaum und Anton Pilgram finden sich die Namen Laurenz Spenning, Gregor Hauser, Jörg Öchsl und Peter von Prachatitz. Wie Simon Achleitner sind sie zuerst "Parliere": Vielsprachig und architekturkundig vermittelten sie die detailreichen zweidimensionalen Risse auf Pergament und Papier an die Bauleute, die aus ganz Europa kamen und sich 1449 bei einer Hüttentagung in Regensburg trafen.

Heuschrecke und Handschuh#

Diese späteren Dombaumeister und ihre handwerkliche Praxis im Spätmittelalter werden in eigenen Teilen der Schau anschaulich dargestellt, andere Abschnitte behandeln die alltäglichen Zeitumstände, wie der Stich einer katastrophalen Heuschreckenplage oder das Wachspräparat einer Hand mit einer Pestbeule.

Auch Rechnungsbücher des Baus mit Vermerken zu den Steinmetzen, Zimmerleuten oder Steinbrüchen haben sich erhalten und sprechen von Hanns Lenthners Bezahlung für je ein "wimpergstuk", selbst "3 par hantschuch 24 dn." sind vermerkt. Neben der kriminalistischen Kleinarbeit der Forscher bleibt anderes rätselhaft, und ein Gemälde von Johann Adam Klein unterstreicht das. Es zeigt den nächtens stürzenden Meister Puxbaum, der sich am Nordturm mit dem Teufel eingelassen hat. Das lockert ebenso auf wie die kleinen steinernen Dämonen oder die Fotografien. Fratzen und Tiere, Mischwesen und Monster sollten Unheil abwehrende Wirkung haben, heute sind sie, wie die Gesichter der Heiligen, die Steinmetzporträts und ihre Zeichensignaturen, spannende Randerscheinungen.

Auf eine erste Daguerrotypie des Doms von 1842 folgen in der Schau viele bekannte Fotografen bis zu Lucca Chmel und Peter Kodera. Das Motiv dient der Stadt von Rudolf von Alt bis in die Werbung als Wahrzeichen. Nicht zufällig mussten die Öffnungszeiten wegen des Andrangs von Schulklassen bereits ausgeweitet werden.

Wiener Zeitung, Freitag, 11. März 2011