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Vom Stock-im-Eisen-Platz bis Lima#

Hans Hollein, österreichischer Architekt und künstlerischer Multitasker mit Weltruf, ist mit 80 Jahren gestorben.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Freitag, 25. April 2014)

Von

Christina Böck und Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Hans Hollein
Umgeben von Baukunstwerken: Hans Hollein, hier bei seinem letzten Interview mit der "Wiener Zeitung" im Jänner 2012, in seinem Büro.
© Robert Newald

Es war die heftigste Architekturdebatte der Nachkriegszeit in Österreich. Vom Kolporteur bis zum Hofrat echauffierte man sich über jenes Haus, das einen Architektennamen so bekannt machen sollte, wie das in Österreich unüblich ist. Das Haas-Haus von Hans Hollein am Stephansplatz spaltete nicht nur, aber vor allem die Wiener. Von Kulturschande, von Verschandelung eines historischen Platzes war die Rede. Die Bauarbeiten begannen 1985 - ausgerechnet in dem Jahr, in dem Hollein auch den Pritzkerpreis erhielt. Das ist so eine Art Nobelpreis für Architektur - kein anderer Österreicher hat ihn je zugesprochen bekommen. Heute, fast 30 Jahre später, schaut auch der kritischste Kolporteur oder Hofrat sich die postmoderne Reflexion des Stephansdoms in den runden Fenstern ohne schlechtes Gewissen gern an. Es wird ein später Triumph für Visionär Hans Hollein gewesen sein. Am Donnerstag starb der Architekt mit 80 Jahren.

"Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken", sagte Hans Hollein bei der Ausstellung "Architektur" 1963 in der Galerie St. Stephan. Drei Jahre später klang das noch radikaler: "Alles ist Architektur." Das nahm er sich schon früh zu Herzen. Gleich den ersten Erfolg seiner Karriere verdankte er einem Überschreiten der Grenzen der Disziplinen. Er gestaltete 1965 die kleine Kerzenboutique "Retti" am Kohlmarkt - inklusive Kerzen. Dafür erhielt er den mit 25.000 Dollar dotierten Reynolds-Preis. Wie viel Interpretationspotenzial in dem Portal steckt, zeigt sich heute: Konnte man bei der Kerzenboutique noch eine stilisierte brennende Kerze erkennen, so erscheint die Öffnung heute wie ein Schlüsselloch in einen Safe - wenn man weiß, dass nun ein Juwelier in dem Laden ordiniert.

Alltag ist Architekturfrage#

Für Hans Hollein war Architektur mehr als Bauen, nämlich geistiges wie sinnliches Ereignis und Grundbedürfnis des Menschen. Der Begriff Multitasker passt auf seine Arbeit zwischen Architekt, Designer, bildender Künstler, Theoretiker, Kulturpolitiker, Ausstellungsgestalter und Lehrender. Joseph Beuys erklärte Hollein 1974 schließlich zum Künstler, weil er unsere ganze Alltagswelt - bis zu Besteck und Schmuck - zur architektonischen Frage macht. Wie Beuys gehörte Hollein der ersten und der zweiten Phase der Moderne an. Er wurde am 30. März 1934 in Wien in eine Familie von Bergbauingenieuren hineingeboren und absolvierte die legendäre Jungenklasse bei Franz Čižek, was seine Liebe zum Gesamtkunstwerk "Jugendstil" anfachte. Er studierte bei Clemens Holzmeister und wechselte nach dem Diplom 1956 in die USA, wo er 1960 ein Masterstudium abschloss. Die Visionäre der vertriebenen Moderne wie Friedrich Kiesler, Victor Gruen oder der Otto-Wagner-Schüler Rudolph Schindler beschäftigten ihn dort ebenso wie die Pueblo-Architektur in Neu-Mexiko, der Austausch mit Richard Buckminster Fuller oder die Rückblicke auf Frank Lloyd Wright.

Es war die heftigste Architekturdebatte der Nachkriegszeit in Österreich. Vom Kolporteur bis zum Hofrat echauffierte man sich über jenes Haus, das einen Architektennamen so bekannt machen sollte, wie das in Österreich unüblich ist. Das Haas-Haus von Hans Hollein am Stephansplatz spaltete nicht nur, aber vor allem die Wiener. Von Kulturschande, von Verschandelung eines historischen Platzes war die Rede. Die Bauarbeiten begannen 1985 - ausgerechnet in dem Jahr, in dem Hollein auch den Pritzkerpreis erhielt. Das ist so eine Art Nobelpreis für Architektur - kein anderer Österreicher hat ihn je zugesprochen bekommen. Heute, fast 30 Jahre später, schaut auch der kritischste Kolporteur oder Hofrat sich die postmoderne Reflexion des Stephansdoms in den runden Fenstern ohne schlechtes Gewissen gern an. Es wird ein später Triumph für Visionär Hans Hollein gewesen sein. Am Donnerstag starb der Architekt mit 80 Jahren.

"Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken", sagte Hans Hollein bei der Ausstellung "Architektur" 1963 in der Galerie St. Stephan. Drei Jahre später klang das noch radikaler: "Alles ist Architektur." Das nahm er sich schon früh zu Herzen. Gleich den ersten Erfolg seiner Karriere verdankte er einem Überschreiten der Grenzen der Disziplinen. Er gestaltete 1965 die kleine Kerzenboutique "Retti" am Kohlmarkt - inklusive Kerzen. Dafür erhielt er den mit 25.000 Dollar dotierten Reynolds-Preis. Wie viel Interpretationspotenzial in dem Portal steckt, zeigt sich heute: Konnte man bei der Kerzenboutique noch eine stilisierte brennende Kerze erkennen, so erscheint die Öffnung heute wie ein Schlüsselloch in einen Safe - wenn man weiß, dass nun ein Juwelier in dem Laden ordiniert.

Alltag ist Architekturfrage#

Für Hans Hollein war Architektur mehr als Bauen, nämlich geistiges wie sinnliches Ereignis und Grundbedürfnis des Menschen. Der Begriff Multitasker passt auf seine Arbeit zwischen Architekt, Designer, bildender Künstler, Theoretiker, Kulturpolitiker, Ausstellungsgestalter und Lehrender. Joseph Beuys erklärte Hollein 1974 schließlich zum Künstler, weil er unsere ganze Alltagswelt - bis zu Besteck und Schmuck - zur architektonischen Frage macht. Wie Beuys gehörte Hollein der ersten und der zweiten Phase der Moderne an. Er wurde am 30. März 1934 in Wien in eine Familie von Bergbauingenieuren hineingeboren und absolvierte die legendäre Jungenklasse bei Franz Čižek, was seine Liebe zum Gesamtkunstwerk "Jugendstil" anfachte. Er studierte bei Clemens Holzmeister und wechselte nach dem Diplom 1956 in die USA, wo er 1960 ein Masterstudium abschloss. Die Visionäre der vertriebenen Moderne wie Friedrich Kiesler, Victor Gruen oder der Otto-Wagner-Schüler Rudolph Schindler beschäftigten ihn dort ebenso wie die Pueblo-Architektur in Neu-Mexiko, der Austausch mit Richard Buckminster Fuller oder die Rückblicke auf Frank Lloyd Wright.

Vorerst erweiterte Hollein den Architekturbegriff in die Skulptur. Parallel zu Minimal- und Konzeptkunst sah er Architektur als Idee hin zum Immateriellen, aber auch als Raum für Rituale. 1969 entwarf er mobile, aufblasbare Zellen als Büro - das waren keine Bau-, sondern Kunstwerke. So kam er folgerichtig 1977 und 1987 auf die Documenta in Kassel, mehrmals auf die Biennale in Venedig. Der Träger des Österreichischen Staatspreises von 1983 war ab 1978 selbst Kommissär und Direktor der Biennale, wichtiges Jurymitglied und Teil des Kunstsenats.

Erotik der Wand#

Die Eingemeindung von Ironie und Kitsch, der Einsatz von flexiblen Versatzstücken der Moderne stempelten ihn schnell als Miterfinder der Postmoderne ab. Dächer als Wellen oder schwingende Wände - frei nach den Kurven der Marilyn Monroe und dem alten Ausspruch von Adolf Loos, dass alle Architektur erotisch ist - irritierten. Er schuf auch Möbel nahe dem Memphis Design mit grellen Farben, pathetischen Formen und rotzigen Namen wie "Vanity" oder "Mitzi", goldene Palmen und Pagoden. Zerschnittene Säulen und Vorhänge als Zitate in Geschäftslokalen verstellen lustvoll den Blick auf Schmuckstücke, Luster oder Vasen.

Irritation ohne Funktion#

Mit dem Museum am Abteiberg von Mönchengladbach wechselte er 1985 in Großaufgaben der Architektur. Der in Terrassen angelegte Gebäudekomplex, der die Kunst inszeniert wie kaum ein anderer, führte verdientermaßen zum Pritzker-Preis. Das Frankfurter Moderne Museum in Form eines Tortenstücks 1981/92 sorgte für Diskussion, als Hollein längst ein Weltstar war.

Die Wiener Großaufträge kamen spät, doch er realisierte 1976/78 die später leider zerstörten Filialen des Verkehrsbüros und legendäre Ausstellungsgestaltungen in den Achtzigern für die Wiener Festwochen - "Die Türken vor Wien" (1983) und "Wien um 1900" (1985). Auch als Bühnenbildner (etwa für Schnitzlers "Komödie der Verführung" am Burgtheater) war er tätig.

Seine Großbauten bestimmen erst seit 1990 das Wiener Stadtbild: das Haas-Haus, der Media-Tower am Donaukanal, die Welle am Stadtpark, das Ausgrabungsfeld am Michaeler-Platz. Am Monte Laa und auf der Donauplatte wurden seine Entwürfe verwässert, und auch manche Bauwerke wurden demoliert. So wurde ein Trafikportal mit Messing-Tabakblatt am Wiener Graben abgerissen. Auch das Haas-Haus sieht innen, nach dem Einzug einer Textilkette, nicht mehr aus wie geplant. Aufreger erster Ordnung in Wien waren die Sprungschanzen-Vordächer am Haas-Haus und über dem Eingang der Albertina - vor allem, weil sie funktionslos Akzente setzen.

Doch die Aufträge in China, Peru, Banken in Madrid und Vaduz und das interessante Vulkanmuseum in Südfrankreich, sein besonderes Herzensprojekt, lenkten Hollein vom Ärger in Wien ab. Selbst nicht realisierte Projekte, etwa sein für Guggenheim geplantes Museum im Salzburger Mönchsberg, schafften es manchmal zu Weltruhm.

Das Wiener MAK hat ab 25. Juni eine Ausstellung geplant, die des Grenzgängers Verknüpfung von Kunst und Alltag feiern soll. Sie wird nun in memoriam Hans Hollein stattfinden.

Wiener Zeitung, Freitag, 25. April 2014