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"Endziel" Wohnzimmer#

Der Architekt Josef Frank, dem in Wien zurzeit eine große Ausstellung gewidmet ist, war auch ein hochtalentierter Autor, wie vor allem seine pointierten Aufsätze über klassisches und modernes Bauen zeigen.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 30. April 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Widder


Josef Frank
Stilistisch an Loos und Kraus geschult, schrieb Josef Frank (hier 1960) nicht als autoritärer Zyniker, sondern als Humanist für individuelles Denken und Wohnen.
Foto: © Svenskt Tenn, Stockholm

Seit einigen Monaten wird im Wiener Museum für Angewandte Kunst eine umfangreiche Ausstellung mit dem Titel "Against Design" gezeigt. Darin wird mit subtiler Gestaltung ein umfassender Blick auf das umfangreiche und vor allem vielseitige Lebenswerk des österreichisch-schwedischen Architekten Josef Frank (geboren 1885 in Baden, NÖ, gestorben 1967 in Stockholm) vermittelt.

Im Jahr 1981 fand in der benachbarten Hochschule für Angewandte Kunst eine Ausstellung über Josef Frank statt, die von den damals dort lehrenden Architekten Johannes Spalt und Hermann Czech gestaltet war. Der Katalog galt über Jahrzehnte als Referenzwerk. Im selben Jahr war Czech auch Herausgeber der Neuausgabe eines architekturtheoretischen Buchs, das Josef Frank 1931 unter dem Titel "Architektur als Symbol / Elemente deutschen neuen Bauens" veröffentlicht hatte.

Dem Besucher der jetzigen Ausstellung und Leser der vielen Aufsätze Franks (die der Autor ab 1919 in einem geschliffenen, pointierten, oft polemischen und auch schwierigen Stil publizierte) stellen sich einige Fragen, die zunächst banal erscheinen mögen: Wer war Josef Frank? Warum verließ der 49-jährige Architekt, der für den sozialen Wohnbau des "Roten Wien" (1919-1934) bedeutende Planungen geschaffen hatte, 1934 die Stadt und emigrierte nach Schweden? Warum ist in Wien von seinen Ideen und Konzepten für den Wohn- und Städtebau so wenig wirksam geblieben?

Erste Jahre in Wien#

Versuchen wir ein paar Antworten: Josef Frank studierte an der Technischen Hochschule Wien Architektur, schloss das Studium 1910 mit einer Dissertation zum Thema "Über die ursprüngliche Gestalt der kirchlichen Bauten des Leone Battista Alberti" ab. Mit 25 Jahren gründete er sein erstes kleines Büro, arbeitete häufig mit den Kollegen Oskar Wlach und Oskar Strnad zusammen.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Frank von 1919 bis 1925 Professor für Baukonstruktionslehre an der damaligen Wiener "Kunstgewerbeschule" (der heutigen Universität für Angewandte Kunst). Nach 1921 erhielt er Aufträge der Gemeinde Wien, vorrangig für Wohnbauten.

Im Jahr 1927 war Frank Teilnehmer des ersten Kongresses der CIAM ("Congrés Internationaux pour l’Architecture Moderne") im Schloss La Sarraz bei Lausanne, Schweiz. Durch internationale Kontakte, seine publizierten Bauwerke und Schriften hatte er in Europa Bekanntheit erlangt. 1927 fand in Stuttgart eine erste "Internationale Werkbund-Ausstellung" statt, zu der Frank von Ludwig Mies van der Rohe eingeladen wurde. Dabei ging es nicht um eine Ausstellung des modernen Bauens, sondern um die Errichtung der "Mustersiedlung Weißenhof" mit Einfamilien- und Gruppenhäusern. Franks Beitrag als planender Architekt betraf ein Doppel-Wohnhaus. Ein weiterer Teilnehmer damals war übrigens Le Corbusier.

1930-32 übernahm Josef Frank die Leitung und Organisation einer zu planenden Werkbund-Siedlung in Wien-Hietzing, die wiederum als Mustersiedlung errichtet wurde. Die planenden Architekten waren international, Frank gewann den holländischen De-Stijl-Vertreter Gerrit Rietveld, den Franzosen Gabriel Lurcat, seinen früheren Mitarbeiter Ernst Plischke und - neben einigen anderen - auch Adolf Loos. Auf eine Teilnahme Le Corbusiers verzichtete Frank, da er dessen Vorstellungen von Architektur in keiner Weise teilte.

Nach dem Putsch des Dollfuss-Regimes verließ Frank 1934 Österreich und emigrierte nach Schweden. Bis 1938 erfolgten aber weitere Aufenthalte in Wien. Als Gestalter von Möbeln und Designs für Stoffe hatte er ab 1932 mit der Stockholmer Firma "Svenkst Tenn" gearbeitet, in Schweden (dessen Staatsbürger Frank 1939 wurde) setzte er die Tätigkeit fort. Die Werkliste an Bauwerken in Österreich war umfangreich, das spätere Werk an gebauten Entwürfen ist hingegen schmal. Frank entwarf aber weiterhin sehr viel, es folgten größere städtebauliche Projekte für New York und Stockholm, die aber ebenfalls nicht realisiert wurden. Entwürfe für Städte, Siedlungen, Einzelhäuser und Planungen zu Fragen des Wohnens beschäftigten den Architekten bis ins hohe Alter, die er stets mit Zeichnungen und Aquarellen besonderer malerischer Qualität ausführte. Versuche von österreichischer Seite, etwa ab 1960, den nun 75-jährigen Architekten und "All-Rounder" wieder nach Wien zu holen, lehnte er dankend ab. Einige hohe Kulturpreise verwandelte er in ein "Josef-Frank-Stipendium", das jungen Architekten die Möglichkeit eines Aufenthalts in Schweden bieten sollte, um skandinavische Architektur, Design, Tradition und Moderne kennen zu lernen.

Radikaler Aufklärer#

Josef Frank ist in seinem Gesamtwerk, wie es in der aktuellen Ausstellung ausgebreitet wird, nicht leicht zu erfassen. Er war nicht nur ein besonderer Architekt, der sich formal einer demokratischen Einfachheit verpflichtet fühlte (wenn es die Form der "Modernen Architektur" betraf), ebenso war er Gestalter von Einrichtungsgegenständen, Möbeln aller Art, auch von Stoffen für Bezüge und Vorhänge.

Weiters verfügte er über ein literarisches Talent, wie es im 20. Jahrhundert nur wenige Architekten besaßen. Neben seinen vielen Aufsätzen, etwa in dem Buch "Architektur als Symbol" gesammelt, gibt es ein Theaterstück ("Träume, Komödie in fünf Akten") sowie den Roman "Das Leben des Malers Lucien Sander". Diese Werke, wie auch späte theoretische Schriften, wurden offensichtlich nie auf Deutsch publiziert.

In seinen theoretischen Aufsätzen ist Josef Frank ein radikaler Aufklärer, Republikaner, Sozialdemokrat (vermutlich war er nie Mitglied einer Partei), Humanist und auch Romantiker des modernen, individuellen Wohnens. Die Zeit der frühen Moderne, des modernen Bauens nach dem Ersten Weltkrieg, betrachtete er mit scharfer, polemischer Kritik. Frank war stilistisch an Adolf Loos und Karl Kraus geschult, schrieb aber nicht als autoritärer Zyniker, sondern als Humanist, der davon ausging, dass der moderne Mensch als möglichst freies Individuum denken lernen sollte.

1958 veröffentlichte Frank den Aufsatz "Akzidentismus", wobei sich der Titel bereits auf die Betonung des Zufälligen bezieht, auf den Wert des Nicht-Planbaren, das nicht durch irgendwelche Normen geordnet werden kann. In dem Text, der in Wien erst 1966 erschien, werden grundlegende Gedanken des Architekten zusammengefasst, die in Teilen schon in den 1920er Jahren in früheren Aufsätzen formuliert worden waren.

Geschult an seinen Studien der italienischen Renaissance, ging Josef Frank davon aus, dass die gesamte europäische Baukunst aus den antiken Formen entstanden war, dass diese den klassischen Kanon gebildet hatten, was Proportionen und andere Maßsysteme betraf. In fundamentalen Wechseln der europäischen Geschichte, wie etwa der Renaissance und später der Französischen Revolution, waren wiederum die klassischen Formen präsent, im letzten Fall als "Klassizismus", aus dem in weiterer Folge die Wiener Wohnkultur des Biedermaier hervorging, die von Frank in den mir bekannten Aufsätzen aus rätselhaften Gründen nicht erwähnt wird. Gerade die Schlichtheit, Eleganz und Unaufdringlichkeit, die Wohnhäusern und Möbeln dieser Epoche zueigen ist, kämen den Idealen des Wohnens, die Frank betonte, sehr nahe.

Abgesehen von den klassischen Stilen ging Frank in seinem Denken radikal vor: Die meisten der kunsthistorisch bekannten Baustile hielt er für Verirrungen, für banalisierte Formen eines bereits verlorenen Wissens, das zur wertfreien Dekoration geworden war. Die schlimmste Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte sah er im Historismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Abfolge aller bekannten Baustile, etwa auf der Wiener Ringstraße. Für ihn feierte sich dort ein neureiches Bürgertum, das keine eigene kulturelle Leistung erfunden hatte, sondern nur den Protz des vorherigen Feudalismus billig kopieren wollte.

Dieser Gedanke erinnert in seiner Radikalität an die Aussage von Robert Venturi (geboren 1925), der Architektur als "dekorierte Schuppen" ("decorated sheds") bezeichnet hatte, wenn der Betrachter sich von Pathos und angeblich künstlerischem Ausdruck nicht mehr beeindrucken lassen wollte. Frank ging prinzipiell davon aus, dass nur wenige Themen der Architektur künstlerische Aspekte haben. Bereiche, die mit dem Thema Wohnen zu tun haben (bis hin zum Städtebau), dienen allesamt mehreren Zwecken, die dafür geschaffenen Bauwerke und Objekte haben sich dem Leben der Menschen unterzuordnen.

"Das Wohnzimmer ist für uns sozusagen das Endziel der Architektur, denn es ist derjenige Bestandteil des Hauses, der uns am wichtigsten ist." (. . .) "Die Voraussetzungen, die für Wohnzimmer gelten, um sie angenehm zu machen, gelten auch für Häuser, Straßen und Städte, deren gegenwärtige starre Formen ihre Einwohner heimatlos machen."

Kritik am Neuen Bauen#

Aus diesen Gründen lehnte Josef Frank (vermutlich seit dem ersten CIAM-Kongress in der Schweiz) mehrere Richtungen des "Neuen Bauens" vehement ab. Monumentalität, Pathos, meist am falschen Ort und Bauwerk, sah er schon im Vorhinein als Ausdruck eines totalitären Denkens, das sich in der Folge auch rasch verbreiten sollte.

Seine Kritik am neuen deutschen Bauen, das er wegen mancher technischer Leistungen zwar bewunderte, war dennoch massiv, da er die Werke des Bauhauses und anderer Architekten als "leblos", als zu rational normiert und geplant betrachtete. "Was wir brauchen, ist eine weit größere Elastizität, aber keine starren Formgesetze, eine Entmonumentalisierung, ohne deshalb in historische Stile zu verfallen. Diese Stile sind und verbleiben tot. Was ich auf lange Sicht moderne Architektur nenne (also nicht die im ersten Halbjahr 1958 modern war), unterscheidet sich prinzipiell von jeder historischen Architektur."

Frühe Manifeste des modernen Bauens beziehen sich meist auf die maschinelle Produktion und die industrielle Vorfertigung von Bauteilen. Auch zu diesem Thema schrieb Frank einige pointierte Kommentare: "Aber sie (die Maschine) ist Mittel und nicht Zweck und als solches nebensächlich und ersetzbar. ,Ein Kunstwerk’, schrieb ein Unentwegter, und dieser Satz ist oft nachgedruckt worden, ,muss genau so funktionieren wie eine Maschine.’ Das ist eine in glühendem Affekt hervorgestoßene Phrase und sollte eine der so beliebten exakten Thesen bilden. Achtung vor Phrasen!" Der "Unentwegte" hieß übrigens Walter Gropius. Ein Kunstwerk muss gar nichts, da es keinen Zweck hat. Kunst ist "Selbstzweck", betonte Josef Frank.

Bernhard Widder, geboren 1955, lebt als Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Übersetzer und Architekt in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 30. April 2016