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Leuchtturm im Halbdunkel#

Das Österreichische Kulturforum New York feiert seinen zehnten Geburtstag - Jubiläum mit leisen Misstönen#


Von der Wiener Zeitung (16. April 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Klaus Stimeder


  • Raimund Abrahams spektakulärer Bau eröffnete vor zehn Jahren in New York.

Österreichische Kulturforum in Midtown Manhattan
Imposant: das Österreichische Kulturforum in Midtown Manhattan, New York.
© Wiener Zeitung

New York City. Im Mittleren Westen gehen bald die Lichter aus, und jedem scheint es wurscht zu sein. Im kommenden Jahr werden das Generalkonsulat der Republik Österreich in Chicago und das ihm angeschlossene kleine Kulturforum ihre Pforten schließen, und weder die Betroffenen noch die dafür Verantwortlichen glauben ernsthaft daran, dass sie je wieder eröffnet werden. Die Heimatstadt von US-Präsident Barack Obama, in der bis heute die meisten österreichisch-stämmigen Menschen in Amerika leben (rund 40.000), muss in Zukunft ohne diplomatische Vertretung auskommen; wer persönlich etwas braucht, muss künftig an die verbliebenen Standorte an der Ost- (Washington D.C, New York) oder Westküste (Los Angeles) reisen. Auch vor diesem Hintergrund finden dieser Tage anlässlich eines besonderen runden Jubiläums rund 1200 Kilometer weiter östlich Feierlichkeiten statt, im Rahmen derer wieder einmal zahlreiche Politiker und Diplomaten die Wichtigkeit des Kulturaustausches in Zeiten der fortschreitenden Globalisierung betonen werden. Und im Publikum werden viele sitzen, die ihnen das glauben werden.

Bereits 1942 gegründet#

Am Mittwoch ist es auf den Tag genau zehn Jahre her, dass das Österreichische Kulturforum New York (ACFNY) seine Eröffnung feierte, es war genau genommen eine Wiedereröffnung. 1942 von vor den Nazis geflüchteten Emigranten als Österreichisches Kulturinstitut gegründet, zog es 21 Jahre später an seine heutige Adresse in Midtown Manhattan (11 East 52nd Street, zwischen 5th und Madison Avenue) und diente ab diesem Zeitpunkt als offizielle Kulturrepräsentationsstätte der Republik. Anfang der 90er wurde vom Parlament der Neubau beschlossen, aus einem Architekturwettbewerb ging der Entwurf Raimund Abrahams (1933-2010) als Sieger hervor; heute gilt das ACFNY als "Leuchtturm unter den österreichischen Auslandskulturvertretungen" (Außenminister Michael Spindelegger).

Unter seinem neuen Namen hatte es bisher zwei verdiente Direktoren, auf den Juristen Christoph Thun-Hohenstein (heute Chef des Wiener Museums für Angewandte Kunst) folgte 2007 der Politikwissenschafter Andreas Stadler, zuvor unter anderem Chef des Kulturforums in Warschau und stellvertretender Botschafter in Zagreb. Letzterer kann sich brüsten, das Haus in einer Stadt, in der öffentliche Aufmerksamkeit als harte Währung gehandelt wird, zur kleinen, aber feinen Bank gemacht zu haben. Die "New York Times" rezensiert regelmäßig die Veranstaltungen des ACFNY, alle anderen relevanten Medien der Kulturmetropole ziehen nach, angesichts der Konkurrenz alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

200 Events pro Jahr#

Das Jubiläum wird standesgemäß begangen, zu den sonst schon rund 200 Events pro Jahr (Konzerte, Ausstellungen, Filmvorführungen, Lesungen, Diskussionen) kommen noch ein paar dazu, die elf fixen Mitarbeiter und ihre zahlreichen Praktikanten haben gut zu tun. Was Stadler nicht sagt (oder sagen will, selbst über das aktuelle Budget schweigt er sich aus - "Ich kann dazu nichts sagen, bitte sich an Wien zu wenden"), ist, dass seine wie die Arbeit seiner Mitarbeiter seit seinem Amtsantritt kontinuierlich schwieriger geworden ist. Er spricht lieber über die Erfolge des Hauses, das "schließlich nicht nur um sich selber kreist, sondern auch informelle, nachhaltige Netzwerke schafft". Aktuelles Beispiel: Dass etwa heute für den seit zwei Jahren verwaisten Lehrstuhl für Komposition an der renommierten Columbia University zwei Österreicher in der Endausscheidung stehen würden - namentlich Georg Friedrich Haas und Olga Neuwirth -, sei laut Stadler "auch darauf zurückzuführen, dass wir mitgeholfen haben, dass sich diese außerordentlichen Künstler in New York einen Namen gemacht haben, indem wir als Erste ihre Stücke aufgeführt haben".

Zweifellos herausragende, aber nichtsdestoweniger punktuelle Ereignisse. Tatsächlich sind es keine guten Zeiten für die heimischen Kulturvertretungen im Ausland im Allgemeinen und für die in den Vereinigten Staaten im Besonderen. So wurde etwa die Ausschreibung des Preises für Übersetzungen österreichischer Literatur ins amerikanische Englisch - angesichts der ungleich größeren finanziellen wie politischen Feuerkraft der deutschen Kulturbotschaften in den USA essenziell für die Wahrnehmung Österreichs als eigenständiger Kulturnation - heuer mangels Geld suspendiert; um Quantität wie Qualität des Programms einigermaßen aufrechterhalten zu können, gehören mittlerweile die Vermietung der ACFNY-Räumlichkeiten an Drittparteien sowie unregelmäßig abgehaltene Fundraising Events unter der Schirmherrschaft (und der Teilnahme) des Bundespräsidenten zum Normalbetrieb. Mit anderen Worten: Die Republik pumpt private Gönner an, weil sich die Politik dem Steuerzahler nicht (mehr) zu erklären traut, warum die Arbeit solcher Institutionen sinnvoll ist. Zu groß ist unter den heimischen Diplomaten in Amerika - egal, bei welcher Niederlassung sie ihre Arbeit verrichten - die Angst, es sich mittels offener Kritik im Ministerium zu verscherzen. Neu ist diese Diskussion auch nicht wirklich - was sie deshalb nicht weniger notwendig macht.

2009 beschrieb der Schriftsteller Robert Menasse angesichts massiver Kürzungen der Budgets der österreichischen Auslandskulturvertretungen und des damit einhergehenden Verkaufs einschlägiger Immobilien im "Standard" eine der maßgeblichen Aufgabenstellungen solcher Vertretungen. Und er benannte gleichzeitig die Schwierigkeit der Verkäuflichkeit von deren Arbeit nach innen: "Und was eine richtige Kulturnation ist, lebt von nationaler Kultur (bei der internationalen hört sie womöglich Signale), und vor allem lebt sie von Ausländern, die diese Kulturnation besuchen und für die Kultur Eintritt bezahlen. Wen in der schönen Kulturnation interessieren daher Ausländer, die nicht einmal herkommen, sondern sich im Ausland für österreichische Kultur interessieren?"

Nicht ganz hoffnungslos#

So heftig unter österreichischen Diplomaten in den USA (und mutmaßlich nicht nur dort) die Budgetnöte off the record beklagt werden, erntet die Regierung, namentlich der Außenminister, nicht selten auch Verständnis. Das "politisch-mediale Klima daheim" lasse eben nicht mehr zu. In Zeiten, in denen den Bürgern täglich erklärt werde, dass der Staat an allen Ecken und Enden sparen müsse, sei das eben nun einmal so, leider. Im Klartext: Solange die maßgeblichen Protagonisten der Regierungsparteien weiter glauben, dass ihr Erfolg bei der nächsten Nationalratswahl von ihrem Wohlverhalten gegenüber den Fellners und Dichands dieser Welt abhänge, erwarte man keinerlei Besserung. Fazit: Nachdem sich die Politik schon vor langer Zeit entschieden habe, sich der normativen Kraft des Unfaktischen zu beugen, bleibe die Lage eben so, wie sie ist, ernst und hoffnungslos.

Freilich nicht ganz. Ein anonym bleiben wollender ehemaliger Hilfsangestellter des Außenministeriums spricht aus, was sich seiner Meinung nach "viele wirklich denken, aber nicht auszusprechen wagen. Wenn die FPÖ nach der nächsten Wahl wieder in die Regierung kommt und ein ähnlicher Effekt wie im Jahr 2000 eintritt, werden vielleicht auch die populistischsten Politiker kapieren, dass die einzige Möglichkeit, das Image des Landes im Ausland aufzupolieren, in genau jener Arbeit besteht, welche vor allem die Kulturforen seit Jahren betreiben." Die Fakten scheinen diese These zu untermauern: Ab 2000 erhöhte die damalige schwarz-blaue Regierung das Gesamtbudget Auslandskultur sukzessive, auf bis zu rund sechs Millionen Euro; dass der Grund dafür vor allem im seit der Regierungsbeteiligung der FPÖ (beziehungsweise im Anschluss jener des BZÖ) angeschlagenen Image Österreichs im Ausland war, gilt als offenes Geheimnis.

Wiener Zeitung, 22. Juni 2012