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Der Mensch als Maßstab der Architektur#

Ottokar Uhl hat sein Planen und Bauen stets als Kommunikationsprozess betrachtet. Am 2. März feierte der Architekt, ein Pionier der Partizipation, seinen 80. Geburtstag.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (3. März 2011).

Von

Isabella Marboe


Foto: Sammlung Az W
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Foto: tu-cottbus.de
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Foto: Sammlung Az W
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Foto: tu-cottbus.de
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Ottokar Uhl, Foto: Die Presse/Hofmeister
Ottokar Uhl
Foto: Die Presse/Hofmeister

Glaube an die Kraft der Gemeinschaft
Ottokar Uhl, hier im Bild (erstes Bild oben) mit Studenten, verstand sich immer auch als engagierter und kompetenter Moderator. „In ihrem Beharren auf Innovation ist seine Architektur durchaus radikal“, sagt sein Mitarbeiter Franz Kuzmich.

Kinder
Exemplarisch für Uhls Arbeit ist sein Projekt „Wohnen mit Kindern“ (1981–84; l. u., r.). Äußerste Schlichtheit kennzeichnet die Kapelle der Wiener Katholischen Hochschulgemeinde (1958; l.).

Foto: archinform.net
Foto: archinform.net

Ottokar Uhl ist einer der größten Idealisten unter Österreichs Architekten. Sein Glaube an die Selbstbestimmung des Menschen und die Kraft der Gemeinschaft war stets absolut. Der Pionier der Partizipation stellte sich als engagierter und kompetenter Moderator in den Dienst seiner Bauherr- und -frauschaften. Seine Architektur ist das Resultat vieler Kommunikationsprozesse. „Er ist eine geniale Person“, sagt Franz Kuzmich, langjähriger Mitarbeiter und Geburtshelfer vieler Partizipationsprojekte. „In ihrem Beharren auf Innovation ist seine Architektur durchaus radikal, auch wenn man es nicht sofort sieht.“ Denn die Bewohnenden bestimmten auch über die Fassade. In der Umsetzung war die Planungsmethode S.A.R. (Stichting Architecten Research = Stiftung Architektenforschung) ganz wesentlich. Sie ermöglichte, die tragende Struktur vom Ausbau zu trennen. „Dadurch ließen sich Spannweiten optimieren und hatten die Menschen viel Gestaltungsfreiheit“, so Kuzmich.

Gemeinsam Formen finden#

Bei der Anlage „Wohnen morgen“ in Hollabrunn (1971–76), die Uhl mit Jos Weber realisierte, wurde S.A.R. erstmals angewandt. Zwischen den Stahlbetonrahmen der primären Tragstruktur liegen die Wohnungen, über deren Zimmer, Fenster, Türen, Loggien und Balkone die Bewohner selbst entscheiden konnten. Beim Projekt „Wohnen mit Kindern“ (Wien-Floridsdorf, 1981–84) trat eine Gruppe von Familien an Ottokar Uhl heran. Zwischen Planungsbeginn und Bezug der zwei Häuser lagen drei Jahre, 123 Gruppensitzungen, 20 Baustellensprechstunden und 131 Einzelberatungen. Dafür gibt es hier nur Wohnungen nach Maß und ist der Garten mit dem Rodelhügel und dem Bummelweg bis heute ein Paradies. In der Wiener Feßtgasse (1973–83) setzte Uhl die Partizipation im geförderten Wohnbau durch, mit dem christlichen Verein B.R.O.T. (Beten, Reden, Offen sein, Teilen) plante er ein Haus (1985–90) mit einer kommunikativen Stiege und Dachgarten. Hier gibt es auch eine Kapelle und Einheiten, wo sich Menschen in schweren Lebenslagen temporär einnisten und an der Gemeinschaft wachsen können. Franz Kuzmich realisierte in Kalksburg bereits ein Nachfolgeprojekt (2010).

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

1997 erlitt Ottokar Uhl einen Schlaganfall. Er kann nur ganz leise sprechen, dafür mit großer Anteilnahme und Aufmerksamkeit. Er wohnt mit seiner Frau Getrude in der Siedlung am Maurerberg von Roland Rainer. Eines ihrer Kinder starb, die anderen – Jakob, Clemens, Karina und Anna – sind alle hier aufgewachsen. Viele Diplomanden waren zu Gast. Im Wohnzimmer stehen ein Sofa von Johannes Spalt, Fauteuils von Josef Hofmann, Josef Frank und viele Blumen. Überall stapeln sich Bücher und hängen Bilder. Rainer, Hollegha, Kokoschka. Der alte Essigbaum vor dem Haus hat weitverzweigte Äste. Will man die Gartentür öffnen, muss man sich bücken. Ein passender Einstieg in die humanistische Lebenswelt eines Architekten, der Menschen zur Gestaltung ihres gebauten Umfelds ermächtigen wollte.

Am 2. März 1931 in Kärnten geboren, besuchte er ab Herbst 1945 die heutige HTL Mödling. Sein Sommerpraktikum bei den Tauernkraftwerken in Zell am See 1948 verlief lebensentscheidend. Dort entdeckte er die Häuser Buchroitner und Heyrovsky von Lois Welzenbacher und lernte Gertrude kennen. „Er schenkte mir den ‚Verlust der Mitte‘ von Hans Sedlmayr“, erinnert sie sich an eine frühe Begegnung. 1949 bis 1953 studierte Uhl an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Lois Welzenbacher Architektur. Sein Diplom – ein Kulturzentrum in Basel – erhielt den Meisterschulpreis. Einschneidend war auch die Sommerakademie in Salzburg 1957, wo Konrad Wachsmann Seminare zum industriellen Bauen abhielt. Danach plante Uhl im Raster und in Gruppen.

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

1958 baute er einen Lagerraum der Katholischen Hochschulgemeinde in der Ebendorferstraße zur Kapelle um. Sie besticht bis heute mit urchristlicher Schlichtheit. Schwarzer Gussasphalt am Boden, ein Gewölbe aus Stahlbetonrippen, weiße Wände und schwarze Heizkörper erzeugen eine Atmosphäre konzentrierter Dichte. Im Prinzip stehen nur vier quadratische Betonstützen in der Mitte des Raumes. Zwischen ihnen haben acht Hocker Platz. Ihre schwarzen Stahlrohrgestelle sind mit braunem Leder überzogen und ganz leicht zu tragen. Sie werden zum gestalterischen Ausdrucksmittel der Gemeinschaft, die sie beliebig verteilen, zu Blöcken formieren oder dezent an die Wand rücken kann. Das Leder einiger Sitze wurde erneuert: Honigbraun, ocker, schlamm- und erdfarben werden sie zum Bild für die Individuen, die hier beten. Über ihren Köpfen aber schwebt ein Kreuz aus Neonröhren von Wand zu Wand: Symbol für Christus, der alle verbindet. Vor der Wand mit dem schlichten Kreuz steht ein Altar aus Holz zwischen zwei Fenstern aus mattem Glas, durch die tagsüber die Sonne fällt.

Oberlichtgefluteter Kirchenraum#

Uhl entwarf 37 Kirchen oder Kapellen, für die demontable Kirche in der Siemensstraße (1960–63) erhielt er den österreichischen Staatspreis für Architektur. Das Gemeindezentrum St. Judas Thaddäus in Karlsruhe- Neureut (1980–89) ist ein fensterloser Ziegelbau. Es sieht aus wie die gestreckte Version eines archetypischen Hauses mit Kreuz an der Satteldachspitze. Efeu rankt die Wände hoch, das Foyer aber öffnet sich zu einem Hof mit Kindergarten und Mehrzwecksaal. Die Kirche entpuppt sich als hoher, oberlichtgefluteter Raum mit Galerien.

DIE FURCHE, 3. März 2011