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"Mehr Freiraum auf Ringstraße"#

Die "Wiener Zeitung" hörte sich bei vier Architekten um, wie die Ringstraße in der Zukunft aussehen könnte #


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 14./15. Dezember 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernd Vasari


Frankfurt
Um mehr Grünflächen zu bekommen, müsste man mehr Hochhäuser bauen (wie hier in Frankfurt), sagt der Architekt Erich Raith.
© dpa/Boris Roessler

Heutige Qualität beim Bauen hinkt jener im 19. Jahrhundert hinterher.#

Wien. Nach der pompösen Bebauung der Ringstraße im 19. Jahrhundert steht das darauf folgende Jahrhundert mit seiner nutzungsorientierten und billigen Bauweise auf der Ringstraße im krassen Gegensatz dazu. Doch wie soll die Prachtstraße im 21. Jahrhundert aussehen und welche Funktion soll sie übernehmen? Vonseiten der Stadt wird nun über die Ausarbeitung eines "Masterplan Glacis" nachgedacht. Es soll dabei nicht nur die Ringstraße an sich untersucht werden, sondern auch das ehemalige Glacis, also die Umgebung miteinbezogen werden. Die "Wiener Zeitung" hat sich nun bei Architekten und Planern umgehört, wie sie sich die Zukunft der Ringstraße vorstellen.

Für die einzige weibliche Architektin, die je im Bereich der Ringstraße gebaut hat, Silja Tillner, steht fest, dass die hohe Qualität der historischen Gebäude im Einklang mit zeitgemäßer und guter Architektur sein soll. Nachkriegsbauten, die der Qualität nicht entsprechen und die deswegen nicht genutzt werden können, könnte man durchaus abreißen, so die Architektin. Die alten historischen Gebäude sollten aber auch mit einem qualitativ hochwertigem öffentlichen Raum im Einklang stehen.

Als Beispiel nennt sie die zahlreichen Nebenfahrbahnen entlang der Ringstraße, die derzeit für das Parken von Autos verwendet werden. Diese sollten stattdessen von allen Teilnehmern genutzt werden. Man müsste die Bordkanten auflösen und eine Ebene schaffen, sagt Tillner.

Keine Fußgängerperspektive#

Auch der Planer Reinhard Seiß ist für einen Ausbau des öffentlichen Raumes. Das müsste aber dann auch in Planungen und Ausschreibungen kommuniziert werden, was derzeit selten der Fall ist, sagt der Planer. So werden Gebäude meist nur von oben gezeigt. Seiß fordert daher, dass die Fußgängerperspektive ins Zentrum gerückt werden muss. Auch in der Sprache gibt es für den Planer noch Aufholbedarf. "Architektur versteckt sich hinter Worten, wie etwa beim Entwicklungsplan des Eislaufvereins." Dort würde das Areal als "Generisches Volumen" bezeichnet werden, ein Begriff, der außerhalb der Architektenbranche nur wenigen Menschen bekannt sein wird.

Architekt Otto Kapfinger ist derselben Meinung. "Wir müssen bei der Planungskultur aufholen." Für ihn klingt der Begriff "Masterplan Glacis" ziemlich fragwürdig: "Glacis heißt offenes Schussfeld. Das kann kein Begriff sein, der die Zukunft gestaltet, das ist Investorensprache." Auch die oftmals gebrauchte Bezeichnung "Restflächen" für Grünflächen und Spielplätze stößt ihm sauer auf. "Die Terminologie ist fragwürdig, das kann ich nicht akzeptieren." Das zeigt, dass der Freiraum derzeit in der Defensive sei, sagt Kapfinger.

Türme für Freiraum#

Der Architekt Erich Raith widerspricht dieser Ansicht von Kapfinger. Er gibt aber zu bedenken: "Wenn größere Grünflächen entsehen sollen, dann muss man akzeptieren, dass dann auch mal ein Turm dasteht." Die Stadt wächst um knapp 20.000 Menschen im Jahr, das werde sich auch auf die Ringstraße auswirken.

Für seine Kollegin Tillner sind Hochhäuser eine prinzipiell gute Bauform. Die Öffentlichkeit sollte aber auch etwas davon haben. So sollten der Sockel und die Spitze öffentlich zugänglich sein. Das sei keine neue Idee, in New York und Seattle gebe es dafür genügend Beispiele. Ein weiterer wichtiger Beitrag zur Lebendigkeit einer Stadt sind Mischnutzungen innerhalb des Gebäudes. In der Gründerzeit habe man darauf noch viel Wert gelegt: Im Sockel waren Lokale untergebracht, darüber Büros und in den oberen Stockwerken gab es die Wohnungen. Heute seien viele Gebäude entweder nur für Büros oder nur für Wohnungen konzipiert. Investoren begründen den Einheitsbrei mit der besseren Verkaufsmöglichkeit. "Das finde ich schade", so Tillner.

Überhaupt sei die Beziehung zwischen Investoren und Architekten derzeit nicht die beste, was sich auch negativ auf die Qualität des Endprodukts niederschlägt, erklärt die Architektin. "Die Planungskompetenz der Architekten wird immer mehr eingeschränkt." So würden Architekten das Projekt oftmals nur bis zur Einreichung bekommen. Das sei so, als wenn ein Autohersteller ein halb fertig gebautes Auto an ein Unternehmen übergibt, das dann die Türen dünner macht, um Geld zu sparen, sagt Tillner. "Der Berufsstand des Architekten wird immer mehr geschwächt, dabei ist das die einzige Disziplin, die dafür ausgebildet ist, dass alle Fäden bei ihr zusammenlaufen."

Billig dominiert#

Im 19. Jahrhundert war das Verhältnis noch ein anderes. Architekten haben mit größtmöglicher Qualität gebaut. Wäre das heute finanziell überhaupt noch möglich? "Natürlich", sagt Tillner. "Wir haben etwa tolle Stahlbaufirmen in Österreich, die aber mehr Aufträge in England bekommen, weil in Österreich ihre Qualität nicht bezahlt wird."

Dabei koste die Erhaltung ein Vielfaches der Errichtungskosten. "Es ist daher falsch zu sagen: Ich baue billig und spare damit Kosten - weil dann die Erhaltung teurer wird", erklärt die Architektin. Und außerdem: "Wer billig baut, baut schlecht."

Wiener Zeitung, Sa./So., 14./15. Dezember 2013