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Smarte Städte teilen ihre Güter #

Viele Städte meinen, Technologie und Digitalisierung seien der Schlüssel zur Zukunft. Stimmt so nicht, sagt der Umweltforscher Duncan McLaren: Die Zukunft liegt darin Ressourcen, zu teilen und sie gemeinsam zu nutzen.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 28. Februar 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Cathren Landsgesell


Dachgarten: Stadtbewohner ernten Gemüse für sich und andere Hausbewohner
Dachgarten: Stadtbewohner ernten Gemüse für sich und andere Hausbewohner.
Foto: Capman/Paris Match/Getty

Wien. Städte aus aller Welt verschreiben sich dem Zukunftsbild der Smart City. Sie soll, unterstützt durch digitale Technologien, Rohstoffe und Umwelt schonen und mehr Lebensqualität bieten. Der britische Umweltwissenschafter Duncan McLaren kritisiert jedoch die Technologie-Fixiertheit vieler Smart-City-Konzepte. Er plädiert für ein städtisches Zusammenleben, in dem die Bewohner Ressourcen teilen, und dafür, den öffentlichen Raum zu stärken. Ab Donnerstag diskutiert McLaren beim „Elevate Festival“ in Graz zum Thema Big Data und Smart Cities. Die „Wiener Zeitung“ erreichte ihn vorab telefonisch.

***

„Wiener Zeitung“: In Ihrem neuen Buch „Sharing Cities“ postulieren Sie, dass in den Städten der Zukunft Güter und Dienstleistungen geteilt und getauscht werden – Ausgangspunkte sind kommerzielle Plattformen wie der Bettenvermittler Airbnb oder der Taxidienst Uber. Aber stehen nicht gerade diese für ein wenig nachhaltiges Teilen in der Stadt?

Duncan McLaren: Das könnte man tatsächlich so sehen – Airbnb und Uber prosperieren ja gerade heute, in einer Zeit, in der Dienstleistungen des öffentlichen Sektors zurückgefahren werden. Von diesen kommerziellen Plattformen profitieren heute vor allem die Eliten: Sie können Wohnungen, Autos, was auch immer sie wollen, teilen – während benachteiligte Gruppen weiter an den Rand gedrängt werden, weil sie eine allen zugängliche öffentliche Infrastruktur benötigen. Die Frage ist also, ob kommerzielle Plattformen traditionelle Formen des Teilens und öffentliche Dienstleistungen verdrängen. Es gibt allerdings auch zahlreiche Beispiele, wie Städte durch Sharing- Initiativen ihren Gemeinschaftssinn wiederbeleben können, etwa durch Gemeinschaftsgärten oder Lebensmittel-Kooperativen, in denen Menschen gemeinsam einkaufen. Da liegt eher die Zukunft.

Vielen Städten fällt es schwer, den kommerziellen Plattformen Grenzen zu setzen, obwohl etwa Airbnb mittlerweile für steigende Mieten verantwortlich gemacht wird und die Wohnungsmärkte gefährdet. Warum?

Einer der Gründe ist mangelndes Wissen. Die Entwicklungen sind neu und viele unterschätzen das Tempo, in dem der Sektor wächst und die lokale Wirtschaft umkrempelt. Die meisten Städte verstehen nicht, dass sie sich jetzt darum kümmern müssen. Der zweite Grund ist, dass so gut wie alle Städte sich im Wettbewerb mit anderen Städten sehen. Das hat sehr viel mit der Smart-City-Rhetorik zu tun, der sich die meisten Städte verschrieben haben: Sie wollen Investitionen anziehen, am liebsten von Hightech-Start-ups, und versuchen, mit niedrigen Steuern und wenig Regulierung Kapital anzuziehen. Das ist dumm, denn sobald eine andere Stadt bessere Bedingungen bietet, ist das Kapital wieder weg. Dieses Konkurrenzmodell ist fehlerhaft.

Was sollen Städte stattdessen tun?

Sie sollten sich auf ihre lokalen Kernökonomien konzentrieren, die keiner Konkurrenz unterliegen – wie Gesundheit, Bildung oder Infrastruktur. Amsterdam zum Beispiel nutzt die Plattformtechnologien, um lokale Unternehmen miteinander zu vernetzen oder das Bildungsangebot zu verbreitern. Nichtkommerzielle Plattformen muss man hingegen aktiv fördern und in anderen Bereichen wiederum muss man aktiv regulieren. Amsterdam etwa hat die Vermietung von privatem Wohnraum über Plattformen auf 60 Tage im Jahr begrenzt. Das verhindert, dass Wohnungen oder ganze Häuser nur zum Zweck der Zimmervermietung an Touristen gekauft oder gemietet werden.

Welche Rolle spielt die Technologie?

Viele Städte meinen mit „Smart City“, dass sie eine Digitalstrategie haben oder alles technologisch lösen müssen. Die eigentliche Smart City wäre aber eine Sharing City, in der Ressourcen gemeinsam genützt werden können. Das ist im Hinblick darauf, dass die Weltbevölkerung schon in der nahen Zukunft zum Großteil in Städten leben wird, der zentrale Punkt. Technologie kann dieses Teilen von Ressourcen prinzipiell leichter machen, ist aber nicht die Lösung für alles.

Welche Risiken birgt es, zu sehr von Technologie getrieben zu sein?

Es gibt das Risiko, dass die Technologie die Abtrennung der globalen Eliten vorantreibt. „Taskrabbit“ etwa hieß ursprünglich eine Plattform, wo Privatpersonen Handwerkerdienste angeboten und gefunden haben. Seit es aber mit Venture-Kapital finanziert wird, ist daraus eine Jobagentur geworden, die temporäre – und entsprechend prekäre – Jobs vermittelt. Das heißt, dass eine unregulierte Technologie dazu beitragen kann, soziale Ungleichheit zu vergrößern.

Es wird immer wieder über das Ende des Kapitalismus diskutiert. Stellt die Idee des Teilens den Kapitalismus in Frage?

Teilen unterscheidet sich fundamental von dem, was wir als neoliberalen Kapitalismus erleben. Der beruht auf der Idee, dass wir alle autonome, rational handelnde Individuen sind. Koproduktion, Peer-to-Peer-Ansätze oder Sharing Cities sind eine andere Weise, Ressourcen zu verteilen und Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Ich bin optimistisch, dass es möglich ist, in Städten eine kollektive Politik zu machen. Aber die Stadt als Sharing City funktioniert nur, wenn die Stadt als öffentlicher Raum existiert, den alle nutzen können – nur dann erfahren wir Gemeinschaft durch das Teilen von Grünraum, Bildung, Gesundheit oder Verkehrsmitteln.

Duncan McLaren
Foto: McLaren

Zur Person#

Duncan McLaren ist Umweltwissenschafter und war bis 2012 Geschäftsführer der Umweltschutzorganisation „Friends oft he Earth“. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Sharing Cities. A case for truly smart and sustainable cities“.

Wiener Zeitung, Dienstag, 28. Februar 2017