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Subtile Eingriffe#

Die Denkmäler von Bogdan Bogdanovic sind bedeutende Zeugnisse einer modernen Gedenkkultur. Friedrich Achleitner hat dem Lebenswerk des serbischen Architekten nun einen Bild- und Textband gewidmet.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 18./19. Jänner 2014)

Von

Bernhard Widder


Bogdan Bogdanovic geht durch das Kriegermausoleum Popina bei Trstenik
Bogdan Bogdanovic geht durch das Kriegermausoleum Popina bei Trstenik, Serbien (erbaut 1981).
© Foto: Friedrich Achleitner

Die Gedenkstätten des Urbanisten, Architekten, Bildhauers und Schriftstellers Bogdan Bodanović sind mit dem Vokabular heutiger Architekturtheorie nicht oder kaum zu beschreiben. Dieser Europäer aus Serbien war nicht nur der Architekt von rund zwanzig Gedenkstätten, verteilt über das ganze Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, sondern auch ein unorthodoxer Stadtforscher, ein getaufter Surrealist und Querdenker, ein Schriftsteller von Graden und ein politischer Antinationalist, der von Miloević vertrieben wurde und der die letzten Jahre seines Lebens - von 1993 bis 2010 - im Wiener Exil verbrachte."

Wie Friedrich Achleitner im Vorwort zu seinem jüngsten Buch "Den Toten eine Blume" ausführt, handelt es sich bei dem gebauten Lebenswerk des aus Belgrad stammenden, vielseitigen Architekten und Schriftstellers Bogdan Bogdanović (1922-2010) um "Gedenkstätten", um Bauwerke für die Toten des Zweiten Weltkriegs.

Einige dieser Bauwerke und Landschaftsgestaltungen wurden häufig publiziert: Die bekannte Blume aus Stahlbeton in Jasenovac an der Save, oder die kegelförmigen Skulpturen im slawonischen Vukovar, beide Orte liegen in Kroatien.

Die erste Monografie#

Noch zu Lebzeiten des Architekten fand 2009 im "Architekturzentrum Wien" eine Ausstellung über sein Werk statt, einige Filme entstanden über seine Denkmäler. Aber bis jetzt fehlte ein monografisches Werk, das die Bauwerke Bogdanovićs in ihrer chronologischen Entwicklung von 1951-1981 mit erläuternden Texten und vor allem guten Fotografien vermittelt.

Diese Aufgabe wurde nun mit besonderer Qualität von Friedrich Achleitner gelöst, der mit Understatement betont: "Dieses Buch ist kein architekturhistorischer Essay, auch keine kunst- oder kulturhistorische Forschungsstudie. (. . .) Dieser Bericht ist als Blick von außen das Ergebnis einer mehr als zehn Jahre währenden Freundschaft mit Bogdan und Ksenija Bogdanović, vieler Gespräche und mehrerer Reisen zu allen Gedenkstätten."

Der Autor Achleitner unternahm diese zum Teil sehr umfangreichen Reisen von 2002-2013. Man kann anfügen, dass mit diesem Werk die Vielseitigkeit des jugoslawischen Architekten eingehend dargestellt wird. In den letzten siebzehn Jahren seines Lebens, im Wiener Exil, war er vor allem als Schriftsteller bekannt, der zwischen 1993 und 2007, also bis ins hohe Alter, sechs essayistische Bücher veröffentlichte. Darunter war die Autobiografie "Der verdammte Baumeister" (1997), die Friedrich Achleitner in seinen begleitenden Texten mehrfach zitiert.

Während Bogdan Bogdanović in Wien an seinen Büchern schrieb, begann sich die föderative Republik Jugoslawien, in mehrere, langwierige Kriege verstrickt, in die heutigen Einzelstaaten aufzulösen. Bogdanović wollte mit seinen vielen Gedenkstätten Orte des Friedens und der Versöhnung schaffen, doch nun öffnete sich auf schauerliche Weise der Abgrund des Bürgerkriegs. Einige seiner Werke gerieten dabei in das Sperrfeuer der Milizen. Einige Gegenden im Grenzgebiet zu Bosnien waren lange Zeit vermint; der "Gedenkpark Dudik für die Opfer des Faschismus" bei Vukovar (1980) zeigt bis jetzt die Spuren der Verwüstung durch Beschuss, wie auch der städtische Wasserturm aus Stahlbeton und Ziegel jede Menge Einschüsse und Löcher aufweist.

Obwohl der Turm nicht Teil des Denkmals ist, auch nicht von Bogdan Bogdanović entworfen wurde, hat Friedrich Achleitner eine Detailansicht in sein Buch aufgenommen. Der Wasserturm, in seiner Funktion nicht mehr verwendbar, dient nämlich als weithin sichtbares Denkmal des Kriegs von 1991.

Wie lassen sich die Denkmäler Bogdanovićs beschreiben oder stilistisch charakterisieren? Gibt es in diesen Werken, die über den langen Zeitraum von dreißig Jahren in unterschiedlichsten Landschaften des früheren großen Staates Jugoslawien errichtet wurden, stilistische Ähnlichkeiten oder formale Wiederholungen?

Frei von Pathos#

Wie Friedrich Achleitner mehrfach betont fehlen in den Denkmälern alle Symbole und Formen, die allzu viel Pathos erzeugen, ebenso die ideologischen Zeichen (roter Stern, Hammer und Sichel, irgendwelche Flaggen).

Der Architekt entwarf detailreiche Skulpturen, Wände, offene Höfe und Wege, die in Stahlbeton, Naturstein oder Ziegel ausgeführt wurden. Zeichen und Symbole, die auf den Bauteilen zu entdecken sind, stammen aus dem "Archiv" der Menschheitsgeschichte, verlassen sich mehr auf "kollektives Unbewusstes", oder stammen aus den oft spielerisch (und humorvoll) wirkenden Entwurfszeichnungen des Architekten.

Ein wesentlicher Aspekt der Planungen ist die jeweilige Beziehung zur Landschaft. Die Gedenkstätten sind manchmal am Rand von Städten errichtet, andere liegen in Naturlandschaften, die weder verbaut noch zersiedelt sind. Auffallend ist die Vielfalt der Landschaftsformen, die von den Auwäldern bei Donau und Save über die Bergländer Bosniens und Montenegro bis zur steppenähnlichen Hochebene beim mazedonischen Prilep reichen.

Der Gedenkpark Dudik für die Opfer des Faschismus (1980)
Der Gedenkpark Dudik für die Opfer des Faschismus (1980) bei Vukovar zeigt bis heute Spuren des Bürgerkriegs.
© Foto: Friedrich Achleitner

Die Formen, die Bogdan Bogdanović in seinem Umgang mit "Landschaftsgestaltung" verwendete, sind elementar, wie Andeutungen an die frühesten europäischen Bauwerke (die Tumuli des Neolithikums): kreisrunde oder pyramidenförmige Hügel, Graswälle. Einige dieser Anlagen haben Durchmesser von einem halben Kilometer. Mit diesen subtilen Eingriffen in das natürliche Terrain, das für den Besucher immer begehbar ist, kann man Bogdan Bogdanović auch als Pionier der "Land Art" sehen, einer eigenständigen Kunstform, die in den USA in den 1960er Jahren formuliert worden ist. 1960, als in der serbischen Stadt Sremska Mitrovica der "Gedenkfriedhof für die Opfer des Faschismus" errichtet wurde, hatte der Architekt den erst später erscheinenden Begriff bereits vorweggenommen.

In Achleitners Buch ist als letztes gebautes Werk das "Kriegermausoleum" Popina bei Trstenik, Serbien (1981), angeführt. Das Foto zeigt den damals 80-jährigen Architekten, der sein eigenes Bauwerk durchschreitet. Die elementaren Formen der Tore enthalten eine poetische Anspielung auf die Entwürfe des französischen Klassizisten Étienne-Louis Boullée. Und das letzte Bild enthält eine kalligrafische Inschrift, die in eine Wand eingemeißelt wurde: "Wenn es notwendig ist, tue es noch einmal."

"So wichtig Dokumente, Zeitzeugen, Berichte etc. für eine Gedenkstätte sind, so unentbehrlich ist die Besichtigung des Orts. Gerade die Anlagen von Bogdan Bogdanović, sie verlangen als räumliche Konzepte und Bestanteile einer Topografie und Landschaft die unmittelbare Erfahrung. Diese können auch Zeichnungen, Fotos und Pläne nicht ersetzen". So beginnt Achleitners Nachwort, und gleich darauf betont er, dass seine wesentlichen Eindrücke sich "ausschließlich den mehrmaligen Reisen zu den Gedenkstätten" verdanken. Wie richtig diese Aussage ist, zeigt der völlig andere Eindruck, den der reale Besuch eines gebauten Werks erzeugen kann, das man vorher von einigen Fotografien zu kennen glaubte.

Präzision und Poesie#

In den begleitenden Texten, die zu jedem Denkmal entstanden sind, beschreibt Friedrich Achleitner die technischen Angaben und Größen der jeweiligen Anlage in sachlichem Ton. Dann aber überlässt er sich den assoziativen Gedanken, die der Architekt Bogdanović mit seinen verschachtelten, angedeuteten Rätseln und poetischen Formen offenbar bei jedem interessierten Besucher auslösen wollte.

Die Farbfotos, die jedes Bauwerk von mehreren Seiten darstellen, von der Gesamtansicht bis zum Baudetail, stammen allesamt von Achleitner. Der fotografische Blick wirkt behutsam und zurückhaltend, man könnte ihn "impressionistisch" nennen, und damit ist er dem Stil der beschreibenden Texte ähnlich.

Das gebaute Werk von Bogdan Bogdanović ist auf seine Weise einzigartig, selbst wann daran zu erinnern ist, dass im ehemaligen Jugoslawien sehr viele Denkmäler errichtet wurden. Österreich hat eine vergleichbare Entwicklung in den letzten Jahrzehnten kaum erlebt. Auch deshalb ist die Beschäftigung mit diesem vielfältigen Werk eine Bereicherung. Bernhard Widder, geboren 1955 in Linz, lebt in Wien und arbeitet als Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Übersetzer und Architekt.

Information#

Friedrich Achleitner: Den Toten eine Blume. Die Denkmäler von Bogdan Bogdanović. Mit Farbfotos des Autors und Zeichnungen von Bogdan Bogdanović. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013, 183 Seiten.
Wiener Zeitung, Sa./So., 18./19. Jänner 2014