unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

"Und er will Architekt werden?!"#

Ein Künstler am Reißbrett - Aus dem Leben gegriffen#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 5. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Student E. Schlöss fand nach dem Krieg zur Baukunst. Und wirkte bald beim Wiederaufbau der Staatsoper mit.#

Blick auf Schlöss’sche Konstruktionen in der Oper
Blick auf Schlöss’sche Konstruktionen in der Oper: Die Bühne des ersten Opernballes der Nachkriegszeit (1956).

Aufmerksamen Lesern der Zeitreisen ist der bautechnische und baugeschichtliche Erfahrungsschatz eines Gemeine-Mitgliedes bestens bekannt. Beim Knacken verschiedenster Nüsse wurde auf die Expertisen von Dr. techn. Erich Schlöss, Maria Enzersdorf, zurückgegriffen.

In manchen Fällen hatte der Ort des historischen Geschehens mit einer seiner Arbeitsstätten zu tun, wie etwa bei der Favorita bzw. dem Theresianum. Da Tüftler Dr. Schlöss die Renovierung der Wiedner Institution prägte, kennt er das Mauerwerk wie seine Westentasche. Eine fundierte Veröffentlichung aus seiner Feder widmet sich übrigens der "Baugeschichte des Theresianums" (Böhlau Verlag, 1998).

Aperçus zu Schlöss’schen Vorfahren bereicherten bereits das Geschichtsfeuilleton der "WZ". Bekanntlich waren sie Fachleute: Großvater Karl Schlöss etwa Maschinendirektor bei der Südbahn, Vater Heinrich Schlöss ebenfalls Architekt.

Grund genug, Dr. Erich Schlöss einmal selbst vor den Vorhang zu bitten und mit ihm zurückzublicken in die 1940er-Jahre, als Ingenieure noch mit Bleistift statt mit der Computer-Maus ans Werk gingen. Und als ein junger, aufstrebender Absolvent der Technischen Hochschule beim Wiederaufbau der Wiener Staatsoper mitwirkte. Aber das berichtet Zeitreisenpionier Dr. Schlöss am besten alles selbst:

Beruf(ung) trotz "Hansi"#

Es war in der Achten, also in der letzten Klasse vor der Matura, als ich wieder einmal auf meine Mathe-Schularbeit einen saftigen Pintsch bekam und diesen unser Mathematik-Professor "Hansi" (er hatte natürlich einen bürgerlichen Namen und war akademisch hoch dekoriert) mit der Bemerkung unterstrich: ". . . und er will Architekt werden?!"

Als es nach dem Krieg wieder feierlich „Alles Walzer!” hieß
Als es nach dem Krieg wieder feierlich „Alles Walzer!” hieß, war das Werk der Ingenieure und Bauarbeiter vollbracht.
© SCHNARR Ulrich

Ich habe nie untersucht und will dies auch heute nicht tun, weshalb ich bei ihm so schlecht war und wieso ich dann - allerdings acht Jahre später - an der (jetzigen, Anm.) TU Wien die Mathematik-Vorlesung mit vorzüglichem Erfolg hinter mich brachte.

Dazu ist aber noch zu sagen, dass für den Architekten in der Praxis höheres mathematisches Wissen und auch extreme zeichnerische Fertigkeit recht belanglos sind. Und nicht nur deshalb, weil das heute sehr schön der Computer erledigt.

Zirkel, Papier & Tusche#

Zertrümmerte Bühne
„Macht daraus wieder die Staatsoper!” Auch Schlöss stellte man diese Aufgabe. Bild: Zertrümmerte Bühne.
© Fotos: Archiv Dr. E. Schlöss

Welche Begabung ist aber nun für den Architekten unverzichtbar? Das ist ein sehr weitgehendes Vorstellungsvermögen, ein räumliches vor allem, daran anknüpfend aber ein soziales: Wie wird sich der Mensch in jenem Objekt bewegen können, das ich da zu Papier bringe? Welche Möglichkeiten wird er haben, welche Empfindungen? Seit den Vorstellungen eines Vitruv, eines Palladio (Architekten des Römischen Reiches respektive der Renaissance, Anm.) hat sich da eigentlich nichts geändert.

Positive Bilanz#

Trotz düsterer Prognose meines letzten Mittelschulmathematikprofessors habe ich doch den Eingang in den Architektenberuf geschafft. Und kann heute nun nach dessen Ende eine durchaus positive Bilanz ziehen.

1938, im Jahr meiner Matura, unterbrach ich aus ausbildungsstrategischen Überlegungen meinen Bildungsweg, schob also meinen Wehrdienst ein, der, ausgelöst durch inzwischen gründlich analysierte politische Entwicklungen, fast acht Jahre dauern sollte. Für mich jedenfalls, denn erst im März 1946 konnte ich aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Wien zurückkehren und weitermachen, wo ich 1938 hatte aufhören müssen.

Naheliegend für mich war es, in Wien zu studieren - aber wo?

Grundsätzlich gab es damals drei Möglichkeiten: An der Technischen Hochschule (TH, nun Technische Universität), an der Akademie der bildenden Künste und an der Akademie für angewandte Kunst.

Ein Studienbeginn an der Akademie der bildenden Künste schied für mich als Absolvent eines Realgymnasiums aus. Dies stand nur Abgängern einer Gewerbeschule und den Absolventen der Ersten Staatsprüfung an der TH offen; so gesehen war also die TH schon eine Wahl. Aber ich sprach doch sehr ausführlich mit dem Architekten Professor Franz Schuster, der mich für das Studium an der Akademie für angewandte Kunst gewinnen wollte.

Architekt Dr. Schlöss bei der Arbeit
Architekt Dr. Schlöss bei der Arbeit, in etwa zur Zeit, als der Staatsopern-Neubau vollendet wurde.
© Fotos: Archiv Dr. E. Schlöss

Die Argumente, die Professor Siegfried Theiss (TH Wien) mir gegenüber vorbrachte, gaben aber schließlich den Ausschlag: es war die größere Zahl prominenter Lehrkräfte, die größere Vielfalt der technischen Begleitfächer. Und es schien die größere Freiheit in eigenständiger Entwicklung zu versprechen.

Wohnsituation prägte#

Die TH schien mir auch als Institution sympathischer, sind doch viele meiner Vorfahren dort schon aus- und eingegangen - von Anfang an, als sie noch "Polytechnisches Institut" hieß: vor mir mein Vater, der allerdings dann auch noch bei Friedrich Ohmann an der Akademie der bildenden Künste studierte.

Pausenraum der Galerie
Der Pausenraum der Galerie, erbaut nach den Plänen von Dr. Erich Schlöss.
© Fotos: Archiv Dr. E. Schlöss

Für meine Hinwendung zur Architektur war es "sicher nicht unwichtig", wie Architekt Univ.-Prof. Dr. Eduard F. Sekler 1990 in der ÖIAZ, der Österreichischen Ingenieur- und Architekten- Zeitschrift, schrieb, "dass seine Familie im Jahr 1929 . . . in ein Siedlungshaus zog und zwar in die Künstlersiedlung am Fuß des Rosenhügels, wo es für die Kinder der dort Wohnenden ein Leichtes war, Malern, Bildhauern und Architekten bei der Arbeit im Atelier zuzusehen und dadurch zur Nachahmung angeregt zu werden."

Feinfühliger Vermittler#

Und weiter ist bei Sekler zu lesen: "Angesichts der engen Familienbeziehungen zum Wohn- und Siedlungswesen ist es nicht verwunderlich, dass Erich Schlöss sich während seines Architekturstudiums an der Wiener Technischen Hochschule in den Jahren 1946-1950 besonders zu Prof. Erich Boltenstern hingezogen fühlte, der Wohnbau und Entwerfen lehrte und in feinfühliger Weise beste Architekturtradition vermittelte. Prof. Boltenstern muss aber auch seinerseits das Potential des Studenten Schlöss klar genug erkannt haben, sonst hätte er ihn nicht nach Studienabschluss im eigenen Atelier angestellt, in dem dann der so anspruchsvolle Wiederaufbau der Staatsoper bearbeitet wurde. Schlöss konnte unter anderem bei den Pausenräumen im Galerie- und Balkongeschoß und beim Zuschauerraum gestalterisch mitarbeiten..."

Und an den Aufbauten zum ersten Opernball nach dem Krieg, 1956.

Anzeige
Anzeige vom 3. April 1861
© Repro: Stefan Koch

Darf’s ein Schloss mit Park sein?

Am 3. April 1861 suchte man über ein Inserat in der „Wiener Zeitung“ Schlossmiet(h)er. Das bescheidene Heim bestand aus „40 vollständig möblirten Piecen“ (Zimmern). Auch die Anbindung war gut: Mit der Südbahn lag Wien 1,5 Stunden entfernt, Baden 30 Minuten. Dazu kam die Lage an einer „Gebirgslehne“.

Wo diese edle Immobilie wohl zu finden war? Spekulationen erwünscht!

Wiener Zeitung, Freitag, 5. August 2011