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Urvater der Ringstraße#

Ringstraßen-Architekt Ludwig Christian Friedrich Ritter von Förster starb vor 150 Jahren#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 15. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Michael Palfinger


Ringstraße
Auch für das Doppel-Allee-Konzept der Ringstraße ist Förster verantwortlich.
© apa

Förster vereinte Funktion, Schönheit - und konnte das auch kommunizieren.#

Wien. Die Wiener Ringstraße ist der weltweit bekannte Vorzeige-Boulevard der Bundeshauptstadt. Ludwig Förster war einer der treibenden Kräfte, von dem nicht nur die Doppel-Allee-Konzeption, sondern wesentliche weitere Elemente erdacht und realisiert wurden, nachdem Kaiser Franz Joseph ab 1858 die "Basteien" (Verteidigungsanlagen) abbrechen und die Stadtentwicklung forcieren ließ.

Förster, am 8. Oktober 1797 als Sohn einer Oberförster-Familie in Bayreuth (damals Preußen) geboren, lebte nach dem frühen Tod des Vaters (1809) in bescheidensten Verhältnissen. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Ansbach (inzwischen bayerisch geworden) absolvierte er ab 1816 die Königliche Akademie der bildenden Künste in München und kam 1818 an die Akademie der bildenden Künste nach Wien.

Hier fand er in Peter Nobile, dem aus Campestro (Schweiz) stammenden Leiter der Akademie-Architekturschule, einen genialen Lehrer und Mentor, der ihn auch in Zeichnen, Kupferstich, Lithographie und Übersetzung qualifizierte.

Bereits ab 1820 war Förster Mitarbeiter der Akademie, manifestierte Zweckmäßigkeit und Ornamentik, kritisierte gestalterische Armut, betrieb Methoden- und Material-Forschung. Er gründete 1826 das erste von mehreren erfolgreichen Unternehmen, eine lithographische Anstalt mit Buchdruckerei und führte die Zinkographie in Österreich ein; später kamen das Steindrucken und eine Zinkgießerei dazu.

1836 gründete er die "Allgemeine Bauzeitung", die bis 1918 erschien; sie ist bis heute eine unverzichtbare Quelle für die Architektur-, Bau-, Technik-, aber auch Verkehrsgeschichte. "PR" in vollendeter Form; die Österreichische Nationalbibliothek bietet alle Jahrgänge des Blattes, mehr als 32.000 Seiten, in digitaler Form frei zugänglich an.

Förster holte Hansen#

Ab 1843 wurde Förster Ordentlicher Professor an der Akademie und entwickelte auch als solcher vielfältige Aktivitäten. Förster holte etwa den Dänen Theophil Hansen, der sich in Athen gerade zum architektonischen "Neo-Hellenisten" entwickelte, an die Akademie, welche Förster selbst aber aus Zeitgründen bereits drei Jahre später wieder verließ. Förster engagierte aber auch den jungen Otto Wagner als Bauführer.

Hansen wurde auch Atelier-Partner (1846 bis 1852) sowie Schwiegersohn (er heiratete 1851 Förster-Tochter Marie Sophie, die bereits wenige Monate später in Folge einer Schwangerschaftskomplikation starb). Wichtige der zahlreichen Förster-Bauten sind wesentliche Teile Arsenals, die frühere Elisabethbrücke (Karlsplatz), das besonders repräsentativ gestaltete Palais Todesco, das alte Dianabad, die Gustav-Adolf-Kirche in Wien-Gumpendorf und die weltweit zweitgrößte Synagoge in Budapest-Dohány. Mehr zum Thema

Ludwig Ritter von Förster
Ludwig Ritter von Förster (1863).
© Archiv

Der vergessene Architekt#

Förster hatte auch die Idee eines "Kaiserforums": Auf der Fläche zwischen Hofburg und Hofstallungen entstanden ansehnliche Hofmuseen, heute als Kunsthistorisches Museum und Naturhistorisches Museum Stätten der Bildung und des Wohlbefindens.

Der Architekt war außerdem ab 1861 (nach anderen Quellen ab 1848) bis zu seinem Tod Mitglied des Wiener Gemeinderats; er verfasste ein Wiener Personen-Verzeichnis, aus dem der berühmte "Lehmann" hervorging.

Förster hatte fünf Kinder, darunter auch die Söhne Heinrich und Emil, die ebenfalls kunstsinnige Architekten wurden. Viele der Förster-Nachfahren erbrachten in ihren jeweiligen Disziplinen bemerkenswerte Leistungen. So auch Urenkel Heinz von Foerster, Physiker, Kybernetiker und Radikal-Konstruktivist, der in den USA zum Weltstar wurde; er äußerte sich immer wieder mit Stolz über den Urgroßvater, den er als "Verdienst-Adeligen" bezeichnete.

Tod nach Adelung#

Der Baukünstler starb nach schwerer Erkrankung wenige Tage nach der Erhebung in den Adelsstand, am 16. Juni 1863; die amtliche "Wiener Zeitung" vom 19. Juni 1863 vermeldet als Todes-Datum jedoch den 15. Juni - aber nicht nur das ist vorerst noch ein Rätsel; in zahlreichen Veröffentlichungen ist Ansbach - falsch - als Geburtsort angegeben. Vieles aus dem Leben dieser Ausnahme-Persönlichkeit scheint unklar, weshalb die Wiener Kunsthistorikerin Katharina Schoeller der Erforschung des Förster-Wirkens - ganz speziell dem Frühwerk und die Arbeit mit Hansen - widmet.

Wie herausfordernd der Umgang auch mit diesem kulturellen Erbe ist, zeigte sich zuletzt bei dem Rechtsstreit um die Denkmalschutz-Stellung eines Hauses in der Wiener Göttweihergasse: In der seitenlangen Begründung des Höchstgerichtes werden verschiedenste kunstgeschichtliche und kategorisierende Überlegungen und Zuordnungen getätigt, ohne die beiden tatsächlichen Architekten Ludwig Förster und Theophil Hansen, denen das Gebäude aufgrund wissenschaftlicher Literatur eindeutig zuzuordnen sein dürfte, auch nur andeutungsweise in Betracht zu ziehen.

Wiener Zeitung, Samstag, 15. Juni 2013