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Die Zeugnisse eines geistigen Zentrums#

Prunkstall im Unteren Belvedere: Passionsreliefs vom Wiener Stephansdom#


Mit freundlicher Genehmigung von der Wiener Zeitung (Dienstag, 29. Dezember 2009)

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


relief Stephansdom
Das Relief, das am Wiener Stephansdom zu sehen war, zeigt die Dornenkrönung mit Resten der Erstfassung von 1581
© Wiener Zeitung / Foto: BDA, Irene Dworak
An der Außenwand des Stephansdoms sind seit jeher viele skulpturale Werke zu sehen – vom Grabstein bis zum Fassadenschmuck. Oft handelte es sich um adelige oder bürgerliche Stiftungen des ausgehenden Mittelalters. Die bekanntesten Monumente sind dabei der "Zahnwehherrgott"“ an der Rückseite und der große Reliefzyklus der Passion, der das ehemalige Schatzhaus verzierte.

In der Barockzeit schon von einem Fenster durchbrochen, beschädigten auch die Bomben des Zweiten Weltkrieges Zyklus-Teile. Danach demontierte man die sechs verbliebenen Reliefs von ehedem elf und transferierte sie in den Innenraum als Altarinstallation für im Krieg gefallene Soldaten.

Buntheit in Pastelltönen#

Eine kürzlich vorgenommene Restaurierung musste 650 Stunden pro Relief investieren – und das obwohl schon 1581 namhafte Bürger und ihr Bürgermeister eine farbige Fassung zum Schutz der Reliefs veranlassten. Nun ist deren starke Buntheit zumindest in Pastelltönen wieder sichtbar, manches Detail an den Figuren musste ergänzt werden. Vor einer Neuaufstellung der Reliefs – möglicherweise als Art Kreuzwegstationen voneinander getrennt – sind die Passionsszenen in der mit dem Denkmalamt und der Dombauhütte seit 1992 laufenden Ausstellungsreihe "Gefährdet – konserviert – präsentiert" Gäste im Prunkstall des Unteren Belvedere, der Schausammlung für mittelalterliche Kunst.

Eigentlich ein Osterthema, doch die 1515/20 datierten Werke locken viel Publikum an, denn sie können hier aus nächster Nähe betrachtet werden.

An die Außenwand des Doms werden sie nie mehr zurückkehren. Zu sehr nagt der Säurefraß der Umweltverschmutzung am Sandstein – wie an der Kirchenarchitektur selbst.

Die sechs Szenen mit Christus vor Kaiphas und Pilatus, der Geißelung, der Dornenkrönung, des Ecce Homo und der Kreuztragung sind durch Pilaster in zwei schmale Scheinräume gegliedert, in denen sechs bis neun Personen Platz finden. Ihre dramatischen Posen und ein teils drastischer Gesichtsausdruck sind typisch für den Realismus am Beginn der Renaissance nördlich der Alpen und die Werkstatt des bekannten Wiener Steinmetz Michael Tichter. Er stellte auch das berühmte Marmorgrab Friedrichs III. im Innenraum auf. Mit dem Einsatz von teurem Zinnoberrot, Azuritblau und Malachitgrün neben Goldfolie, hat Tichter nichts zu tun – dieser starke Akzent kam erst 1581 dazu. Ein Stück Stadtgeschichte begleitet diese Werke.

Wiener Zeitung", Dienstag, 29. Dezember 2009