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Es bleibt in der Familie #

Familienbetriebe sind eine tragende Säule der Unternehmerlandschaft. Hochgerechnet erwirtschaften sie in Österreich täglich eine Milliarde Euro Umsatz. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Montag, 5. September 2016)

Von

Klaus Höfler


Albin Sorger-Domenigg senior und junior
Albin Sorger-Domenigg senior und junior: Backtradition seit fünf Generationen
Foto: FUCHS

Acht Stockwerke, 40.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 500 Marken, vier Hausnummern: Wenn Martin Wäg durch das „Kastner & Öhler“-Stammhaus im Zentrum von Graz marschiert, ist von der über 140-jährigen Vergangenheit des Unternehmens nicht viel zu merken. Das vor sechs Jahren tief greifend umgebaute Traditionskaufhaus präsentiert sich als mondäne, moderne Konsumkulisse.

Dennoch kommt bei Wäg, der das Unternehmen zusammen mit Thomas Böck als Geschäftsführer leitet, neben der Verantwortung gegenüber dem Unternehmen und den Mitarbeitern jene gegenüber der Geschichte dazu. Der eigenen Familiengeschichte. Denn Wäg und Böck sind die bereits fünfte Generation, die im von Carl Kastner und Hermann Öhler 1873 in Troppau (heutiges Tschechien) gegründeten und seit 1883 in Graz ansässigen Unternehmen auf der Kommandobrücke steht.

Für Wäg schon gegen Ende des Gymnasiums klar, dass er in die väterlichen Fußstapfen treten würde. „Auch wenn ich nie das Gefühl hatte, dass das vom Vater erwartet wurde, und ich auch nie dahingehend Druck verspürte“, erinnert sich Wäg: „Aber gewehrt hat er sich auch nicht.“ Zunächst musste der Junior aber noch die familieninternen Ausbildungskriterien erfüllen.

Heute lenken Wäg und Böck zusammen mit zwei familienexternen Vorständen von Graz aus 30 Standorte mit insgesamt 1600 Mitarbeitern und sind damit eines der größeren der insgesamt 21.400 steirischen Familienunternehmen.

Die dafür notwendigen Kriterien: Die Mehrheit der Entscheidungsrechte muss sich im Besitz der Gründerperson befinden beziehungsweise bei einer Einzelperson oder einem verwandtschaftlich verbundenen Eigentümerkreis liegen. Die Größe des Betriebs spielt dabei keine Rolle. Nach dieser Definition gelten 90 Prozent aller Unternehmen in Österreich als Familienunternehmen. Ein europäischer Spitzenwert: Nur in Deutschland liegt er mit 95 Prozent noch höher. Europaweit gibt es mehr als 14 Millionen familiengeführte Betriebe mit 60 Millionen Beschäftigten.

1,7 Millionen Beschäftigte #

In Österreich bleiben es – wenn man die Ein-Personen-Unternehmen (EPU) abzieht – laut einer Studie der KMU Forschung noch rund 156.000 Betriebe, die in ihrer Gesamtheit der größte Arbeitgeber der heimischen Wirtschaft sind: Zwei Drittel aller Beschäftigten – das sind rund 1,7 Millionen Menschen – arbeiten in Familienunternehmen. Ihnen werden mit insgesamt 58 Prozent (oder 365 Milliarden Euro) deutlich mehr als die Hälfte aller in Österreich erwirtschafteten Umsätze zugerechnet.

Die Bandbreite der Familienunternehmen reicht dabei vom kleinen Handwerksbetrieb bis hin zum weltweit erfolgreichen Großkonzern. Am häufigsten sind Familienunternehmen jedoch in der Größenklasse „unter zehn Mitarbeiter“ sowie im Tourismus, im Bauwesen und der Produktion anzutreffen. Auch geografisch ergeben sich deutliche Muster: Über 70 Prozent der Familienunternehmen sind in Premiumprokleinen Städten und Gemeinden beheimatet. Sie prägen damit wesentlich ihre Regionen – als Arbeitgeber, Nahversorger, aber auch gesellschaftlicher Treffpunkt.

Tradition als Innovation #

Dennoch tun sie sich zunehmend schwer, gegen die beispielsweise im Handel übermächtige Konkurrenz internationaler Großkonzerne und Filialketten zu bestehen. Der wachsende Druck zwingt zum Umdenken. Meist ist es ein Rückbesinnen auf altes Wissen und ursprüngliche Werte. „Wir punkten mit der hohen Qualität unserer traditionellen Rezepte, setzen auf Premiumpro dukte und haben mit der klassischen Massenware aufgehört“, sagt Albin Sorger-Domenigg. In der familieninternen Ahnenfolge läuft er unter dem Zusatz „der Fünfte“, der Vorname ist seit Generationen Erbgut für den jeweils erstgeborenen Sohn.

Josef Zotter (2. von links)
Die von Josef Zotter (2. von links) gegründete Schokoladenmanufaktur ist der am häufigsten genannte Familienbetrieb der Steiermark
Foto: ZOTTER, KANIZAJ

So führen heute zwei Albins den 1839 von der Familie übernommenen Bäckereibetrieb in Graz: Albin senior ist Eigentümer und Geschäftsführer, Albin junior Assistent der Geschäftsführung. Auch eine Schwester und ein Cousin sind im Unternehmen tätig. Mit klarem Aufgabenbereich. „Man muss sich an das interne Organigramm halten, sonst kommt es zu Spannungen“, weiß Albin junior um typische Fallgruben dieser Unternehmensform.

„Verschiedene soziale Aspekte greifen in Familienunternehmen ineinander“, erläutert Georg Jungwirth. Zusammen mit seinem Team des Kompetenzzentrums für Familienunternehmen an der Fachhochschule Campus 02 untersucht er diese Unternehmensform, ihre Stärken und Schwächen.

Nachfolge als Konfliktfeld #

So ergebe sich aus dem dreipoligen Kraftfeld aus Familien-, Unternehmens- und Eigentümerinteressen für das Unternehmen die Gefahr, „in seiner Entwicklung stecken zu bleiben“, verweist Jungwirth auf die systemimmanente hohe Sprengkraft dieser Eigentümerstruktur.

„Natürlich will man seinen Kindern keine Zwänge auferlegen, aber eigentlich kann man ja nicht wissen, wie Ratschläge aufgenommen werden, und vielleicht passiert ja vieles unbewusst und undercover“, versucht Josef Herk eine Analyse einer funktionierenden Erbfolge. Der Präsident der steirischen Wirtschaftskammer hat selbst den von seinem Vater gegründeten Karosseriebetrieb übernommen, mit Sohn Josef steht schon die nächste Generation bereit.

Gerade bei einem (Generations-) Wechsel an der Spitze seien Familienbetriebe besonders gefährdet. „Diese Schnittstellen haben Konfliktpotenzial“, warnt Jungwirth. Interne Spannungen können aufblühen. „Wenn es einen Streit gibt, kann es schnell vorbei sein, weil die Energie für den eigentlichen Geschäftsbereich fehlt“, verweist der Experte auf prominente „Spaltungsopfer“ wie die Gebrüder Dassler, deren familieninterne Fehde schließlich in zwei eigenständige Firmen mündete: Adolf Dassler gründete Adidas, sein Bruder Rudolf Puma.

Über den Tellerrand #

„Die richtige Balance zwischen Familienwerten, einer professionellen Nachfolgeplanung und mehr wirtschaftlicher Professionalität zu schaffen, ist die größte Herausforderung“, heißt es in einer Studie der Unternehmensberater Deloitte. Immerhin wollen 56 Prozent der Befragten im Zuge einer Übergabe eine grundlegende strategische Neuausrichtung Resvollziehen. Bei 64 Prozent der europaweit befragten Unternehmen fehle allerdings ein professioneller Plan für das Management der Nachfolge. „Es reicht nicht, wenn zwar bereits die Kinder ihre zukünftige Verantwortung verinnerlichen, dann aber professionelle Strukturen zur Übergabe fehlen“, heißt es im „Next Generation Survey“ von Deloitte.

In der Bäckerei Sorger will man sich derartige Pannen ersparen. „Wir arbeiten intensiv an den Regeln der Übergabe“, sagt Albin Sorger-Domenigg. Die Grundvoraussetzung ist klar: „Jedes Kind kann im Betrieb mitarbeiten, kann sich aber auch etwas anderes suchen.“ Letzteres war für Albin junior aber ohnehin nie eine wirkliche Option. Nach der Matura Ausbildung zum Bäckermeister, dann BWL-Studium in Deutschland, vor der Rückkehr ins Familienunternehmen als Einkäufer im Rewe-Konzern Erfahrungen jenseits des eigenen Reviers sammeln. „Einerseits ist das wegen der neuen Perspektive wichtig, andererseits kann man beweisen, dass man wegen der Leistung und nicht wegen seines Familiennamens im eigenen Unternehmen ist“, sagt Sorger.

„Es reicht nicht, nur der Sohn zu sein, man muss sich den Respekt der Mitarbeiter erarbeiten“, sagt auch Florian Hubmann. Hubmanns Eltern arbeiten beide noch im Betrieb mit, die Letztverantwortung liegt aber beim Sohn. Nur bei weitreichenden Entscheidungen wird der „Familienrat“ einberufen. „Konflikte gibt es, aber die gehören dazu“, sagt Hubmann. „Er hat im guten Glauben, das Richtige zu tun, eingegriffen“, beschreibt Hans Roth, Chef des Entsorgungsunternehmens Saubermacher, die entsprechenden Aktivitäten seines Vaters, der als „Patriarch mit Herz“ bei seinen Mitarbeitern geschätzt war.

Beliebter Arbeitgeber #

Als Arbeitgeber genießen Familienunternehmen insgesamt einen guten Ruf. Man hält sie im Vergleich zu Betrieben mit anderen Eigentümerstrukturen für sozialer, vertrauenswürdiger, nachhaltiger, zukunftsorientierter und am Ende auch erfolgreicher. Man schätzt das gute Arbeitsklima, den sicheren Arbeitsplatz, das familiäre Umfeld, hat sich bei der Campus02-Studie von Georg Jungwirth herauskristallisiert. Entsprechend beliebt sind sie auch als Arbeitgeber.

Neue Regeln für Verwandte #

Wollen Familienmitglieder selbst im eigenen Unternehmen mitanpacken, können sie das wiederum auch abseits strammer Dienstverhältnisse. Unter der sperrigen Bezeichnung „familienhafte Mitarbeit“ waren die rechtlichen Schranken bis vor Kurzem allerdings recht eng. Ein Kurzeinsatz – beispielsweise bei spontanen Nachfragespitzen in der Gastronomie – war auf (Ehe-)Partner, Kinder beschränkt. Seit Mai dürfen auch Eltern, Großeltern und Geschwister ohne gröbere bürokratische Auflagen mithelfen. Mehrarbeit bleibt damit leichter in der Familie.


Familienbetriebe#

Österreichs ältester Familienbetrieb #

wurde 1334 gegründet. Das Hotel Gmachl in Salzburg wird heute in 23. Generation geführt. Zum ältesten steirischen Betrieb in direkter Familiennachfolge wurde zuletzt der Landmaschinen- Spezialist Gaugl aus Vorau gekürt. Als dessen Gründungsjahr gilt 1628. Es kann aber Betriebe geben, deren Wurzeln weiter in die Geschichte zurückreichen, bei denen es aber keine direkte Familiennachfolge gibt.

Florian Hubmann
Florian Hubmann

„Nur Sohn zu sein, reicht nicht.“ #

Man müsse sich den Respekt bei den Mitarbeitern erarbeiten, weiß Florian Hubmann (Foto). Der 35-Jährige hat es über mehrere Wege geschafft. Als er das seit 1924 bestehende und mittlerweile in vierter Generation mit heute 80 Mitarbeitern familiengeführte Kaufhaus in Stainz übernahm, hatte er eine Ausbildung zum Modehändler, eine dreijährige Auszeit vom Betrieb („Um Abstand zu gewinnen und zu wissen, ob es tatsächlich meine eigene oder eine fremdbestimmte Entscheidung ist.“) und neue Ideen im Gepäck. So hat er das Bioproduktangebot massiv ausgebaut. Derartige Umstellungen dauern in Familienbetrieben zwar „zehn Mal länger“. „Es braucht einen langen Atem und eine Strategie, aber wenn es eine Entscheidung gibt, ist sie längerfristig.“ Die Eltern arbeiten zwar noch mit, die Entscheidungshoheit wurde mit Stichtag der Übergabe aber übertragen

Josef Herk in drei Generationen
Josef Herk in drei Generationen

„Eine Mischung aus Vater und Großvater.“#

So sieht sich Josef Herk. Der 25-Jährige ist operativer Geschäftsführer des familieneigenen Karosserie- und Lackierbetriebs in Knittelfeld. Das Unternehmen wurde von Großvater Josef gegründet und gehört aktuell Vater Josef. „Es gab keinen Druck, die Begeisterung ist von selbst gekommen“, sagt Josef III. Den zu bewältigenden Wandel spiegeln die Meisterbriefe wider: Der Großvater ist Wagner, der Vater „Karosseriebauer“, der jüngste Josef „Karosserietechniker“.

Hans Roth (Foto links) und Rudi Roth (rechts)
Hans Roth (Foto links) und Rudi Roth (rechts)

„Handel mit Waren aller Art.“#

So steht es in der Konzession, mit der Hans Roth 1945 einen Gemischtwarenhandel im oststeirischen Gnas gründete. Das Unternehmen wächst schnell, die verschiedenen Zweige wurden vom Gründer unter den Kindern – unter anderem Hans (Foto links) und Rudi (rechts) – aufgeteilt. Heute ist vielfach schon die dritte Generation am Ruder, unter anderem Rudi Roths Sohn Jürgen (Mitte). WK

Gerald Lasnik
Gerald Lasnik

Altes Prinzip – neues Design.#

Im Urlaub 2009 entwarf Gerald Lasnik die ersten Entwürfe für seinen Zwicker (bügellose Brille, die man sich auf die Nase klemmt) namens „seeoo“, später entstand ein Prototyp, der in der Szene schnell für Aufsehen sorgte. 2010 wurde daraus eine eigene Produktlinie, mit der das Unternehmen aus Rosental heute international erfolgreich ist. Lasnik schaffte den Designcoup eineinhalb Jahrzehnte, nachdem er sich mit seinem ersten Brillenfachgeschäft selbstständig gemacht hatte. Heute arbeiten neben neun Mitarbeitern auch Lasniks Söhne Martin und Gerald im weststeirischen Familienbetrieb.

Georg Jungwirth
Georg Jungwirth

56 Prozent#

der österreichischen Familienunternehmen planen im Zuge des bevorstehenden Generationenwechsels eine strategische Neuausrichtung, heißt es in einer aktuellen Deloitte- Trendstudie.

40 Prozent #

der Unternehmen zeigen sich offen für externe Investoren. Außerdem wollen die Befragten verstärkt in Forschung und Entwicklung investieren. 76 Prozent nennen Innovation als einen der drei wichtigsten Betriebsfaktoren. Wurzeln in der Monarchie. Studienautor Georg Jungwirth: „Familienbetriebe sind stabiler“

Peter Kroneis (Foto rechts) und seinem gleichnamigen Sohn (links)
Peter Kroneis (Foto rechts) und seinem gleichnamigen Sohn (links)

Wurzeln in der Monarchie#

Seit seiner Gründung im Jahr 1865 befindet sich das Hotel Drei Hasen in Mariazell in Familienhand. Heute stehen mit Peter Kroneis (Foto rechts) und seinem gleichnamigen Sohn (links) bereits die Generationen fünf und sechs auf der Kommandobrücke des 20-Mitarbeiter-Betriebs. Trotz langer Tradition müssen sie auf gesellschaftliche und marktwirtschaftliche Veränderungen reagieren. Statt mehrwöchiger Sommerfrische wie einst dominiert heute in Österreichs bedeutendstem Wallfahrtsort der Ausflugstourismus mit – wenn überhaupt – nur wenigen Übernachtungen direkt vor Ort. Auch Lehrlinge aus der Region zu finden wird schwieriger.
Kleinen Zeitung, Montag, 5. September 2016