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Im Land der Logistiker #

Zwei aktuelle Studien haben der Infrastruktur in Österreich ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt. Dabei ist sie gerade für die milliardenschwere Logistikbranche einer der wichtigsten Standortfaktoren. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Montag, 6. März 2017)

Von

Manfred Neuper und Klaus Höfler


Transportcontainer
Rund 36.000 Unternehmen mit knapp 210.000 Beschäftigten umfasst die Transport- und Logistikbranche in Österreich
Foto: FOTOLIA

Das hat gesessen. Als im Spätherbst des Vorjahres der aktuelle „FBA Infrastrukturreport“ veröffentlicht wurde, fiel die Bewertung – vorsichtig formuliert – durchwachsen aus. Befragt wurden 240 Manager österreichischer Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Ergänzend dazu wurden rund 100 Interviews mit Experten aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung geführt. Fazit: Insbesondere bei der Infrastruktur hinkt Österreich hinterher.

Doch letztlich sei es gerade die Qualität der Infrastruktur, die für die Standortwahl von Betrieben entscheidend ist, attestierte damals David Ungar- Klein, Herausgeber des „Reports“. Die Infrastruktur wurde laut der Erhebung ins Spitzenfeld der zentralen standortpolitischen Handlungsfelder gereiht. „Je besser die Infrastruktur, desto produktiver können Unternehmen sein. Umgekehrt entstehen Produktivitätsverluste, die sich in weniger Wachstum und geringerer Beschäftigung niederschlagen“, so Ungar- Klein.

Wenn die heimische Infrastruktur der internationalen Benchmark entspräche, könnte die Produktivität um elf Prozent höher sein, so die Schätzung, und Österreichs Wirtschaft könnte eine um gut 37 Milliarden Euro höhere Wertschöpfung erzielen – das hat die Modellrechnung für den „FBA Infrastrukturreport“ ergeben.

Infrastrukturminister Jörg Leichtfried formulierte das ehr geizige Ziel, Österreich zur Logistikdrehscheibe Mitteleuropas machen zu wollen (siehe auch Interview Seite 6). Dass die österreichische Transport- und Logistikbranche ein enormer Wirtschaftsfaktor im Land ist, verdeutlichen die Branchenzahlen. Rund 36.000 Unternehmen mit knapp 210.000 Beschäftigten sorgen für Erlöse von mehr als 46 Milliarden Euro. Wenn es um die Standortqualitäten geht, liegen Wunsch und Wirklichkeit in einigen Bereichen aber noch auseinander.

Roman Stiftner, Präsident des größten Branchenverbands, der Bundesvereinigung Logistik Österreich (BVL), sieht Österreich als Logistikstandort zwar gut positioniert. Die Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten, sei aber gegeben und dürfe nicht unterschätzt werden. „Die Ansiedelung von Betrieben klappt nur dann, wenn ein Standort über eine verlässliche Infrastruktur verfügt, das ist eine Grundvoraussetzung.“ Und in diesem Zusammenhang diagnostiziert Stiftner, „dass dem infrastrukturellen Anteil als entscheidendem Standortfaktor zu wenig Aufmerksamkeit zuteilwird“.

BVL-Präsident Roman Stiftner
BVL-Präsident Roman Stiftner
Foto: BVL

Gestützt wird sein Befund durch den erst dieser Tage veröffentlichten „Regional Competitiveness Index“ der EU-Kommission. Alle drei Jahre wird hier die Wettbewerbsfähigkeit der 263 europäischen Regionen verglichen. Österreichs Bundesländer landeten im Mittelfeld. Wien/Niederösterreich – als am besten platzierte österreichische Region – rangiert gerade einmal an 49., die Steiermark an 98., Kärnten an 120. Stelle. Was alle drei gemeinsam haben: Wenn es um die Infrastruktur geht, ist der Abstand zur Spitze noch einmal bedeutend größer. Daher findet sich bei den Empfehlungen, die gleichzeitig die größten Potenziale zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in den einzelnen Regionen aufzeigen, auch verlässlich der Hinweis auf eine notwendige Verbesserung der Infrastruktur. „Infrastruktur und Logistik müssen in ihrer entsprechenden Breite die notwendige Akzeptanz erfahren, sie müssen inhärenter Bestandteil der Standortpolitik sein, das zeigen alle Indikatoren“, so der Appell von Stiftner.

Die Voraussetzungen in Österreich erachtet Stiftner grundsätzlich als günstig. Das „Mindset“ an entscheidenden politischen Stellen wie dem Infrastrukturministerium, aber auch dem Wirtschaftsministerium passe. „Wir sehen hier Bemühungen und auch viel Positives, etwa die Arbeitsgruppen im Infrastrukturministerium, bei denen die wichtigen Stakeholder eingebunden werden.“ Ein anderes Kapitel sei dann freilich oft die Umsetzung, da gehe es dann um Fragen, ob und wie sich Regionen politisch einigen.

Insbesondere auf Unternehmensseite sieht Stiftner – auch befeuert durch Kooperationen mit Universitäten – eine überproportional starke Logistikbranche in Österreich gegeben. „Das muss man wertschätzen, der Fokus heißt ganz klar, dass die Logistik eine steuernde Funktion in der Wirtschaft hat.“

Dafür sei auch ein Grundkonsens notwendig, dass Investitionen in Infrastruktur wichtig sind und ein Ausbau keine „verlorenen Investments sind“, wie das mitunter zu hören sei. Am Weg in eine prosperierende Zukunft für die Logistikbranche ist neben dem Infrastruktur- Thema auch die Mitarbeiter- Qualifizierung essenziell. „Die Digitalisierung verändert vieles, die Dynamik ist enorm und gleichzeitig eine immense Herausforderung, aber auch Chance“, betont Stiftner.

Image und Reputation der Branche seien freilich „noch ausbaufähig“, wie der BVL-Präsident einräumt. Vielfach werde die Logistik auf Lkw reduziert oder als eine Art „Poststelle von Unternehmen“ angesehen. Ein Irrglaube. „Die Komplexität ist hoch, Logistik umfasst so viele betriebliche Segmente, ist mit den Prozessen in Unternehmen – von der Planung bis zum Datenmanagement – eng verzahnt. Logistik ist eine Führungskompetenz.“ Die Gleichung sei einfach, wer es am besten versteht, diese Verzahnungen zu perfektionieren, werde auch im Wettbewerb die Nase vorn haben.

Die Berufsbilder in der Branche sieht Stiftner interdisziplinär geprägt, neben Technik und Internationalität würden auch Betriebswirtschaft und Managementaufgaben einfließen. „Das sind enorm spannende Jobs, dafür müssen wir noch mehr Bewusstsein schaffen.“

Als „Puzzlestein“ auf diesem Weg sieht er u. a. die Logistik- Akademie, die die BVL ins Leben gerufen hat, um in der Ausund Weiterbildung dynamisch auf neue Entwicklungen reagieren zu können. Im eigenen Kompetenzzentrum stehe zudem insbesondere die Digitalisierung im Fokus, auch für Klein- und Mittelunternehmen.

Kleine Zeitung, Montag, 6. März 2017