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Die 70 Jahre der FURCHE #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Dezember 2014)

Von

Rudolf Mitlöhner


Friedrich Funder
FRIEDRICH FUNDER (1872–1959). Der Publizist war von 1902 bis 1938 Chefredakteur der christlichsozialen „Reichspost“ und gründete 1945 DIE FURCHE.
Foto: DIE FURCHE

Ein Mann marschiert im April 1945 von Baden nach Wien. So beginnt die Gründungsgeschichte der FURCHE, wie sie sich in diversen Jubiläumsausgaben oder historischen Rückblicken fi ndet. Der Mann war Friedrich Funder, damals bereits im 73. Lebensjahr, in Baden hatte er sein Domizil, und in Wien, wohin er sich mangels öffentlichen Verkehrs zu Fuß begab, knüpfte er Kontakte, sondierte Möglichkeiten künftiger publizistischer Betätigung.

Keine acht Monate später, am 1. Dezember 1945, erschien die erste Ausgabe der FURCHE – mit dem Untertitel „Kulturpolitische Wochenschrift“. Die leitende publizistische Idee bestand darin, einen Beitrag zum geistigen und moralischen Wiederaufbau nach den Verheerungen der NS-Diktatur zu leisten. Funder war, wie andere Exponenten des politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit, ein durch Krieg und KZ Geläuterter. Karl Maria Stepan, steirischer Landeshauptmann von 1934 bis 1938 und Styria-Generaldirektor von 1945 bis 1968, drückte es einmal so aus: „Wir haben alle miteinander so viele Fehler gemacht, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als viele Dinge ganz neu anzufangen.“

DER SÄMANN #

Ganz neu anfangen – das war auch das Motiv Friedrich Funders, wie er es in seinem ersten Leitartikel und knapp eineinhalb Jahrzehnte später, in seinem Testament, formulierte: „Der Gang der Pflugschar durch den Heimatboden ist Anfang, Vorbereitung; in die Furche fällt der Same, der, so Gott will, Frucht bringen wird“, lauten die allerersten Worte in dieser Zeitung. Und weiter unten heißt es dann: „Zeitaufgeschlossen, auf das aktuelle Geschehen gerichtet, parteimäßig nicht gebunden, eine gesunde Demokratie bejahend, durch katholische Grundsätze bestimmt, will unsere Wochenschrift ‚Furche‘ in dem zu bestellenden Grunde sein.“ 1959 schließlich formuliert er in seinem Vermächtnis, die FURCHE möge „ein hohes geistiges Forum“ sein, „auf dem Wahrheit und christliche Weisheit auch innerhalb der weltlichen Dinge so vorgetragen werden, dass sie auch von dem Andersdenkenden ohne Widerwillen aufgenommen werden und ihn durch innere Würde gewinnen“. Dann folgt ein Schlüsselsatz: bei all dem möge die Zeitung „ein katholisches Blatt für die Weltleute und nicht ein religiöses Blatt im Sinne eines Kirchenblattes sein“.

„Kulturpolitische Wochenschrift“, Die Furche
Diese „Kulturpolitische Wochenschrift“ verstand sich als ein publizistischer Beitrag zum geistigen und moralischen Wiederaufbau nach den Verheerungen von Krieg und Diktatur.
Foto: DIE FURCHE

Es versteht sich von selbst, dass diese Gründungsphilosophie mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Ursprung an Stringenz verlieren musste: Den institutionalisierten oder permanenten „Wiederaufbau“ gibt es nicht. So gilt gerade für die FURCHE, was man allzu kulturpessimistisch gestimmten Beobachtern auch in anderen Zusammenhängen entgegenhalten kann: Der verklärende Rückblick auf frühere Zeiten verbietet sich. Konnten Fragen der inhaltlichen Positionierung, weltanschauliche Divergenzen und ökonomische Probleme durch die überragende Persönlichkeit Funders, seine Autorität und Glaubwürdigkeit noch überdeckt werden, so traten diese bald nach seinem Tod im Jahre 1959 recht deutlich zutage.

AUF DER HÖHE DER ZEIT #

Wer meint, ein Blatt wie die FURCHE am Markt zu halten, sei erst durch die Erosion der katholischen Milieus oder durch den technologischen Wandel und die damit einhergehenden rasanten Umwälzungen der Medienbranche ein Drahtseilakt geworden, dem sei die „Inside Story der FURCHE 1959–1967“ von Willy Lorenz, dem langjährigen Herausgeber, Chefredakteur und Generaldirektor des Herold-Verlags, empfohlen (Nr. 1, 6. Jänner 1968). Unabhängig von der Bewertung der in diesem Beitrag zentralen Frage der „Affäre Franzel“, auf die hier einzugehen nicht der Platz ist, wird da deutlich, dass vieles, was man für Probleme der späten FURCHE-Geschichte halten möchte, gewissermaßen zur genetischen Grundausstattung des Blattes gehört.

Man mag das als beklemmend empfinden – oder aber als befreiend: Denn in der Retrospektive zeigt sich damit ja ebenso, dass diese Zeitung allen Widrigkeiten zum Trotz ihren zähen Überlebenswillen stets aufs Neue unter Beweis zu stellen verstand. Gewiss, die Ursprungsidee ließ und lässt sich nicht einfach fortschreiben die Fragen der Nähe und Distanz zur Kirche, nach dem Gewicht von religiösen Themen im Gesamt des Blattes oder nach der Positionierung im Spektrum zwischen „liberal“ und „konservativ“ wurden nie definitiv geklärt, vielmehr zu unterschiedlichen Zeiten und oft sogar zur selben Zeit innerhalb der jeweiligen Redaktion auf verschiedene Weise beantwortet.

Vielleicht aber war gerade das eine Stärke dieser Zeitung. Es war jedenfalls wohl nicht der schlechteste Weg, der Vorgabe Funders von einem „hohen geistigen Forum“ zu entsprechen: ein Forum, das verschiedensten Standpunkten Platz bietet, Raum für Kontroversen schafft und gleichzeitig das tut, was sich unsere Eigentümerin, die Styria Media Group, als ganze als Programm gegeben hat: Orientierung erleichtern, Vertrauen schaffen, Gemeinschaft unterstützen. Ein Programm, mit dem die FURCHE auch siebzig Jahre nach ihrer Gründung – und vielleicht heute sogar besonders – auf der Höhe der Zeit ist. Und das sich als eine dieser unserer Zeit gemäße Übersetzung des Wortes vom „katholischen Blatt für die Weltleute“ lesen lässt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. Dezember 2014