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Die ersten Europäer#

Hat Europa das Träumen verlernt? Reflexionen zu einer Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 24./25. Mai 2014)

Von

Reinhard Göweil


Skizze der Hohenemser Diaspora
Hohenemser Diaspora: Ist das die Grundlage eines übernationalen Bewusstseins in Europa?
© Jüdisches Museum Hohenems

Auf die Frage, wie sich denn Europa definiere, meinen manche Politiker, dass es christliche Werte und Traditionen sind, auf dem dieses Europa ruht. Das Jüdische Museum Hohenems stellt in seiner großartigen Ausstellung "Die ersten Europäer" die provokante Frage, ob nicht die Diaspora der Juden zu einem über-nationalen Bewusstsein Europas geführt hat. Stefan Zweigs "Erinnerungen eines Europäers" führen in diese Richtung. Nun sind es eher jüdische Autoren, die dies in Zweifel ziehen. Sie verweisen auf die klösterlichen Orden des Mittelalters, die Europas Raum urbar machten und als kirchliche Elite die Kultur bestimmten.

Also doch ein christliches Konstrukt? Welche Rolle spielten dann aber jüdische Familien, die internationalen Handel und Finanzgeschäfte aufzogen und aufgrund hoher Talente und Weltoffenheit Künstler hervorbrachten, die uns heute die Definition Europas erleichtern? Natürlich waren nach ihrer Emanzipation Juden nicht Europäer per definitionem, sondern (meist besonders loyale) Angehörige ihres jeweiligen Landes. Und doch verband britische, französische, österreichische, deutsche Juden des 19. Jahrhunderts mehr als ihre Religion.

Stefan Zweigs Autobiografie skizzierte eine Welt, in der es für möglich gehalten wurde, mit den Waffen des Geistes und der Grenzenlosigkeit der Kunst die Waffen schweigen zu lassen. Angesichts der Barbarei, die uns heute aus der Ukraine entgegenblickt, werden seine Worte ungeheuer aktuell.

Die Vereinigte Staaten des Victor Hugo#

Oder nehmen wir Anleihen bei Victor Hugo, einem der größten Köpfe des 19. Jahrhunderts. Seine Rede zum Friedenskongress 1849 in Paris beschreibt das aktuell verhandelte EU-Freihandelsabkommen mit den USA prophetisch: "Ein Tag wird kommen, wo die Waffen Euch aus den Händen fallen werden! Ein Tag wird kommen, wo ein Krieg zwischen Paris und London, zwischen Petersburg und Berlin, zwischen Wien und Turin ebenso absurd schiene wie zwischen Rouen und Amiens, zwischen Boston und Philadelphia. Ein Tag wird kommen, wo ihr, Frankreich, Russland, Italien, England, Deutschland, all ihr Nationen des Kontinents, ohne die besonderen Eigenheiten eurer ruhmreichen Individualität einzubüßen, euch eng zu einer höheren Gemeinschaft zusammenschließen und die große europäische Bruderschaft begründen werdet (...) Ein Tag wird kommen, wo es keine anderen Schlachtfelder mehr geben wird als die Märkte, die sich dem Handel öffnen, und der Geist, der sich den Ideen öffnet. Ein Tag wird kommen, wo die Kugeln und Bomben durch Stimmzettel ersetzt werden, durch das allgemeine Wahlrecht der Völker, durch die Entscheidungen eines großen souveränen Senates, der für Europa das sein wird, was das Parlament für England und die Nationalversammlung für Frankreich ist. Ein Tag wird kommen, wo man die Kanonen in Museen ausstellen wird und sich darüber wundern wird, was dies wohl sein könnte. Ein Tag wird kommen, wo zwei immense Gruppen, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Vereinigten Staaten von Europa, die einen gegenüber den anderen, sich die Hand über das Meer reichen, ihre Produkte, ihren Handel, ihre Industrie, ihre Kunst und ihre Ideen austauschen."

Was bei Victor Hugo so großartig klingt, verkommt im 21. Jahrhundert zum Schlagwort TTIP, das Chlorhuhn verdirbt den Appetit, und Investitionsschutzabkommen hebeln den Rechtsstaat aus. Und doch hat Victor Hugo recht, er hat 1849 nur nicht bedenken können, mit welcher Fantasielosigkeit Politiker 2014 Zukunft gestalten. Und er konnte auch das ungeheure Ausmaß des Rückzugs der Künstler aus der Gesellschaftspolitik nicht sehen. Beides zusammen führt heute dazu, dass die vom Volk oder aus Begabung eigentlich dazu gewählten Vordenker das Träumen verlernt haben.

Ein traumloses Europa tut sich aber viel härter als ideenlose USA. Denn die haben immer noch die Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776, eines der schonungslosesten politischen Dokumente der Aufklärung. Life, Liberty and the Pursuit of Happiness werden darin zum unveräußerlichen Recht des Menschen erklärt.

Ein Hinnehmen ohne Begeisterung#

Die EU wurde gegründet auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, und dessen Irrsinn war stark genug, um die EU bis zur gemeinsamen Währung 1999 zu führen. Dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 dagegen wurde von Europa nicht annähernd so enthusiastisch begegnet. Die Osterweiterung 2004 wurde von den Völkern eher hingenommen als begeistert empfangen.

Weil eben Europa das Träumen verlernte und kein Victor Hugo eine Rede wie jene des Jahres 1849 hielt.

Die nun wieder öfters gestellte Frage, was und wo denn eigentlich Europa ist, könnte eine Morgenröte sein. Die Überwindung des Schreckens der beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts und die Erfassung Europas in der Zeit davor kann eine kollektive Sperre überwinden. Das Jüdische Museum Hohenems versucht es, auch in London, Paris und Wien befassen sich Kultur-Institutionen mit Europa vor 1914 beziehungsweise mit europäischen Gedanken vor 1914. Hohenems geht zurück bis ins Fränkische Reich von Karl dem Großen und zum Beginn des Habsburgerreiches im 13. Jahrhundert.

Auf dem Weg dorthin kommen uns Größen wie Victor Hugo entgegen und sprechen aus, was dem Populismus des 21. Jahrhunderts zum Opfer fiel: die Vereinigten Staaten von Europa. Die Erkenntnis, dass nur große Gemeinsamkeit Sicherheit nach innen und außen gibt. Und das ganz gute Gefühl, dass nur Vereinigte Staaten von Europa Prosperität für möglichst viele Menschen ermöglichen.

Für die Kulturtreibenden, die es gewohnt sind, über alle geographischen und geistigen Grenzen hinweg zu arbeiten, ist dies Realität. Für die Handel Treibenden, denen die Überwindung von Grenzen Gewinne bringt, ist dies ebenfalls Realität. Für die hunderttausenden Studenten, denen das EU-Programm Erasmus ein nationale Grenzen überschreitendes Studium ermöglicht, ist dies Realität. Für die vielen Bedürftigen, deren Pfleger(innen) aus anderen EU-Ländern kommen, ist dies Realität. Für die vielen Einfamilienhaus- und Wohnungsbesitzer, die sich ihren Lebensraum von Handwerkern aus anderen EU-Ländern verschönern lassen, ist dies Realität. Für die vielen nordeuropäischen Pensionisten, die einen Teil des Winters im Süden Europas verbringen, ist dies Realität. Für die Forscher und Internet-Start-ups, die Grenzen nur noch beim Download kennen, ist dies ebenfalls Realität.

Für die Besucher des Jüdischen Museums Hohenems wird dies Realität. Sie werden in ein frühes Europa geführt; ein Europa, in dem Träumen erlaubt, ja gewünscht war. Diese Europawahl bot die Chance, die Vereinigten Staaten von Europa in einem glänzenden Licht darzustellen. Nur wenige haben sie genutzt. Aber auch Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden, 2019 und dazwischen gibt es nächste Gelegenheiten zu träumen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 24./25. Mai 2014