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Forschung im Erzberg so gut wie fix#

Europaweit einzigartiges Forschungszentrum in der Steiermark - Finanzierung für "Zentrum am Berg" wird beschlossen.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 5. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl


Erzberg mit 1466 Meter Höhe
Auf dem Erzberg mit 1466 Meter Höhe in den Eisenerzer Alpen werden heute jährlich 8,5 Millionen Tonnen Gestein gewonnen und 2,2 Millionen Tonnen Feinerz verarbeitet.
© VA Erzberg

Graz/Wien. Am pyramidenförmigen steirischen Erzberg wird künftig nicht nur Eisenerz abgebaut, sondern auch hochkarätige Forschung betrieben: Für die Gründung des neuen Forschungszentrums im Erzberg unter der Federführung der Montanuniversität Leoben (MUL) stehen nun alle Signale auf Grün. Die Partner haben sich nämlich auf die Restfinanzierung von fünf Millionen Euro geeinigt - ein Betrag, den lange niemand aufbringen wollte, was eine Beschlussfassung verunmöglichte.

Kommenden Donnerstag werde die steirische Landesregierung die Finanzierung finalisieren, bestätigte das Büro des zuständigen SPÖ-Wirtschaftslandesrats Christopher Drexler am Freitag auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Am 15. September sollen dann die Verhandlungspartner das "Zentrum am Berg" auf Bundesebene absegnen. Der Spatenstich ist für kommendes Frühjahr geplant.

Wie berichtet, war mehr als drei Jahre lang über das Projekt verhandelt worden. Die Kosten für die Inbetriebnahme des Forschungszentrums in vier stillgelegten Stollen der Voest Alpine liegen bei 30 Millionen Euro. Die Bundesministerien für Verkehr und für Wissenschaft, das Land Steiermark, das steirische Wissenschaftsressort und die Montanuni einigten sich darauf, jeweils fünf Millionen Euro zu investieren. Nur die verbliebenen fünf Millionen wollte niemand übernehmen: Das Land hatte im Sinn, dass der Bund mehr zahlt, und der Bund ging davon aus, dass das Land tiefer in die Tasche greifen würde. Externe Mittel aus den für das Zentrum am besten geeigneten EU-Töpfen der Efre-Strukturfonds hatte die Steiermark bereits anderweitig zugesagt.

Nun haben die Verhandlungspartner entschieden, dass jeder seinen Einsatz erhöht. "Wir übernehmen eine weitere Million vom noch offenen Betrag", bestätigte Erhard Skupa, Sprecher der Montanuni, am Freitag der "Wiener Zeitung". Die Gelder kämen aus dem laufenden Uni-Budget, ein entsprechendes Schreiben sei Donnerstagnachmittag an die Partner ergangen. Für Waltraud Klasnic, ehemalige steirische Landeshauptfrau und Vorsitzende des MUL-Universitätsrats, ist es "ein gutes Ende": Dem Vernehmen nach hat nämlich weiters der Bund zugesagt, zusätzliche zwei Millionen Euro, verteilt auf Verkehrsministerium und Wissenschaftsministerium, bereitzustellen. Auch die Steirische Landesregierung will um zwei Millionen Euro aufstocken und diese Summe am Donnerstag absegnen. Im Büro von Landesrat Drexler bestätigte man den Betrag.

Bedingungen unter Tag "wie auf jeder Baustelle"#

"Das Leit- und Impulsprojekt Zentrum am Berg soll in einem Konsens aller Partner umgesetzt werden. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Finanzierung", sagte auch der steirische ÖVP-Wirtschaftslandesrat Christian Buchmann auf Anfrage, wobei er unterstrich: "Jeder soll einen anteilsmäßigen Beitrag leisten, um die Realisierung sicherzustellen."

"Wir blockieren sicher nicht", sagte dazu Felix Lamezan, Sprecher des Ministeriums für Wissenschaft und Wirtschaft: Der Bund werde all seine Zusagen einhalten. Und Walter Fleißner, Sprecher im Verkehrsministerium, hob hervor: "Das Projekt ist sehr weit gediehen und auf einem guten Weg."

Das Zentrum am Berg dient der angewandten Forschung im Tunnelbau. In stillgelegten Stollen im Erzberg soll eine 1:1-Versuchsanlage entstehen, in der Infrastrukturunternehmen Bauweisen prüfen, Belastungs-, Feuer- und andere Katastrophentests in Realsituationen durchführen und Sicherheitsforschung betreiben. Nach der Initialförderung durch die öffentliche Hand und die MUL sollen Industriebetriebe, die im Erzberg forschen, die laufenden Kosten tragen, indem sie Teilabschnitte des Berginneren mieten.

"Mit dem Spatenstich können schon erste Forschungsarbeiten starten", erklärt Erhard Skupa. Da Bergstollen-Querschnitte kleiner sind als jene von Straßen- oder Eisenbahntunnels, müssen sie aufgeweitet werden. "Man wird sich die Geologie im Erzberg genau anschauen und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen entwerfen. Neue Tunnelvortriebsmaschinen, Spritzgussbetonmischungen oder Ankertechniken können sogleich auf die Probe gestellt werden."

Forschung treibt Wirtschaft der Region#

Wie verhält sich eine Betonmischung in einem bestimmten Gelände? Wie viel Wasser ist aus dem Gebirge zu erwarten? Probleme wie diese stellen sich im Tunnelbau. "Wir haben im Erzberg reale Bedingungen wie auf jeder Baustelle. Im Gegensatz zum Koralmtunnel können wir aber hier experimentieren, weil wir nicht unter Zeitdruck stehen", sagt Skupa. Die Liste der Interessierten lese sich "angefangen von Asfinag, ÖBB Infrastruktur und Wiener Linien wie ein Who is Who der Infrastruktur-Unternehmen". So könnten etwa die Wiener Linien im Erzberg Schachtsysteme entwickeln, um zu testen, wie sie Rauchgase möglichst rasch ableiten könnten. "Das ist für jeden U-Bahn-Betrieb essenziell." Ähnliche Einrichtungen in Europa würden im Unterschied zum Erzberg mit Einschränkungen kämpfen, so Skupa: Etwa läge ein Tunnelforschungszentrum in der Schweiz so nahe an einer Autobahn, dass Brandtests verboten seien.

Auch dem Ort Eisenerz, der heute nur noch 4500 (statt wie 1960 13.000) Einwohner zählt, könnte das Zentrum am Berg zu neuem Leben verhelfen. Nachdem der "Brotlaib der Steiermark" mehr als ein Jahrtausend die Region prägte, zählt der Raum Eisenerz seit rund 40 Jahren zu den Industrieregionen mit Problemen. Die nunmehr forschungsintensive Steiermark setzt daher auf Hochtechnologie: In der Nähe befindet sich nicht nur die Montanuni, sondern auch ein Kerngebiet für Werkstoffforschung und eines für Weichentechnik. Das Zentrum am Berg passt genau hier gut hin.

Wiener Zeitung, Freitag, 5. September 2014