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Moocs und die Digitalisierung der Bildung#

Das Interesse an Online-Kursen, wie sie amerikanische Top-Universitäten und immer mehr auch europäische Hochschulen anbieten, ist groß.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 26. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heiner Boberski


Wien. Um Moocs, "vom Klang ihres Namens unheimliche Wesen", so Moderator Johannes Steiner, drehte sich die jüngste Diskussion im Wiener club research am Mittwochabend. Das Kürzel steht für "massive open online courses" (erläutert in der "Wiener Zeitung"-Beilage "Future" Nr. 16 vom 17. April 2013), also via Internet frei zugängliche akademische Kurse mit großen Teilnehmerzahlen. Es weist auf große Veränderungen der Hochschullandschaft und des Bildungswesens in naher Zukunft hin. Es weckt Hoffnungen und Befürchtungen. Wird das Vermitteln von Wissen ökonomischer? Ändern sich die Prozesse des Lehrens und Lernens?

Karl Aberer, Vizepräsident für Informationssysteme an der Ecole Polytechnique Federale Lausanne (EPFL) und gebürtiger Österreicher, umriss in seinem Impulsreferat die rasante Entwicklung seit 2006, beginnend mit YouTube-Videos des Finanzanalysten Salman Khan, aus denen die Khan Academy hervorging. Als im Herbst 2011 die renommierte Stanford University ihren ersten Online-Kurs anbot, meldeten sich dafür 160.000 Studierende an, 22.000 absolvierten ihn, davon 400 mit dem Topscore. Stanford-Präsident John L. Hennessy sprach von einem hereinbrechenden Tsunami.

Höhere Qualität, weil sich die Lehrenden mehr Mühe geben#

Der Moocs-Sturm weht längst weit über Amerika, wo die größten Plattformen Coursera und edX bereits über 1000 Kurse für Millionen Teilnehmer anbieten, hinaus. Mit 600.000 registrierten Studierenden, von denen 100.000 die Kurse auch abschließen, liegt Lausanne im europäischen Spitzenfeld. Was Moocs in den Augen Aberers auszeichnet, ist die soziale Interaktion und die hohe Qualität. Es geht nicht um abgefilmte Vorlesungen, sondern vor allem um kurze Videos, um Texte und um Testfragen, die beantwortet werden müssen. Der Start erfolgt für alle Teilnehmer gleichzeitig, so entsteht eine große Community, die sich in Internet-Foren austauscht, sodass 99 Prozent der auftretenden Fragen von Mitstudierenden beantwortet werden.

Die höhere Qualität beruht laut Aberer darauf, dass sich Lehrende bei der Gestaltung eines Kurses für Zehntausende mehr bemühen, als wenn sie ein Seminar für 20 Leute halten. Die hohe Sichtbarkeit werde auch die Lehre aufwerten. Dabei sind die Moocs-Teilnehmer mehrheitlich nicht Studierende, sondern Leute im Berufsleben, die zum Teil schon ein Studium absolviert haben. Moocs-Zertifikate gibt es, aber sie sind eher wertlos, da via Internet die Eigenleistung des Einzelnen kaum kontrollierbar ist. Formelle Zeugnisse sind den meisten Teilnehmern aber nicht wichtig, sie wollen vor allem ihre Kenntnisse vermehren.

Joachim Metzner, Vizepräsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, sieht hier für Unternehmen, die Probleme mit Fachkräften haben, eine Chance zur Personalrekrutierung, wenn man an die Daten herankommt. Die Moocs-Teilnahme ist meist gratis, mit dem Verkauf von Meta-Daten der Teilnehmer lässt sich aber viel Geschäft machen. Auch Aberer sieht in den Moocs ein potenzielles Rekrutierungsinstrument, das sich für Entwicklungsländer katastrophal auswirken könnte, wenn plötzlich alle Talente von dort abgezogen werden.

Mittelmäßige Universitäten müssen um Existenz kämpfen#

Kann ein virtueller Hörsaal die Kosten für Massenuniversitäten senken? An den Hochschulen, so Metzner, sei - auch wenn das Politiker hoffen mögen - mit Moocs nichts einzusparen, aber das Geld könne eventuell sinnvoller und effektiver investiert werden. Der ökonomische Nutzen bestehe im Heben der Qualität, meint Aberer. Martin Ebner, der an der Technischen Universität Graz die Abteilung Vernetztes Lernen leitet, sieht die Möglichkeit, Vorlesungen auf Video anzubieten und wieder mehr Zeit für Diskussionen mit Studierenden zu haben.

Die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel erwartet, dass die Universitäten durch Moocs heterogener werden. Es sei jedenfalls in vielen Disziplinen unbedingt nötig, auch den Dialog in Kleingruppen zu führen und das kritische Denken zu schärfen. Wenn sich alle auf die weltweit besten Moocs-Angebote stürzen, stelle sich die Frage, wer noch die schwächeren Angebote nutze.

Das MIT (Massachusetts Institute of Technology) sagt voraus, dass in den nächsten zehn Jahren 30 Prozent der US-Unis - nämlich jene, die nur Mittelmaß bieten - verschwinden werden. Im club research wurde deutlich, wie sehr Moocs im Begriff sind, sowohl die universitäre Lehre als auch den Schulbereich und die Weiterbildung der Zukunft zu prägen.

Wiener Zeitung, Freitag, 26. September 2014