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Schafft Wissen Bildung (ab)?#

von

H. Sünkel, Altrektor der TU Graz

Festvortrag im Rahmen der 60 Jahre Charterfeier des Rotary-Clubs Liezen-Rottenmann, Schloß Röthelstein, am 7.11.2015 und Vortrag im Rahmen des Hochschullehrerzirkels, Graz, am 10.5.2016 und Vortrag im Rahmen des Meetings des Rotary-Clubs Graz-Neutor, Graz, am 5.7.2015

"In der Jugend gehören alle Gedanken der Liebe. Im Alter ist es umgekehrt, da gehört nämlich alle Liebe den Gedanken. " <Aus (1)>

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,#

diese Liebe zu Gedanken will ich hier und heute mit Euch teilen und mich einem Thema zuwenden, das zwar Jahrtausende alt und dennoch nicht in die Jahre gekommen ist, sondern ein jüngeres Antlitz hat als je zuvor.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, was lässt uns derzeit tagtäglich den Atem stocken – in Gedanken, Bildern und Worten? Es sind die bestialischen Gräuel der terroristischen IS-, Al-Qaida und Boko Haram - Barbaren, gefolgt von beängstigenden Flüchtlingsströmen nach Europa, es ist eine mitunter zum Casino verkommene Finanzwirtschaft, es ist die Vortäuschung falscher Tatsachen, um sich einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen, es ist die Lähmung der politischen Führung des Staates, gefolgt von einer massiven Vertrauenskrise in die Politik, es sind bedenkliche gesellschaftliche Entgleisungen und dergleichen mehr.

Ja, darf und soll man angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklungen denn überhaupt über scheinbar abgehobene Themen wie Wissen und Bildung, ja über die Zukunft der Wissenschaft überhaupt laut nachdenken oder sollten wir viel eher unsere gesamte Energie zur Lösung der Probleme der Gegenwart aufwenden? Liebe Freunde - man darf, ja man soll – das eine tun und das andere nicht lassen! Ich hoffe, Ihr habt das Rufzeichen gehört. Gedanken zu Wissen und Bildung müssen daher erlaubt sein, wenn wir in einer Phase globaler Veränderung unsere eigene Zukunft und jene der nächsten Generation mitgestalten wollen.

Schafft Wissen Bildung? #

Diese eingangs gestellte Frage scheint sich beim schnellen gedanklichen Darüberwischen doch gar nicht zu stellen, zumal nur allzu oft Wissen mit Bildung gleichgesetzt wird. Wenn also Wissen und Bildung ohnehin Synonyme sind, wenn daher die Gleichung „Wissen = Bildung“ gilt, wie kann dann Wissen Bildung schaffen? Und noch ein Stück unverständlicher hört sich dann erst recht die Frage an, ob gar Wissen Bildung ab-schafft.

Und diesem gekrümmten Fragezeichen möchte ich mich in der Folge zuwenden und versuchen, dieses krumme Ding möglichst gerade zu biegen und daraus ein schlankes, aufrechtes Rufzeichen zu machen. Bevor wir aber zum Biegewerkzeug greifen, macht es Sinn, sich kurz mit diesen beiden Begriffen „Wissen“ und „Bildung“ auseinanderzusetzen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, jenen unter Euch, die das Innenleben des ministeriellen Objektes Minoritenplatz 5 im 1. Wiener Gemeindebezirk kennen, ist sicher aufgefallen, dass das Wissenschaftsministerium und das Bildungsministerium Tür an Tür liegen und vor nicht allzu langer Zeit sogar nur einen Eingang hatten, also eins waren. Allzu groß kann demnach der Abstand zwischen Wissen und Bildung wohl nicht sein. Und in der Tat sind Wissen und Bildung keine disjunkten Begriffe, sondern vielmehr ineinander verwoben.

Und Ihr werdet mir wohl zustimmen, dass Wissen und Bildung üblicherweise mit unserem Gehirn in Bezug gebracht werden und nicht etwa mit unserer Gallenblase, und dies aus gutem Grund. Unser aller Gehirn (oder zumindest Euer Gehirn), das wahrlich gigantische Leistungen erbringt, stellt – wie wir alle wissen - ein gewaltiges Netzwerk dar, das - wie jedes Netzwerk - aus Knoten und Kanten besteht. Die Knoten sind die Neuronen und die Kanten die Verbindungen zwischen diesen, genannt Axone und auch Dendriten. In den Neuronen finden Prozesse statt – im jetzigen i-phone – Zeitalter würde man sagen – Neuronen stehen für primitive Apps.

Und die Axone und Dendriten verbinden diese einfachen Apps zu einem wirklich sehr komplexen Programm. Einem Programm, das für das Funktionieren des Betriebssystems unseres Körpers unverzichtbar ist, das uns unbewusst dreidimensional sehen lässt, das uns in Echtzeit das Navigieren erlaubt, das uns das Sprechen und das Zuhören ermöglicht, das Gehen, Laufen, Springen, also komplexe Körperbewegungen kontrolliert, das schnelle Reaktionen bei Gefahr in Verzug bewirkt, das uns Dinge rasch erkennen lässt und auch Gefühle schenkt. Und last, but by no means least, bietet uns dieses Netzwerk namens Gehirn jenes Werkzeug, das uns über uns selbst und unsere Welt nachdenken lässt, uns die Möglichkeit eröffnet ein Gedankenmodell vom Funktionieren dieser Welt zu bauen, kreativ zu sein und Gedanken denken lässt, die zuvor eben nicht gedacht wurden. All das und noch sehr viel mehr ist nur deshalb möglich, weil dieses Netzwerk aus Knoten und Kanten wie ein perfektes Orchester zusammenspielt. Ja, erst die Gesamtheit aus Knoten und Kanten macht dieses Netzwerk leistungsfähig. Gäbe es nämlich nur Knoten, also ausschließlich Neuronen und keine Verbindungen dazwischen, so wäre es um unser Dasein wahrlich schlecht bestellt; und gäbe es umgekehrt nur Kanten, also Axone und Dendriten, detto. Dasselbe gilt übrigens auch für ein Straßennetz: Kreuzungen und Kreisverkehre, also Verkehrsknoten alleine ermöglichen noch keine Mobilität, es sei denn, Sie verstehen das ausschließliche Fahren im Kreisverkehr als Mobilität. Und Straßenverbindungen ohne diese Verkehrsknoten machen ebenso keinen Sinn. Und ein Elektrizitätsnetzwerk, das nur Kraftwerke kennt, aber über keine Leitungen zu den Verbrauchern verfügt, ist genauso sinnlos.

Liebe Freunde, und ebenso verhält es sich mit Wissen und Bildung: der Gesamtheit der Knoten des Gehirns, also den schier unzähligen Neuronen (ca. 100 Milliarden im menschlichen Gehirn), entspricht die Gesamtheit des Wissens dieser Welt. Zum intelligenten Gehirn wird das Wissen aber erst dann, wenn es dazwischen Verbindungen gibt. Das Wissen und dessen Verbindungen sind es, was letztlich Bildung ausmacht. Erst die Verbindungen zwischen dem jeweiligen Detailwissen machen Bildung aus, so wie auch die Verbindungen zwischen den Neuronen ein Gehirn ausmachen.

Dieser einfache Vergleich lässt aber bereits die erste Frage beantworten, nämlich ob Wissen Bildung schafft. Die klare Antwort muss lauten: nein. Und das eingangs gesetzte Fragezeichen hat sich sehr wohl als berechtigt erwiesen. Wissen ist nicht gleich Bildung, Wissen schafft auch nicht Bildung, solange es zwischen den einzelnen Wissensinhalten keine Verbindungen gibt. Das mittlerweile weitgehend ausgediente Blättern im Brockhaus und vom Google´n abgelöste Klicken nach Detailwissen ist in Zeiten wie diesen praktisch kostenlos und sofort verfügbar. Das Schaffen der Verbindungen zwischen den einzelnen Wissensinhalten ist jedoch nicht zum Nulltarif erhältlich und braucht Zeit. Es bedarf vielmehr erheblicher Anstrengung, Zusammenhänge zu erkennen und das Funktionieren eines komplexen Systems zu verstehen. Wir nennen diese Art der Anstrengung, ja der intellektuellen Arbeit, bekanntlich Lernen. Ja, liebe Freunde, Lernen ist nichts anderes als das Verbinden von Detailwissen, das Generieren jenes Netzwerkes, das letztlich Bildung ausmacht. Und diese Poesie des Lernens und somit der Bildung sollte uns alle möglichst unser Leben lang begleiten.

Und Bildung ist dabei durchaus nicht nur segmentiert reduzierbar auf Wissenschaft oder Wirtschaft, auf Kultur, Musik, Religion oder Politik, sondern durchdringt alle unsere Lebens- und Gesellschaftsformen. Bildung steht für das Verknüpfen von Wissensbereichen, für das Erkennen von Zusammenhängen, und das Ziehen von Schlussfolgerungen. Und die Komplexität der Welt, in der wir leben, bedingt eben dieses Erkennen von Zusammenhängen in und zwischen unterschiedlichen thematischen Bereichen. Denken Sie dabei nicht bloß an die Bereiche der Naturwissenschaften, Medizin und Biologie, sondern vor allem auch an die stark vernetzten Themen Energie, Umwelt, Klimaveränderung, Markt- und Finanzwirtschaft, bis hin zu den Religionen und unserem persönlichen gesellschaftlichen Verhalten – Komplexität, Interdependenzen und somit Vernetzungen soweit das geistige Auge reicht.

Ja, ein wirklich gebildeter Mensch ist ein solcher, der Erkenntnis- und Urteilsvermögen besitzt, der aus seinem Nachdenken Schlüsse zu ziehen vermag und aus der Gesamtheit seiner Beobachtungen sein Modell vom Funktionieren dieser Welt laufend verbessert - also eine problemlösungsfähige Persönlichkeit mit intellektuellem, ethischem und sozialem Anspruch. Und nicht bloß ein lebendes Lexikon, das Bildung auf Wissen reduziert und abgefragtes Faktenwissen reflexartig auswirft. Liebe Freunde, Wissen per se kann wohl nicht das Hauptziel, sondern bloß ein Hilfsmittel zur Bildung sein – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und so steht etwa Wikipedia für Wissen, jedoch ganz sicher nicht für Bildung. Der uns allen bekannte Philosoph Konrad Paul Liessmann kommentiert dies zu Recht, indem er meint „Je mehr der Wert des Wissens beschworen wird, desto weniger ist das Wissen wert“ <Aus (2)>. Und noch schlimmer ist es mit dem reinen Faktenwissen, das zwar die Schar der wirklich Unwissenden beeindruckt, jedoch kaum sinnstiftend ist. Für Personen, die dem Faktenwissen das Wort reden, hat im Übrigen der eingangs zitierte Albert Einstein eine pointierte Bemerkung parat, nämlich: „Es ist unverständlich, dass solche Leute ständig eineinhalb Kilogramm Gehirnmasse mit sich herumtragen, wo sie doch mit dem Rückenmark auch das Auslangen finden könnten“. <Aus (1)>

Meine Damen und Herren, die erste der beiden eingangs gestellten Fragen haben wir also verneint: Wissen schafft nicht notwendigerweise Bildung. Aber wie verhält es sich mit der zweiten, wirklich provokanten Frage?

Schafft möglicherweise Wissen sogar Bildung ab?

Ihr erinnert Euch an den zuvor bemühten Vergleich mit dem Gehirn: Wissen entspricht den Neuronen, Bildung dem Generieren der Verbindungen zwischen diesen (Neuronen). Was wäre demnach das zugehörige neuronale oder zerebrale Krankheitsbild der Abschaffung von Bildung durch Wissen? Es wäre eine unkontrollierte Vermehrung der Neuronen bei gleichzeitiger Degeneration der Axone. Ein degeneriertes Gehirn, das fast nur mehr Neuronen kennt, also Apps, Apps, … und wieder Apps, soweit das Auge (der Magnetresonanz) reicht. Keine Verbindungen miteinander und folglich auch kein Verständnis. Kein Verständnis – kein Verstand.

Dieser Zustand wird durch eine reale Begebenheit gut beschrieben: der Professor beurteilt die Leistung eines seiner Studenten mit nicht genügend und begründet dies folgendermaßen: „Er hat alles gewusst, aber nichts verstanden.

Ja, droht uns dieser wahrlich nicht anzustrebende Zustand geistiger Verarmung tatsächlich, liebe Freunde? Schafft die ungehemmte Zunahme von Detailwissen, von Wissensfragmenten tatsächlich Bildung ab? Ein schneller Blick in diverse Printmedien im Hochglanzformat oder auch die kritische Konsumation entbehrlicher Fernsehprogramme lässt durchaus diesen Schluss zu. Und das schier permanente wie auch flinke Hantieren auf dem zweiten ich, dem i-Phone, und der fast gänzliche Verlust an zwischenmenschlicher Kommunikation ohne Einsatz von High-tech-Krücken scheint der Degeneration zumindest der herkömmlichen, realen sozialen Netzwerke ebenso Vorschub zu leisten.

Virtuelle soziale Netzwerke werden zum krückenhaften Ersatz realer, virtuelle Verbindungen und Freundschaften als matter Ersatz für reale kommen und gehen auf Tastendruck. "Friends come and go – only enemies accumulate". Das wissen all jene Zeitgenossen, die ein emotionales Nahverhältnis zu Facebook, Twitter, Youtube und anderen kontemporären sozialen Medien entwickeln und auf diversen Internet-Foren surfen. Die Privatsphäre wird völlig unüberlegt der Öffentlichkeit preisgegeben, unbewusst der Werbeindustrie frank und frei angeboten und der medialen Barbarei Tür und Tor geöffnet (Stichwort: Shitstorm) - und die Macht des Netzwerkes entartet so zum Netzwerk der Macht.

Ja, und schließlich wird die virtuelle Realität zur vermeintlichen Wirklichkeit und homo non-sapiens kann, ja will möglicherweise gar nicht mehr unterscheiden zwischen Sein und Schein, also zwischen dem, was echt ist und jenem, was medial bloß vorgegaukelt wird. Nun aber wieder zurück zum Thema Wissen: Wikipedia wird zum Wissenspool mit schier unerschöpflichen Wissensinhalten, die gerne angezapft, deren Zusammenhänge jedoch kaum jemals hergestellt werden. Isoliertes Wissen – Formalwissen, das mitunter nicht einmal verifiziert wurde.

Wenn daher kontemporäre Bildung auf diese Art des Wissens reduziert wird, dann ist Bildung von Einbildung nicht weit entfernt. Bildung wird dann zu dem, was gerade zum aktuellen Zeitpunkt, gleichsam situationselastisch, nützt – utilitaristisches Wissen – und nicht Bildung im eigentlichen Sinn. Wissen, das meist nur eine sehr kurze Lebenserwartung hat und heute so wenig wert ist wie die Zeitung von gestern.

Isaac Asimov hat diesen Zustand unserer kontemporären Wissensgesellschaft einst treffend beschrieben, wenn er feststellt: „Das Traurige an der heutigen Gesellschaft besteht darin, dass die Wissenschaft rascher Wissen bereitstellt als die Gesellschaft Weisheit erlangt“. <Aus (3)>

Und ältere kritische Zungen behaupten sogar, dass gestern noch die Taille schmal war und das Denken breit. Heute dagegen sei es oft umgekehrt: breite Taille, schmales Denken. Ja, ein überbordendes, schnell rostendes Partikularwissen birgt in der Tat das Potenzial, Bildung gar nicht erst aufkommen zu lassen oder gar dem Mammon Wissenspool auf Kosten der Bildung die Bühne zu überlassen. Ja, ein Übermaß an direkt abrufbarem Wissen kann tatsächlich den Zug zum Tor der Bildung lähmen und Bildung im schlimmsten Falle sogar gänzlich abschaffen.

Und in der Tat baut sich da ein digitaler Wissens-Tsunami auf und beginnt auf unsere ungeschützte Wissensgesellschaft zuzurollen, droht diese zu verschlingen, sofern sie es nicht schafft, sich rechtzeitig in Sicherheit auf größerer Höhe zu begeben. Und dieses höhere Niveau der Sicherheit heißt nun mal Bildung.

Bildung#

Und so will ich das eingangs bemühte Fragezeichen nun ganz bewusst zum aufrechten Rufzeichen strecken: Bildung und nicht bloß Wissen sollte zum erklärten Programm werden. Dazu braucht es wieder einen offenen Geist, der auch Widersprüchen Heimat bietet. Das wiederum bedeutet: wir brauchen wieder mehr den Bildungsgeist von Humboldt - wenn auch mit anderen Mitteln als damals - und weniger den Hauch des geballten Faktenwissens von McKinsey.

Meine Damen und Herren, Henry Ford hatte einmal gemeint „Über die Konkurrenzfähigkeit eines Landes wird nicht in den Fabriken, sondern in den Klassenzimmern entschieden.“ <Aus(4)> Das ist schon richtig und die beste Investition, die wir tätigen können, ist allemal jene in die Bildung unserer Jugend. Aber Bildung beginnt nicht erst im schulpflichtigen Alter von 6 Jahren und findet auch nicht ausschließlich innerhalb der schulischen Mauern statt. Die Wurzeln werden vielmehr bereits in sehr früher Kindheit und somit im Elternhaus gelegt. Und die Ursache eines Bildungsdefizits, vor allem auch was soziale Kompetenzen anlangt, sucht man daher besser in der Familie als nur in der Schule. Jedenfalls ist unbestritten, dass eine bestmögliche Bildung für die Zukunft unserer Gesellschaft und somit unseres Landes fundamental bedeutsam ist.

Dies zu erkennen ist nicht dem Westen und mit ihm dem Zeitalter der Industrialisierung zuzuschreiben, sondern hat ihre Ursprünge vielmehr im Osten. China, Indien, Persien und vor allem der Raum des derzeit so geschundenen Zweistromlandes waren Brutstätten des Wissens und der Bildung, neben Ägypten und natürlich Griechenland. Zu diesem Thema kann ich Euch zwei hervorragende Bücher ans Herz legen: eines von John Freely mit dem bemerkenswerten Titel „Platon in Bagdad“ und dem Untertitel „Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam“; und ein weiteres Buch von Jim Al-Khalili mit dem Titel „Im Haus der Weisheit“ und dem Untertitel „Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur“. Ja, liebe Freunde, es schadet wahrlich nicht, einen Blick in den Rückspiegel unserer Gesellschaft und deren Kultur zu werfen und die akademische Frage des Gaudeamus igitur mit Gedanken zu erfüllen „… ubi sunt qui ante nos in mundo fuere“.

Liebe Freunde, Hand in Hand mit der Vermehrung der Bildung in Europa gingen wirtschaftliche Entwicklung und erheblicher Machtgewinn einher. Europas Höhenflug hat erst sehr spät eingesetzt, als nämlich die Macht des Ostens zu schwinden begann. Und nun erleben wir erneut eine Bildungsoffensive im Osten, nicht im Nahen, sondern vielmehr im Fernen Osten: ein kaskadenartig durchgestyltes Bildungssystem vom Kindergarten bis hin zur Universität und fortgesetzt im lebenslangen Lernen. Singapur, Hongkong und Südkorea stehen zwar nicht repräsentativ für den gesamten ostasiatischen Raum, sie sind jedoch Best Practice-Modelle, an welchen Maß genommen werden kann und durchaus auch Maß genommen werden soll.

Vor einigen Jahren noch hätte man den Vergleich zwischen Fernost und dem Westen mit „ex oriente lux – ex occidente luxus“ kommentiert. Doch selbst dies gilt heute nicht mehr uneingeschränkt, denn auch der Luxus wird in Südostasien mittlerweile gerne gelebt und ebenso selbstbewusst zur Schau gestellt – als angenehme Begleiterscheinung von Bildung.

Ja können wir im Westen dem fulminanten Aufstieg des Fernen Ostens überhaupt noch etwas entgegen halten? Ja, wir können, denn wo Gefahr droht, da wächst das Rettende auch. <Aus (5)> Wir müssen unsere angestammten Eigenschaften und nicht etwa unsere Eigenheiten kultivieren und sollen unsere erworbenen Stärken konsequent ausspielen: Kreativität, Individualität, Flexibilität, Humanität – also Bildung, Bildung und nochmals Bildung als unser aller Alleinstellungsmerkmal – verbunden mit Zielstrebigkeit und Fleiß, ganz im alt-römischen Sinne: „Ex nihilo nihil fit – aus nichts wird nichts“.

Diese wertvollen Attribute unserer Gesellschaft - soweit sie uns schon abhanden gekommen sind - wieder zu entdecken, diese Attribute sorgfältig zu pflegen, gezielt weiter zu entwickeln und in unserem Bildungssystem bewusst zu leben, das ist unsere Chance – nicht weniger, aber auch nicht sehr viel mehr. Dass unser Bildungssystem dabei alte Lasten ablegen muss, um neue Freiheiten gewinnen zu können, sei beeilend hinzugefügt. Bedauerlicherweise liegen jedoch die Probleme vor allem in unserem Land nicht an der Indolenz der Fähigen, sondern vielmehr am Ehrgeiz der Unfähigen.

Und verstehen wir bitte das Wissen dieser Welt nicht als Endprodukt, sondern vielmehr als wertvolles Rohmaterial, gleichsam als gebrannte Ziegel, mit denen ein gerne bewohntes Haus der Bildung errichtet werden kann. Ein Haus der Bildung, das die Qualität unserer Gesellschaft hebt - auf allen Ebenen, ein Haus der Bildung, das die Grundlage für wirtschaftliches Wohlergehen darstellt und letztlich jedem Einzelnen Erfüllung bietet.

Liebe Freunde, zu glauben ist gewiss komfortabler als zu wissen; sehr viel bereichernder, erhebender, ja beglückender ist es jedoch zu verstehen – also gebildet zu sein. Liebe Freunde, die Gedankenfreiheit haben wir – jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken. <Aus (6)>

Dass Ihr alle meiner Liebe zu den Gedanken Euer Gehör geschenkt habt, erfüllt mich persönlich mit Dankbarkeit und Freude zugleich.

Ich danke Euch.

Adaptierte Zitierungen:#

(1) Albert Einstein (Theoretischer Physiker, 1879 – 1955; Nobelpreis 1921)
(2) Konrad Paul Liessmann (Österreichischer Philosoph, 1953)
(3) Isaac Asimov (Russisch-amerikanischer Biochemiker, Schriftsteller,1919 - 1992)
(4) Henry Ford (Gründer der Ford Motor Company, 1863 - 1947)
(5) Friedrich Hölderlin (Deutscher Lyriker, 1770 – 1843)
(6) Karl Kraus (Österreichischer Schriftsteller, 1874 - 1936)