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Statt ins Kloster an die Universität#

Vor 100 Jahren, am 8. Juni 1913, wurde Sibylle Bolla-Kotek geboren, Wiens erste Rechtsprofessorin, die als gelernte Romanistin zu einer Spezialistin für Antikes Recht, aber auch für Numismatik wurde.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 8./9. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Zwei Ansichten von Sibylle Bolla-Kotek
Zwei Ansichten von Sibylle Bolla-Kotek, gezeichnet von Ulli Klepalski.

Heute finden sich am Wiener Juridicum viele engagierte Forscherinnen und akademische Lehrerinnen, viele davon in leitenden Positionen. Das war nicht immer so. In den ersten vier Jahrzehnten der Zweiten Republik gelang es gerade einmal drei begabten Frauen, eine rechtswissenschaftliche Professur in Wien zu erlangen. Zwei davon (Charlotte Leitmaier, geb. 1910, verst. 1997; Ingeborg Gampl, geb. 1929) forschten im Kirchenrecht, doch die Einzige von ihnen, die schon in den Fünfzigerjahren (1958) ihr Amt als Ordinaria antreten konnte, war eine Romanistin, deren interessante Persönlichkeit und deren vielfältige Leistungen anlässlich der hundertsten Wiederkehr ihres Geburtstages in Erinnerung zu rufen sind: Sibylle Bolla-Kotek, geboren am 8. Juni 1913.

Genau genommen war sie keine geborene Österreicherin, sondern kam als Staatsangehörige des Königreichs Ungarn zur Welt. Zu Zeiten der k.u.k. Monarchie lag ihre Geburtsstadt Preßburg außerhalb von Cisleithanien, heute fungiert sie unter ihrem slawischen Namen Bratislava als Hauptstadt der Slowakischen Republik. Die Bollas dienten wie viele Ungarn seit Generationen in der Armee, die Leidenschaft für Pferde und Bewegung lag ebenso in ihren Genen wie der Forscherdrang.

An Kafkas Uni#

Sibylles Vater, der k.u.k. Offizier Gedeon von Bolla, förderte daher auch die Bildung seiner Töchter intensiv und sorgte für qualifizierten Reitunterricht. Zehn Jahre später zog die Familie ins tschechische Teplitz-Schönau, wo die Tochter das von Sudetendeutschen geführte Gymnasium besuchte. Wien und Budapest waren nun etwas ferner gerückt, aber auch die tschechische Hauptstadt bot interessante Ausbildungswege. So studierte Sibylle Bolla ab 1931 an der (deutschen) Ferdinand-Karls-Universität in Prag, wo auch Franz Kafka ein Vierteljahrhundert zuvor seine Doktorwürde empfangen hatte.

Legendär ist Kafkas Ausspruch, dass er als Student des Öffentlichen Rechts sich in Vorbereitung zur Staatsprüfung "wochenlang geistig buchstäblich von Holzmehl" hatte ernähren müssen. Nicht anders erging es Sibylle Bolla, die allerdings bereits nach acht Semestern ihr Studium beendete.

Der Zeitpunkt und Ort für eine Berufslaufbahn als Juristin waren wenig günstig, denn im Süden kämpfte das Regime Kurt Schuschniggs ums Überleben. Im Norden wuchs der Moloch des NS-Staates, der auch die Agitation in Teplitz-Schönau anfachte und Henleins Sudetendeutsche Partei vereinnahmte, in bedrohlicher Weise. Bolla wollte als frisch promovierte Dr. jur. 1935 der beruflich-politischen Enge in der bedrängten tschechischen Republik entkommen. Dafür boten sich zwei Wege an: Wissenschaft oder Rückzug ins geistliche Leben.

Mit dem Ende der Monarchie war nicht gleichzeitig das Ende alter österreichisch-stämmiger ("cisleithanischer") Institutionen in Böhmen gekommen: So bestand etwa die Sozialversicherungsanstalt (Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt), in der ČSR mit slawischen Führungskräften weiter. Dasselbe galt für die deutschsprachige Rechts-Fakultät an der Prager Universität, immerhin der ältesten in diesem Sprachraum. Aber die Chancen auf eine Dauerstelle waren für eine ungarischstämmige, "altösterreichische", deutschsprachige Wissenschafterin gering. In dieser wenig aussichtsreichen Lage wandte sich Bolla an das (erst vor kurzem auf Befehl der Diözese abgesiedelte und veräußerte) Nonnen-Kloster Maria Annunziata in Eichgraben im Wienerwald, um dort ein geistliches Leben zu führen.

Doch es kam anders. Egon Weiss, ein Prager Gräzist (Hauptwerk: "Griechisches Privatrecht"), erkannte ihr Talent und übernahm sie ohne Vorurteile als Assistentin. Nachdem die Nationalsozialisten die Tschechische Republik in ein "Reichsprotektorat" umgewandelt und marginalisiert hatten, musste Weiss, wie viele andere jüdische Forscher (darunter auch Hans Kelsen), die dortige Universität verlassen. Um weiter tätig sein zu können, bedurfte die Juristin nun eines Mentors, den sie im Romanisten Leopold Wenger (1874-1953) anlässlich eines Wien-Besuchs 1937 fand; dieser erforschte in München an einem Spezialinstitut antikes Recht und entfachte ihr Interesse an der Papyrusforschung.

Tiermiete, Viehpacht#

Auch sein dortiger Nachfolger Mariano San Nicolò (1887-1955) blieb Bolla gegenüber aufgeschlossen. Die habilitierte Forscherin konnte Untersuchungen zu Tiermiete und Viehpacht anstellen, die 1940 im Druck erschienen. Im NS-System erwies sich dieses "unpolitische" historische Feld gewissermaßen als Rettungsanker, da viele Assistenten einrücken mussten und daher ausnahmsweise auch Frauen weiter lehren konnten.

Besonders sympathisch konnte Bolla den Nazis aber nicht gewesen sein; die Einbettung der Familie in aristokratisch-ungarische Kreise weckte den Verdacht des Legitimismus, den Hitler bekanntlich besonders ablehnte. Auch die enge Bekanntschaft ihres Vaters zum Schutzbundgeneral Theodor Körner machte sie den Braunhemden verdächtig, nicht zuletzt auch ihre Zusammenarbeit mit dem nunmehr nach den diskriminierenden Nürnberger Rassengesetzen verfemten und verfolgten Egon Weiss, ihrem vormaligen "Chef" und Habilitationsvater.

Irgendwie dürfte es Bolla geschafft haben, trotz aller Anfeindungen und Bespitzelungen unbehelligt zu bleiben. Obwohl ihre Karriere nicht vom Fleck kam, konnte sie als außerplanmäßige Professorin (1944) immerhin ein Auskommen an der Prager Universität finden und während des Zweiten Weltkriegs lange Zeit beruflich und wissenschaftlich aktiv bleiben. Im letzten Kriegsjahr brach der Studienbetrieb zusammen und sie zog, nunmehr mehrfach gefährdet, via Innsbruck nach Kitzbühel zu ihrer Schwester; auch von einer drohenden Verhaftung durch die Gestapo ist in den Biographien die Rede. Dazu kam eine zunehmend feindselige Haltung der tschechischen Bevölkerung gegenüber allen deutschsprachigen Lehrenden und Prager Bürgern. Und nicht zuletzt stand die Rote Armee bereits im Frühjahr 1945 an der Leitha. Bollas Flucht im März 1945 war daher eine Existenzfrage.

In Wien erwies sich die Bekanntschaft zum nunmehrigen Bürgermeister Theodor Körner als hilfreich: Bolla konnte zunächst im Fachverband der Textilindustrie in Wien Fuß fassen. Außerdem gelang es ihr 1947, ihre Venia docendi (Lehrbefugnis) auf Römisches Recht, Antike Rechtsgeschichte und Bürgerliches Recht zu erweitern. Im Jahr 1949 wurde sie Außerordentliche Professorin, ein Jahr später folgte die Hochzeit mit dem Arzt und Klinikchef Alfred Kotek.

Vor 55 Jahren (1958) wurde sie dann unter dem Bundespräsidenten und Juristenkollegen Adolf Schärf (Körner starb 1957) zur Ordentlichen Professorin für Römisches Recht und Antike Rechtsgeschichte ernannt. Neben der Romanistik widmete sie sich dem modernen Zivilrecht und dem Internationalen Privatrecht - der erste österreichische IPR-Grundriss (Internationales Privatrecht) stammt von ihr.

Reitleidenschaft#

Praktisch diente Bolla-Kotek mit systematisch bearbeiteten Gesetzestexten der Bundes-Gendarmerie, die zwar namentlich seit rund zehn Jahren verschwunden ist, aber in ihrem Dienst- und Organisationsmuster der heutigen Bundespolizei erhalten blieb. Zudem übte sie eine rechtsprechende Funktion als Beisitzerin am Kartellobergericht aus. Soweit die juristische und rechtshistorische Arbeit, die sie mit Leidenschaft betrieb. Das Sammeln von Münzen aus allen Epochen und Ländern und ihr darauf aufbauendes Interesse an der Numismatik mündeten in eine Donation an die Wiener Universität, die auch durch eine fachwissenschaftliche Arbeit (Szaivert, "Mitteilungen der Numismatik/Münzkunde" 32/2006) dokumentiert ist.

Sportlich war es vor allem die Reitleidenschaft, die Bolla-Kotek mit der 1898 in Genf ermordeten Kaiserin Elisabeth von Österreich teilte. Regelmäßiges Training bestimmte ihre Freizeit, leider löste auch ein Reitunfall ihr Leiden aus, das nach einer Grippe-Erkrankung zum raschen, viel zu frühen Tod (22. Februar 1969) führte. Fünfundfünfzig Jahre sind, gemessen an durchschnittlichen Lebenserwartungen, reichlich wenig, aber Bolla-Kotek füllte sie mit einer geballten Energie und einer großen Ausstrahlung.

Zu diesem Schluss kommt auch die Historikerin Gabriele Floßmann, welche als erste eine Kurzbiographie der Rechtsprofessorin in dem von Heindl und Tichy herausgegebenen Sammelwerk "Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück - Frauen an der Wiener Universität" publiziert hat, das in der Reihe der Mitteilungen des Universitätsarchivs im Jahr 1990 erschien.

Ein Tor als Erinnerung#

In den Arkaden oder auf der Ehrentafel der Wiener Universität fehlt ein Andenken, doch gibt es eine Erinnerungsstätte im neunten Bezirk. Nach Sibylle Bolla-Kotek ist heute ein Haupt-Tor zum Universitätscampus im Alten AKH benannt, es symbolisiert architektonisch die Einfallspforte kreativer weiblicher Energie in die Enge eines akademisch-universitären Faches, das vormals stets männliche Domäne war. Und es ist ein Durchgang in den größten Hof einer Anstalt, die schon zu Zeiten Josefs II. die Weite moderner, vorurteilsloser wissenschaftlicher Forschung eindrucksvoll dokumentierte.

Ohne dass dies den Initiatoren wohl bewusst war, befindet sich dieser zentrale Eingang schräg gegenüber der Ecke Alserstraße-Wickenburggasse, wo das ehemalige Wohnhaus Hans Kelsens steht. Heute befindet sich in diesem eher unscheinbaren Gebäude, das seltsamer Weise nur an der Front zur Alserstraße saniert worden ist, eine Pension und eine Gedenktafel für Kelsen. Der bekannteste österreichische Rechtsgelehrte des 20. Jahrhunderts lebte dort bis zu seinem (von missgünstigen Kollegen und Antisemiten in allen Parteien betriebenen) Exodus aus Wien 1930. In seiner eher bescheidenen Behausung entstand die Reine Rechtslehre und im Diskurs mit seinen Schülern (Merkl, Sander, Fröhlich) die Wiener Schule der Rechtswissenschaft. In den Dreißigerjahren kreuzten sich die Wege der beiden Ausnahmetalente an der Prager Universität, wo Hans Kelsen Öffentliches Recht lehrte und Sibylle Bolla bei Egon Weiss die Antike Rechtsgeschichte wissenschaftlich zum Leben erweckte.

Literatur:

Angelika Frühwirth: Sibylle Bolla-Kotek (1913-1969): Papyrusforschung und Pferdepassion; in: Gerhard Strejcek (Hrsg): Gelebtes Recht. Wien/Bern 2012.

Keintzel/Korotin (Hrsg): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben - Werk -- Wirken, Wien 2002.


Gerhard Strejcek, geb. 1963 in Wien, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.


Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 8./9. Juni 2013