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Lobreden und Schmähschriften#

Die Wiener Germanistik ist ein Massenfach an der Universität - und seit eh und je ein produktiver Forschungszweig. Ein Blick auf vier neuere Veröffentlichungen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Hermann Schlösser


Wendelin Schmidt-Dengler
Wendelin Schmidt-Dengler (1942-2008) war jahrelang der bekannteste Literaturwissenschafter Österreichs.
© apa/Georg Hochmuth

Wäre man vor zehn Jahren nach dem bekanntesten Wiener Germanisten gefragt worden, hätte man wohl geantwortet: Wendelin Schmidt-Dengler - wer sonst? Dieser wortmächtige Professor wurde nicht nur in Fachkreisen geschätzt, sondern auch in der Öffentlichkeit. Als brillanter und amüsanter Redner kommentierte er literarische Entwicklungen und politische Zustände, und als intellektueller Fußballkommentator hat er sich ebenfalls einen Namen gemacht. In dieser Vielseitigkeit hat er bis heute keinen germanistischen Nachfolger gefunden.

Schmidt-Dengler ist 2008 gestorben, doch erscheinen erfreulicherweise noch immer Texte aus seinem Nachlass. Helmut Neundlinger hat unlängst 21 Lobreden herausgegeben, die Schmidt-Dengler bei Preisverleihungen und anderen Ehrungen gehalten hat: Friedrich Achleitner, Marianne Fritz, Gert Jonke, Herta Müller, Dubravka Ugrešić - das sind nur einige der Geehrten.

Wie Daniela Strigl im Vorwort darlegt, war Schmidt-Dengler ein Laudator, der wusste, dass nette Komplimente alleine nicht genügen, um eine literarische Leistung zu würdigen. Umsichtig stellte er deshalb Beziehungen zwischen dem Geehrten und dem Namensparton des Preises her - warum hat Karl Markus Gauß gerade den Manès Sperber-Preis verdient? -, aber vor allem war der belesene Professor imstande, das Gesamtwerk eines jeden Preisträgers umfassend zu würdigen.

Als Umberto Eco 2002 den "Österreichischen Staatspreis für Literatur" bekam, rühmte ihn Schmidt-Dengler mit Worten, in denen er wohl auch sich selbst charakterisiert hat: "Hier riskiert jemand von vielem zu sprechen, aber gewiss nicht von vielerlei, und jede seiner theoretischen Schriften verrät, dass sie von jemandem verfasst wurde, dem sein Fach ernst ist . . ." Dass dieser fachliche Ernst gut mit allgemeinverständlichem Witz zusammengeht, beweisen die Schriften Umberto Ecos, aber auf bescheidenere Weise auch die Lobreden Schmidt-Denglers.

In seinem Nachwort berichtet der Herausgeber Neundlinger, dass sich die Anthologie einer Anregung Johann Sonnleitners verdanke. Der habe als Erster wahrgenommen, dass die Laudatio in Schmidt-Denglers Werk ein eigenes Genre darstelle.

Sonnleitner, außerordentlicher Professor am germanistischen Institut der Universität Wien, hat selbst auch eine Lobrede verdient. Er ist ein genauer Kenner der Wiener Komödientradition und hat spaßige dramatische Texte wieder zugänglich gemacht, die bis dato nur den Spezialisten bekannt waren: Wiener Lustspiele von Franz von Heufeld.

Heufeld lebte von 1731 bis 1795 und war ein seriöser österreichischer Beamter und Autor. Er schrieb empfindsame Briefe, setzte sich für den damals noch nicht restlos anerkannten William Shakespeare ein und schrieb zum Beispiel "Julie, oder Wettstreit zwischen Pflicht und Liebe".

Lustig und rührend#

Mit diesem Lustspiel nach Motiven von Rousseau entspricht Heufeld dem Zeitideal der "rührenden Komödie": Einerseits betont er die heiteren Seiten des Lebens, andererseits aber möchte er - im Sinn der Aufklärung - nachdenklich machen und belehren. Im sogenannten "Hanswurststreit", der die Wiener Theaterwelt im 18. Jahrhundert in Atem hielt, wurde dieser veredelte Komödientypus gegen jenes derbe, volkstümliche Lachtheater ausgespielt, wie es etwa Philipp Hafner betrieben hat. (Sonnleitner hat 2001 Texte dieses genialischen, früh verstorbenen Possenreißers im selben Verlag und in gleich verlässlicher Edition herausgegeben wie jetzt die Werke Heufelds.)

In einem sachkundigen Nachwort und in vielen informativen Anmerkungen zeigt der Herausgeber, dass Heufeld im besagten Hanswurststreit eine vermittelnde Position einnahm: Gewiss war er bei weitem nicht so grell lustig wie Hafner, aber doch eher zu Späßen aufgelegt als Joseph von Sonnenfels, der würdige Theaterreformer, dem alle Kasperliaden zuwider waren.

Heufeld war mit Sonnenfels befreundet, doch es kam zum Streit, weil Sonnenfels das Heufeldsche Lustspiel "Der Geburtstag" nicht gelten ließ. In der neuen Ausgabe ist dieses Stück ebenso nachzulesen wie sechs andere.

Vielleicht wäre es vergnüglich, wenn sich eine Bühne dem Parlando dieses frühen Boulevardstückes annähme, und eine exaltierte Actrice zum Beispiel deklamieren würde: "Die Niederburg! die bildet sich recht viel ein! Das Weib hat eine Hoffart! Denk nur! vier Wochen ist sie mir schon eine Visite schuldig, und vor drey Tagen giebt sie eine Gesellschaft, und ladet mich nicht ein. Aber ich werde sie schon kriegen. Ich will expresse, ihr zum Trotz eine Gesellschaft geben; sie soll mir gewiß nicht dazu kommen; das wird sie recht verdrießen und das will ich just haben."

Heufeld lebte in Wien, stammte aber aus Mainau am Bodensee. Käme er heute dort zur Welt, wäre er ein Deutscher. Zu seiner Zeit gehörte Mainau jedoch zu "Vorderösterreich", womit die Zugehörigkeit Heufelds zur österreichischen Literatur nicht nur mit seinem Wohnort Wien, sondern auch mit dem Hinweis auf seinen Geburtstort begründet werden kann.

Österreichs Dichtung#

Damit ist eine Frage gestellt, die in der germanistischen Forschung kontroverse Antworten hervorgerufen hat: Gibt es eine genuin österreichische Literatur? Man muss diese Frage nicht zwangsläufig mit "Ja" beantworten (es kommt auf die Kriterien an) - aber man kann es. Das beweist die umfangreiche "Literaturgeschichte Österreichs", die der Wiener Ordinarius Herbert Zeman 1996 erstmals herausgegeben hat. Mehrere Fachleute sind hier der österreichischen Literatur auf der Spur, und zwar in einer denkbar weiten historischen Perspektive: "von den Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart".

Nun hat sich Österreich in dieser langen Zeit mehrmals grundlegend verändert. Dennoch erklärt der Herausgeber Zeman in seinem Vorwort, dass es über alle politischen Umbrüche und territorialen Verschiebungen hinaus eine österreichische Kontinuität gegeben habe: "Das stets erneuerte, uralte Bewusstsein des eigenen Traditionszusammenhangs und der Koexistenz mit dem gesamten deutschsprachigen Kulturraum begleitet alle staatlichen Gestaltungen der babenbergischen, habsburgischen oder republikanischen Territorien."

Die von Zeman herausgegebene Literaturgeschichte untersucht die literarischen Ausdrucksformen dieses Bewusstseins. Dabei rückt vor allem jene Dichtung ins Blickfeld, die sich des eigenen "Traditionszusammenhangs" versichert, mithin als besonders österreichisch angesehen wird. Nun ist diese Gesamtschau neu aufgelegt worden. Sie wurde überarbeitet, erweitert und weitergeschrieben bis ins 21. Jahrhundert. Werner M. Bauer stellt in seinem Kapitel über die Gegenwartsliteratur Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz ebenso vor wie Norbert Gstrein, Thomas Glavinic und Daniel Glattauer, während der andere international prominente Daniel, also Kehlmann, auffallenderweise fehlt.

Die Frage der Auswahl stellt sich bei jedem literaturgeschichtlichen Werk. Fachleute und Laien können wunderbar darüber streiten, ob - nur zum Beispiel - Heinrich von dem Türlin oder Jacob Nikolaus Craigher de Jachelutta in eine Literaturgeschichte gehören oder nicht (bei Zeman werden beide beachtet). Und die Gegenfrage "wer fehlt?" erhitzt die Gemüter fast noch mehr.

Ohne diesen Streit weiterführen zu wollen, sei gesagt, dass der umfangreiche Band - von der Logik seines Ansatzes her - die konservativen Dichter und Dichterinnen prinzipiell bevorzugen muss, da sie eben Bedacht auf den erwähnten "Traditionszusammenhang" nehmen. All jene, denen daran lag und liegt, Traditionen zu zerstören oder in Frage zu stellen, haben einen weniger guten Platz (was nicht heißt, dass sie in dem Band völlig fehlen). Aber jede Überblicksgeschichte hat ihre Grenzen. Das muss einen jedoch nicht daran hindern, vom Kenntnisreichtum und der Gelehrsamkeit der Beiträge zu lernen. Und wer weiß: womöglich ist Craigher de Jachelutta ja interessant. Immerhin hat Franz Schubert einige Gedichte von ihm vertont.

Ein paar Pamphlete#

Zum Schluss sei noch ein Band der "Sichtungen" empfohlen. In dieser Schriftenreihe werden vom Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und der Wienbibliothek im Rathaus in zwangloser Folge Archivbestände vorgestellt und kommentiert.

In der vorliegenden Ausgabe geht es um "Pamphlete, Polemiken und Proteste". Neben grundsätzlichen Untersuchungen zum Thema und mehreren Schilderungen markanter Einzelfälle enthält der Band einige Beleidigungen im Faksimile. So sieht man ein anonymes Handschreiben an Karl Kraus, in dem es in anfechtbarer Orthographie heißt: "du wandelndes Klosett wie kannst du es wagen, schonwieder den vereerten Polizeipresident anzustinken. . .".

Aber es finden sich auch zwei Seiten aus einem Exemplar der Dichtungen Georg Trakls. Das Buch stammt aus dem Besitz Thomas Bernhards, der es mit den handschriftlichen Zusätzen "sehr schlecht!" "noch schlechter! "unerträglich" versehen hat, und außerdem anmerkte: "Jedes Gedicht trieft vor Kitsch!!! leider!"

Dass der aufschlussreiche Band "Erledigungen" sich mit solchen Schimpfereien befasst, hat einen guten Grund: Sie tauchen in der Weltliteratur mindestens so häufig auf wie die Lobreden.

Hermann Schlösser, geboren 1953, ist Germanist und Redakteur des "extra" der "Wiener Zeitung".

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. Februar 2015


Am Beginn der österreichischen Lieteratur steht das Niblungenlied, das einduetig im Raum Traismauer entstanden ist. Da es sich um eine blurünstige Kriminalgeschichte zur Unterhaltung des Adels handelt, ist der Autor unbekannt. Es handelt sich aber eindeutig um einen Geistlichen, da sonst niemand schreiben konnte.

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 18. Februar 2015, 17:31